Freitag, 30. Oktober 2009

Manrov auf Taxi


Ich komme an den Bahnhof Nord. Um das Heck des Taxis des Kollegen Andreas stehen weitere Taxifahrer und betrachten die hintere Stoßstange. Andreas zeichnet mit dem Fuß eine Fußballszene in den Staub. Wir finden alle dass ihm die Darstellung gelungen ist. Ein Taxifahrer aus Äthiopien stellt fest; Andreas kann mit dem Fuß besser zeichnen als er mit der Hand. Andreas nahm auch letzte Woche an der Open Art Neuhausen teil. Während der zwei Tage, die die Aktion lief, waren 600 Gäste in seiner Wohnung. Bekannt ist Andreas unter dem Pseudonym MANROV. Andreas´ Nachname ist Vornam, wenn man diesen umdreht, entsteht MANROV. Im Internet zu finden unter -> manrov.de.


Im Detail sind schön die Proportionen zu erkennen


Der Künstler beim Schaffen des Werkes

Dienstag, 27. Oktober 2009

Besser ruhig

Ich stehe wieder vor dem Holiday Inn in der Hochstrasse. Als Erster bekomme ich einen Funkauftrag zum Novotel. Das Novotel liegt 200 Meter hinter mir. Ich bin in einer Minute da. Drehe im Hinterhof um und stehe in Abfahrtrichtung vor dem Hotelportal. Der Fahrgast im Anzug kommt heraus. Amerikaner. Er zeigt mir die Adresse auf seinem Blackberry.
Nektar, Stubenvollstrasse 1
Die Stubenvollstrasse ist ca. 500 Meter entfernt. Die Fahrt dahin wäre mit Bestellgebühr auf ca. 5,10 € gekommen. Ich sage:
"Nektar, das ist eine gute Wahl. Dort liegt man auf weißen Lederliegen und nimmt seinen Drink im Liegen."
(Was tatsächlich wahr ist)
"Oh, wirklich" antwortet der Fahrgast „Wieviel muß ich Stornogebühr bezahlen?“
"3,- €"
„OK, hier sind 5,- gib mir bitte eine Quittung“
Zurück am Taxistand packe ich den Laptop aus und fange an den Post zu schreiben. Ich frage mich mit was ich den Amerikaner erschreckt haben konnte. Inzwischen bin ich wieder Erster. Ich bekomme einen Funkauftrag. Wieder zum Novotel. Fahre den Laptop herunter und packe ihn ein. Fahre zum Novotel. Wieder steht ein Fahrgast vor der Tür. Er zeigt mir einen Zettel:
Nektar, Stubenvollstrasse 1
Diesmal bin ich ruhig und fahre. Tatsächlich 5,- € auf der Uhr. Er gibt mir 6,- €. Quittung. Bitte. Danke. Auf Wiedersehen.

Montag, 26. Oktober 2009

Zweimal als Zweiter

Sonst passiert es den Taxibusfahrern oft andersherum. Bei den Einsteigerstandplätzen steht der Bus endlich als Erster in der Reihe und der Fahrgast, der kommt will nicht in den Bus einsteigen. Oft hilft es nicht mal, wenn man die Seitentüre öffnet, einladend lächelt und informiert: „Kostet das Gleiche, Kostet das Gleiche, erst ab sechs Personen wird es teuerer … „. Manche Gäste lassen sich nicht beirren und steigen in den zweiten PKW. Ich bin darüber aber nicht sonderlich traurig, weil es kommt auch vor, dass man als Taxibus bei kleinen Gruppen aus der Reihe geholt wird.



Taxibus vor dem Holiday Inn City Center Munich



Gestern Abend aber hatte ich gleich zweimal das Glück, dass ich als Zweiter vom Standplatz besetzt mit nur vier Fahrgästen abfuhr. Das erste Mal vom Holiday Inn City Center in der Hochstrasse mit einem US-Amerikaner und drei Japanern zum Marienplatz. Dort stelle ich mich gleich am Taxistand Tal an. Hier passiert das Gleiche wieder. Diesmal mit vier Russen zum Park Hilton. Das waren jetzt zwar nicht die Hammer-Strecken 5,90 € und 9,90 €, aber irgendwie macht mich das zufrieden.

Samstag, 24. Oktober 2009

Zahnarzt: Vier von Sechs

Seit 14 Tagen beschäftige ich mich mit meinen Zähnen. Ich Feigling gehe erst zum Zahnarzt, wenn der Schmerz die Angst besiegt, und in der Beziehung bin ich unheimlich leidensfähig. Gut ich hab es mit einem kleinen zusätzlichen Psycho-Trick doch geschafft. Als meine Haare immer länger wurden, habe ich mir geschworen, erst zum Frisör zu gehen, wenn ich beim Zahnarzt war. Ab jetzt wurde ich bei jedem Blick in den Spiegel an mein Vorhaben erinnert und es gab neben den Zähnen einen weiteren Grund zum Zahnarzt zu gehen. Wenn ich mich dann endlich dem Zahnarzt hingebe ist es natürlich nicht mit einer Sitzung abgetan. Beim ersten Termin bekomme ich gesagt noch zweimal, dann ist es vorbei. Wenn ich dann hilflos im Licht der grellen Lampe mit sperrangelweit offenem Mund auf dem Behandlungsstuhl sitze, oder besser ausgeliefert liege, verrät man mir den wahren Umfang der nächsten Maßnahmen. Ich bin jetzt bei sechs Terminen. Der vierte und schlimmste war heute. Ich war selbst von meiner leidenden Miene auf dem Videoclip überrascht. Nach der Behandlung war ich erleichtert. Ich könnte jeden in der Praxis umarmen. Ab jetzt ist es wirklich nur noch zweimal. Am nächsten Montag geht’s weiter.

Eine Taxifahrt brachte mich dann noch zu den Optimolwerken ein ehemaliges Industrieobjekt. Die Optimolwerke sind die Nachfolger des ehemaligen Kunstpark Ost. Der Kunstpark war auf dem ehemaligen Gelände der Firma Funny. Vielleicht könnt ihr euch noch an die Funny – Kartoffelchips erinnern. Leider hört jetzt nach vier Jahren der Club „Drei Türme“ auf. Auf dem Clip ist es der Club der wie eine alte Ritterburg aussieht. Die Drei-Türme-Crew macht aber weiter. Sie werden in der Stadtmitte einen Club mit dem Namen Lola und Ludwig eröffnen. Lola, wegen Lola Montez, und Ludwig wegen unserem Märchenkini Ludwig II. Da bin ich mal gespannt. Der weit über München hinaus bekannte Club HarryKlein ist auch noch auf dem Optimolgelände. Bei der ersten Einstellung ist unter dem roten Transparent „Optimolwerke“ noch die Tafel vom Club „Grinsekatze“. Die Grinsekatze gibt es dort als Club. Das Restaurant Grinsekatze ist in der Ismaninger Strasse. Ein Nachtfahrer kannte den Grinsekatze – Club noch nicht und die Fahrgäste landeten vor den verschlossenen Türen des Restaurants. Jetzt kann ich auch als Tagfahrer mit meinem Clubwissen punkten. Sonst ist es ja eher andersherum. Wenn ich mal bis spät in die Nacht fahre, ist es mir peinlich, wenn ich nach 19 Jahren Taxi, die angesagtesten Nacht – Adressen nicht kenne.


Renate, eine Taxi Kollegin aus Garmisch, hat mich am Flughafen beim Blogschreiben erwischt. Sie hat bei einer Tombola einen 1000,-€ Gutschein der Firma Taris - Abrechnungssysteme gewonnen. Sie will den Gutschein verkaufen und hat mich gebeten ihre Nummer im Blog zu veröffentlichen. Wenn ein Taxiunternehmer/in Interesse an dem System hat, kann man zwei Taxler glücklich machen. Renates Telefonnummer ist 0170 / 2944686.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Ismaning Express

Das fing ja in der früh schon ganz gut an. 18 Fahrgäste bestellen bei einem Taxiunternehmen
Drei Taxibusse. Ich beeile mich. Komme gerade noch rechtzeitig. Wieviel Fahrgäste kommen aus dem Hotel? Neun!
Obwohl wir trotzdem alle drei Fahrten in Rechnung stellen könnten war ich etwas enttäuscht. Gerade als wir losfahren, bekommt der besetzte Kolleg vor mir einen Anruf von seiner Zentrale. Eine Dame hat verschlafen. So bekomme ich doch noch eine Fahrt.

Auf dem Rückweg dann, beginne ich meinen Plan in die Tat umzusetzen. Ich will einen Videoclip machen. Ich wollte im Taxi sitzen, mich vom Camcorder aufnehmen lassen, den Tag erzählen. Dabei sollte immer wenn ich von einem Vorfall erzähle der passende Clip angezeigt werden. Der Clip ist vorbei und man sieht mich wieder im Taxi sitzen. Ich war während des Tages bis abends 20:00 Uhr unterwegs und habe nebenbei, teilweise aus dem fahrenden Taxi heraus, kleine Clips aufgenommen. Am Abend zuhause will ich mit Windows Movie Maker mein Kunstwerk vollenden. Ich probiere, versuche, irre mich und verzweifele. Was ich vorhabe geht nicht mit diesem Programm. Man bräuchte mindestens zwei Video- und zwei Tonspuren. Ich habe einfach den Clip auf den ich den Text spreche geteilt, und dann die kleinen Clips dazwischen geschoben.






Die Gäste haben wir ins Hotel gebracht, in einer Stunde holen wir sie wieder ab und bringen sie in ein Lokal in der Innenstadt. Mein Kollege nutzt die Stunde um die Karte seines Handys aufzuladen. Ich verziehe mich in eine ruhige Seitenstrasse und spreche den Text auf den Camcorder. Ich erwische gerade noch die letzten schwachen Sonnenstrahlen für das Licht. Als ich meinen Laptop starten will, fährt nicht mal mehr das Betriebssystem hoch. Es kommt immer wieder der Bluescreen. Ich denke das muss am Akku liegen. Der ist jetzt schon 5 Jahre alt und speichert kaum noch Energie.

Ein Schritt weiter

In zwei meiner früheren Posts habe ich erwähnt, wie ich mich freuen würde, wenn ich das Problem mit den Pillarboxen bei meinen Filmchen in den Griff bekommen würde. Es íst soweit. Jetzt weiß ich es. Die Clips müssen in das richtige Format konvertiert werden. Woher soll den das ein taxifahrender Gärtner wissen?
Vielen Dank an D. für den Tipp mit dem SUPER – Converter. Das ist keine Werbung diese Software gibt es frei downzuladen.

Ich muss D. noch fragen ob ihn überhaupt im Blog erwähnen soll und ob ich seinen Spitz-, Deck-, Tarn- oder Klarnamen verwenden soll. In jedem Fall sitzt D. jetzt dort wo er hingehört.

Ich habe gleich mal ein Beispiel-Filmchen mit dem richtigen Format von Youtube eingebunden. Ich nutzte eine Ausflugsfahrt mit Chinesen in den Garten von Schloss Nymphenburg. An einer Stelle kann man die Chinesen sogar hören.


Dienstag, 20. Oktober 2009

Datenfunkgerrrrrrät

Heute bringt mich das Digitale Zeitalter zum Verzweifeln. Es fing in der früh schon gut an. Datenfunkgerät in den Halter mit Verbindung zur Combox gesteckt. Die Anmeldung klappte noch ganz gut, bis ich meinen Fahrer-Code eingeben sollte. Ich drücke auf die Zahlen im Touchscreen, im Anzeigenfenster erscheinen nicht diese Kreuze die sonst immer kommen. Nach dem tausendsten Reset funktioniert der Reset – Knopf nicht mehr. Also die Batterie für zwei Sekunden aus dem Gerät nehmen. Warten bis sich der Bildschirm wieder aufgebaut hat, endlich fertig … - wieder das gleiche. Diesmal nimmt das Gerät nicht mal meine Fahrernummer an. Also wieder die umständliche Nummer mit der Batterie. Am Flughafen das dritte Mal an der Tankstelle. Soweit funktioniert es. Bis ich oben am Modul bin! Jetzt nimmt mir das Gerät die Strasse im TOMTOM Modus nicht an. Bis um 9:30 Uhr hab ich die Batterie-Nummer mit dem Datenfunkgerät sechsmal zelebriert. Ich muss das Gerät zum Laufen bringen, weil die Fahrgäste mit Kreditkarte zahlen. In München angekommen, klappt das dann auch noch. Ich bin richtig froh darüber.

Ich stelle mich vor das Hotel Renaissance, anmelden klappt noch. Plötzlich Bing Bing – ein Auftrag. Ich sehe gerade noch die Schrift RENAISSANCE und dann mit einem leisen Plopp verabschiedet sich der Bildschirm. Hab ich jetzt den Auftrag oder nicht? Nach weiteren zwei Sekunden baut sich wieder der blaue Balken auf und die HP Software wird neu geladen. Das Spiel ging dann noch den ganzen Tag heute. Vierzehn mal die Batterie wieder raus und rein. Ein Kollege der mich beobachtet, sagt mir es wären schon mehrere Datenfunker wieder abgesprungen. Im Sommer haben wir alle das Problem, weil die Batterie zu heiß wird. Aber heute sind bei uns höchstens 10 Grad Celcius plus.
Bei dem Hitzeproblem hat mir ein Datenfunkzuständiger in der Genossenschaft eine tolle Empfehlung gegeben. Ich solle es so machen wie ein Unternehmer. Der hat sich im Computerzubehörhandel kleine Lüfter gekauft und hinter das Gerät eingebaut. Das kann doch nicht sein Ernst sein. In einem Bürogebäude neben dem Taxistandplatz sehen wir einen großen weißen Ventilator. Wir Taxifahrer haben unseren Spaß als wir uns vorstellen wie wir den Lüfter in unsere Taxis einbauen um das Datenfunkgerät zu kühlen. Ich male mir schon ein Foto für das Internet aus. Der hässliche Ventilator mit dem überdimensionalen weißen Käfig zwischen Windschutzscheibe und Datenfunkgerät. Wenn ich nett gefragt hätte, hätte ich mir den Lüfter bestimmt für zwei Minuten ausleihen können. Darunter dann der Text. „Ein wertvoller Hinweis…“ Ich kann es mir gerade noch verkneifen. Anzumerken ist aber folgendes. Ich hatte in einen meiner Wägen ein Gerät zur Ortung eingebaut. Das Gerät war weit weniger störanfällig wie das Datenfunkgerät. Ich schickte das Gerät zurück und forderte wütend meinen Aufwand in Euro und Cent. Was ich dann auch bekam.

Das das Gleiche nicht mit dem HP – Gerät passiert, ist nur einem Umstand zu verdanken. Es ist das System unserer Genossenschaft.

Freitag, 16. Oktober 2009

Winterfreude

Der erste Schnee, und gleich eine Fahrt nach Rottach am Tegernsee. Die Strecke über Gmund ist gesperrt, ich muss die Umleitung über den Feichtnerhof nehmen. Nur gut, dass die Streckenkontrolle vorausfährt. Ich habe im Stau bei meiner kleinen Canon A 530 einen neuen Menüpunkt –Serienaufnahme- gefunden, einfach auf den Auslöser drücken und die Kamera macht zwei Aufnahmen in der Sekunde. Tolles Spielzeug! Jetzt habe ich gleich das erste bewegte Motiv. Schön dass das auch funktioniert.



Jetzt brauche ich nur noch die Skifahrer aus Russland und wir kommen dank Winterreifen und Schneeketten gut über den Winter.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Alle reden vom Wetter ...

…ich jetzt auch. Sonst stört mich ja immer die Frage der Fahrgäste. Da waren sie weiß Gott wo, kommen am Hauptbahnhof an, steigen in das Taxi und fragen den Taxifahrer wie das Wetter war. Ich kann das nach der 1000 Frage immer noch nicht kapieren wieso Jemanden das Wetter

1. in der Vergangenheit

2. an einer Stelle an der er gar nicht war, interessiert.

Ich hab mir schon eine Standardantwort zurechtgelegt und sage immer nur:“Schön, Schön …“ Dann kommt dann noch zur Antwort. „Es soll aber am Mittwoch, bla bla bla …“ . Das kann ich nicht fassen. Wie war das Wetter in der Vergangenheit an einem Ort an dem ich nicht war.

Ist es vielleicht Schadenfreude? Da wo ich jetzt herkomme war schöneres Wetter. Ich hatte Glück, und ihr Dagebliebenen Pech. Oder Andersherum. Vielleicht Neid? Da wo ich jetzt herkomme war es schlecht und bei euch schön. Schade!
Liebe Fahrgäste, es freut mich wenn wir uns in ein Gespräch verwickeln, aber uns wird schon ein gelungenerer Einstieg einfallen. So wie meiner etwa: Letzte Woche waren noch 27 Grad C. plus, und heute kann ich mir schon die Winterreifen montieren lassen! Das haut doch mal rein

Sonntag, 11. Oktober 2009

Wickie - zweimal in einer Woche


Heute am Flughafen bekam ich eine Fahrt zum Hotel Schloss Elmau. Das Hotel liegt mitten im Wetterstein (dank Leo steht hier nicht mehr Karwendel) zwischen Garmisch und Mittenwald. Eine tolle Fahrt. Während der Fahrt stellt sich heraus, dass die Familie aus Bremen kommt. Dort war ich auch ein Jahr. Er lässt es sich nicht nehmen die Maut für die Zufahrtsstrasse zum Hotel zu übernehmen. Ich soll sie auch noch abholen.

Auf dem Rückweg mache ich Rast in Warngau. Am Walchensee schaue ich noch kurz beim Wickie – Dorf vorbei. Hier wurde der größte Teil des neuen Films von Bully gedreht. Ein paar Häuser, die als Kulisse gebaut wurden, stehen da noch. Das Wikingerschiff, das für die Dreharbeiten auf dem Walchensee verwendet wurde, steht in Grünwald auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios. Das habe ich erst letzte Woche gesehen.
Bei der Gelegenheit war ich noch im Walchenseekraftwerk. Ein Wasserkraftwerk 1918 – 24 erbaut. Damals war es das leistungsstärkste Wasserkraftwerk in Europa. Sehr beeindruckend.

Solche Taxifahrten machen mir richtig Spaß. Für mich war das ein bezahlter Sonntagsausflug.

So gefällt mir das Taxifahren! Hoffentlich rufen mich die Gäste wieder an – am Freitag müssen sie zurück zum Flughafen.

Samstag, 10. Oktober 2009

20 Jahre (wieder) vereint

Wann wen nicht jetzt kann ich über meine persönlichen Erlebnisse mit dem Mauerfall berichten? Der zehnte Jahrestag ist vorbei und bis zum dreißigsten kann ich mich nicht mehr zurückhalten.

Nach einigem hin und her und rüber und nüber kam es, dass ich während der Grenzöffnung vor 20 Jahren als Soldat der B.R.D. – Armee meine Wehrpflicht erfüllte. Ich war zu der Zeit gerade in der Grundausbildung im Luftwaffenausbildungsregiment III in Roth bei Nürnberg. Am Beginn unserer Dienstzeit war ja alles noch klar. Aufgeklärt wurden wir im politischen Unterricht. Grosse Weltkarten wurden an die Wand projiziert. Es gab die dunkelblau markierten Länder und die rot markierten Länder. Die Dunkelblauen waren wir, die NATO, die Frieden, Freiheit und Demokratie verteidigt. Die Roten waren die anderen, der WP (Warschauer Pakt), im weiteren Verlauf auch mit „da Russ“ oder „der Iwan“ bezeichnet. Seine Aufgabe ist die Menschheit zu knechten und auszubeuten. Die gehen sogar soweit, dass sie unsere „Brüder und Schwestern“ die zwar auch deutscher Nation, aber anderer Staatsangehörigkeit, waren, auf uns zu hetzen. An der Karte könne man ja ganz klar den strategischen Vorteil des WP erkennen. Alles war ganz einfach, Die und Wir! Wir bekommen Dutzende von Fotos von feindlichen Uniformen, Fahrzeugen und Waffen gezeigt. Der Dia-Projektor strahlt die Silhouetten der MIGs und Panzer aus allen denkbaren Perspektiven an die Wand des Ausbildungsraumes.

Bis zum Oktober 1989! DDR – Bürger sammeln sich in deutschen Botschaften in den Ostblockstaaten. In Leipzig nehmen die Montagsdemonstrationen zu. Die Lage in der Bundeswehr war angespannt. Ich kann mir vorstellen, dass es in der Volksarmee nicht anders war. NATO Alarm wurde ausgerufen. Auch unsere Kompanie wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Der Alarmstuhl wurde vorbereitet. D.h. wenn wir unseren Kampfanzug (so hieß unsere Uniform tatsächlich) nicht trugen, wurde alles nach Plan auf einen Stuhl gerichtet, der neben dem Bett stand. Zuoberst war die Unterwäsche, darunter das Hemd, dann die Socken, dann die Hose, … das Koppel hing zuletzt über der Lehne. Die Stiefel, fertig zum reinschlüpfen, neben dem Stuhl. Der Rucksack vorschriftsmäßig gepackt auf dem Spind verstaut. Die Rückseite des Helms musste 5 cm vor der Oberkante des Spinds hervorschauen. So konnte man sich mit der Nase vor die Spindtüre stellen, den Helm einfach herunterziehen, der plumpst dann auf den Kopf.
Es wurden dann auch häufiger Alarmübungen abgehalten. Wenn der Alarmton aus dem Lautsprechern ertönt, sprangen wir aus den Betten, zogen uns in Windeseile an. Stolperten die Treppen hinunter. Liefen über den Appellplatz in die Waffenkammer. In der Waffenkammer standen schon Soldaten. Wir brüllten nur noch die Waffennummer unseres Gewehrs, Sekunden später hatte jeder sein Gewehr in der Hand. Weiter ging es im Schweinsgalopp über den Appellplatz zu den bereitstehenden Lastwägen. Dort stellten wir uns gruppenweise auf. Beim Befehl „Aufsitzen!“ sprangen wir auf die Ladefläche der Lastwägen. Als die ganze Kompanie vollmotorisiert zur Abfahrt bereit steht kommt die Entwarnung. Übung, Übung Übung. Alles wieder zurück, Gewehre in die Waffenkammer, Alarmstuhl herrichten usw. Das war die Stimmung kurz vor und während des Mauerfalls.

Die Mutter der Kompanie, der Spieß, ein Hauptfeldwebel, informierte uns über den Stand der Dinge. Er saß beim UvD (Unteroffizier vom Dienst) im Büro, dort gab es einen Fernseher. Der Dienstplan war ja sowieso außer Kraft. Immer wenn er zum Rauchen vor die Türe kam, fragten wir was es neues gäbe. Ausnahmslos jeder war heiß auf neueste Meldungen. Ich dachte mir; 40 Jahre DDR und ausgerechnet wenn ich bei der Bundeswehr bin, geht die Schosse los. Die Aufregung wird immer größer. Am Abend geht die Parole durch die Stube wir sollen zum Fernseher zum UvD kommen. Sofort war der Dienstraum voller Soldaten. Im Fernseher sehen wir wie in Berlin die ersten DDR – Bürger über die Grenze kommen. Freudig liegen sich die Menschen in den Armen. Die Telefone und der Fernschreiber (Vorläufer vom Fax) neben uns klingeln und rattern nun pausenlos. Die diensthabenden Kameraden leiten die Meldungen weiter. Ständig Berichte von den Grenzen. Manche Fernschreiben waren codiert und mussten zum Decodieren gebracht werden. Ich kann mich noch nach 20 Jahren an die Stimmung in dem Raum erinnern. Diese Übungen in den vergangenen Tagen, der Alarmzustand, die Unruhe bei den Offizieren haben uns die Ernsthaftigkeit der Lage gezeigt, andererseits gab es viele die bei diesen Bildern den Freudentränen nahe waren. Ausgedrückt hat sich das in den teilnahmslosen Gesichtern und der Totenstille in dem überfüllten Raum.
Früh am nächsten Morgen beim Antreten wird uns eröffnet, dass unsere Kaserne Bürger der DDR aufnimmt. Unfassbar! Niemand wusste etwas damit anzufangen. Ein zusätzlicher Streifendienst wurde installiert. Wir bekamen Munition, Patrone für Patrone abgezählt, und Funkgeräte. Es könnten sich mit den Flüchtlingen Stasi Angehörige einschleusen und bei der Gelegenheit die Grundfesten unserer Republik erschüttern. Der Kontakt zu den DDR – Bürgern soll sich auf das Wesentliche beschränken. Ansonsten keine Gespräche. Unsere Sporthalle wird für die Aufnahme vorbereitet. Es kommen auch Beamte um die Personalien zu erfassen. Nach ca. zwei Stunden knattert tatsächlich hinter einem Streifenwagen eine kleine Reihe von Trabbis durch die Kaserne. Wir halten uns zurück und tun so als ob uns das nichts anginge. Nachts streifen wir in Zweier-, Vierer- und Sechsergruppen durch die Kaserne. Auftrag: In regelmäßigen Abständen jeden Winkel durchsuchen, ob sich nicht ein Spion von der Gruppe absetzt und sich irgendwo verschanzt. Schließlich existiere ja noch die DDR als Mitgliedsstaat des WP. Von dem Gebiet um die Sporthalle, die war am anderen Ende der Kaserne, haben wir uns fernzuhalten. Unaufdringlich zurückhaltend beobachten und des Soldaten erste Pflicht, die Meldung, beherzigen.

In diesen Tagen waren die neuen Gäste natürlich das alles beherrschende Gesprächsthema. Was die wohl da hinten machen den ganzen Tag. Mädchen seien auch dabei. Bestimmt auch Soldaten die in zivil geflüchtet sind. Oder vielleicht sogar Russen. Ob die wieder zurückfahren. Jeder hat etwas Neues gesehen oder gehört.
Dann kommt der Tag der unausweichlichen Begegnung. Wir marschieren im Gleichschritt auf der Strasse durch die Kaserne. Uns kommen so um die 15 DDR Bürger entgegen. Wir sind im Verband und nehmen fast die ganze Breite der Strasse ein. Unsere Gäste bleiben am Straßenrand stehen und lassen uns passieren. Bei dem Vorbeimarsch sind wir ganz nahe. Die schauen uns an. Es waren wohl vier Familien die vom Einkaufen im Ort kamen. Die Plastiktüten hatten sie noch in der Hand. Wir halten die Köpfe gerade, schielen aber neugierig auf die Zivilisten. Ein Kamerad in meiner Reihe behauptet, einer hätte auf den Boden gespuckt als wir vorbeimarschierten.
Noch in der gleichen Woche, die Gäste waren noch da, oder waren es inzwischen wieder Neue, sollten wir der StoV (Standortverwaltung) bei einem großen Umzug helfen. Ein Lager wird leergeräumt. Es stehen LKWs bereit. Wir verladen alte Bettgestelle, Möbel, Kisten und allerlei Plunder auf die Fahrzeuge. Wir sollten das Gerümpel zu der Hubschrauberstaffel der Heeresflieger bringen. Wir sitzen neben oder auf der Ladung auf der Ladefläche. Die Strecke führt an unserer Sporthalle vorbei. Eine Gruppe DDRler steht neben der Strasse und sieht uns kommen. Einzelne winken. Wir winken zurück. Der Fahrer des ersten LKW bremst ab und der ganze Konvoi kommt zum Stehen. Wir fangen an miteinander zu sprechen. Aus der Sporthalle kommen jetzt die ersten Neugierigen. Schließlich stehen zwischen zwei- und dreihundert Leute um uns. Wir machen gegenseitig Witze und allerlei Blödeleien. Es war wie ein Korken, der unter Druck aus einer Flasche platzt. Alle Beteiligten waren froh darüber. Ab jetzt passierte es, dass bei unseren Streifen die neuen Bekannten auf unserem festgelegten Rundweg auf uns warteten und wir uns bei einer Zigarette und einem Gespräch gegenseitig beschnuppern konnten.

Natürlich hat uns jemand verpetzt. Ich war der Vertrauensmann der Mannschaften in unserer Kompanie. Ich konnte mir dann bei einem Rapport anhören, dass wir uns vor der Sporthalle gebärdet hätten wie „Affen“, ein regelrechter „Faschingszug“ wäre das gewesen. Der Offizier war zwar älter als ich, aber durch seine Ausführungen wurde erkenntlich, dass er leider nur sehr wenig Erfahrung und Überblick hatte. Diese 15 Minuten vor der Sporthalle haben wesentlich und nachhaltig zum Ost- Westverständnis beigetragen. Sehr gestört hat ihn, dass einige Kameraden während der Späße ihr Schiffchen (Uniformmütze der Mannschaftsdienstgrade der Luftwaffe) quer aufgesetzt hatten. Ich hoffe er hat inzwischen gelernt, dass man mit einer Kopfbedeckung, die nach ZDV (Zentrale Dienstvorschrift) mittig und beginnend zwei Finger breit über der Nasenwurzel getragen wird, keinen Krieg gewinnt.

Das war mein kleiner Beitrag zu den Fernsehsendungen, Veranstaltungen und Ansprachen die jetzt zahlreich zu 2o Jahren Wiedervereinigung über uns hereinbrechen. Das Internet vergisst nichts, sagt man. Ich hoffe es!

Freitag, 9. Oktober 2009

Cash Transfer

Ich fahre russische Gäste zur EXPO Real, einer großen Immobilienmesse in München. Der Taxameter zeigt 22,60 €. Ich sage:

„22,60 bitte“

Der Russe schaut mich an und fragt:

„Euro?“

Ich antworte ihm:

„Nein, Rubel!“

Er lacht und zieht einen Rubelschein aus der Tasche. Bezahlt hat er dann doch in Euro, den 10 Rubel-Schein durfte ich aber behalten und stecke ihn in den Lüftungsschlitz.

Drei Stunden später bin ich wieder auf dem Weg zur Messe. Diesmal vom Flughafen. Die Fahrgäste sind US-Amerikaner. Die bezahlen mit Kreditkarte blank. Ein Amerikaner gruscht in seiner Hosentasche einen 5 $ Schein hervor und gibt ihn mir als Trinkgeld. Ich stecke den Lincoln zu dem Wasserkraftwerk auf dem Rubel-Schein in den Lüftungsschlitz.

An der Messe stelle ich mich in die Reihe am Taxistand. Eine Hostesse geht die Reihe der Taxis entlang und händigt uns Gutscheine für Brezn aus. Als ich den Breznbon in den Lüftungsschlitz stecke, denke ich mir das ist eine interessante Kombination:

Rubel – Dollar - Brezn

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Kurze Nachlese

Die Wiesn, unser Oktoberfest, ist vorbei. Mit ca. 5,8 Millionen Besuchern war das die schlechteste seit 2001. Wie beim Anstich schon vermutet gab es aber trotzdem neue Rekorde bei den Gewaltverbrechen. Gemessen an den Besucherzahlen, haben die bekannten Vergewaltigungen um 25 % zugenommen. Ein ähnliches Ergebnis bei den Taschendiebstählen.

Die El Kaida hat in einem ihrer Drohvideos ein Foto vom Münchener Oktoberfest eingefügt. Die Wiesn galt als mögliches Anschlagsziel. Ab dem zweiten Montagvormittag war das Fest großräumig von der Polizei abgeriegelt. In den ersten Radiomeldungen hieß es, dass die Taxis auch durch die Absperrungen dürfen. Nach zwei Stunden wurde aber auch das geändert. Es durften nur noch Anlieger, Lieferfahrzeuge und Rikschas die Absperrungen passieren. Es gab natürlich heiße Diskussionen unter uns Taxifahrern, dass die Rikschas durchdürfen und wir nicht. Wenn ich mir das von den Nachtschichtkollegen anhöre, welche Preise die Rikschafahrer für kürzeste Fahrstrecken verlangen, komme ich zu der Überlegung selbst Rikscha zu fahren. Wenn das stimmt, dass die z.B. vom Fest zum Hauptbahnhof, Entfernung zwischen 800 und 900 Meter, 30,- Euro verlangen, könnte das meinem Geldbeutel und Bauch nur gut tun.

Das zweite Thema war die Absperrung selbst. Ich denke nicht, daß sich eine international tätige und durchorganisierte Terrororganisation von den Maßnahmen der Polizei abschrecken lässt. Schließlich sollen sie ja vier Linienflugzeuge entführt und zwei davon in das WTC fliegen lassen haben. Jeder Taxifahrer hatte auch gleich mehrere Einsatzpläne parat, wie man eine Bombe, trotz der Sicherungsmaßnahmen, auf die Wiesn schmuggeln könnte. Ein Kollege war der Meinung; wenn eine Bombe hochginge, wäre das die letzte Wiesn gewesen. Das glaube ich nicht. Es handelt sich ja inzwischen um ein Milliardengeschäft. Da werden wie bei der Olympiade 1972 oder beim Oktoberfestanschlag 1980 die Leichenteile weggeräumt und die Spuren gesichert. Nach dem Tag Pause geht die Gaudi am Landhausfasching weiter. Die Blasmusik spielt auf „Oans, zwoa, gsuffa!“ Der belgische Getränkekonzern, dem die meisten (Münchner)Brauereien angehören, und die Wiesnwirte machen weiter Reibach.

Während einer Mahnwache an dem Denkmal, das nach dem Anschlag errichtet wurde, lernte ich einen Familienvater kennen, der durch die Bombe seine zwei Kinder verloren hatte. Wir wollten verhindern, dass wenigstens an einem Tag das Denkmal geachtet wird. Sonst wird es abends oft zum Urinieren oder als Abfalleimer missbraucht.