Mittwoch, 27. Juli 2011

Nur 15 Minuten

Er geht den Gasteig hinauf. Die Straßenbahn fährt knirschend die Anhöhe herunter zur Ludwigsbrücke. Jetzt um acht Uhr abends ist es während des Novembers schon dunkel in München. Die Laternen des Müller´schen Volksbad hinter ihm erhellen noch die einzelnen Pflastersteine auf der Straße. Schräg geht er über den Rosenheimer Platz, nimmt die drei Stufen am Eingang in einem Sitz. Er öffnet die schwere zweiflügelige Holztüre und steht im Vorraum des Bürgerbräukellers. Er hört schon die Stimmen der Gäste und dass Klirren der Maßkrüge. Er öffnet die zweite Türe, die ist nicht mehr so schwer wie die erste. Zigarrenrauch und Bierdunst schlägt ihm entgegen. Mit festem Tritt geht er an seinem Stammsitzplatz. Die Kellnerinnen begrüßen ihn mit kurzem Kopfnicken. Er hat hier schon nach Arbeit gefragt, der Schorsch aus dem Schwäbischen. Während der letzten Wochen war er auch immer da. Meistens sitzt er allein an einer Ecke seines großen Tisches.


An der freien Fläche zwischen dem Kulturzentrum Gasteig und dem City Hilton Hotel, etwa dort wo heute eine Treppe zum S-Bahnhof führt, war der Eingang zum Bürgerbräukeller.


Georg setzt sich an seinem Platz. Diesen Platz hat er sich schon am ersten Abend ausgesucht. Von hier sieht er den Eingang geradeaus vor sich. Gleich zu seiner Linken ist eine Empore, die den sieben Meter hohen Bierkeller waagerecht teilt. Hinter der Empore ist die Schänke, hier verschwinden die Kellnerinnen mit den leeren Krügen um gleich danach wieder mit schaumgekrönten Maßn aufzutauchen. Zu seiner Rechten, direkt gegenüber der Empore, sind die Toiletten und eine Abstellkammer.
Er nimmt die Zeitung aus seiner braunen ledernen Aktenmappe. Die Mappe stellt er zu seinen Füßen unter den Tisch. Zum hundertsten Mal blickt er auf die Empore. Die Empore geht über die ganze Breite des Bierkellers. Rechts liegt die Empore auf der Wand zu der Schänke. Links ist der Boden der Empore durch die Wand des Bierkellers gestützt. In der Mitte sind zwei mächtige Säulen. Die Säulen tragen die Empore, durchbrechen diese und stützen das Dach des Kellers. Hier etwas vor der Empore, pflegt alljährlich am 8.November der Führer auf einem flachen Podest seine Ansprache vor den alten Kämpfern zu halten. Am 09.November.1923 ging es von hier los. Hier war die letzte Besprechung der Putschisten, bevor sie sich an die Spitze der 2000 Faschisten am Rosenheimer Platz setzten um Richtung Kriegsministerium in der Ludwigstraße zu marschieren.
Bei seiner Ansprache stand Hitler näher an der linken Säule. Georg muss kein Statiker sein um zu wissen, dass eine Säule allein die Empore und das Dach nicht stützen kann. Die linke Säule hat sich Georg seit seinem ersten Besuch in Bürgerbräukeller auserkoren.

Er bestellt sich wie immer Würstl und eine Maß dunkles Bier. Er blickt um sich. Wieviele sind heute da? Drei Kellnerinnen, der Schankkellner vor den zwei großen Holzfässern in der Schänke, in der Küche noch ein Koch, oder waren da nicht zwei? Er blickt in die Zeitung, langsam trinkt er seine Maß aus. Die Gäste werden abkassiert. Jetzt ist seine Zeit gekommen. Er bezahlt und packt seine Zeitung ein. Die drei Kellnerinnen behält er im Blick. Zwei sind jetzt in der Schänke bei der Abrechnung. Die Eine, die noch im Gastraum ist, wendet sich einem Gast zu. Jetzt ist der geeignete Augenblick. Georg öffnet die Tür zur Abstellkammer und verschwindet.
Hier wartet er im Dunkeln. Er lauscht um sich. Die Geräusche aus der Gaststube werden immer leiser. Schließlich knallen die Bänke auf die Tische. Georg weiß; am Abend stellen die Kellnerinnen jeweils zu zweit die Bänke kopfüber auf die Tische. Heute geht es schnell, also müssen jetzt mindestens vier Personen im Gastraum mit Aufräumen beschäftigt sein. Gelächter, Verabschiedung, die große Tür kratzt über den Boden, wird verschlossen. Stille. Georg wartet, er summt leise eine Volksweise auf den Lippen und wippt mit dem Fuß im Takt mit. Noch will er warten. Nachdem er eine halbe Stunde keinen Ton mehr hört. Öffnet er die Tür zur Gaststube. Alles ist finster, seine Augen haben sich in seinem Versteck an die Dunkelheit gewöhnt. Er kennt sich aus, nachts im Bürgerbräu, hier war er schon an die zwanzig Mal. Er geht durch den Gastraum, durch die Schänke, durch die Küche, er kontrolliert die Türen und die Toiletten. Er geht harmlos mimend, heute würde man sagen cool. Er hat sich seine Ausrede schon zurechtgelegt. Würde er ertappt, könnte er sagen er sei versehentlich eingeschlossen worden. Jetzt wolle er wieder heraus, mit dieser Ausrede könnte er sogar das Kontrollieren der Fenster und Türen rechtfertigen. Verschlossene Türen sind wichtig für Georg. Käme jemand auf die Idee nachts den Keller zu kontrollieren, würden ihn die Geräusche beim Aufschließen der Türe verraten. Alles ist sicher, die Türen dicht, niemand ist im Gebäude.

Georg breitet seine Zeitung auf den Boden neben der Säule aus. Aus seiner Aktenmappe holt er eine Kerze und zündet sie an. Geschickt entfernt er das quer oben liegende Brett der Holzverkleidung an der Säule. Er ist Schreiner, das kommt ihm jetzt zugute. Er entfernt noch fünf senkrechte Bretter der Verkleidung und legt sie neben der Säule ab. Zum Vorschein kommt auf ca. 1,20 Meter Höhe ein Hohlraum. Er öffnet seine Zeitung und deckt mit den einzelnen Seiten den Boden um die Säule ab. Den Rest der Zeitung rollt er zusammen um sich darauf zu knien. In dem Hohlraum liegt ein kleiner Spitzmeißel und ein kleiner Hammer. Georg greift noch mal in seine Mappe und bringt einen in einem Tuch eingewickelten Flachmeißel hervor. Behutsam stichelt, kratzt und schabt er an der Lücke. Das Loch wird immer größer. Alleine der Zündmechanismus ist über 20 cm hoch.

Georg Elser wohnt in einem Zimmer als Untermieter bei der Familie Lehmann in der Münchner Türkenstraße. Er hat sich als Konstrukteur und Erfinder ausgegeben. Tagsüber bastelt er an seinem Zündmechanismus. In Konstanz arbeitete Georg unter anderem in einer Uhrenfabrik, dort eignete er sich seine feinmechanischen Fähigkeiten an. Die Sicherheit im und um den Bürgerbräukeller unterlag in den Tagen vor dem 08.November nicht der Polizei, sondern die SS Leibstandarte Adolf Hitler war für die Sicherung des Kellers und der Veranstaltung zuständig. Am Tag vor der Gedenkveranstaltung wäre es unmöglich einen Sprengsatz zu platzieren. Georg suchte eine Lösung. Im Gegensatz zu heute waren die technischen Mittel 1939 sehr begrenzt. Eine Fernzündung schied aus. Es blieb nur die Mechanik. Georg experimentierte mit Uhrwerken aus handelsüblichen Uhren. Ein solches Uhrwerk allein konnte nur 12 Stunden vor der Zündung eingestellt werden. Erst die Kombination zweier Uhrwerke erlaubte es die Zündung Tage vorher einzustellen. Der Mechanismus löst einen kleinen Hacken, eine Feder schnellt vor, ein Schlitten mit drei Nägeln stößt auf drei Zündplättchen. Die Zündplättchen stammten aus Patronen von Gewehrmunition. Gewehrmunition war leicht zu beschaffen. Die Zünd- und Sprengkapseln zu besorgen waren auch für Georg keine leichte Aufgabe. Er heuerte in einem Steinbruch in Königsbronn an. In Königsbronn war er aufgewachsen. Der Steinbruchbesitzer kannte Georg und gab ihm unter anderen die Aufgabe mit dem Sprengmeister einzelne Steinblöcke aus dem Bruch zu sprengen. Bei dieser Gelegenheit kam Georg zu seinen brisanten Zutaten – den Spreng- und Zündkapseln.
Nach vier Stunden Arbeit auf den Knien fügte der Schreiner die Bretter der Holzverkleidung der Säule wieder ineinander. Zum Abschluss befestigte er wieder das wagrechte Brett auf der Vertäfelung. Sein Werkzeug blieb bis zur nächsten Nacht in dem Hohlraum. Er faltete die ausgebreitete Zeitung mit den Ziegel- und Mörtelresten vorsichtig zusammen und packte den Schutt in seine Mappe. Er bläst die Kerze aus und verschwindet durch ein Fenster in der Küche, das er mit einer Drahtschlinge von außen zuzieht.

Auf dem Weg zurück in die Türkenstraße überdachte er noch mal seinen Fluchtplan. Er wollte in die neutrale Schweiz. Seine Flucht soll ihn über die grüne Grenze bei Konstanz in die Freiheit bringen. Er wäre schon seit Stunden im sicheren Ausland wenn seine Bombe in München im Löwenbräukeller explodiert.
Fünf Tage vor der Veranstaltung versteckt Georg seinen Zündmechanismus in dem Hohlraum. Morgen bringt er die Sprengkapseln aus dem Steinbruch. Er stopft die Ladung in den Hohlraum. Immer wieder lässt er sich im Bürgerbräukeller einschließen und arbeitet heimlich an der Säule.

Am 05.November.1939 öffnet Georg zum letzten Mal die Vertäfelung vor dem Hohlraum. Er nimmt seinen Mechanismus aus der Säule, überprüft zum letzten Mal die Funktion des Schlittens. Er zieht die Uhrwerke noch einmal auf, das leise Ticken beginnt.
In der Türkenstraße packt Georg seine wichtigsten Sachen. Den Plan vom Bürgerbräukeller steckt er in Tasche seines Sakkos. An der Innenseite des Revers hat er sich ein Abzeichen gesteckt. Auf dem Abzeichen ist eine rote nach oben gereckte Faust. Es ist das Abzeichen des Rot-Front-Kämpferbundes der damals wie heute verbotenen KPD. Georg und sein Bruder ist seit Ende der 20iger Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. Sein Bruder ist im Konzentrationslager. Georg fährt mit der Bahn nach Konstanz. Irgendwie muss er sich verdächtig verhalten haben. Deutsche Grenzer halten ihn an und durchsuchen ihn. Dabei finden sie die Anstecknadel und den Plan des Bürgerbräukellers. Das reicht um den Schreinergesellen festzusetzen. Obwohl auf dem Plan die präparierte Säule mit einem roten Kreuz markiert ist, schöpft noch Niemand Verdacht und in München geht alles seinen gewohnten Lauf.

Die SS-Leibstandarte Adolf Hitler inspiziert am Nachmittag des 8.November den Bürgerbräukeller. Das leise Ticken hinter der Holzvertäfelung bleibt unbemerkt. Die Posten nehmen Aufstellung. Die ersten alten Kämpfer besetzen die begehrten Plätze gleich bei dem Podest. Bänke und Stühle werden noch in letzter Minute verrückt. Die Veranstaltung läuft. Der letzte Teil ist die Ansprache des Führers. Morgen ist der 9.November, ein wichtiger Tag in der Geschichte der NSDAP. Der Führer muss unbedingt in Berlin anwesend sein. Üblicherweise bleibt Hitler nach seiner Ansprache noch im Bürgerbräukeller im Kreise seiner alten Parteigenossen. In Oberwiesenfeld (heutiger Olympiapark, damals Flughafen Münchens) steht ein Flugzeug bereit, mit dem der Führer noch in der Nacht nach Berlin gebracht werden soll. An diesem Abend, so will es das Schicksal, ist das Wetter schlecht. Es gibt Nebel. Der Flug wird abgesagt.

Die Reichsbahn hält in München und Berlin je einen möblierten Eisenbahnwagon für den Führer und seinen Stab bereit. Der Nachtzug München – Berlin geht planmäßig um 21.31 Uhr vom Münchner Hauptbahnhof ab. Des Führers Salonwagen wird an den Zug angehängt. Um ca. 21.00 Uhr beendet der Führer seine Ansprache. Die Bombe tickt keine drei Meter hinter ihm in ihrem steinernen Versteck.

 Keiner der Polizisten in Konstanz, in dessen Gewahrsam Georg Elser noch ist, ahnt den Grund für Georgs Unruhe. 21.09 Uhr; Hitler verlässt mit einer handvoll seiner Getreuen den Bürgerbräukeller um mit dem Auto zum Hauptbahnhof zu fahren. Seine Parteifreunde bleiben noch im Bierkeller. 21:20; der Riegel gibt die Feder frei. Der Schlitten mit den Nägeln knallt auf die Zündhütchen. Der Höllenapparat explodiert. Bretter und Holzleisten fliegen durch die Luft. Die Druckwelle zerfetzt die Lungen der am nächsten Stehenden. Die Wucht der Explosion zerreißt mit einem lauten Knall die Säule. Es bleibt nur noch ein Stumpf. Die Empore kracht nach unten. Wie Elser vermutete; die übrigen Säulen können die Decke nicht halten. Der größte Teil der Decke liegt als drei Meter hoher Schuttberg dort wo vor 15 Minuten noch der Führer seine Rede hielt. Die Bilanz: 63 Verletzte, acht Tote. Unter den acht Toten sind sieben ranghohe Parteimitglieder.

Der Bürgerbräukeller nach der Explosion. (Bundesarchiv, Bild 183-E12329 / CC-BY-SA)


Niemand glaubt Elsers Beteuerungen, er sei ein Einzeltäter. Die Gestapo will ihm sogar Verbindungen zum englischen Geheimdienst andichten. Zum Beweis seiner Einzeltäterschaft baut muss er in Haft den Zündmechanismus nachbauen.
Hitler ist abergläubisch, er sieht eine Verbindung zwischen sich und seinem Beinahe – Mörder. Nach zahlreichen Verhören wird Elser nicht hingerichtet sondern als „besonderer Häftling des Führers“ in das KL Sachsenhausen überstellt. Auf Befehl des Führers fand nie wieder eine Parteiveranstaltung der NSDAP im Bürgerbräukeller statt. Für die folgenden Bierkellerauftritte des Führers und der NSDAP wurde wieder der Hofbräukeller am Max-Weber-Platz zum Schauplatz. Hier hielt der junge Hitler seine ersten Reden. Viele Deutsche sahen nach dem missglückten Elser-Anschlag in Hitler einen von der Vorsehung beschützten Führer.
Es bleibt die Frage; was wäre wenn? In diesem Fall besonders interessant. Die Liste der Opfer zeigt; wäre die Bombe rechtzeitig explodiert, wäre nicht nur Hitler, sondern auch große Teile des NSDAP – Führungsstabs getötet worden. Ich bin überzeugt; die Geschichte wäre nicht so verlaufen wie sie es ist.
Die Bombe explodiert nicht. Georg Elser hätte den Mund gehalten. Irgendwann wäre das Uhrwerk abgelaufen. Wie lange hätte es gedauert bis jemand Elsers Konstruktion in der Säule entdeckt hätte.


Taxistand „City Hilton“ am Rosenheimer Platz vor dem Hotel.


In einem bestätigte sich die Ahnung des Führers. Schicksalsergeben endete das Leben der Beiden nach sechs Kriegsjahren im gleichen Monat mit einer Kugel im Kopf.
Der größte Feldherr erschoss sich selbst tief unter der Erde im Bunker in Berlin. Der Schreiner wurde durch einen Genickschuss des Lagerkommandanten im KL Dachau hingerichtet.


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Sonntag, 24. Juli 2011

Beherrscher des Chaos

In diesem Monat hat -> Bernd, Taxifahrer- und Bloggerkollege aus Dresden, in einem seiner Posts seinen -> Wehrdienstausweis vorgestellt. In den Kommentaren kamen wir auf unsere „Hundemarken“ zu sprechen. Bernd hat seine Marke der NVA gezeigt. Ich habe versprochen meine damalige Marke der Bundeswehr zu zeigen. Done!
Schon seit Jahren feiern meine kleine Tochter und ich unseren Geburtstag zusammen. Hat sich doch nur fünf Tage nach mir ihren Ehrentag. Das während der Schwangerschaft errechnete Geburtsdatum wäre sogar auf den Tag auf meinen Geburtstag gefallen. Unsere Geburtstage feierten wir ganz zuhause bei Opa und Oma auf dem Land. Ich kann bei der Gelegenheit wie versprochen meine Marke rauskrammen und fotografieren. In meinen alten Kisten und Fächern weiß ich in der Regel wo alles liegt. Aber nur ich! Immer wieder stöbere ich in meinem alten Gerümpel, erinnere und freue mich, packe es wieder weg, und weiß dann beim nächsten mal wo ich hineingreifen muss um das Gesuchte zu finden.
Also, letztes Wochenende öffne ich das Fach mit meinen alten Bundeswehr- und Bremenzeugs. Mich trifft der Schlag, nichts mehr da! Meine Marke lag über 25 Jahre hier, und ist jetzt nicht mehr da. Bei solchen Gelegenheiten pflege ich oft vor dem Umräumverdächtigen vorwurfsvoll den Finger an die Stelle zu legen wo der gesuchte Gegenstand lag. Dazu kommen dann die Worte ( Bitte Betreffendes einfügen) :

“Hier war seit zwei Stunden – einer Woche – vier Monaten – einem Jahr – zwanzig Jahre meine Kopfhörer fürs Handy – Brille – Rechnungsbeleg – Kellerschlüssel – Erkennungsmarke der Bundeswehr Und wo sind die jetzt!?“

Der Betroffene wird dann einwenden, nach so langer Zeit wirst du doch nicht mehr wissen ….
Aber da kennt er uns Chaosbeherrscher nicht. Im Unterschied zum Chaoten kontrollieren wir unser Chaos, vergewissern uns, schauen nach und stellen befriedigt fest, dass alles noch so ist wie in unserem Kopf. Solche Argumente ziehen nicht bei Tagträumern. Die blicken um sich und rekapitulieren wie es in der Vergangenheit gelaufen ist, wie es in der Zukunft laufen wird und auch wo dies und jenes liegt.
Meine Mutter trägt zur Aufklärung bei. Meine kleine Tochter hat hier umgepackt. Das kann heiter werden, ein achtjähriges Mädchen auf der Suche nach Spielzeug in Papas heiligen Erinnerungen stöbernd. Zum Glück bekam ich eine grobe Richtungsangabe:
“Da hat sie alles rübergepackt.“



Ich habe sie dann noch gefunden, meine alte „Hundemarke“. Bei mir ist auch wie bei Bernds Marke, das Geburtsdatum eingestanzt. Dahinter ein S für den ersten Buchstaben des Nachnamens. Im nächsten Feld ist eine fünfstellige Nummer, von der ich nur weiß, dass die erste Ziffer, die 6, Wehrbereich Bayern bedeutet. Meine Blutgruppe, A negativ cde, ist auf der Rückseite eingestanzt. Die lange Kette an dem oberen Teil ist um den Hals zu hängen. An der kurzen Kette unten hängt ein Schlüssel zu einem Vorhängeschloss. Das war das Schloss zu meinem Spind. Die Funktion der Marke ist die Gleiche wie sie Bernd anhand seiner beschrieben hat. Beim Todesfall wäre die Marke an der Perforation zu trennen. Der abgebrochene Teil hätte dann irgendwo abgegeben werden müssen.
Einen Beweis für meine Chaosbeherrschertheorie findet ihr auch auf dem Foto. Damals wurden uns Ersatzkettchen mit der Marke ausgehändigt. Wahrscheinlich haben unsere Vorgänger zu viele von denen zerrissen. Nach 25 Jahren liegt das kleine braune Kuvert mit diesen Ersatzkettchen immer noch neben meiner Marke. Da wo sie hingehört!


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Samstag, 23. Juli 2011

A, B, C oder D

Die Verkehrsführung an unserem Flughafen hat es in sich. Da gibt es zu einem die zwei Terminals. Jedes Terminal ist noch mal in Module unterteilt. Modul A bis E ist im Terminal 1. Jedes Modul hat im Terminal 1 einen eigenen Taxistand und Speicher. Jedes Modul wiederum hat zwei Bereiche. Die Ankunft; davor steht das erste Taxi in der Reihe für die ankommenden Fluggäste bereit. Der Abflug; hier lassen die Taxifahrer ihre Gäste aussteigen die sich auf eine Flugreise begeben.
Modul F ist zwischen dem Terminal 1 und 2. Hier werden die Maschinen der ElAl, der israelischen Fluggesellschaft abgewickelt.
Modul G und H sind im Terminal 2. Die zukünftige dritte Startbahn, so sie denn kommt, wird über das Terminal 2 abgefertigt.
Hilfreiche Fahrgäste nennen mir wenn Sie zum Flughafen wollen gleich das Terminal. Das Terminal 1 ist mit 980 Metern Länge Bayerns längstes Gebäude. Ich frage dann gleich noch mal nach welches Modul. Ich will ja die aufgeregten Urlauber nicht noch vor ihrem Abflug nach der Suche zu ihrem Flug an unzählige Schalter und Anzeigetafeln vorbei hetzen lassen.
Das Abflugmodul steht in der Regel nicht auf dem Ticket oder den Reiseunterlagen. Am sinnvollsten ist die Frage nach der Fluggesellschaft.


Über große Monitore, die wie Autobahnschilderbrücken über die Straße gebaut würden, wurden die Autofahrer informiert welche ->Fluggesellschaft bei dem jeweiligen Modul abgefertigt wird. Vor Monaten wurde die Anzeige in den Displays immer schwächer. Jetzt sind sie seit Wochen ganz ausgefallen. Es bleiben nur noch die kleinen bunten Täfelchen der einzelnen Fluggesellschaft bei den Einfahrten zu de Modulen. Im Vorbeifahren versuchen die Autofahrer die Aufschrift auf den Täfelchen zu entziffern. Natürlich schleichen dann die Fahrzeuge über die Straße oder bremsen unvermittelt ab, wenn sie ihre gesuchte Fluglinie glauben entdeckt zu haben.
Und die Taxifahrer? Die Taxifahrer kennen die Abflugmodule der gebräuchlichsten Fluggesellschaften auswendig. Wenn die wissen, ihr Kunde fliegt mit Iberia, wird das Modul D angesteuert. Jetzt gilt es heil durch die Privaten und Fremden zu kommen, die vor dem Terminal 1 ihre gewagten Fahrmanöver vollziehen. Als ich noch öfter vor dem Terminal 1 stand, ganz einfach, weil es das Terminal 2 noch gar nicht gab, beobachtete alleine ich jede Woche mindestens einen Unfall an der besagten Straße.
Mich findet man schon seit Jahren nicht mehr vor dem Terminal 1, die Unfälle gibt’s aber immer noch.


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Sonntag, 17. Juli 2011

British Garden

Das sind meine Fahrgäste aus einem Wüstenstaat. Nachdem heute am Sonntag alle Geschäfte geschlossen haben, und das Shopping nicht möglich ist, wollten Sie zum British Garden . Ich hab sie zum Englischen Garten gebracht. Bis wir einen Britischen haben, müssen sie mit dem vorlieb nehmen.
Hier sind wir auf dem Parkplatz beim Chinesischen Turm, gleich hinter dem Biergarten. Ich habe ihnen versichert, dass man im Biergarten nicht nur Bier trinken muss. Es gibt auch fish und chicken, das wäre schon mal kein pork. Was ihnen wichtig ist.
Ob aber unsere Händel und Steckerlfisch halal geschlachtet wurden kann ich nicht beantworten.

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Freitag, 15. Juli 2011

BRUTTO minus TAXi ist NETTO

Das Atomic, eigentlich The Atomic Café , in der Neuturmstraße 5, kenne ich aus den letzten Taxinachtfahrerjahren. Indie-Pop wurde da schon immer gespielt. Bei mildem Wetter standen die Gäste vor dem unscheinbaren Eingang.

Irgendwie haben die mich an England in den 60igern erinnert. Nicht so wie die Mods in -> Quadrophenia, irgendwie moderner. Die Haare etwas länger, die Kleidung nicht spektakulär, gepflegt, die Hosen etwas heruntergezogen. Dazu bewusst lässiges Auftreten. Coole, die Hände meist in den Hosentaschen vergraben, fast schon gelangweilt erscheinende, Typen.
Ich war nie ein großer Fan von Indie-Pop. Aber die Gallaghers, von Oasis kannte ich. Ein paar von den jungen Männern vor dem Atomic erinnerten mich an die Gallagher – Brüder (von der Popgruppe Oasis), und so nannte ich die Vertreter dieses Stils einfach Gallaghers.
Oasis wollten vor 10 Jahren in München ein Konzert geben. Es gab eine Riesenschlägerei in der Maximilianstrasse. Die Polizei ging dazwischen und verfrachtete „meine“ Gallaghers und die echten kurzerhand für eine Nacht ins Polizeipräsidium. Das Konzert fiel dann ins Wasser und mein Bild von „meinen“ Gallaghers hat sich etwas geändert. Das hätte ich denen gar nicht zugetraut. Schauen die doch so brav aus.
Das war alles was ich vom Atomic kannte. Als Tagfahrer habe ich vom Nachtleben in München keinen Schimmer. Das Atomic geriet in Vergessenheit bis mir der Google Alert eine für uns Taxifahrer interessante Meldung ausspuckte. BRUTTO minus TAXi ist NETTO ist ein neues Regularium des Clubs. Die Gäste die nach 23.00 Uhr mit dem Taxi vorfahren, bekommen den Fahrpreis, vom Eintrittspreis abgezogen. Auf der der-> Webseite des Atomic ist ein Beispiel erklärt. Kommen drei Personen mit dem Taxi und bringen eine Taxiquittung über 11,-€, werden die ihnen von den 15,- € (3 x 5,-€) abgezogen. Die Drei können so für 4,- € Eintritt den Club besuchen.
Ich habe bei der Gelegenheit im ->Internetauftritt des Atomic Café gestöbert. Die Inneneinrichtung erinnert an die 60iger und frühen 70iger Jahre. Abgerundete Ecken, die Farben braun und orange dominieren, ungefähr so wie die Kulisse eines Austin Powers Films.
Auf der Getränkekarte des Indieclubs stehen vier verschieden Gin. Noch ein Grund für mich den Club einmal zu besuchen. Ich nehme es mir fest vor. Bleibt nur zu klären wie das dann mit dem Eintrittspreis geregelt wird, wenn der Taxifahrer sich selbst bringt.


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Donnerstag, 14. Juli 2011

Gar nicht so leicht

Vielen Dank für Eure Geburtstagsgrüße auf Facebook, in meinem E-Mail Postfach und auf meinem Handy. Heute wollte ich nur ganz wenig fahren. Das Mittagessen in Ismaning und eine Flughafenfahrt. Kaum war ich in Ismaning fertig, die Gäste von der Gastwirtschaft zurück in die Firma gebracht, machte ich mich auf dem Weg zum Flughafen. Ismaning liegt auf der halben Strecke zwischen der Stadt und dem Flughafen.
Ich bin kein typischer Flughafenfahrer, der sobald er seine Gäste in der Stadt ausgeladen hat, stracks wieder zum Flughafen hinausfährt. Solange es den neuen Flughafen (jetzt sage ich auch „neuer Flughafen“ obwohl es den schon wieder 18 Jahre gibt) gibt, bin ich höchstens 15 mal leer, d.h. unbesetzt, rausgefahren. Natürlich, wenn ich eine vorbestellte Abholung habe, fahre ich leer raus. Im Spaß nannte ich einem reinrassigen Flughafenfahrer gegenüber, diese Fahrt Taxi zu fahren; Lizenz zum sandeln (=faullenzen).
Heute ist mein Geburtstag, heute bin ich der Sandler! Schön am Flughafen aufstellen, Wassermelone essen, quatschen, Nickerchen im Taxi, neugierig durchs Terminal schlendern, im Internet surfen, …
Dann am frühen Abend bin ich Erster schnappe mir den der da kommt, den bringe ich in die Stadt. Dort bin ich dann gleich Zuhause und verbringe den Abend mit meiner Familie. Ich rücke immer weiter vor. An vierter Position mache ich ein Foto und poste es auf meiner ->Facebook Seite. Dort kündige auch meine letzte Fahrt an.

Die Taxis vor mir gehen eines nach dem anderen weg. Jetzt bin ich erster. Ein Herr im Anzug und mit Koffer kommt auf mich zu. Er macht, obwohl nur alleine, keine Anstallten dem Taxibus auszuweichen, offensichtlich ein Profitaxibenutzer. Er ist Spanier, arbeitet für einen Flugzeughersteller. Er will zum Schloß nach Hohenkammer. Hohenkammer liegt nördlich vom Flughafen. An der B9 darf man nicht Richtung Heimat, d.h. nach München nach links abbiegen. Nein, nach rechts muss man, Richtung Ingolstadt, bei der Ausfahrt Allershausen verlassen wir dann die Autobahn. Über Eglhausen geht’s dann zum Schloß nach Hohenkammer. Das Schloßgut hat sich in den letzten Jahren zu einem modernen Konferenzzentrum herausgebildet. Die Fahrten dahin werden stetig immer mehr.
Jetzt bin ich in Hohenkammer. Auf dem Weg nach Hause komme ich zu einer günstigen Zeit am Flughafen vorbei. Ich bin frei, ich könnte mich ja noch mal anstellen. Nein, schließlich habe ich mich schon Zuhause angekündigt, mein letzter freier Tag, an dem ich nicht einen Handstreich gearbeitet habe ist auch schon wieder sechs Wochen her, und außerdem ist heute mein Geburtstag. Ich fliege über die B13 so schnell es geht nach München zurück, den Flughafen lasse ich im wahrsten Sinne des Wortes einfach links liegen.


Beim Ausstellen der Quittung ist mir etwas aufgefallen. Nachdem ich Fahrstrecke, Preis und Steuersatz eingetragen habe, fülle ich das Feld Datum aus. Automatisch will ich, nach Tag und Monat die Jahreszahl 68 (mein Geburtsjahr) eintragen. Irgendwie fällt es mir schwer nach den Daten meines Geburtstages eine 11 einzutragen. Probiert es mal aus. Schreibt euer Geburtsdatum mit der aktuellen Jahreszahl - aber ohne schummeln und ohne zu zögern. ;-)


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Dienstag, 12. Juli 2011

Jetzt gibt´s was auf die Räder

An der Ampel Max-Plank-Straße / Sckellstraße klopft eine Fahrradfahrerin an mein Fenster.

„Sie haben Ihre Radkappe dort unten verloren!“

Dort unten, das ist direkt vor dem Maximillianeum, dem Bayerischen Landtag. Ich bedanke mich, biege links ab und drehe einen Halbkreis um das mächtige Gebäude. Unten kann ich die Radkappe schon entdecken. Ein aufmerksamer Verkehrsteilnehmer hat die Radkappe schon aufgelesen und an den Laternenpfahl gelehnt. Mit eingeschalteter Warnblinkanlage stelle ich das Taxi ab, sprinte an den Pfahl und schnappe mir meine Radkappe. Die Klammern auf der Rückseite sind schon gebrochen. Da ist wohl schon ein nachfolgendes Auto darübergefahren. Was alles in nur fünf Minuten mit einer Radkappe passieren kann. Eine Fahrradfahrerin sieht sie fliegen, jemand fährt darüber, der Nächste stellt sie an den Laternenpfahl, dann kommt ein Taxi um die Kurve und der Fahrer schmeißt sie gleich auf den Boden im Fahrgastraum.
In der Regel verliere ich jedes Quartal eine Radkappe. Eine Kappe kostet 24,69 € netto. Ein tragbarer Verlust. Was aber die Sache umständlich macht, ist, dass ich es nie geschafft habe in „unsere“ MAHAG in der Detmoldstraße zu gehen und mit meinem gewünschten Teil wieder herauszugehen. Diesmal ist es wieder so. Ich gehe in die MAHAG, lege meinen Fahrzeugschein vor, sage was ich will, und höre mir dann irgendwelche Ausflüchte an. Die Radkappe ist jetzt nicht auf Lager, es gäbe sie aber in der MAHAG in der Karl-Schmidt-Straße am anderen Ende der Stadt, oder in einer anderen MAHAG, oder er bestellt die Kappe …



Immer geht es darum, dass Lagerhaltungskosten gespart werden sollen. Es wird dabei aber nichts gespart. Zumindest nicht in Westeuropa dort wo die Arbeitskraft ungleich teuerer ist als Lagerfläche. Die Kosten werden nur auf den Kunden verlagert. Der Teilehandel spart sich die Lagerung, der Kunde kann durch die Stadt fahren oder noch einmal aufkreuzen.
Mir ist klar, dass an jeder Station 40.000 Teile bevorratet werden können. Aber ich brauche doch nur eine Radkappe, mit der tausende von T5 Modellen serienmäßig ausgeliefert wurden. Mein Kollege -> Christian hatte während der letzten Woche den gleichen Ärger mit einem Tankdeckel. Ich alleine habe innerhalb des letzten Jahres viermal vergeblich versucht immer die gleiche Radkappe in der MAHAG / Detmolder Straße zu bekommen.
Diesmal klappt es wieder nicht. Der freundliche Teileverkäufer liest von seinem Monitor ab, dass die MAHAG am Frankfurter Ring noch eine Radkappe vorrätig hätte. Frankfurter Ring hört sich gut an. Das ist nicht weit von der MAHAG Detmoldstraße und meinem Zuhause entfernt. Der Teileverkäufer will sicherheitshalber noch mal anrufen, weil wenn nur ein Exemplar vorrätig sei, könnte das auch ein Fehlbestand sein. Er will ja nur helfen, damit ich da nicht umsonst hinfahre. Er ruft an, sein Kollege nimmt das Telefon nicht ab. Er versucht es noch einmal, wieder vergeblich. Nach dem dritten Mal wird es im peinlich. Ich sitze inmitten von Volkswagen corporate designtem Interieur und kann langsam nicht glauben was ich höre. Dem Teileverkäufer fällt nichts anderes mehr ein, als weiterhin zu versuchen seinen Kollegen zu erreichen. Erwischt er ihn, stellt er telefonisch sicher, dass der Datensatz im Programm korrekt ist. Er würde dann bei mir anrufen, die Information weitergeben. Ich könnte dann zur MAHAG am Frankfurter Ring fahren und dort meine Radkappe kaufen.
Ich muss kein Betriebswirt sein um auszurechnen, dass bei solchen Aktionen nichts gespart wird. Weder bei der MAHAG noch bei mir.


Ich habe genug! Ich fahre zur MAHAG Frankfurter Ring, glücklicherweise kann ich mir meine Radkappe kaufen und endlich hundemüde ins Bett fallen.
Einen kleinen Tipp habe ich noch: Ich verliere immer die Radkappen an der vorderen Achse. Ich suche mir die am meist verkrazte Radkappe aus, stecke die auf die Felge vorne links. Die neue Kappe kommt auf eine Felge an der Hinterachse. So habe ich immer neuwertige Kappen am Taxi.
Mein zweiter Tipp: Gleich zwei Kappen besorgen und im Keller aufbewahren. Damit spare ich mir mindestens einmal den Zirkus. Diesmal konnte ich mir keine zwei kaufen. Vom Teileverkäufer weiß ich dass es sechs von meinen Radkappen zugleich an einer Stelle gibt – in Berlin.


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Sonntag, 10. Juli 2011

Abflug

Hasan fliegt ab. Flughafenfahrten haben Taxifahrer gerne. Am liebsten sind die Fahrten von der Stadt zum Flughafen. Die lassen sich in der Hälfte der Zeit bewerkstelligen. Bei den Abholungen vom Flughafen steht man manchmal bis zu einer Stunde mit einem Schildchen in der Hand im Terminal und verschwendet wertvolle Zeit.
Bei Hasan ist das aber anders. Vom Flughafen in die Stadt ist er mir einfach so eingestiegen. Ich hatte eine Kurzfahrt auf T2, danach durfte ich mich wieder vorne anstellen – und Schwupps, die Hasansche Familie war an Bord. Dafür jetzt der Abflug.
Schon vor dem Hotel, beim Einladen der Koffer bedeutete er mir diesen Koffer und jenen müsste der Zoll sehen. Die Papiere zu den Geschenken in den beiden Koffern hätte er in einen anderen Koffer. Die Papiere sind in dem kleinen Aktenkoffer mit Zahlenschloss, den er oder sein Sohn nicht aus den Händen lassen. Aha, ich merke mir die drei Koffer.


Unterwegs rufe ich auf der A9 bei der Abzweigung zum Flughafen den Gepäckträger an. Ich bestelle den Porter mit einem großen Wagen zum Terminal 2 Ebene 04 Nord. Das klappt immer. Wenn ich dann noch sage, dass wir mit einem VW – Bus Taxi auftauchen, kommt der Gepäckträger schon auf uns zu. Die Gepäckträger sind uns Taxifahrern dankbar wenn wir mit lohnenden Aufträgen kommen. Ein Service, der auf Gegenseitigkeit beruht, und unsere Kunden haben was davon.
Der Träger packt die Koffer auf seinen großen Wagen. Hasan steht dabei;

“Dieser Koffer und dieser Koffer, halt Nein, dieser Koffer und …. Stopp! Nein der Koffer und der … „

Der Gepäckträger kennt die Klientel und hat die passende Antwort parat:

“ Ja, Ja.“

Hasan ist beunruhigt. Ich soll mitkommen, bitte! Die verstehen ihn nicht. So einfach wie die das alles glauben ist das nicht, weil doch der und der Koffer zum Zoll muss. Und meine Papiere sind in diesem Koffer, dort sind auch die Rechnungen für die Waren die wir gekauft haben. Die Waren sind in dem und dem Koffer. Der Gepäckträger bleibt gelassen und nickt nur immer wieder mit dem Kopf.


Eine der Töchter gibt Hasan ein kleines Päckchen. Er übergibt mir das schön eingepackte Geschenk mit den Worten.

„Das ist ein Geschenk für dich. Meine Nummer hast du ja wenn du einmal nach XXX, dann melde dich. Du bist willkommen. In den nächsten Monaten wird mein Sohn nach München kommen er wird dich anrufen. „

Jetzt ist es mir fast schon peinlich. Ich wollte beim ->Dallmayr Schokolade mit Holunderfüllung kaufen. Das ist meine münchenerische Kleinigkeit für solche Fälle. Jetzt ärgere ich mich, dass ich es nicht gemacht habe. Alleine das fürstliche Trinkgeld hätte das Geschenk meinerseits an Hasan gerechtfertigt.
Mit dem Gepäckträger voraus trotten wir durch die Halle. Ich hinter dem Gepäckträger mit seinem Wagen voller Gepäck. Hinter mir Hasan mit ausgestrecktem Arm auf den rollenden Kofferberg deutend:

“Zum Zoll, der Koffer und der Koffer, zum Zoll. Halt, wo ist der Zoll? Der Koffer und … „

Der Gepäckträger nickt nur und bleibt bei seinem:“Ja, Ja. Wir stehen vor dem Automaten, der vor den Lufthansa Schaltern steht. Eine Dame der Fluggesellschaft wird endlich frei und ist uns behilflich. Trotzdem muss ich mich, um Zeit zu sparen, schon mal in die Schlange stellen um unsere Koffer einzuchecken bzw. zu labeln. Hasan ist dabei und sagt welcher Koffer zum Zoll soll.

„Der! Nein, der. Der ganz bestimmt. Der ist es, der muss zum Zoll … „

Dem Gepäckträger und der Fluggesellschaft interessiert der Zoll wenig. Es gibt ein anderes Problem. Taxifahrer können es schon ahnen. Übergepäck! Selten ist bei unseren Wüstensöhnen das Gepäck passend. In 95 % der Fälle ist das Gepäck zu schwer oder zuviel oder beides. So ist es auch hier. Mit einem zugedrückten Auge wird jedes einzelne Gepäckstück gewogen. 23 Kilogramm in einem Gepäckstück darf jeder Lufthansa Fluggast mitnehmen. Zwei unserer Gepäckstücke haben das korrekte Gewicht. Die anderen sechs sind alle zu schwer. Beim Addieren wird das zweite Auge zugedrückt. Hasans Familie scheinen gute Kunden zu sein. Trotzdem kommen wir auf 50 Kg Übergepäck. Das würde 250,-€ zusätzlich kosten. Das ist für meine Arabergepäckerfahrung eine durchaus annehmbare Summe. Ich passe auf wie ein Spitz, notiere das Gewicht jeden einzelnen Koffers auf die Rückseite des Kuverts in dem die Reservierung steckt.Es gibt eine Lösung. Wir verziehen uns an den Rand des Terminals und packen um. Das heißt, Hasan Family packt um, der Gepäckträger hält die Stellung vor dem Schalter und ich wechsele mit den Koffern von der Umpackerei zur Waage am Schalter. Jetzt passt es einigermaßen. Ich werfe ein, dass es doch egal sei, wenn wir eine bestimmte Masse an Gepäck auf acht Gepäckstücke verteilt aufgeben, in welchem einzelnen Gepäckstück jetzt der einzelne Anteil verstaut sei. Anscheinend ist es das nicht. Die Lufthansa Dame ist sehr engagiert und hilfsbereit, versteht meinen Einwand, zuckt mit der Schulter, was sein muß, muß sein!
Hasan hat nur ein Problem; der Zoll, der Zoll, welcher Koffer muss zum Zoll? Jetzt hat er eine Lösung - wir nehmen alle mit! Die Dame am Lufthansa Schalter ist etwas verstört. Wollen wir jetzt das Gepäck einchecken oder nicht? OK, wir laden die gesamte Bagage auf unseren Wagen und trollen uns von der Schalterreihe. Boten wir doch allerlei Kurzweil für die Fluggäste die anstanden. Unser kleiner Umzug bewegt sich jetzt endlich zum Zoll. Zuerst muss ich noch die inzwischen nur noch 100,- € Übergepäck an einem anderen Schalter bezahlen. Dafür bekomme ich die sechste Bordkarte.
Wir laufen alle in das kleine Abflugzollbüro am Terminal 2 ein. Zuerst der große Wagen, gezogen vom Gepäckträger, dann ich, hinter mir Hasan mit dem Aktenköfferchen, dahinter die Familie. Es wird ganz schön eng hier, der Wagen nimmt die hälfte des Platzes ein. Der Gepäckträger und der Zollbeamte kennen sich. So bin ich der Erste, den der Zöllner anspricht:

„Deutsch oder Englisch“

„ Ich bin der Taxifahrer …“

„ Oiso Boarisch! meint mein offensichtlicher Stammesbruder.

„ …das ist Hasan …. aus XXX. Er meint ….. ich erkläre das Ansinnen meines Kunden

“Zuerst amoi die Pässe. Passport!“ und dann kommt die Frage, die ich in den letzten Tagen so oft gehört habe: „Und wos wui der jetzt?“

Ich erkläre noch mal, deute auf die Koffer, die mir Hasan bei der Abfahrt vom Hotel gezeigt hat. Die soll der Zoll anschauen.

“Das müssen Sie schon mir überlassen welche Koffer ich mir anschaue. Und überhaupt, jetzt gehen mal alle die mit der Sache nichts zu tun haben dort hinaus.“ Der Zöllner deutet zur Tür.

Hasan klatscht in die Hände. Alle sollen gehen, seine Frau, sein Sohn, seine Töchter und der Gepäckträger. Alle werden regelrecht verscheucht, nur ich nicht, ich soll bleiben, weil ihn sonst niemand hier versteht. Wir legen die Belege der Käufe der letzten Tage vor. Der Zollbeamte sortiert, klammert und stempelt ab.

“Wo ist der Beleg zu der Rechnung? Wo ist die Rechnung zu diesem Beleg? ...

Und die Koffer? Tja, die Koffer werden gar nicht angeschaut. Nicht der, nicht jener und auch dieser nicht. Jeder wird einfach auf das Förderband gestellt und aufgegeben. Hasan ist fast ein klein wenig enttäuscht. Mit unseren abgestempelten Belegen lassen wir uns die Mehrwertsteuer auszahlen. Ich biete an zu bleiben bis sie einchecken. Hasan ist gerührt. Seine Tochter kauft mir noch eine Schachtel Pralinen. Er sagt er kämme jetzt zurecht. Die ganze Familie bedankt sich aufrichtig und wir verabschieden uns ein letztes Mal. Als sie durch die Sicherheitskontrolle verschwinden tut es mir richtig leid. Wir haben uns schließlich doch gut verstanden, obwohl ich ihm schon ziemlich über den Mund gefahren bin. Mir tut es aber gar nicht so sehr leid. Er hat mich ja auch geärgert. Hoffentlich sehen wir uns wieder - Inschallah!

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Freitag, 8. Juli 2011

Gärten in 1001 Nacht

Hasan kommt aus dem Hotel und begrüßt mich freundlich. Eine seiner ersten Fragen war:

“Hast du einen Termin beim Zahnarzt gemacht“

„Wenn du mir sagst bei wem, kann ich dir einen Termin machen.“

Hasan kennt seinen Zahnarzt immer noch nicht, wahrscheinlich ist ihm übernacht klar geworden, dass er ihn in Bad Wiessee auch nicht finden wird obwohl er die area und den Zahnarzt dort jeder kennt. Ich soll mal bei dem Arzt Dr. #1 anrufen, bei dem wir uns vorgestern und gestern schon blamiert haben. Also gut ich rufe an und will nun doch einen Termin. Mit welchem Arzt #1,#2 oder #3 sei egal.

„Wann bräuchte Ihr Kunde den Termin?“

„Jetzt, in 45 Minuten wären wir da. „

„ Hat er den Schmerzen? „

„Nein. Er will nur mal nachschauen lassen was gemacht werden muss – bei drei oder vier Leuten – soviel wie Sie reinpacken können.“
Spätestens jetzt ist mir das Telefonat peinlich. Ich entschuldige mich bei der Mitarbeiterin für meine Aufdringlichkeit und spreche deutlich mit Hasan. In ungewohnter Offenheit sage ich ihm, dass er sich überhaupt nicht auskennt, auch nicht in der area, schon gar nicht weiß wie er zu seinem Zahnarzt kommt. Das er es fertigbringt wegen seiner Unfähigkeit Wellen vom Alpenvorland bis nach Berlin zu schlagen. Zur Versöhnung biete ich ihm an etwas zu zeigen oder jetzt die Geschäftsbeziehung abzubrechen. Er will bleiben, miemt aber noch 10 Minuten den Beleidigten. Ich bin im Norden Münchens, das Wetter ist schön. Ich denke mir schnell ein vier Stunden Programm aus. Wir starten in der BMW Welt, BMW Museum, Olympiapark. Ich will ihm die KZ Gedenkstätte zeigen. Ich frage in die Runde. Seine Kinder sind sehr interessiert. Jeder hat schon mal was davon gehört. Auf dem Weg nach Dachau kommen wir durch Karlsfeld. In Karlsfeld gibt es ein großes Werk der MAN AG. Seit kurzem gibt es auch ein Truck und Coach Forum. Ich drehe auf dem Vorplatz eine Runde und erzähle kurz etwas zu der Maschinenbaufirma. Hasan deutet auf einen Platz neben dem Showroom für LKWs. Auf dem Platz stehen mindestens 250 LKW. Es gibt dort 7,5 Tonner, 12 Tonner, 20 Tonner, … Es gibt Kipper, es gibt Absetzcontainer, es gibt Sattelzugmaschienen, … Es gibt Dreiachser oder Vierachser ….

“Wieviel kostet so ein Fahrzeug?“

Ich produziere nun meinerseits heiße Luft und antworte wie aus der Pistole geschossen:
“110.000 €.“

“Das ist teuer! Was kosten die gebraucht?“

“60.000 €.“

Hasan ist zufrieden. Das ganze erinnert mich an seine Frage nach dem viertürigen Smart -> an unserem ersten Tag. Ich freue mich, es scheint ich habe einen kleinen Einblick in die arabische Mentalität gewonnen. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Eingangstor zum Konzentrationslager. Eine seiner Töchter erkennt den schmiedeeisenen Schriftzug ARBEIT MACHT FREI . Der ist wohl auch auf den Fotos der arabischen Schulbücher abgedruckt. Es sind überraschend viele Touristen auf dem Gelände. Wir sind erkennbar die einzige arabische Gruppe. Tatsächlich findet mein Programm Gefallen. Das stimmt mich milde. Die beiden Eltern, ansonsten etwas ungeduldig, halten in der Hitze tapfer durch und gehen bis ans andere Ende zu den Krematorien. Wieder im Auto stelle ich meinen zweiten Programmpunkt in Dachau vor. Wir werden jetzt wo hingehen wo es die feinsten, hausgemachten Kuchen und Torten gibt – ins Dachauer Schloss. In 10 Minuten sind wir da. Schon aus dem Taxi bewundern Sie den Überblick über München. Ich muss noch einen Parkschein lösen meine Gäste sind schon an der Brüstung du sehen sich satt. Ich hole mein -> Fernglas aus dem Kofferraum. Jeder möchte mal durchschauen.
Jetzt wollen alle ins Café. Sie haben schon gefragt wo es ist. Ich aber bin unerbittlich. Zuerst der Garten.
Gleich am Anfang des Gartens ist ein Laubengang aus Linden. Angenehmer Schatten in dieser Hitze. Die Rosen in den Beeten duften. Ich kann förmlich spüren; jetzt habe ich den Geschmack getroffen. Hasan meint:

“ A marvelous Place!“


So etwas habe ich während der letzten Tage nicht von ihm gehört. Ich wollte ihm nur zeigen, dass es sich auszahlt, wenn man mir die Führung überlässt. Wir bestellen Kaffee und Kuchen, d.h. ich versuche herauszufinden was jeder will und gebe dann die Order weiter. Hasan will für seine Frau und sich:

„ Earl Grey Tea, short and strong with hot milk!”

Ich bestelle genau so einen Tee. Bekomme aber mit wie die Order:

“Zweimal schwarzer Tee!“

in die Küche weitergegeben wird.

“Stopp!“, gehe ich dazwischen und kläre Hasan auf , “Ich denke hier gibt es keinen Earl Grey Tee.“

Hasan ändert seine Bestellung für ihn, Milchkaffee, und für seine Frau Darjeling ( Den konnte das Kaffee auftreiben). An der Kuchentafel zeigt er mir Fotos von seinen drei Söhnen, die jetzt nicht dabei sind. Die jungen Männer auf den Fotos haben alle das typische weiße Kopftuch auf. Auf dem Kopftuch ist dieser schwere, schwarze, doppelt gewundene Ring um das Verrutschen zu verhindern. Alle drei Söhne sind in goldgefasste rote Mäntel gehüllt. Fast wie Könige. Sehr beeindruckend. Ich beobachte Hasan wie er kopfschüttelnd mit einem kleinen Löffel seine aufgeschäumte Milch von seinem Milchkaffe abschöpft. Ich versuche ihn zu verstehen, warum er soviel Wirbel verbreitet. Vielleicht steckt Unsicherheit dahinter, denn so ist er der Einzige, der in dem von ihm verursachten Chaos den Überblick behält. Mein kulturelles Interesse ist geweckt.
Der dritte Programmpunkt; das Schloss Nymphenburg findet nur unter der Prämisse Zuspruch, dass wir nicht aus dem Auto aussteigen. So drehe ich nur meine Runde über das nördliche Schloßrondell.
Jetzt ist es ihnen genug, es wird Zeit zum Shopping. Shopping muß sein, täglich. Exklusives Shopping in München bedeutet Maximilianstraße. Wir also über die Arnulfstraße Richtung Innenstadt. Arnulfstrasse / Donnersberger Brücke, die Mercedes-Benz Niederlassung mit dem größten Schaufenster Europas. Hasan blickt auf die 70 Autos in der Auslage und fragt:

“Wieviel kostet so ein Auto?“

Ich antworte routiniert: “55.000 €“

“Das ist teuer!“

An der nächsten roten Ampel zücke ich mein Handy. Auf mobile.de tippe ich auf den ersten Mercedes der im Display erscheint. Ich zeige ihm das Bild und sage.

“In Nürnberg gibt es einen für 40.000 €.“

Hasan meint:

„Der in Düsseldorf ist billiger, 25.000 €.“

Ich nicke bestätigend und freue mich, schön langsam komme ich hinter die Mentalität. Man darf das alles nicht so ernst nehmen. Hauptsache wir reden über Geschäfte, dann sind alle zufrieden. Hasan und seine Familie setze ich in der Maximilianstrasse ab. Das Shopping wartet.
Ich stelle mich an den Taxistand Max-Joseph-Platz, gleich vor der Oper. Auf mich kommen drei schwarz verschleierte Damen zu. Jede hat ein Kind im Kinderwagen. Ich hole die Sitzerhöhungen und den Kindersitz aus dem Kofferraum und verstaue dort die Kinderwägen. Als Adresse nennen mir die Drei von denen ich nur die Augen sehen kann.

“Reitmoorstraße 845“

(Die Reitmoorstrasse ist eine 300 Meter lange Strasse im Münchener Stadtteil Lehel. Die höchste Hausnummer bei der ich in München jemals war, war die Hausnummer 660.)

„Wirklich 8-4-5 ?“

„ Yes, eight fourty five!“

Ich atme einmal tief ein und wieder aus, wende das Taxi und fahre Richtung Lehel...

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Dienstag, 5. Juli 2011

Outlet

Versprochen ist versprochen, und so rufe ich heute in der Praxis des Dr. #1 in Bad Wiessee an um einen Termin für meinen Kunden Hasan zu vereinbaren. Die Praxis ist eine Gemeinschaft von mehreren Ärzten. Dr. #1 praktiziert nicht mehr. Es gibt aber da noch den Dr. #2, #3, …
Ich bitte noch mal in die Patientenakten zu schaue ob Hasan dort bekannt sei. Ich könnte so herausfinden welcher Arzt ihn betreut hat und es wäre uns schon mal ein großes Stück weitergeholfen.
Jetzt hat Hasan angerufen. Er will nach Ingolstadt Village, einem Outlet Center. Ob ich schon einen Termin bei seinem Zahnarzt hätte, fragt er mich. Ich bin inzwischen schon etwas selbstbewusster und erkläre ihm dass es hilfreich wäre, wenn ich den Namen des Arztes wüsste, bei dem er einen Termin haben will. (Inzwischen habe ich über die Taxiflüsterpost einen geneigten Zahnarzt in München ausfindig gemacht und mir die Nummer notiert) Wir fahren schon mal los.
Hasan will mir helfen und beschreibt seinen Arzt genauer.

„Er ist Spanier, hat aber einen deutschen Pass, ein kluger Mann.“

Aha, ich tue ihm den Gefallen und rufe noch mal an. Es gibt und gab dort keinen Spanier.

“Aber, Moment mal. Meinen Sie Herrn Dr. #4. Der ist Belgier, arbeitet bei uns und hat einen deutschen Pass?“

Ich erkundige mich bei meinem Kunden:

“Hasan, es gibt dort einen Belgier …..

“Ja, ja genau ein Belgier! Ein Belgier war es.“

“War es Herr Dr. #4?“

„Nein, der war es nicht

….

„Wo willst du jetzt hinfahren?“

“Shopping Center Ingolstadt“

Als wir auf der A9 schon 10 Kilometer zurückgelegt haben. Rufe ich ein befreundetes Landtaxiunternehmen an, sie sollen mir bitte meine Mittagsfestfahrt abnehmen. Erfahrungsgemäß warte ich bei arabischen Fahrgästen mit der Weitergabe meiner Aufträge bis wir auf der Autobahn schon mal aus München heraus sind. Wer weiß was sonst alles dazwischen kommen kann. Meine Fahrgäste stornieren die Fahrt. Meine Aufträge sind weg und ich kann mich an den Taxistand stellen.
Hasan meldet sich wieder:

“Egal wo wir zuerst vorbeikommen, beim Outlet Center oder bei meinem Arzt, da fahren wir als Erstes hin.

“Hasan, wir fahren jetzt nach Ingolstadt. Wir werden eine Stunde fahren. Richtung Norden. Da wo du glaubst, dass dein Arzt ist, Bad Wiessee, ist im Südwesten“
Zur Verdeutlichung zeige ich einmal mit der flachen Hand nach vorne durch die Windschutzscheibe ans imaginäre Ende der Autobahn. Beim Satz weise ich mit dem ausgestreckten Daumen über die Schulter weit hinter uns. Hasan antwortet nur kurz:

“Ich weiß!“

Natürlich weiß das Mr. I-know-the-area. Wie konnte ich das nur anzweifeln. Es beginnt ein Gespräch auf arabisch. Zwei Wörter, die ich erkenne, kommen immer öfter vor:

„Bonn – Bonn – Berlin – Bonn – Berlin – Berlin – Bonn – Berlin – Berlin – Berlin „


Ich erahne; man hat sich auf Berlin geeinigt. Hasan gibt sein Handy an seine Tochter weiter. Sie wählt eine Nummer und gibt das Handy wieder zurück nach vorne. Hasan beginnt sofort das Gespräch. Daumen, Zeige- und Mittelfinger seiner freien Hand sind zu einer Spitze geformt. Die Hand geht an einer gedachten vertikalen Linie ständig nach oben und unten. Araber benutzen diese Geste gerne wenn sie dem Gegenüber etwas erklären wollen. Hasan wird immer eindringlicher und erhebt seine Stimme. Unvermittelt gibt er mir das Telefon. Ich soll dem Gesprächspartner den Namen und die Adresse des Dr. #1 buchstabieren. Ich melde mich:

“Mein Name ist …, ich bin Taxifahrer aus München, neben mir sitzt Mr. Hasan …. Er hat mich gebeten Ihnen die Adresse des Dr. #1 durchzugeben.“

Mein Gesprächspartner meldet sich auf deutsch:

„Botschaft von … Gesundheitsabteilung“

Ich werfe einen kurzen Blick auf das Display des Handys. Ich erkenne +4930 …. Hat der doch tatsächlich alle schlafenden Hunde aufgeweckt. Will er, dass die jetzt in Preußen auch noch über uns lachen. Ich gebe dem Botschaftsmitarbeiter die genaue Adresse durch. Ich bin froh, dass ich endlich einen Helfer gefunden habe, der arabisch spricht und mir bei der Suche nach dem Zahnarzt behilflich sein kann. Der Botschaftsmann am anderen Ende der Leitung sagt:

“Sie haben ja die Adresse des Dr. #1“

Weiters fragt er:

“Was will den der Herr Hasan … eigentlich?“

Das fragt er mich? Mich fragt er das? Mich, den Taxifahrer, der die arabischen Gepflogenheiten (noch) nicht kennt, der um jeden Zahnarzt einen Bogen macht, der kein Wort arabisch spricht, der mit dem Handy in der Hand über die Autobahn rast.
Aber eines wird mir jetzt klar. Das Missverständnis zwischen Hasan und mir kann nicht alleine an der Sprache liegen. Die Botschaft war uns auch keine Hilfe. Klar, wie konnte sie auch.
Wir beließen es dann bei Ingolstadt. Ist ja auch eine schöne Fahrt. Als wir wieder zurück in München vor dem Hotel sind verrät mir Hasan:
“Morgen, morgen fahren wir nach Bad Wiessee. Dann suchen wir den Arzt. Kein Problem. I-know-the-area und schließlich kennt den dort Jeder.“
Sein Wort in Gottes Allahs Ohr. Irgendwie bin ich schon neugierig.


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Sonntag, 3. Juli 2011

Gazelle am Tegernsee

Da sitzt er jetzt in meinem Taxi neben mir. Nennen wir ihn Hasan aus Saudi Arabien. Seine Frau, seine drei Töchter und sein Sohn hinter uns auf den Sitzbänken.
Morgen will er nach:

“Du-weißt-schon-wohin-45-Minuten-von-München-entfernt-es-beginnt-mit-Double-u“.

Er war schon vor einem halben Jahr hier. Hat sich den Namen des Ortes nicht gemerkt und auch nicht aufgeschrieben, ist ihm aber auch egal, weil “ I know the area.“; wie er von sich sagt. Das Rätselraten beginnt. Welche Richtung? Liegt es an einem See?
Ich finde heraus, er meint Bad Wiessee. Wo er denn da hinwolle?

“In ein Krankenhaus“

“In welches denn?“

“Das weiß ich nicht, aber I-know-the-area und das kennt dort jeder!
 
Also gut am nächsten Tag bin ich zur verabredeten Zeit vor dem Hotel. Die Familie erwartet mich schon und steigt zu. Auf dem mittleren Ring überholen wir einen viertürigen Smart. Hasan schaut interessiert. Das Auto gefällt ihm. Ich kann ihm erklären, dass es eine Gemeinschaftsproduktion von Mercedes und dem Schweizer Uhrenhersteller Swatch ist. Die Kombination Deutschland – Schweiz scheint ihm zu imponieren und er beauftragt mich, mich über den Preis zu erkundigen. Er sagt; 200, 300 … bis 1000 Stück. Er will die in den gesamten Golfstaaten diese Fahrzeuge vertreiben. Dort seien die unbekannt.

“Franchise!“ tönt es zur Erläuterung von hinten aus dem Fahrgastraum. Man darf sich nicht von der Höhe der zu erwartenden Provisionen blenden lassen. Ich kenne einen ehemaligen Taxifahrer der sehr gut mit der Klientel verdient. Er vermittelt medizinische Dienstleistungen in Deutschland. Die Ärzte und die Kliniken bezahlen gut und gerne bis zu 10% bei erfolgreicher Vermittlung einer Operation oder Behandlung. Sein Mercedes ist schon seit Jahren nicht mehr hellelfenbeinweiß.

Oft, nicht immer, ist das in Aussicht gestellte Geschäft nur unreflektiertes Geschwätz. Das ist kein Vorurteil, sondern oftmals bestätigter Usus. Unsere Gäste meinen es nicht mal böse. Aber wer sein Leben lang nicht zielorientiert handeln musste, ist eher dazu geneigt, aus der Hüfte zu schießen.
Nein; beschließe ich. Bevor ich mich im Smartcenter blamiere, muss ich Hasan noch näher kennenlernen. Ich werde dazu noch Gelegenheit bekommen.


Bevor wir Bad Wiessee erreichen müssen wir die Gemeinde Gmund durchqueren. Die Diakonie veranstaltet einen Flohmarkt. Ein kleines Bierzelt ist aufgebaut. Auf einem Grill bruzzeln Bratwürste. Es gibt einen großen Büchertisch, an Kleiderständern ist gebrauchte Kleidung ausgehängt. Wir bleiben stehen. Hasan ist neugierig. Er will sich das Angebot anschauen. Er kauft sich für zwei Euro einen Hut und setzt ihn gleich auf. Alle finden die Farbe des Hutes passt gut zu seiner Jacke. Ein Verkäufer sagt im Keller gäbe es noch weitere Kleidungsstücke. Ich soll den Rest seiner Familie aus dem Taxi holen. Hasan will hier etwas trinken. Ich finde Hasan im Keller der Diakonie. Das ist das Interessante an unserem Job. Ich hätte vor zwei Stunden nicht im Traum daran gedacht, dass ich zwischen Heizungsrohren im Keller einer katholischen Einrichtung am Tegernsee mit einem Araber Trachtenjanker inspiziere. Hasan kauft keinen Trachtenjanker, obwohl der genauso gut zu seinem neuen Hut gepasst hätte, wie seine Jacke, die er jetzt anhat.

Es ist nicht mehr weit nach Bad Wiessee. Als wir durch die Ortschaft fahren, kann sich Mister-I-know-the-area nicht mehr erinnern wo das Krankenhaus ist. Ich schaue in meinem Telefon. Es gibt hier in der Nähe fünf Kliniken oder Medical-Center. Ich fahre zu dem, das am nächsten liegt. 10 Minuten später stehen wir vor dem Komplex. Hasan weiß nicht mehr ob es das ist, das er meint. Ob es noch einen anderen Eingang gibt? Gibt es nicht. Ich kann ihn trösten, wir haben nur noch vier Adressen. Die zweite ist es dann auch. Das St. – Hubertus Medical Center. Hasan kommt nach einer halben Stunde wieder heraus und hat Zettel mit drei unvollständigen Adressen in der Hand. Einmal fehlt die Hausnummer, einmal der Ort … Die Schrift auf den Zettel ist flüssig und geübt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hasan die lateinischen Buchstaben in dieser Art geschrieben hat. Also kann ich ins Krankenhaus gehen, den Autor des Zettels ausfindig machen und die Adressen ergänzen. Hasan meint, das wäre typisch deutsch und nicht nötig, weil er ja die Area kennt, und im Übrigen schon mal da war.

Bevor wir die erste Adresse aufsuchen, rufe ich an um uns zu avisieren. Wir können kommen. Ich fahre durch ein Wohngebiet in der Nachbarortschaft. Auf der Suche nach der Hausnummer fahre ich die Straße rauf und runter, immer an einem bestimmten Haus vorbei. Diesmal fahre ich ganz langsam und achte auf jede noch so versteckte Hausnummer. Ich fahre fast an dem Haus vorbei. Setze zurück und fahre durch das Tor. Als wir über die Einfahrt fahren, meint Hasan:

„Hier ist es!“ 
 
Von dort geht es dann zu einer Zahnarztpraxis. Davor stellen wir fest, was ich schon auf der Fahrt dorthin erwähnt habe. Es ist niemand da am Samstagnachmittag. Ich werde am Montag versuchen einen Termin für Hasan zu bekommen und ihn dann hierher bringen. Ich werde mir für solche Fälle in Zukunft Adressen von geneigten Zahnärzten, Ärzten, Immobilienverkäufern … zurechtlegen. Hasan beschließt jetzt zu Essen. Wir wollen in ein Restaurant gehen, dass er von seinem letzten Aufenthalt im Winter kennt. Er kennt weder Adresse noch Namen, aber kein Problem, denn “ I-know-the-area und das kennt hier jeder!“. Einen Anhaltspunkt haben wir: Es soll ein Spezialitätenrestaurant für Ente und Gazelle sein. Gazelle? Gazelle, ganz sicher!? Ja, Gazelle! Ich lasse mir den Namen des Tieres, das er meint auf englisch aufschreiben, lasse es mir mit LeoDictionary übersetzen. Vergewissere mich noch mal; das Tier in Afrika? Ich zeige ihm ein Video auf dem man mich mit einem Reh sieht. Nein, das meint er nicht. Gazelle soll es sein, und ich muss es unbedingt probieren. Nun gut, wenn er glaubt ich würde es nicht kennen und er so darauf besteht machen wir uns auf die Suche. Es gibt ja Spezialitätenrestaurants aus aller Herren Länder. Ich kenne alleine in München aus dem Stehgreif vier afrikanische Restaurants. Könnte ja sein, dass es in Bad Wiessee auch so ein Lokal gibt. Das Internet verrät nichts. Soll aber kein Problem sein, den Hasan kennt ja die Area. Wir fahren die Hauptstrasse entlang und wieder zurück. Ich soll fragen, schließlich kennt das hier jeder. Ich schäme mich. Trotzdem frage ich in anderen Gaststätten, Zeitungsladen und Cafés. Eine Kellnerin verweist mich auf den Seegarten. Obwohl sie sich nicht vorstellen kann, dass dort jemals Gazelle auf der Karte stand. Von einem Zeitungshändler erfahre ich, dass der Wirt XXX, der bis zum 1.Januar das Lokal XXX hatte in Afrika war. Jetzt wäre er Chefkoch im Hotel XXX in einem anderen Ort am Tegernsee. Hasan und ich fragen uns durch. Ich beobachte, wie Hasan in den Seegarten geht.
 Ich frage inzwischen erfolglos in einer Eisdiele. Hasan und ich treffen uns am Taxi. Wir fahren um die Ecke. Nach dem Aussteigen deutet er auf den Seegarten und meint ich solle da fragen. Als ich ihm sage, dass er dort vor 5 Minuten herausgekommen ist, will er mir nicht glauben. Ich will ihn nicht enttäuschen und so fragen wir beide dort ein zweites Mal. Natürlich gibt es dort keine Gazelle. Hasan, der die Area kennt, (ich beginne mich zu fragen, welche?) will zu Fuß suchen wir sollen ihm mit dem Taxi folgen. Langsam habe ich die Faxen dick. Wenn ausgerechnet der, der die Sprache nicht beherrscht und keine Orientierung hat die Führung übernimmt. Die Familie im Taxi hat wohl gespürt, dass hier gleich eine Bombe hochgeht. Wir sollen an den See fahren, Hasan lassen wir laufen. Sie werden es wohl wissen. Wir machen ein paar Fotos und setzen uns ans Ufer. Ich glaube die Frau und die Mädchen mit den Kopftüchern haben mehr (Ver-) Abstand zu dem was hier passiert. Nur wie finden wir jetzt wieder unseren Hasan? Wir stellen uns mit dem Taxi einfach in die Ortsmitte, da wird er uns schon sehen, früher oder später – Inschallah! Diese Ruhe und Gelassenheit möchte ich haben. Ich will Hasan trotzdem suchen. Eine Bäuerin treibt ihre Kühe über die Strasse. Dort vorne steht Hasan auf dem Gehsteig. Ich bleibe neben ihm stehen, er steigt zu. Er präsentiert mir einen Zettel mit Brauereiwerbung. Darauf steht – Seegarten-. Ich frage ihn, ob wir ein drittes Mal dort fragen wollen. Wütend zerknüllt er den Zettel und wirft ihn aus dem Fenster. Er will, dass wir parken und Alle zu Fuß suchen. Ich soll fragen, fragen, fragen. Wir stehen vor dem Seegarten. Seiner Frau entfährt die einzig vernünftige Frage:

“What is wrong with this?”



Nichts! Also rein da, und a Ruah is! Als wir in der Gaststube sitzen, stellt Hasan fest, dass ist genau das Lokal in dem er im Winter war. Ich kann mich kaum zurückhalten meinen Kopf auf die Tischkante zu schlagen. Und die Gazelle war auch keine Gazelle sondern doch ein Reh! Zur Zeit ist aber keine Wildsaison. Beim Jagen ist jetzt Rehzeit, in Deutschland isst man aber gerne Wild erst im Herbst. Hasan muss sich dann mit seiner zweiten Wahl, einer viertel Ente, begnügen. Der Kartoffelknödel und das Blaukraut wird nur gekostet und ansonsten nicht angerührt.


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Samstag, 2. Juli 2011

Prominenter Gast am Flughafen

Zum Vergrößern auf das Bild klicken

Gestern war bei uns am Flughafen ein Flugzeug der Flugbereitschaft. Soweit ich googeln konnte, hat die Flugbereitschaft zwei neue Maschinen bekommen. Die „Theodor Heuss“ wird ausgemustert.
Der Name ist in Schwarz unter dem Cockpit in dem gelben Feld des schwarz-rot-goldenen Bandes zu finden. Die Stelle ist auf dem Foto leider durch die Treppe verdeckt.
Die „Theodor Heuss“ wurde an einen Flugzeughändler aus Osteuropa verkauft. Bei der verkauften Maschine wurde schon das Balkenkreuz der Bundeswehr schon entfernt. Heute früh war das Flugzeug nicht mehr auf dem Vorfeld.


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Freitag, 1. Juli 2011

Vom Salz zum Zucker(-hut)

Das waren drei Tage. Seit Dienstag war ich jeden Tag mindestens sechs Stunden mit einem Taxibuskollegen und Brasilianern unterwegs. Als ich das Angebot für den Auftrag abgab, hatte ich nur spärliche Informationen. Stadtrundfahrt in München, sechs Stunden, englischsprachig, Auftraggeber: ein großer Betrieb.

Aha, da sollten wir wohl Gästen der Firma die Stadt zeigen. Sechs Stunden nur in München. Mir wird etwas mulmig. Ich hätte kein Problem drei Tage lang Geschichte und Geschichten in München zu erzählen, aber wenn man die Gäste nicht kennt, nicht einmal die Nationalität, dann wird es schon schwierig. Ich bekam dann tatsächlich kurzfristig den Auftrag. Schnell musste ich noch einen Kollegen mit Taxibus organisieren. Ich rufe meinen griechischen Kollegen an, mit dem ich am Tag davor noch am Flughafen gesprochen hatte.
Er hat keine Zeit, aber er gibt mir ->Arnos Telefonnummer, der dafür in Frage kämme.
Arno betreibt einen ->Online – Buchhandel, hat Zeit und ist bereit kurzfristig einzuspringen.
Meine Aufregung wird immer größer. Ich treffe mich eine Stunde vor dem Termin mit Arno um noch mal die groben Eckpunkte unserer Tour durchzusprechen. Mein -> Spicker- und Nachschlagebuch habe ich mir gestern Abend schon ins Taxi gelegt. Arno sieht die Sache gelassen, mein weiterer Eindruck von ihm beseitigt schon mal mein größtes Lampenfieber. Zehn Minuten vor dem Termin betrete ich die Hotelhalle. Ich bin neugierig. Wer sind meine Kunden? Ich frage an der Rezeption. Die Dame verweist mich an eine Gruppe, die in den Sesseln an den niedrigen Tischen sitzt und wartet. Erste Blicke gegenseitiges erstes Abtasten. Ich stelle mich auf Englisch vor. Meine Leute sind Brasilianer. Brasilien und München – in meinem Kopf rattert es. Was fällt mir schnell ein. Da gab es eine bayerische Prinzessin, die mit einem brasilianischen Kaiser verheiratet war. Da gab es einen Naturforscher, der in München gelebt und gelehrt hat, viele seiner Studien hat er in Südamerika gemacht. Im Internet habe ich mal nach deutschen Firmen gestöbert, die in Brasilien involviert sind. Und andersherum wo kann ich Ableger von brasilianischen Firmen in München oder Umgebung finden? Auf die Schnelle fällt mir zu Ersterem nur Volkswagen ein. Ich bin mir aber sicher - es gibt noch mehr.
Jetzt erlöst mich eine Dame, die bei der Gruppe sitzt. Sie stellt sich als Reiseleiterin vor. Jetzt fällt mir ein Stein vom Herzen. Draußen bei Arno steht schon eine weitere Dame und packt Wasser und Snacks in sein Taxi. Sie spricht portugiesisch. Es kommt noch eine dritte Dame hinzu. Es kann nichts mehr schiefgehen. Die Brasilianer sind keine typischen Touristen. Sie arbeiten bei einer großen Münchener Firma und werden die nächsten drei Jahre in Deutschland bleiben. Unsere Aufgabe ist es während der drei Tagen ihnen Deutschland und besonders München nahezubringen. Ich habe von den Locatern gelernt; es gibt Dinge die sind typisch deutsch und es gibt noch Münchener Besonderheiten.
Unseren Brasilianern wird gezeigt, wie man Pfandflaschen in den Automat steckt und dabei einen Bon bekommt, der an der Kasse eingelöst wird. Und wer im Supermarkt 10 – 50 Cent für einen Plastikbeutel mit Werbeaufdruck bezahlt, ist kein Dummkopf der gerade gelinkt wurde, sondern das Prozedere ist in ganz Deutschland üblich.
Eine der Münchener Besonderheit ist das Tarifsystem des MVG (unser öffentlicher Verkehrsverbund). Die Ringe, Zonen und Kreise sind zwar an den Informationstafeln an den Haltestellen ausgehängt. Aber das Tarifwerk ist schwer zu begreifen. Die Erklärungen sind kryptisch und lückenhaft. Es wird eine Innen- und Außenzone erwähnt, aber nicht definiert.
Die Mieten sind eine weitere Besonderheit in München. Nein! Nicht die Mieten im Allgemeinen. Aber die Höhe. Die jungen Fachkräfte haben eine Vorstellung von Deutschland die zumeist aus dem Fernsehen genährt ist. Da leben wir alle in unseren Häusern in den Vororten oder auf dem Land. Die Wohnung in der Stadt hat zumindest eine Dachterrasse, liegt am zentralen Platz inmitten der Stadt oder zumindest an der Flaniermeile.
Gleich am ersten Tag, nach den Gesprächen mit den Vermietern, macht sich Ernüchterung breit. Die Firma wird die Wohnung bezahlen, aber bei 1300,- € warm im Monat ist ein Limit gesetzt. Am zweiten Tag kreisen wir nicht mehr durch Schwabing und Nymphenburg. Jetzt steht Milbertshofen auf dem Plan. Ist doch auch ganz schön. Eine große Wohnung mit Dachterrasse / Alpenblick wird in Neuperlach angeboten. Aber selbst für diese Wohnung müsste das Limit ein klein wenig überschritten werden. Nur niemand will nach Neuperlach.

Am dritten und letzten gemeinsamen Tag, die Brasilianer müssen zurück nach Rio, ist ein Ausflug geplant. Ich und die Gäste bleiben. Mein Kollege und die Reiseleitung wechseln. Anstelle von Arno ist diesmal -> Volkmar dabei.
Schon in der Nacht hat es angefangen zu regnen. Es schüttet wie aus Kübeln, von 100 Liter auf einen Quadratmeter ist die Rede. Viele Unterführungen in München sind überflutet. Eine große überflutete Kreuzung auf der Zufahrt zu unserem Treffpunkt ist gesperrt. Liegengebliebene Autos blockieren den Verkehr zusätzlich. Unser Ziel ist Berchtesgaden. Dort wollen unsere Leute das Salzbergwerk besuchen. Der schnellste Weg von München nach Berchtesgaden ist über Salzburg. Dazu müsste man aber ein paar Kilometer über die österreichische Autobahn. Hat man kein Pickerl wäre es Unsinn wegen den paar Kilometern eines zu kaufen. Also verlassen wir die Salzburger Autobahn bei der Ausfahrt Bad Reichenhall und fahren dann über Bischofswiesen nach Berchtesgaden. Diese Ecke ist für mich ein Bermudadreieck. Immer wenn ich die Strecke fahre verfranse ich mich um ein paar Meter. Diesmal folge ich dem Navi in unserem Datenfunkgerät und lande auf dem Olympiaring. Der arme Volkmar hinter mir. Über das Funkgerät übernimmt er die Führung. Später bei einer Bergauffahrt setzt er sich an die Spitze.
In Berchtesgaden geht’s zuerst ins Bräustüberl. Eine ausgezeichnete Gaststätte in einer alten Brauerei. Die schlachten sogar selbst. Um ehrlich zu sein richtig genießen konnte ich den Aufenthalt nicht. Mein Lautsprecher in meinem Handy geht nicht mehr. Bei den Anrufen kann man mich zwar hören ich aber kann den Anrufer nicht verstehen. Ich ärgere mich, warum ich mir von dem Handyladenmann das iGlump aufschwatzen lassen habe.


Nach dem Essen bringen wir unsere Gäste zum Salzbergwerk. Bei dem Wetter ist unter Tage der beste Platz. In dem Bergwerk werden schon seit über 100 Jahren Touristen herumgeführt. Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, als ich als Jugendlicher an einer Führung im Bergwerk teilgenommen habe. Es gibt dort unten eine Salzkathedrale und einen unterirdischen Salzsee, den man mit einem Boot überfährt.
Während wir auf unsere Gäste warten entdecken wir die Grubenwehr. Ich hätte nie gedacht, dass es so was in Bayern gibt. Jetzt würde mich es nicht wundern wenn ich irgendwo noch eine Gesellschaft zur Rettung der Schiffbrüchigen finden würde. Wir sitzen auf einer Bank unter dem Vordach und albern herum. Wir stellen uns vor wie wir mit einem Steigerhut auf der kleinen elektrischen Lokomotive sitzen und wie bei einer Modeleisenbahn fremdgesteuert unsere Kreise bis ins Rentenalter ziehen.
Eine kleine Grubenbahn bringt die Gäste in den Schacht. Zuvor müssen sich die Teilnehmer in einer Kaue umziehen. Jeder bekommt einen dunkelblauen Overall mit fluoreszierenden Sicherheitsstreifen verpasst. Es gibt sogar Overall für die ganz Kleinen. In einer japanischen Gruppe entdecken wir einen Bergmann mit Schnuller.
Zwischen unseren Taxis entdecken wir einen echten Kumpel mit weißer Arbeitskleidung. Wir warten bis unsere Brasilianer wieder zu Tage sind. Der Regen hat uns viel Zeit gekostet. Die Gruppe in meinem Taxi fährt gleich direkt zum Flughafen. Bis nach Bad Reichenhall fahren wir hintereinander. Dann fahre ich im Kreisverkehr mit dem riesengroßen Salzstreuer eine Abfahrt zu früh ab und lande wieder irgendwo im Wohngebiet. Mein Bermudadreieck hat wieder zugeschlagen.



Ja die Münchener Mieten. Meine ist Dank des Mammut - Auftrags mit den Brasilianern bezahlt.


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