Sonntag, 21. August 2011

Es geht voran

Die Flughafenfahrer kennen die Stelle genau. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt, beim Wechsel von der A 92 auf die A9 wird fleißig gebaut.

Seit Jahrzehnten muss sich der Verkehr nach einer 270 Grad Kurve auf die A 9 Nürnberg-München einschleusen. Die Autofahrer, die aus Nürnberg kommen, müssen den Fahrzeugen aus Richtung Deggendorf die Vorfahrt einräumen. Ich denke mal, dass es eher untertrieben ist, wenn ich schreibe, dass es dort jeden Monat einen Unfall gibt. Verständlicherweise ist es für die Autofahrer die auf der Autobahn in gerader Richtung fahren schwer zu kapieren, daß sie bis zum Stehenbleiben abbremsen müssen. Da helfen auch die riesigen Schilder mit Blinklichtern und die fetten Markierungen auf dem Asphalt kaum.

Immer wenn ich an der Stelle vorbeikomme riskiere ich einen Blick auf den Fortschritt der Bauarbeiten. Jetzt lässt sich das Ende der Baustelle schon absehen.



Ich schätze mal, dass wir schon in diesem September über die neue Autobahnbrücke Richtung München fahren. Bei der Fahrt über die jetzige Brücke konnte ich den ortsfremden Neuankömmlingen in meinem Taxi bei guter Sicht das Alpenpanorama und die Zugspitze zeigen. Die neue Brücke ist noch eine Etage höher, von hier haben wir noch bessere Sicht!

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Mittwoch, 17. August 2011

In den Händen der Medizin

Es ist zu viel, wenn ich sage, dass ich vor Medizinern Respekt habe. Ich habe gesehen, wie die feinen Herren Mediziner mit Handschellen aus der Herzklinik abgeführt wurden. Das war vor Jahren ein kleiner Skandal bei uns in der Nachbarschaft. Aus meiner Zeit als Privatversicherter kann ich auch von Rechnungen berichten, die nicht korrekt waren. Viele Ärzte mögen schon das Wohl des Patienten im Auge haben, aber es gibt darunter auch einige Strolche.
Es ist zu wenig, wenn ich sage, dass ich vor Ärzten Angst habe. Denn das wäre ja ein klares Verhältnis. Bin ich beim Arzt, besonders bei meiner Zahnärztin, passiert mit meinem Körper seltsames. Schon der Geruch des Desinfektionsmittels lässt meine Nackenhaare gerade stehen. Der Magen wird schwer und warm, mein Blutdruck steigt und auf meiner kühlen Stirn bildet sich die eine oder andere Schweißperle. Meine Gefühlsgehirnhälfte orientiert sich an der Evolution und wechselt im Sekundentakt zwischen Flucht und Angriff. Die andere, die rationale Hälfte, zwingt mich zum Stillhalten. Sie weiß; es passiert mir ja nur Gutes. Passiert mir wirklich nur Gutes?; zweifelt selbst meine rationale Seite und ich sperre die meine Augen auf, recke den Kopf um nicht zu verpassen was mit mir geschieht. Beim Zahnarzt ist das natürlich nur eingeschränkt möglich. Dort liege ich steif wie ein Brett mit gespreiztem Mund ausgeliefert auf dem Behandlungsstuhl. Meine Fersen und mein Hinterkopf sind die einzigen Körperteile die mit dem Stuhl in Kontakt sind.

Kurz – ich bin nicht gerne bei Ärzten! Erst wenn der Schmerz die Angst besiegt, übergebe ich mich den Weißkitteln. Mein linkes Knie wurde schon vor zwei Jahren operiert - der Meniskus. Mein Übergewicht hat selbstverständlich sein Scherflein dazu beigetragen. Nach der Operation und den zahllosen Terminen bei der Krankengymnastik ging das mit meinem Knie ein Jahr lang gut und dann fing der Schmerz, und damit das Hinken wieder an.
Mit den meinen Zähnen war ich letztes Jahr in der Notfallklinik. Feig wie ich bin, habe ich den meiner Zahnärztin fest versprochenen Nachschautermin nicht wahrgenommen. Das leichte Stechen unter meiner rechten Backe habe ich ignoriert. Die Schmerzen wurden größer, aus dem Stechen entwickelte sich ein schmerzhaftes Druckgefühl das immer schlimmer wurde. Um den Gang zum Zahnarzt zu vermeiden, badete ich meine Wange in heißem Wasser. Das brachte nur kurz Linderung. In der letzten Stufe, die Schwellung war schon von außen zu sehen, kaute ich die ganze Nacht auf meiner Zahnbürste. Meine Zahnbürste sah aus, als hätte ein Hund daran geknabbert. Jetzt, und erst jetzt, war ich reif für den Zahnarzt. Meine Frau brachte mich zu meiner Zahnärztin. Die war im Urlaub. Wir sind gleich weiter zur Notfallzahnklinik in die Goethestrasse. Die besahen sich das Malheur. Ich hörte wie sie beratschlagten wie sie mit der Eiterbeule in meinem rechten Kiefer verfahren wollten. Es gab zwei Möglichkeiten: Den Zahn zu durchbohren und so den Eiter abfließen zu lassen oder einfach von innen in die Wange zu schneiden um das gleiche Ergebnis zu erreichen. Minutenlang ging es hin und her. Bohren – Schneiden – Bohren – Schneiden - . Ich beteiligte mich prustend an der Diskussion. Ich lag auf dem Stuhl, den Mund voll Klammern und Watte, und versuchte zu rufen:

“Schneimmpfen – Schpfeiden – Schnppeiden – „

Die Zahnärzte zeigten sich unbeeindruckt von meinem laienhaften medizinischen Rat, und entschieden sich für - Bohren!
Ich habe es überlebt. Ich muss gestehen; es war eine Wohltat als der Druck von einer Sekunde auf die andere vorbei war. Das Loch wurde provisorisch verschlossen. Ich sollte den Zahn aber noch bei meinem Zahnarzt spülen und nachversorgen lassen.

“Ja, sicher mach ich das. Gleich in der nächsten Woche. Sobald ich von Frankfurt zurück bin. Sie haben vollkommen recht, dass kann man so nicht lassen!“

So sprach ich und vergaß es in dem Moment als ich fluchtartig über Treppen der Notfallklinik auf die Goethestrasse sprang. Der Schmerz und somit das Versprechen war Geschichte.
Drei Wochen lang – jetzt fing es wieder an. Ich saß reuig in der Zahnklinik. Die gleiche Geschichte. Wieder lag ich auf dem Stuhl. Diesmal entschieden sich die Ärzte zum Schneiden.
Genäht wurde nicht. In die Wunde wurde Zellstoff gestopft, der sich mit der Zeit auflöst. Wieder wurde mir das Versprechen abgenommen, zum Zahnarzt zu gehen. Der Schmerz war weg, und somit auch … Der Zahnarzt sah mich wieder nicht in seiner Praxis.

Ein Jahr lang ging das gut. Auf dem Nachhauseweg vom Lehrrevier fiel mir vor Monaten eine große Plombe mit Stücken vom Zahn aus dem Mund. Zum Glück ohne Schmerz und Zahnarzt. Und jetzt bricht mir noch ein kleines Stück von einem anderen Zahn ab. Dazu kommt noch das Knie, das Maß ist jetzt selbst für mich voll, ich entschließe mich - ich werde mich der Medizin ausliefern.
Mit dem Schlimmsten fange ich an. Ich gehe zu der Zahnärztin die auch meine Frau und Kinder behandelt. Zuerst wird mein ganzes Gebiss, Zahn um Zahn, geröntgt. Diese Zahnärztin gefällt mir besser als meine letzte. Diese hier erledigt viel mehr in einem Aufwasch. Das kommt mir sehr entgegen, lieber weniger Termine bei denen jeweils mehr erledigt wird, als die umständlichen vielen kleinen. Bei meinem zweiten Termin erkennt die Ärztin meinen nur notfallmäßig versorgten Zahn. Auf dem Röntgenbild erkennt sie einen Schatten, den sie als Zyste interpretiert. Das war die Ursache für meine Schmerzen, die mich in die Zahnklinik geführt haben. Diese muss ausgeschabt werden. Sie sagt, ich müsste zeitnah zum Kieferchirurgen. Kieferchirurg? Da war ich noch nie. Alleine das Wort lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Zeitnah? OK, nächste Woche …

“ Ich habe schon einen Termin für Sie vereinbart. Sind Sie bitte heute Nachmittag um 14.15 Uhr in der Praxis bei Herrn Dr. … „

Das sind ja nur zwei Stunden Gnadenfrist. Von der Gabelsbergerstraße nach Hause fahren und dann wieder in die Stadt, das lohnt sich nicht. Der Kieferchirurg hat seine Praxis direkt am Viktualienmarkt. Wie ein geschlagener Hund schleiche ich die Gabelsbergerstrasse entlang. Ich komme an der Alten Pinakothek vorbei. Der geeignete Ort um mich die nächste Zeit abzulenken. Zu der Eintrittskarte gibt es eine Klammer, die man sich sichtbar an die Kleidung heften kann. Jetzt weiß jeder; der darf hier rein. Zum ersten Mal versuche ich mich auch mit den Audioguides, die kostenlos an der Hauptkasse im Mittelteil ausgehändigt werden. Unter manchen Gemälden ist ein Symbol mit einer Nummer angebracht. Ich kann plan- und ziellos durch die Pinakothek schlendern, vor einem beliebigen Gemälde stehenbleiben und den Ausführungen eines Kunstprofessors lauschen.
Auf den Sitzgruppen liegen Kataloge zu den Bildern der jeweiligen Ausstellung. Ich blättere auch in den Katalogen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so interessant ist, zu erfahren, was hinter den Gemälden und den Malern steckt. Die Kataloge müsste man sich an der Hauptkasse kaufen, zuhause aufmerksam durchlesen, und dann wiederkommen. Es sollte ausgenützt werden, wenn Rembrandt, Rubens oder Dürer im Original in der Stadt hängen. Die Ablenkung gelingt mir, ich hätte beinahe (oder nur zu gerne) meinen Termin beim Kieferchirurgen übersehen.
Schnell gehe ich Richtung Taxistand in der Barer Straße. Ein Taxi steht da. Ich habe eine 12,- € Fahrt. Soll ich den Kollegen deswegen vom Standplatz scheuchen, oder doch lieber ein vorbeifahrendes Taxi aufhalten? Wie ich so hin und her überlege, steigt eine Familie in das am Taxistand wartende Taxi und nimmt mir die Entscheidung ab.

Ich blicke in die Barer Straße nach Norden. Von dort sollte ein Taxi kommen, dass in meine Richtung fährt. Es dauert keine fünf Minuten, ein Taxi bremst vor mir ab. Ich steige zu und nenne mein Fahrziel. Der Kollege kennt mich, ich klage ihm mein Leid. Er war auch schon mal bei einem Kieferchirurgen und als guter Taxifahrer hat er auch gleich einen Tipp für mich parat:

„Du darfst die Augen nicht aufmachen. Niemals! Du kriegst eine Spritze, wenn du deine Augen nicht öffnest, bekommst du gar nichts mit.“

Mit dem Ratschlag ausgestattet betrete ich zum ersten Mal die Praxis eines Kieferchirurgen. Schön beim Röntgen bemerke ich einen Unterschied zum Zahnarzt. Hier beiße ich in eine Art Halter. Zwei Schienen, jeweils eine an den Schläfen, fixieren meinen Kopf. Beim Röntgen dreht sich dann eine Vorrichtung um meinen Kopf. Aus den Augenwinkeln kann ich beobachten, wie sich in Echtzeit mein Schädel samt Kiefer und Gebiss auf einen Monitor abbildet. Die weitere Prozedur ist ähnlich wie beim Zahnarzt. Es beginnt mit den drei Betäubungsspritzen. Eine davon geht in den Rachen. Als ich kein Bohren, Kratzen oder Schaben mehr spüre, siegt meine Neugierde und ich öffne die Augen. Ich sehe wie eine Hand in einem blutigem Latexhandschuh eine Nadel hält und von meinem Kopf wegführt. Der dazugehörige Faden kommt direkt aus meinem Mund. Hätte ich nur den Rat des Taxifahrers befolgt!

Parallel dazu läuft ja noch die Geschichte mit meinem Knie, oder besser sie läuft nicht. Mein Hausarzt überwies mich an einen Orthopäden. Es ist nicht der, bei dem ich vor zwei Jahren war. Bevor ich mit dem Arzt gesprochen habe, schickt mich die Sprechstundenhilfe schon ins Röntgenzimmer. Früher gab es Röntgenpässe. Wurde während des letzten Jahres geröntgt, war es schon bedenklich. Jetzt fällt mir auf, dass die teueren Maschinen in den Praxen ausgenützt werden sollen. Als freiwillig AOK – Versicherter habe ich keinen Einblick mehr in die Abrechnungen der Ärzte. Mich würde brennend interessieren, was für Röntgenbilder finanziell so bringen. Die Röntgenbilder habe ich bis heute nicht gesehen. Bei der anschließenden Besprechung mit dem Orthopäden lagen die Bilder auch nicht vor. Vielmehr sollte ich die Kernspinbilder von vor zwei Jahren zum nächsten Termin mitbringen. Jetzt habe ich schon drei bunte Umschläge mit Befunden unter dem Arm. In der linken Hemdtasche steckt zwischen den Geldscheinen meine AOK –Karte, die sonst ihr dunkles Schicksal in einem Karton über dem Schreibtisch fristet. Irgendwie komme ich mir alt vor, wenn ich so ausstaffiert durch München hinke.

Im Mund habe ich noch die Fäden von der Naht des Kieferchirurgen. Eine Woche, fünf Stiche, es war kein richtiger Faden, eher ein starker, schwarzer Zwirn. Es beißt und pickt. Das Zahnfleisch ist schon wund gescheuert. Alle drei Minuten fahre ich mit der Zunge über den Zwirn. An dem Tag, an dem die Fäden gezogen werden, bin ich der erste vor der Praxistüre. Heilfroh blicke ich auf die fünf kleinen schwarzen Quälgeister die eine Woche in meinem Mund waren. Das war mein erstes und hoffentlich für lange Zeit mein letztes Abenteuer mit der Kieferchirurgie. Meine Zahnärztin hat bis nächste Woche Urlaub – an der Front herrscht auch Ruhe.

Ruhe habe ich in einer Stunde auch. Meine Frau fährt mich zu der Tagesklinik, keine 800 Meter von uns zuhause. Um 9.00 Uhr bekomme ich meine Narkose. Nach meiner Operation am Knie werde ich eine Woche an Krücken gehen. Ich bin nicht mehr so dumm wie vor zwei Jahren. Am dritten Tag nach der OP war ich schon am Flughafen. Und weil es nicht gut ankommt die Kunden mit Krücken zu empfangen, habe ich die weggelassen. Arbeiten werde ich in der nächsten Woche vermeiden. Diesmal gönne ich mir eine Woche Ruhe.


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Mittwoch, 10. August 2011

Zwischendurch bin ich mal eine Straßenbahn

Jetzt zur Urlaubszeit werden die Wartezeiten an den Standplätzen immer länger. Ihr habt es wahrscheinlich daran gemerkt, dass ich wieder mehr blogge.
Ich bin über jede Unterbrechung am Standplatz froh, nur zu gern lasse ich mich von meiner Wartezeit erlösen. Heute Vormittag war ich wegen der Waffenhandhabung beim Waffenhändler. Heute Nachmittag treffe ich mich mit meinem Kollegen im Paulaner – Garten am Nockherberg. Am allerliebsten ist mir natürlich wenn die Unterbrechung auch noch etwas Geld in die Kasse spült wie gerade eben.
Der Datenfunk erlöst mich. SEV – Schienenersatzverkehr für die Linie 15. Start am Max- Weber-Platz. Weiter geht’s über die Haltestellen Wörth-/Milchstraße, Rosenheimer Platz, Reger Platz, Tegernseer Landstraße und Ostfriedhof.



Wie immer fragen die ins Taxi zwangsversetzten MVG – Kunden:

“Was ist passiert?“

Ich, der gerade die Tour beginnt, weiß es natürlich auch noch nicht. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass wir ja die Strecke abfahren und die Ursache schon finden werden. Ich vertröste dann meine Neugierigen mit den Worten:

“Schauen wir mal!“

Das hört sich ja im Dialekt sehr versöhnlich an. Die Fahrgäste recke die Hälse und für Gesprächsstoff ist gesorgt. Aha – Dort am Rosenheimer Platz steht ein LKW auf den Schienen. Dahinter können wir die am Weiterfahren gehinderten Straßenbahnen erkennen. Jetzt gibt es noch die Frage zu klären warum das blaue Monstrum uns solche Umstände bereitet. Vielleicht ein Unfall?

“Der Fahrer sitzt auch noch drin – der lacht a no!“



so der Kommentar einer Fahrgästin. Wir kommen an dem farblich abgestimmten Ensemble von LKW und Straßenbahnen vorbei und stellen fest, es ist (wahrscheinlich) nur eine Panne. Dahinter eine warnblinkende und hupende Autoschlange in der Franziskanerstraße. Die Reihe, bestehend aus einem Riesen – LKW und zwei aufgefahrenen Straßenbahnen ist im dichten Stadtverkehr unüberholbar. Wir fahren Haltestelle um Haltestelle ab. Genauso wie bei der Straßenahn steigen die Leute zu und aus. Die Taxiuhr läuft. Am Wendepunkt, an der Haltestelle Ostfriedhof, beobachte ich wie eine Dame, bevor sie in das Taxi steigt eine Fahrkarte am Automaten löst.



Eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter will einsteigen. Die Kleine schiebt einen Puppenwagen vor sich her. Ich steige aus um den Puppenwagen im Kofferraum zu verstauen. Ich bemerke vier Puppen in dem Wagen. Als ich wieder einsteige, mache ich eine witzige Bemerkung über die vierfache Puppenmutter. Als Mutter und Tochter wieder aussteigen und ich ihnen den Puppenwagen vor die Füße schiebe, lächelt die Mutter und zählt

“Eins, zwei, drei, vier, fünf.“

Bei eins bis vier deutet sie jeweils auf eine Puppe und bei fünf zeigt sie auf ihre kleine Tochter. Auf dem Rückweg hat die Polizei die Franziskanerstraße schon bei der Rablstraße gesperrt. Über die Rabl- Balanstraße führt auch unsere kleine Ausweichroute.



Bei einer weiteren Tour sehen wir schon einen gelben Schleppwagen, der den defekten LKW an den Haken nimmt. In diesem Moment kommt auch schon die Meldung im Datenfunkdisplay; der Schienenersatzverkehr ist beendet.


Ich fahre meine Gäste noch zur nächsten Haltestelle, melde den Fahrpreis, reihe mich wieder vor dem Holiday Inn ein und warte auf die nächste Unterbrechung – hoffentlich ein Fahrgast.


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Surprise Of The Year

Eine Firma, jahrelange Stammkunden, planen einen Konferenz am Starnberger See. Es geht um Edelmetalle, die Gäste kommen aus der ganzen Welt. Wir übernehmen den Transfer vom Flughafen nach Feldafing am Westufer des Starnberger Sees.
Wir haben die Daten über die Ankunfts- und Abflugzeiten der Konferenzteilnehmer. Wenn zwei Gäste fast zur gleichen Zeit am Terminal ankommen. Sammeln wir Beide in einen Transfer.
Ich bekomme den ersten Gast. Pünktlich stehe ich mit dem Logo der Firma am Terminal und kann den Gast aus Südafrika begrüßen. Die Maschine mit dem zweiten Gast aus New York ist schon gelandet. Nach einer Stunde warten, der NewYorker ist nicht erschienen, telefonisch war niemand zu erreichen, brechen wir auf nach Feldafing. Ich unterhalte mich mit meinem Südafrikaner, ich nenne ich John de Bur, über Deutschland, das Wetter und das Voralpenland. Er erklärt mir er wolle Auschwitz sehen. Mit Auschwitz kann ich ihm nicht dienen, aber Dachau wäre in der Nähe von München. Aber etwas weiter entfernt vom Starnberger See.
Vom Flughafen nach Feldafing sind wir natürlich nicht durch die Stadt gefahren. Unsere Route führt von der A92 auf die A96 Richtung Lindau. Über die Ausfahrt Gilching verlassen wir die Autobahn und kommen über Unterbrunn,Oberbrunn nach Starnberg. Von Starnberg sind es nur noch … Kilometer am Westufer Richtung Süden bis nach Feldafing.
Auf der A92 erkennt John das Wort Dachau auf großen blauen Ausfahrtsschildern. Er hat eine Idee. Wenn wir freitags nach und nach die Gäste vom Starnberger See zurück zum Flughafen bringen, will er im ersten Transfer dabei sein. Auf dem Rückweg zum zweiten Transfer soll ich ihn in Dachau aussetzen. Bei dem letzten Transfer zum Flughafen soll ich ihn wieder von Dachau mitnehmen. Ich verspreche ihm noch nichts, will aber schauen, was sich machen lässt. Auf der Fahrt am Westufer entlang empfehle ich ihm noch die Roseninsel. Ein kleines Boot wartet am Ufer und setzt die Gäste über. Auf der Insel gibt es einen kleinen Palazzo und einen wunderschönen Garten. Zu Fuß sind es vom Hotel zur Anlegestelle nur 15 Minuten. Ich setzte John ab und mache mich auf dem Rückweg. Der nächste Gast, diesmal ein Engländer, muss wieder vom Flughafen nach Starnberg.


Nachdem ich den zweiten Gast in Feldafing abgesetzt habe, beschließe ich meine Mittagspause an der Seepromenade in Starnberg zu verbringen. Ich verdaue meinen Döner, strecke meine Füße aus und schaue auf das Wasser. Das Wetter ist noch etwas diesig – das Alpenpanorama fehlt. Mein Telefon klingelt, auf dem Display eine mir fremde Ländervorwahl. Es meldet sich John aus Südafrika. Er hat erfahren, dass er am Freitag noch in Starnberg arbeiten muss. Ob ich denn nicht jetzt Zeit und Lust hätte um ihn abzuholen und Dachau zu zeigen. Ich schaue auf meinen Fahrplan, überlege kurz, und entscheide:

“ Ich bin jetzt in Starnberg. Ich muss noch tanken. Ich wäre in 40 Minuten bei dir. Um 17.10 Uhr landet der nächste Gast am Flughafen. Wir könnten jetzt schon losfahren und mit dem 17.10 Uhr Gast wieder zurück zu deinem Hotel kommen. Einverstanden?“

John findet das OK!. Wir starten unsere Dachau Tour. Ich will jetzt aber durch die Stadt fahren. Sonst würden wir ja dreimal die gleiche Strecke fahren. John ist müde. Er schläft ein. Soll ich ihn aufwecken? Was ist es wert ihn aufzuwecken? Das größte Schaufenster Europas bei Mercedes in der Arnulfstraße? Wenn man über die Donnersberger Brücke Richtung Norden fährt kann man es ja schön sehen. Das Olympische Dorf? Zudem wir noch über den Steven Spielberg Film Munich gesprochen haben. Ich lasse ihn schlafen. So fahre ich mit meinem schlafenden Südafrikaner auch an der mtu und an der MAN vorbei. Haben die doch neuerdings so ein imposantes Truck- und Coach Forum an der Dachauer Straße in Karlsfeld. Kurz vor dem Konzentrationslager muss ich ihn aufwecken.


Ich bemerke, dass ich innerhalb von einem Monat das dritte Mal in Dachau bin. Zuerst mit ->Hasan, dann mit den -> Amerikanern, mit denen ich auch in Neuschwanstein war, und jetzt mit John de Bur, dem Südafrikaner. Das ist mein Rekord. Wir haben immer die Abholzeit 17.10 Uhr vor Augen. Wir brechen auf um zum Flughafen zu fahren. Unterwegs checke ich die Ankunftszeiten und kann keine Maschine finden die um 17.10 Uhr landet. Ein Anruf bei der Flugauskunft verschafft Klarheit. In unserm Plan steht die Abflugzeit in London. Ein Grund für mich die angegeben Flugzeiten in Zukunft zu kontrollieren. Unsere Maschine landet planmäßig erst um 20.00 Uhr. Was mache ich jetzt mit einem Südafrikaner der seit gestern Abend unterwegs ist und wieder droht neben mir einzuschlafen. Das Wetter ist trocken – mir fällt der Hirschgarten ein.
Am Hirschgarten haben wir wie immer das Parkplatzproblem. Ich finde einen Parkplatz in einer Seitenstraße.
Ich zeige meinem afrikanischen Gast die großen Holzschränke, in denen die Maßkrüge stehen. Ich schnappe mir einen Krug, John tut es mir gleich. Ich muss noch fahren – für mich gibt es nur ein alkoholfreies Bier. Das aber wenigstens in einer Maß. John ist vom Weißbier begeistert. Beides bekommen wir nicht an der ersten Schänke. Wir trollen uns zu einer kleineren in der Mitte des Gartens. Weißbier bekommt John nur in Halbe – Krügerl. Enttäuscht tauscht er seinen Krug um.
Zum Essen will ich Steckerlfisch. Ich gehe zum Seckerlfischstand der Fischer-Vroni. Die kennt man von der Wiesn. Der Steckerlfisch ist noch nicht fertig.

“Warten´s hoit no a poor Minuten, dann hams´n frisch! Brezn? Brezn, habm mir net , de gibt’s do hintn“

Der müde Südafrikaner trottet hinter mir kreuz und quer durch den Hirschgarten. Er versteht kein Wort ist sehr interessiert was jetzt passiert. Mit der Brezen, Radi und Bier in der Hand bekommen wir unseren Fish on Sticks bei der Fischer-Vroni. Wir essen ihn unique; eine Steckerlfisch – Makrele auf dem Papier, an der Rückengräte geteilt, mit zwei Holzgabeln, dazu eine salzige, große Brezn. Mein Südafrikaner blüht auf, er ist begeistert, so etwas Gutes hat er lange nicht mehr gegessen. Wir müssen wiederkommen, unbedingt! Bevor die Konferenzteilnehmer abfliegen, soll ich sie alle zum Steckerlfisch bringen. Er nennt das einfache Mal sogar:

“Surprise of the year!“

Es freut mich natürlich, wenn es meinen Gästen schmeckt und auch natürlich darüber, dass die Zeit vergeht. Um halb acht kontrolliere ich den Flugplan. Die Landung unserer Maschine aus London ist noch nicht bestätigt. Ich rufe wieder bei der Flugauskunft an.:

“Die Maschine ist noch gar nicht in London gestartet.“

Oh je, das wird ein längerer Abend. Was mache ich mit meinem müden Afrikaner, jetzt ist auch noch sein Bauch voll und er hat Weißbier im Kopf. Wir müssen ein paar Schritte gehen. Das Schloß Nymphenburg ist nicht weit. Ich mache John den Garten des Schlosses schmackhaft. Bevor wir aussteigen schaue ich zum dritten Mal auf den Flugplan. Die Landung unserer London – Maschine ist bestätigt. Sie hat nur eine halbe Stunde Verspätung. Die erste Information war falsch. Irgendwie bin ich froh darüber, dass der Spaziergang entfällt. Wir fahren lieber mal zum Flughafen. In der AGIP gebe ich noch zwei doppelte italienische Espressi aus. Die können wir jetzt Beide brauchen. Inmitten der Taxifahrer, immer den Monitor im Auge, warten wir bis zur Landung.
Der Gast kommt zwar jetzt aus London, ist aber ebenfalls Südafrikaner. Die Beiden kennen sich und begrüßen sich herzlich auf africaans. Ich verstehe von der dem flämischen verwandten Sprache kein Wort, außer eines; Makrele.
John musste wohl seine kulinarische Erfahrung mit deutschem Steckerlfisch prompt seinem Landsmann mitteilen.


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Dienstag, 9. August 2011

Und die Fluglotsen?

Meine erste Abholung zum Flughafen war heute bereits um 4.40 Uhr. Bis zuletzt war nicht klar ob wir die Gäste abholen sollen oder nicht. Meine letzte Information war gestern Abend um 21 Uhr, dass das Gericht dem Fluglotsenstreik zugestimmt hat.
Die Fahrgäste haben um halb eins in der Nacht aus dem Fernsehen erfahren, dass der Streik der Fluglotsen in letzter Minute abgewendet wurde. Ich habe die Information taufrisch aus dem Autoradio auf dem Weg zu der frühen Abholung.
Am -> Flughafen München dann das gewohnte Bild. Am Terminal 1 und auch am Terminal 2 stehen die Maschinen zur Abfertigung bereit angedockt an den Fingern. Meine Fahrgäste sind beruhigt.


Ich ließ es mir aber dennoch nicht nehmen einmal an der Flugsicherung vorbei zu fahren.


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Montag, 8. August 2011

Der DAX ist gefallen



Der Dachs ist gefallen. Nicht in Frankfurt und auch nicht in Stuttgart. Sondern an der Straße zwischen Ismaning und Unterföhring.
Obwohl der Dachs in Bayern seit 8 Tagen Jagdzeit hat, ist dieses Tier nicht durch Jägerhand gefallen, sondern wie die meisten Wildtiere durch den Straßenverkehr. Für die zeichengläubigen Anleger mag das ein böses Omen für die noch junge Woche sein.
Gerade war ich an unserer AGIP – Tankstelle am Flughafen München. Im Fernsehen wurde das Ergebnis einer Telefonumfrage gezeigt.
“Glauben Sie an die Zukunft des EURO?“
69 % der Anrufer votierten mit Nein. Bei den fallenden Kursen und der zu erwartenden Flucht aus den EURO wird es so manchen Börsianer oder Kleinanlegern mit dem Laptop unterm Arm in den Fingern jucken jetzt auf die Schnelle ein Schnäppchen zu machen. Ich prognostiziere angesichts dieser Woche ein lukratives Auf und Ab bei unseren DAX – Standardwerten.



P.S.: Bei uns am Flughafen stand das gepfändete Flugzeug der thailändischen königlichen Familie. Ich habe schon die Botschaftsmitarbeiter mit Anzügen und glänzenden Stiefeln beobachtet wie sie Umzugskartons aus der Maschine in das Kempinski – Hotel getragen haben.
Angesichts der Verschuldung der U.S.A. und deren Kreditwürdigkeit ist Obama zu empfehlen bei Flügen nach China nicht die Air Force one zu nehmen – sie könnte ihm gepfändet werden.


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Sonntag, 7. August 2011

Viel Neues im Westen

Heute habe zwei Aufträge von Arno. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst gar nicht rausgefahren an diesem verregneten Sonntag.
Wie es bei Arno von -> Würmtal Taxi so ist, führen mich diese Aufträge in den Westen Münchens. Und da blieb ich auch den ganzen Tag. In diesem Teil der Stadt war ich schon lange nicht mehr. Am Taxistand Allach viel mir gleich das bunt angemalte Haus auf. ->Tom hat auf Facebook ein Foto von diesem Haus hochgeladen, ich habe es nur an der Architektur erkannt. In meiner Erinnerung war das immer noch ein Postamt.
Nachdem ich eine Stunde am Allacher Bahnhof den Anblick der Villa Kunterbunt (eigentlich hat ja ein anderes Gebäude in München diesen Spitznamen, aber auf dieses Haus passt das jetzt einfach zu gut) stieg mir eine ältere Dame zu. Sie wollte zum Allacher Friedhof. Der Allacher Friedhof, Friedhof, Friedhof wo ist denn hier nur der Friedhof … ? Die Dame bemerkt meine Unsicherheit und lotst mich für 5,90 € über die Schöllstraße zur Eversbuschstraße Ecke Friedhofsgasse zum St. Martin Friedhof. Unterwegs stelle ich fest, dass es den Bahnübergang bei Krauss-Maffei (der heißt jetzt Krauss-Mafei-Wegmann GmbH & Co.) nicht mehr gibt. Das geht jetzt alles über die, oder besser unter der Unterführung, an der Langwieder Straße. 100 Meter weiter schon wieder eine Neuerung. Sport Bittl gibt’s jetzt links und rechts der Georg-Reismüller-Straße.
Die nächsten hundert Meter – in der ehemaligen Karateschule ist jetzt ein Laden in dem es Bodenbeläge gibt.
Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mein altes Funkgerät auf Kanal 3 eingeschaltet, so bekomme ich aus den Ohrenwinkeln mit, dass eine Bus für den Campingplatz Langwied bestellt wird. Die Verbindung über das 2-Meter-Band in Allach ist denkbar schlecht. Ich höre unsere Zentrale nur mit Rauschen und abgehackt. Der Auftrag wird mir auf mein Datenfunkterminal übertragen. Jetzt sehe ich es weiß auf blau:

ESCHENRIEDER STR 199 CAMPING LANGWIEDER SEE Taxi-Bus für 5 Pers.

Die Armen, kann ich mir nur denken. Machen Urlaub in München, sitzen bei Regenwetter im Zelt, mit Baden im See gleich über der Straße ist bei diesem Wetter auch nichts.
Den Campingplatz kann ich von der Stadt nur über die Autobahn oder über Langwied erreichen. Von meinem jetzigen Standpunkt am Allacher Friedhof ist die Anfahrt über sechs Kilometer. Ich mache mir Hoffnung auf eine Fahrt in die Stadt, das wären mindestens 30,- €. Am Campingplatz warten meine Fahrgäste, eine Familie mit drei Kindern, im Garten des ->Saddle Up Saloon, der Gaststätte im Western Style des Campingplatzes. Ich packe die Kindersitze nach vorne und den Kinderwagen in den Kofferraum. Der Vater gibt das Fahrziel an:

“To the next S-Bahn-Station, please.“

Die nächste S-Bahnstation ist die S-Bahn in Lochhausen. Drei Kilometer Besetztfahrt bei sechs Kilometer Anfahrt und dann bin ich am Sonntag Nachmittag noch im äußersten Nordwesten Münchens frei. Aber ich kann die S-Bahnstation auf die Schnelle nicht umbauen und irgendwie ist die Familie mit dem Wetter schon genug geplagt. Mit Trinkgeld kommt die Fahrt dann doch auf 10,- €. Auf dem Rückweg bekomme ich die zweite Fahrt von Arno. Die Fahrt führt mich aus dem Westen – ich bin ganz froh darüber, heute hatte ich schon genug Neues.


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Freitag, 5. August 2011

Verkaufe Fahrzeug, ein oder zwei PS

Als Taxifahrer kommt man nicht daran vorbei. Man kauft und verkauft das eine oder andere Auto. Oft sind es die Taxis selbst. Dann kamen in meinen jungen Jahren einpaar Autos von Fahrgästen dazu. Billig repariert, neue HU vom TÜV … und wieder verschnalzt. Die große Mark war dabei nicht verdient – wir kamen uns aber dabei ungemein wichtig vor.

Allacher Straße, Untermenzing

Einen weißen Golf verkaufte ich an einen zukünftigen Kollegen. Den ganzen Kaufpreis auf einen Streich konnte er nicht aufbringen. Wie bei den Großen haben wir Ratenzahlung vereinbart. Bis zur Zahlung der letzten Rate blieb der Fahrzeugbrief ( die heutigen Zulassungspapiere II) und der dritte Schlüssel bei mir. Die letzte der drei Raten blieb er mir schuldig, das Auto hatte er ja bereits. In der Marsstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs gab es eine FINA – Tankstelle beherbergte das damals grösste Taxiunternehmens Münchens mit 55 Taxis. Dementsprechend viele Taxifahrer standen dann auch nachts um den Kaffeeautomaten in dem kleinen Zimmer neben der Tankstelle. Dort traf ich auch meinen Käufer mit einem Kaffeebecher in der Hand. Ich suchte die Straße ab und hatte Glück. Nicht weit von der Tankstelle parkte sein / mein Golf. Die Papiere hatte ich neben den Schlüssel in einem Fach im Kofferraum meines Taxis. Schnell verschwand ich mit dem Auto die Marsstrasse auswärts. An der Arnulfstraße wendete ich und parkte das Auto unter der Donnersberger Brücke. Die nächste S-Bahnstation ist gleich auf der Brücke. Darunter verkehrt die S-Bahnstammstrecke. Alle zwei Minuten fährt eine S-Bahn die zwei Stationen zum Hauptbahnhof. Keine 20 Minuten später stand ich wieder mit einem Kaffee in der Hand neben ihm. Als ich ihm eröffnete, dass ich das Auto versteckt hätte, rannte er auf die Straße um festzustellen, dass an der Stelle wo er den Golf geparkt hatte nun ein anderes Auto parkte. Morgen so sagte er mir würde ich das Geld bekommen. So war es dann auch. Ich übergab ihm seinen Fahrzeugbrief und den dritten Schlüssel. Die Taxifahrt zur Donnersberger Brücke ging dann auf meine Rechnung.


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Donnerstag, 4. August 2011

Schlösser über Schlösser

Eine Schlössertour sollte der Münchener Taxifahrer schon draufhaben. Die meisten Touristen, die nach Deutschland kommen, besuchen Bayern. Innerhalb Bayerns ist München noch mal ein Tourismusmagnet. Die Gäste, die sich entschließen mit dem Taxi eine Schlössertour zu machen sind nicht die Asiaten, die Europa pauschal buchen. Die Asiaten haben die Amerikaner abgelöst. Ich kann mich noch an die frühen 90iger erinnern. Damals sah ich während der Sommermonate junge US – Amerikaner mit dicken bunten Taschenbüchern; „Let´s Go Europe In 14 Days 1991“ stand in großen Lettern auf dem Umschlag. Von Saison zu Saison wechselte nur die Jahreszahl.
Die dicken Taschenbücher und die Gäste aus Nordamerika sind in den letzten Jahren in München stark ausgeblieben. Nun sind unsere Gäste während der Sommermonate die Araber und im Winter die Russen. Jeder hat so seine Vorlieben. Bei den Russen steht z.B. Garmisch hoch im Kurs, bei den Arabern hat sich in den letzten Jahren Zell am See ( in Österreich) unbestritten zu einem Renner entwickelt.
Meine Gäste diesmal sind eine Gruppe der inzwischen seltenen Amerikaner. Wenn schon denn schon! Meine Gäste kommen aus Kalifornien. Als Laie denke ich da sofort an die typischen Amerikaner; etwas oberflächlich, wenig Geografie und Geschichtskenntnis, kulinarisch schlicht, u.s.w. Bei den Gästen von der Ostküste wähnt man mehr Kultur und Geschichte. Die Ostküstler mögen uns mehr europäisch erscheinen. Aber Kalifornier, so wie meine, das sind „richtige Amerikaner“, wie man sie sich vorstellt. Natürlich sind das alles nur Klischees und ich lasse mich immer wieder eines besseren belehren.


Die historischen Daten zu den Schlössern erspare ich euch und mir. Dazu vielleicht in einem anderen Post mehr. Die Tour beginnt um 8.30 Uhr vor dem Hotel. Meine Gäste erwarten mich schon abfahrtsbereit. Meine gegenwärtige Schlössertour umfasst drei Ziele: Wieskirche – Schloß Neuschwanstein – Schloß Linderhof. Ganz am Anfang bin ich mit meinen Gästen nur zum Schloß Neuschwanstein gefahren. Im Laufe der Zeit finde ich es Schade das Schloß Linderhof zu vernachlässigen, gerade wenn wir sowieso schon in der Gegend sind. Vor Jahren hatte ich eine große (Tor)tour in der Hinterhand. Das Thema war König Ludwig II. Beginn war in München. Die aufgehende Sonne beleuchtet das Schloß Nymphenburg, hier wurde Ludwig geboren (Spiegelzimmer) . Weiter zum Schloß Hohenschwangau, hier verbrachte der König seine Jugendjahre. Rüber und rauf zum bekannten Schloß Neuschwanstein. Weiter geht’s nach Linderhof. Von dort auf dem Weg über die Garmischer Autobahn einen kleinen Abstecher nach Leoni zum Kreuz im Starnberger See, wo der König ->gemeuchelt wurde. Diese Tour ist ein Traum. Thematisch absolut passend. Geburt – aufgehende Sonne, bis zum Kreuz im See, hinter dem die Sonne untergeht. Die Gäste sind beeindruckt, müssen aber auch einiges über sich (er-)gehen lassen. Einmal habe ich die Tour mit Chinesen gemacht. Dabei waren wir im Garten vom Schloß Linderhof bis ganz hinten in Huntings Hütte. Abends sind sie dann müde in den Sofas der Hotelloby versunken, aber ihr Kommentar;

“Schade dass es vorbei ist.“

hat mich dann noch bestätigt.


Bei meiner jetzigen Tour habe ich die drei oben genannten Ziele. Genug für einen erfüllten Tag bei dem dann noch Zeit für ruhiges Mittagessen bleibt.
Ich fahre über die Garmischer Autobahn, Ausfahrt Murnau, nach Hohenschwangau. Gleich nach dem Luise-Kisselbach-Platz ist rechts neben der Autobahn in Fürstenried ein kleines Schlösschen. Bei der Vorbeifahrt erkläre ich in groben Zügen die Wittelsbacher-Story. Die längste Dynastie in Europa – dabei sperren die Amis die Ohren auf. Der erste bayerische Herrscher aus dem Hause Wittelsbach war ein Otto und auch der letzte hieß Otto. Jener letzte Otto, Otto Wilhelm Luitpold Adalbert Waldemar von Wittelsbach, ist dann auch dort, ich deute mit dem Finger nach rechts, 1916 gestorben. (Nach der Änderung der Verfassung 1913 gilt Ludwig III. als der letzte Wittelsbacher – Herrscher in Bayern.) Bei der Vorbeifahrt können wir das ehemalige Jagdschloss nur schlecht zwischen der Autobahnbepflanzung erkennen. Aber ich habe einen guten Einstieg für die Wittelsbacher – Geschichte.

Bei Murnau verlassen wir die Autobahn, es geht jetzt noch eine gute halbe Stunde über Land. Ich biege nach links ab und erfreue mich an dem Staunen meiner Kalifornier, als wir inmitten vom Nichts vor der prächtigen Wieskirche stehen. Ich habe am Vorabend noch schnell im Internet gesucht ob ich was über die Wieskirche finde. Das Ergebnis war aber nicht so ergreifend. Aber über die Entstehung der Kirche gibt es zwei schöne Geschichten, die ich an den Mann, besonders an die Kinder bringen kann. Als Erstes; die Gründung des PRAEMONSTRATENSER-Ordens, der den Bau der Kirche in Auftrag gab. Ein Ritter wird reitend vom Blitz getroffen, stürzt vom Pferd, hat einen Traum ….
Als Zweites; die Rolle der Heiland Figur. Sie verstaubt im Speicher eines Gasthauses. Eine Bäuerin erbittet die Figur. Sie sieht dann Tränen an den Wangen des gegeißelten Christus … Wunder – Walfahrt – Geld verdienen. Das wollen meine amerikanischen Gäste hören. Im Verkaufs- und Bettelraum finde ich eine Broschüre in der die Architektur und die Gemälde der Kirche erklärt werden. Ich nehme die Broschüre gleich in englischer Sprache – das erleichtert die Weitergabe meines Wissens an englischsprachige Gäste ungemein.

Wir dürfen nicht zuviel Zeit verschwenden. Neuschwanstein ist immer ein kleines Wagnis. Wenn dort zu viele Touristen sind wird es eng mit der Zeit.
Und tatsächlich – Wir fahren zwischen den Restaurants, Hotels und Souvenirläden unterhalb des Schlosses, die Schlange der Anstehenden vor dem Ticketverkauf ist 50 Meter lang. Die Schlange vor den Pferdekutschen ist kaum kürzer. Ich bleibe gleich vor dem Ticketcenter stehen und komme nach drei Minuten mit Karten für eine Führung in Englisch zurück zum Taxi. Eitel wie ich bin genieße ich wieder die Blicke meiner Amerikaner. Ich parke das Auto auf dem hinteren Parkplatz am See. Die Führungen durch Neuschwanstein dauern leider nur 25 Minuten. Ich habe gehört, dass die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung den Durchsatz noch weiter erhöhen will. Die Führungen gehen jetzt schon im Minutentakt durch das Schloß. Wir müssen absolut pünktlich im Schlosshof sein. Unsere Führung beginnt um 13.50. Fünf Minuten vorher gibt das Drehkreuz den Zugang zu unserer Führung frei. Früher oder später sind unsere Tickets wertlos.

Jetzt kommt die zweite Herausforderung. Wie bringe ich meine Leute pünktlich in den Hof. Jetzt war ich schon so oft hier, immer war es anders. Es gibt jetzt eine kleine Buslinie mit zwei Bussen, die verkehren zwischen Talstation und Marienbrücke. Die Haltestellen dort sind überfüllt. Meine Amerikaner wollen essen. Ich setze sie in ein Restaurant von dem ich weiß, dass wir schnell bedient werden. Nachdem ich bei der Bestellung behilflich war, gehe ich zu dem großen Platz, von dem auch die Linienbusse nach Füssen abgehen. Dort habe ich beim der Anfahrt einen Bus entdeckt, der irgendwie nicht hierher passt. Ich erwische den Fahrer, unabhängig der „Linie“ verkehrt auch er zwischen dem Busplatz und der Marienbrücke. Er hat keinen festen Fahrplan. Er kann mir aber ungefähr sagen, wann er wieder kommt. Ich kündige uns gleich mal an:

“Wir kommen dann zu Neunt.“

Jetzt gehe ich zurück ins Restaurant. Meine Gäste laden mich ein. Ich kann während des Essens beobachten wann der Bus vorbeifährt und dann abschätzen wann er wieder kommt. Ich bin in solchen Situationen immer etwas aufgeregt. Die Gäste essen, aber ich will mein Programm unterkriegen. Geschickt mahne ich zur Eile. Es gäbe nichts Schlimmeres für mich, als wenn ich mit Gästen vor verschlossenen Schlosspforten stehe. Aber es klappt. Der Bus kommt wir steigen ein. Ich schaue auf die Uhr und bin beruhigt. Marienbrücke, Fotos machen, runter zum Schloß gehen. Das haut hin. Auf dem Weg nach oben müssen wir vor einer Ampel warten. Der Bus kommt in der Gegenrichtung vom Berg herunter. Hinter uns kommt einer der Linienbusse. Der Fahrer des Linienbusses fährt neben uns, um sich mit unserem Busfahrer zu unterhalten. Dabei kommen die Busse nebeneinander zu stehen. Wir sitzen bequem auf unseren Plätzen und sehen durch die angelaufenen Scheiben des anderen Busses die Menschen eng gepfercht zwischen den Sitzreihen und den Einstiegen sehen. Beruhigt stellen wir fest, dass wir die bessere Wahl getroffen haben.

Der Linienbus setzt zurück und lässt den Gegenbus durchfahren. Wir fahren weiter bergauf zur Marienbrücke. Noch ein paar Meter und wir stehen auf der überfüllten Brücke. Zwei meiner Fahrgäste wollen nicht auf die Brücke. Mir selbst ist mulmig wenn ich auf den tief unter mir rauschenden Bach in der Schlucht schaue. Es kommt manchmal vor, dass sich Menschen an das Geländer klammern und nur durch gutes Zureden Stück für Stück zurück gehen, bis sie festen Boden unter den Füssen haben. Ich beobachte eine Asiatin, die Zentimeter um Zentimeter von der Brücke schlürft. Ihre beiden Hände hat sie in das Geländer gekrallt. Die Haut über ihren Fingerknöcheln ist gespannt. Langsam öffnet sie ihre Hand, platziert sie 10 Zentimeter weiter, öffnet die andere Hand und zieht sie nach. Die Leute verhalten sich gut. Sie machen bereitwillig Platz und jeder lächelt ihr ermutigen zu. Ich gehe auch wieder zurück, sammele meine Gäste, wir müssen zum Schloss.

Die Führung selbst verläuft planmäßig. Etwas unmotiviert leiern die Führer ihre auswendig gelernten Sprüche herunter. Ich stelle mir das nicht so toll vor, wenn ich jeden Tag durch die gleichen Räume gehe und immer das gleiche sagen muss. Die wissen bestimmt mehr, aber wegen der engen Zeitvorgabe bleibt ihnen nicht viel Spielraum.
Nach dem Programmpunkt Neuschwanstein bin ich beruhigt. Alles Weitere kann ich mehr beeinflussen. Es fängt gleich mit der Fahrt nach Schloss Linderhof an. Das Navi schlägt die Route über Steingaden und Bad Kohlgrub vor. Wir aber fahren über Reutte / Tirol. Hintenrum sozusagen. Wir kommen durch das romantische Füssen (da muss ich mir noch eine schöne Stadtdurchfahrt einfallen lassen) und am Plansee (Österreich / Tirol ) vorbei. Zudem geht es schneller als die rein „deutsche“ Variante.


Am Schloss Linderhof beschließt ein Teil meiner Gäste im Taxi zu bleiben. Ihr Grund ist nicht nur die Müdigkeit, auch das Wetter, das sich gedreht hat. Es beginnt zu regnen. Bewaffnet mit Regenschirmen machen wir, der tapfere Rest, uns auf den Weg zum Schloss. Im Vergleich zu den anderen Schlössern ist Linderhof nur ein Schlösschen. Eines aber, das es in sich hat. Ich kaufe wieder Eintrittskarten für eine englischsprachige Führung. Es passt wie die Faust aufs Auge. Die Führung beginnt um 17.40 Uhr. Die Wasserfontäne vor dem Schloss beginnt alle halbe Stunde zu steigen. Genau in dem Moment in dem die Wasserspiele verebben drehen wir uns um und betreten ohne zu warten das Schlösschen. Die Führung ist auch hier kurz und knackig. Mir fällt auf, dass sich die jetzige englische Führung von meiner letzten unterscheidet. Die Klassiker, wie das Tischlein-deck-dich, blieben erwähnt. Aber die Führerin heute hat uns auf Details hingewiesen, die während meiner letzten Führung, unerwähnt blieben. So konnte ich in die Bresche springen und meinen Gästen das zuflüstern, was ich von der letzten Führung wusste und diesmal nicht erklärt wurde.
Der Garten des Schloss Linderhof steckt voller kleiner Preziosen. Da ist die Grotte, der maurische Kiosk, das Marokkanische Haus, Huntins Hütte … Wir sind müde und durchnässt Den Garten sparen wir uns. Die Fahrt auf der Autobahn tut ihr übriges, meine Gäste schlafen alle ein.
Am Abend dann bin ich richtig fertig. So ein Tag in einer fremden Sprache stresst ganz schön. Ein Auge habe ich ständig auf die Gäste – ach ja, und mit dem Taxi fahren, das sollte ich nebenbei auch noch.


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Montag, 1. August 2011

Oversized



75 Leute sind zu befördern. Die Firma bestellt bei einem Busunternehmen einen Bus. Das Busunternehmen sagt zu und will einen 54 – Sitzer schicken. Das reicht noch nicht ganz. Zum Glück gibt es die Taxibusse. Da werden noch mal drei 8-Sitzer bestellt – und schon geht es sich aus. Außer wenn das Busunternehmen doch noch einen 73 – Sitzer schickt und fünf der Mitfahrer absagen.
Dann sind drei Taxibusse zuviel! Aber bei der großzügig bezahlten Anfahrt bedeutet dass auch, dass zumindest ein Taxibusfahrer früher Feierabend machen kann.


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