Donnerstag, 29. September 2011

Jagdjahr

Vor ziemlich genau einem Jahr war es, als ich mit meinem Freund und Taxikollegen Robert mit einer handvoll Jägermeisterfläschchen an unserer Bavaria-Petrol Tankstelle stand. Ganz entgegen unserer Gewohnheit haben wir uns mit Spirituosen eingedeckt. Die Fläschchen wurden gleich neben der Tankstelle auf dem Gehsteig geleert. Wir kamen gerade vom -> Informationsabend unserer Jagdschule im Jagdmuseum. Unsere Anmeldungen haben wir abgegeben. Als angehende Jungjäger mussten wir diesen für uns so wichtigen Schritt begießen. Was eignet sich da besser als die selbst in den USA beliebten „Jega-Shoots“.
Nach einem Jahr ist es dann auch soweit. Die Jägerprüfung ist bestanden. Das Prüfungszeugnis habe ich in der Tasche. Gestern, am Dienstag, war es dann soweit. Der Jagdschein muss her. Den Termin für den Tausch der Radlager in meinem Taxi habe ich auf Vormittag gelegt. Ich kann so von Freimann aus, wo die Werkstatt liegt, mit der U6 ohne umzusteigen in die Poccistraße fahren. In der Poccistraße ist das KVR, das Münchener Kreisverwaltungsreferat. Das KVR München ist die für mich zuständige untere Jagdbehörde – hier werde ich ihn bekommen, meinen lang ersehnten und erkämpften Jagdschein.
Beim der Beantragen des Scheins muss ich eine Jagdhaftpflichtversicherung nachweisen. Die Versicherung muss bis zum Ende der Gültigkeit des Jagdscheins gelten. Ich will die Versicherung am Sonntag online abschließen. Bei der Gesellschaft waren wir schon während unserer Jagdausbildung versichert. Ich öffne die Seite, fülle den Antrag im Online – Formular aus. Persönliche Daten, Bankverbindung, mit oder ohne Hund … Bei der Frage welchen Jagdschein ich will, kreuze ich den Dreijahresjagdschein an. In das Feld Beginn der Versicherung trage ich den 01.11.2011 ein. Ich denke mir; wenn ich den Jagdschein nächste Woche beantrage, muss noch meine ->Zuverlässigkeit nach dem Waffengesetz überprüft werden. Das wird so drei bis vier Wochen dauern. Bis dahin ist es dann Ende Oktober und ich kann mit dem Jagdschein beginnend ab 01.11.2011 anfangen. Das Datum könnte ich mir auch noch leicht merken. Ich kontrolliere noch einmal meine eingegeben Daten auf dem Bildschirm, schicke sie ab und erwarte meine Versicherungsbestätigung zum Ausdrucken. Auf der ausgedruckten Bestätigung sticht mir gleich das Datum des Endes der Gültigkeit ins Auge. Die Versicherung endet am 31.03.2014 um 24.00 Uhr!
Wie kann das nur angehen? Ich überprüfe noch mal meine Angaben: Versicherungsbeginn: 01.11.2011. Dreijahresjagdschein. Also muss doch die Versicherung bis zum 01.11.2014 gelten und nicht nur bis zum 31.03.2014! Ich sehe mich schon im Amt wie der Beamte mir erklärt, er könne mir keinen Dreijahresjagdschein ausstellen, weil der Versicherungszeitraum nicht ausreicht. Ich bin mir unsicher, wenn ich jetzt die ganze Prozedur wiederhole, habe ich dann zwei Versicherungen?
Zum Glück ist eine Telefonnummer angegeben. Dort rufe ich sofort an. Natürlich ist dort sonntags niemand zu sprechen. Ich interlasse auf dem Band meinen Namen, Telefonnummer und Anliegen und hoffe auf eine schnelle Klärung, denn übermorgen bin ich schon in der Jagdbehörde.
Am Abend sitze ich mit Robert im Ziegelhaus – Biergarten bei uns am Hart. Ich erzähle ihm von meinem Verdruss mit meiner Jagdhaftpflichtversicherung. Ich schimpfe wie ein Rohrspatz.

„Wieso gilt die Versicherung nur bis zum 31.03. ?“

Während meiner Schimpferei dämmert es mir; 31.03., 31.03. !? Mir fällt es wie Schuppen von den Augen. Na klar! Nach dem 31.03. kommt der 1.04. Das Jagdjahr beginnt immer am 1.April. Der Jagdschein gilt bis zum Ende des Jagdjahres. Jetzt ist alles geklärt.

Es kommt der Montag. Ich fahre mit meinen Fahrgästen durch Dornach. Mein Handy klingelt, die Versicherung ist dran:

“Sie haben um Rückruf gebeten. Es geht um eine Jagdhaftpflichtversicherung … „

„Nein, Nein. Alles schon in Ordnung. Hat sich erledigt. War mein Fehler. Ist doch ganz klar! Wie soll denn auch eine Jagdversicherung über das Jagdjahr hinaus gelten? Das weiß man doch. Ts, ts, ts.“

Nach der Tour, sie endete im Münchener Osten, fahre ich beim Waffen Krausser vorbei. Ich will bescheid sagen, dass ich die Prüfung bestanden habe und mich für die Hilfe während der letzten Wochen bedanken. Bei der Gelegenheit will ich mich gleich nach einer Flinte erkundigen. Die neuen sind mir noch zu teuer. Der Waffenhändler legt mir eine kaum gebrauchte Waffe auf den Tisch. Vom ersten Anblick an, bin ich begeistert von dieser Flinte. Der Schaft hat keine Backe und der breite Vorderschaft ist genau passend für meine Bratzn. Hätte ich jetzt schon den Jagdschein, könnte ich mir die Flinte kaufen. Der Büchsenmacher klärt mich auf:

„Den Jagdschein haben Sie doch morgen! Sie brauchen die Überprüfung der Zuverlässigkeit gar nicht abzuwarten“

Ich habe schon wiederholt Munition bei ihm gekauft und so wusste er von meiner waffenrechtlichen Erlaubnis.
Morgen, Morgen, Morgen schon – schwirrt es mir durch den Kopf. Ab Dienstag könnte ich den Jagdschein haben, wäre da nicht die Versicherung. Als Beginn der Versicherung habe ich den 01.11.2011 angegeben. Das wäre erst in fünf Wochen. Also rufe ich noch mal an. Die Sachbearbeiterin ist schon leicht amüsiert. Wir kommen ins Gespräch und unterhalten uns angeregt über das Oktoberfest und Gott und die Welt. Ich verlege den Beginn meiner Jagdhaftpflichtversicherung nun endgültig auf morgen, den 27.09.2011.



Am 27. bin ich dann auch überpünktlich vor dem KVR. Mein Taxi ist ja wegen der Radlager in der Werkstatt. Dienstags macht das Kreisverwaltungsreferat erst um 10.00 Uhr auf. Ich warte mit vielen Anderen vor der verschlossenen Türe, bis die Mitarbeiterin einer Sicherheitsfirma pünktlich die Pforte öffnet. Die Büros für Jagd, Fischerei und Waffen sind in einer Abteilung im dritten Stock zusammengefasst. Dort bin heute der Erste. Mit meinem ausgefüllten Antrag sitze ich im Zimmer meines zuständigen Verwaltungsinspektors. Ich brauche nur noch an der Kasse 151,- € bezahlen. (90,- € Jagdschein, 60,- € Jagdabgabe und 1,- € Kopien  ) Bis ich von der Kasse komme hat der Beamte schon meine Zuverlässigkeit überprüft und stellt mir meinen geliebten Jagdschein aus. Er gibt mir gleich zwei Formblätter mit. Die soll ich ausfüllen, wenn ich wiederkomme um eine Langwaffe auf meine zweite Waffenbesitzkarte eintragen zu lassen. Meine Zuverlässigkeit wird automatisch alle zwei Jahre überprüft, zuletzt war das vor einem halben Jahr. Mein Glück, so kann ich den Jagdschein gleich mitnehmen.
Meine Flinte liegt zurückgelegt beim Büchsenmacher. Jetzt freue ich mich, nur jetzt ausnahmsweise(!), das zur Zeit das Oktoberfest ist – da habe ich das Geld für die Flinte schneller zusammen.
Eines bleibt mir ab jetzt in Erinnerung. Das Jagdjahr beginnt und endet und beginnt immer am 1.April auch für den Jagdschein und die Jagdhaftpflichtversicherung.


.

Dienstag, 27. September 2011

Verständnis

Funkauftrag zum Seehaus. Ein Großraumtaxi wird gebraucht. Ich komme melde mich. Eine arabische Familie sind meine Gäste. Er, dass Familienoberhaupt würdigt mich keines Blickes. Meinen Gruß erwidert er nicht. Er steigt ins Taxi, vorne wo sonst. Seine Frauen, die Kinderfrau aus den Philippinen und seine Kinder können sehen wie sie zurechtkommen. Fahrziel Bayerischer Hof.
Kaum sind wir losgefahren, dreht er die Klimaanlage hoch. Ich wieder runter. Er greift zu den Visitenkarten, putzt sich nach seinem Mahl im Seehaus damit die Zahnzwischenräume. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen. Legt er die benutzte Visitenkarte wieder zurück. Ich spiele mit dem Gedanken zu fragen, ob es bei ihm so Sitte wäre. Sein Vorgänger hätte es genauso gemacht. ;-) . Nein ich halte den Mund. Fühle mich aber unwohl und das nimmt erfahrungsgemäß kein gutes Ende. An der Isarparallele angekommen, dreht der Pascha das Radio lauter. Jetzt reicht´s! Ich drehe den Radio demonstrativ wieder leise. So leise das er meine eindringlichen Worte versteht. Ich beuge mich zu ihm in die Fahrzeugmitte, spreche leise, um ihn nicht zu blamieren. Er neigt sich lauschend zu mir.
“Wenn du noch einmal, nur noch einmal, hier irgendetwas berührst,…“
und dabei schwenkt mein Finger vom linken Außenspiegel zum rechten und wieder zurück.
“… dann steigst du hier an dieser Stelle sofort aus. Dein Geld kannst du behalten. Hast du mich verstanden?
Ich erwarte und bekomme keine Antwort. Stattdessen glotzt er beleidigt mit halboffenem Mund auf die Fahrbahnmarkierung der Emil-Riedl-Straße. Nach 30 Sekunden fragt er:


„Warum bist du so?“

Nach dieser Antwort war mir klar; er hat nicht verstanden. Im Bayerischen Hof steigt er aus und schreitet durch das Portal. Die Filipina bezahlt, seine Frau und seine Kinder würdigt er keines Blickes.


.

Freitag, 23. September 2011

Dreimal hat’s gekracht

Ich hatte jetzt lange keine Lust zu schreiben. Da war erstmal mein Knie – die erste Operation vor zwei Jahren war nicht so erfolgreich. Heuer habe ich mich durchgerungen die zweite Operation anzugehen. Vor so einer Operation gibt es viele Termine wahrzunehmen und ich bin kein Freund der Weißkittel. Erst war es nur die Angst vor den Zahnärzten und jetzt haben mir alle das Kraut ausgeschüttet. Wenn der gesündeste Mensch von Arzt zu Arzt rennt wird früher oder später ein Zipperlein gefunden an dem sich der Patient dann aufhängt. Mit dem frisch operierten Knie war ich zehn Tage an Krücken und Zuhause gebunden. Mir fällt das sehr schwer.
Kaum konnte ich gehen, habe ich mich alleine um das Geschäft gekümmert, draußen fahren, telefonieren, koordinieren und abends noch Büro spielen, bis …
Bis mein Taxi seltsame Geräusche von sich gab. In regelmäßigen Abständen hörte ich ein WAFF, WAFF, WAFF. Am Flughafen steckten dann meine Kollegen ihre Ohren in den Motorraum und vermuteten, dass irgendwo Luft „rausbläst“. Ich wollte so keine Kunden befördern und scherte aus der Reihe aus. In der Werkstatt war die erste Mutmaßung auch der Auspuff. Ich habe mich angesichts der zu erwartenden günstigen Reparatur schon gefreut. Wurde aber herb enttäuscht.

“Jetzt baun mer moi des do vorne ois weg und schaun amoi wos do los is!“

Und los war einiges – die Nockenwelle war eingelaufen, zwei Ventile waren fest, der Zylinderkopf musste erneuert werden. Kurze Rede, das Auto war knapp elf Tage in der Werkstatt. Erst die Zwangspause mit dem Knie und dann das. Uns trifft das ja immer doppelt, zum Einen braucht man Geld um die Reparatur zu bezahlen, zum Anderen kann man nicht arbeiten um Umsatz zu machen. Die armen Mechaniker konnten nichts dafür, auch sie mussten auf die Teile warten. Ich nahm die Aufträge für die nächsten Tage an, weil das Taxi ja fertig sein sollte. Kurzfristig erfuhr ich, dass mein Taxi doch noch nicht fertig wurde, und so musste ich die dringend benötigten Aufträge schnell weiter- oder an die Kollegen zurückgeben.

Dazu noch meine Jägerprüfung. Nach meinem kläglichen Versagen im Juni in der -> Waffenhandhabung wurde ich immer aufgeregter, je näher der Termin für meine zweite Chance kam.

Wo sollte ich denn Waffenhandhabung üben? Wer hat den schon einen Drilling, eine Bockbüchsflinte, eine Bockflinte, einen alten und einen neuen Repetierer? Ich nutzte das Angebot des Herrn Krausser, Inhabers des ->Waffengeschäftes Krausser in München in der Nähe des Ostbahnhofs. Im August organisierte ich einen Sammeltermin mit den Kandidaten für die Prüfung im September. Jeder Anwesende konnte dann während der Geschäftszeiten im Geschäft, manchmal unter Anleitung des Chefs, mit den Waffen hantieren. Ich nutzte das Angebot aus und stand sechsmal vor dem Tresen mit der Büchse in der Hand und übte das Anschlagen, Umschalten und Zielen auf ein Regal, das wir zur sicheren Richtung erklärt hatten. Hundertmal hatte ich die Waffen be- und entladen. Machte mich vertraut mit den verschiedenen Systemen. Prägte mir Merksätze wie sichern – brechen – entstechen , bei Kipplaufwaffen ein. Bei den Repetierern prägte ich mir S – S – L – K , Sicherung – Stecher – Lauf – Kaliber, ein. Jedes Mal bevor ich eine Waffe aufnahm kontrollierte ich die Sicherung, wackelte am Stecher, schaute durch den Lauf überprüfte das Kaliber auf dem Lauf und auf den Patronen.

Das Schießen mit der Büchse übte ich nur noch auf dem Schießstand in Unterdill. Ich versuchte immer möglichst nah an der Prüfung zu bleiben. Ich holte mir einen Stutzen Kaliber .222, die passende Munition und eine Rehscheibe. Beim zweiten Mal bekam ich ein anderes Gewehr, auch Kaliber .222 - aber diesmal mit einem französischen Stecher. Beim nächsten Schießen hatte die Büchse ein Zielfernrohr mit einem anderen Absehen. Ich habe mit zwei Absehen, dem Absehen 1 (Zielstachel) und dem Absehen 4 (Fadenkreuz) geübt. Tage vor der Prüfung habe ich erfahren, dass wir uns aussuchen können mit welchem Absehen wir in der Prüfung schießen. Dann hieß es wieder es gäbe bei der Prüfung nur das Absehen 4, das mir, seit ich es kenne auch besser liegt. Der dicke Zielstachel des Absehens 1 verdeckt mir zuviel vom Ziel. Ich finde das Fadenkreuz feiner und präziser.
Endlich ist er da, der Tag der Prüfung. Am Abend davor muss ich noch zweimal mit dem Taxi Gäste vom Oktoberfest abholen. Dafür gönne ich mir am Prüfungstag, die Prüfung beginnt um 11.00 Uhr, Ruhe vom Aufstehen an. Am Schießstand Unterdill treffe ich auf meine Kurskameraden von der Waidmannsgilde. Ich kann die Aufregung spüren. Wir sitzen im Nebenzimmer des griechischen Lokals am Schießstand. Die Tür geht auf – ein Prüfer holt einen nach dem anderen zur Waffenhandhabung. Ich bin der Letzte. Einsam gehe ich auf und ab und zwinge mich ruhig zu werden. In der Türe steht plötzlich ein Prüfer und führt mich in den Prüfungsraum. Dort sitzt an dem Tisch eine weitere Prüferin. Beide stellen sich vor. Ich soll mich mit den Waffen am Tisch vertraut machen. Als sichere Richtung gelten eine Vitrine, ein Fenster und eine aufgestellte Rehscheibe.

Ich beuge mich über den Tisch. Die Hände halte ich verkrampft auf dem Rücken. Laut sage ich was vor meiner Nasenspitze liegt. Da ist eine Walther PP, da ist ein Revolver Smith & Wesson, da liegt ein alter Repetierer System 98, daneben ein neuer – ein Sauer Sicherheitsrepetierer, dort liegt eine Bockbüchsflinte, dann kommt der Drilling und schließlich, ganz am Ende des Tisches liegt noch eine Bockflinte.

“Fertig!“ melde ich mich.

Wir gehen zurück, zum Anfang des Tisches, zu den Kurzwaffen. Der Prüfer überlässt mir die Wahl mit welcher Waffe ich beginnen will.

“Revolver oder Pistole?“


Mutig wähle ich gleich die Waffe die mir vor drei Monaten das Genick gebrochen hat – die Pistole. Neben der Pistole liegen ein Magazin und zwei Patronen. Der Hahn ist gespannt. Ich weiß, das geht nur wenn die PP entsichert ist. Bei allen Übungen mit der Pistole haben wir bisher immer nur mit zwei Pufferpatronen trainiert. Die Prüfer scheinen das zu wissen. Das leere Magazin und die beiden Patronen daneben lassen im ersten Moment den Eindruck entstehen, die Pistole wäre leer. Der Signalstift zeigt mir an das eine etwas im Patronenlager ist. Ich kann die Sicherung nicht sehen, gehe aber davon aus, dass die Pistole entsichert ist. Vorsichtig nehme ich die Walther auf; betone

“ Ich bleibe in der sicheren Richtung!“

Den Zeigefinger meiner rechten Hand lasse ich demonstrativ gestreckt neben dem Schlitten liegen. Mit meinem rechten Daumen halte ich den Hahn gespannt. Mit spitzen Fingern der linken Hand sichere ich die Pistole. Der Hahn löst sich, der Daumen verhindert, daß er nach vorne schlägt und den Schlagbolzen auslöst (Der wäre jetzt durch die Sicherung blockiert, aber ich will in der Prüfung in keinen Fall den Hahn nach vorne schnellen lassen) . Die Waffe ist jetzt abgeschlagen. Ich ziehe den Schlitten nach hinten. Der Verschluss öffnet sich. In dem Moment springt mir die dritte Pufferpatrone entgegen. Sie war im Patronenlager! „Schärfer“ kann man eine Waffe nicht ablegen.
Jetzt da die Pistole entladen ist, bleibt noch den Schlitten zuerst nach hinten und dann nach vorne abzuziehen. Die Verriegelung löse ich indem ich den Abzugsbügel nach unten ziehe und etwas nach links verschiebe. Das ist nötig damit ich den Lauf überprüfen kann. Getreu dem Merksatz S – S – L – K (Der Stecher fällt bei den Kurzwaffen weg.) vergleiche ich die Kaliberangaben auf der linken Seite des Schlittens, auf dem Magazin und auf den Hülsenboden der Patronen. Überall ist passend 7,65 eingeprägt.

Ich soll die Pistole mit nur einer Patrone laden. Wir spielen die Situation „Ein Schuss am Schießstand mit Unterbrechung“. Schließlich komme ich zum Schuss. Der Prüfer fragt mich in welchem Zustand jetzt die Pistole wäre, hätte sich der Schuss gelöst. Die richtige Frage für einen langjährigen Pistolenschütze. Der Schlitten wäre in diesem Fall hinten geblieben, der Verschluss wäre geöffnet – das leere Magazin funktioniert wie ein Schlittenfanghebel.

„Gut. Jetzt legen Sie die Pistole ab!“

Aha, auch das haben wir durchgespielt. In diesem Fall kann ich die Pistole sichern und ablegen. Sie ist ja dann in tischfertigem Zustand. Ansonsten soll man immer den Prüfer fragen ob man wirklich die Waffe in dem momentanen Zustand ablegen, oder tischfertig machen soll. Die anderen Waffen – jetzt nicht mehr so ausführlich:
Es folgt der Revolver, ein Smith & Wesson 38 Special. Der Revolver ist die einfachste Waffe, ich komme gut mit ihm zurecht. Nur hier, und wirklich nur bei Revolvern darf ich beim Überprüfen des Laufes von vorne durch den Lauf schauen. Als Spiegel verwende ich den Daumennagel meiner rechten Hand.

Meine dritte Prüfungswaffe darf ich mir auswählen. Den alten oder den neuen Repetierer. Ich wähle wie 90 % der Prüflinge den alten Mauser System 98. Das einfache sichere Schloss war mir schon von Anfang an sympathischer. Der neue Sauer Sicherheitsrepetierer ist etwas komplizierter. Ich kenne Modelle bei denen bei abgeschlagenem Schlagbolzen nicht gesichert werden kann, und Modelle, bei denen die Sicherung immer funktioniert.

Die letzte Waffe ist die Königsdisziplin der Waffenhandhabung - der Drilling. Hier achte ich auf das sichere und richtige Umschalten zwischen den Läufen. Ich erinnere mich auch daran nur bei stehendem Wild den Stecher zu benutzen. Mein vielgeübtes Schrankfertigmachen des Drillings konnte ich nicht mehr zeigen. Nach der vierten Waffe hatte ich die von mir gefürchtete Waffenhandhabung gemeistert.

Mit meinem schon halb ausgefüllten Laufzettel in der Hand und Gehörschutz auf den Ohren erscheine ich halb erlöst am Schießstand. Es regnet in Strömen, ich bin neugierig ob und wie sich das auf das Zielen auswirkt.
Auf dem Schießstand werden keine großen Worte mehr gemacht. Jeder weiß um was es geht. Die Rehscheibe ist 100 Meter entfernt. Als Gewehr habe ich einen Repetierer Kaliber .222. Das Zielfernrohr hat das von mir geliebte 4er Absehen. Ich habe vier Schuss auf die Scheibe. Dabei muss ich mindestens drei Achter schießen. Zwei Schuss sitzend, die Waffe aufgelegt und zwei Schuss stehend angestrichen. Angestrichen bedeutet; die Waffe wird an einen senkrechten Stock angelehnt und mit einer Hand fixiert.

Ich habe mir ein Ziel gesetzt. Beim Training bemerkte ich, dass wenn man zu lange im Ziel bleibt nur verwackelt. Mit jeder Sekunde wird man unruhiger und das Ziel beginnt im Okular der Zieloptik zu schaukeln. Vom Aufnehmen des Gewehrs bis zum Schuss dürfen nicht mehr als ca. 12 Sekunden vergehen. Komme ich während dieser Zeit nicht zum Schuss, will ich das Gewehr sichern, entstechen, ablegen und von vorne beginnen. Ich bin angespannt das Gewehr habe ich fest an meiner linken Schulter, über das Zielfernrohr fixiere ich die Rehscheibe. Der Prüfer gibt mir ein Magazin mit der Patrone. Ich lade den Repetierer über das Magazin und sichere. Ich blicke durch das Zielfernrohr. Den Regen sehe ich als schmale, weiße, senkrechte Striche – oder bilde ich mir das in der Aufregung nur ein? Ich schiebe den Sicherungshebel nach vorne, die Waffe ist entsichert. Vorsichtig, mit dem Klammergriff, steche ich den französischen Stecher. Der Abzugszüngel ist jetzt höchst empfindlich. Die kleinste Berührung des Abzugs bringt den Schuss zum Brechen. Die nächsten drei Sekunden brauche ich um den richtigen Abstand zwischen meinem Zielauge und dem Okular zu bringen. Am Rand der Linse dürfen sich keine Schatten abzeichnen. Jetzt nur noch ins Ziel gehen. Ich kann die Ringe der Scheibe selbst durch das Zielfernrohr nicht erkennen. Ich weiß aber wo ich anhalten muss. Um das Blatt zu treffen orientiere ich mich an dem Vorderlauf und den Träger des aufgedruckten Rehs. Jetzt glaube ich, bin ich richtig. Ich drücke ab. Mit lautem Knall bricht der Schuss. Der Prüfer lässt die Scheibe an den Stand fahren. Ich versuche auf der herankommenden Scheibe das Loch zu erkennen. Auf dem letzten Meter sehe ich Licht von hinten durch ein kleines Loch scheinen. Eine Zehn! Der Jäger klebt einen durchsichtigen Klebestreifen über den Treffer. Die Scheibe fährt wieder zurück auf die 100 Meter entfernte Einrastung. Der zweite Schuss gelingt mir wie der erste. Es wird wieder eine Zehn.

Jetzt habe ich noch die zwei Schuss im Stehen vor mir. Gelingen mir die genauso wie die sitzend Aufgelegten? Ich wiederhole den Vorgang wie bei den beiden ersten Schüssen. Jetzt gilt es. Die Scheibe kommt heran. Ich warte auf das Ergebnis. Mir fällt sichtlich eine Last von der Schulter. Jetzt ist es ziemlich ein Jahr her, als ich das erste Mal mit der Deutschen Waidmannsgilde im Jagdmuseum saß und mir den Stoff der Jägerausbildung vorgestellt wurde. Ein Jahr mit neuen Bekannten und Freunden. Ein Jahr des Lernens und Übens. Ein Jahr der Ungewissheit; werde ich die Prüfung bestehen? Jetzt hat es sich entschieden in dieser Minute!




Als der Jäger meine dritte Zehn sieht, ergreift er meine Hand und wünscht mir

“Waidmannsheil!“

Und ich? Ich bedanke mich zum ersten Mal wie ein Jäger mit einem

“Waidmannsdank“


.

Sonntag, 4. September 2011

Der Stöger macht heute blau

Luise von Kobell, hätte es im 19.Jahrhundert schon Blogs gegeben – sie hätte jeden Tag über das Who is Who der damaligen Münchener Bussi-Bussi Gesellschaft geschrieben.
Ihr ist auch eine nette Geschichte von König Ludwig II. zu verdanken. Für mich wird sie eine Bereicherung bei den Führungen im Schloss Linderhof sein. Bei den nicht deutschsprachigen Gästen, müsste ich allerdings erst erklären was der Ausdruck „blau machen“ bedeutet.

Im Garten des Schloss Linderhof ließ sich Ludwig eines seiner Lieblingsspielzeuge bauen, die -> Venusgrotte. Venusgrotte deshalb, weil die künstliche Grotte der Venusgrotte in der Wagner (wem dem sonst?) - Oper Tannhäuser nachempfunden war. Die Grotte war als eines der ersten Gebäude in Bayern elektrisch beleuchtet. Siemens selbst plante den Einsatz der 24 Dynamomaschinen. Die Energie wurde mit einer Dampfmaschine in einem eigens erbauten Maschinenhaus erzeugt. Mit dem Strom wurde die Pumpe für einen künstlichen Wasserfall angetrieben. Ich habe heuer das erste Mal nach langer Renovierung der Grotte den Wasserfall in Betrieb gesehen. Zudem kam noch eine elektrisch angetriebene Wellenmaschine und sieben Öfen mit denen die Grotte und das Wasser selbst im Sommer beheizt werden musste, dazu. Bei aller Sympathie für den gspinnerten Kini – das hätte mir schon genügt seiner Absetzung zuzustimmen.

Es ist aber noch nicht genug; um seine Wagner-Leidenschaft zu befriedigen konnte man das Licht in der Grotte auf gelblich – grün stellen. Das war für die Darstellung der Tannhäuser-Venusgrotte nötig. Daneben hatte es aber auch dem König mit der Capri-Grotte. Er hatte in einem Journal und einem Reisebericht von dem überwältigendem blauen Licht in der Grotte bei Capri gelesen!

Dieses Blau wollte der König auch in seiner Grotte in den Bayerischen Alpen. Er schickte seinen Vertrauten, den verschrobenen Stallmeister Hornig nach Capri. Er soll sich das Blau in der Grotte merken und dem Maler Otto Stöger schildern. Der Stallmeister macht sich auf den Weg nach Capri setzt sich dort tagelang in die Grotte um sich das Blau zu merken. Kaum zurück im Graswangtal schildert er dem Maler Otto Stöger die Farbe. Otto rührt in seinen Farbeimern, bemalt die Wände der Grotte und die Filter vor den Lampen. Der König begutachtet das Ergebnis. Und er, er der nie in Capri war findet das Blau zu dunkel oder zu hell. Otto mischt und malt, der König ist nicht zufrieden, Otto mischt und malt wieder, dem König passt es wieder nicht.

In dem Trio König – Stallmeister – Maler haben die Verrückten die Mehrheit und der König die Entscheidungshoheit. Und so wird Hornig erneut nach Capri geschickt, diesmal soll er sich das Blau genau einprägen. Ich mache es kurz. Schließlich gelingt es Otto Stöger ein Blau zu zaubern mit dem der König zufrieden ist. Inwieweit es mit dem Capri – Blau übereinstimmt kann ich nicht beurteilen. Dazu müsste ich nach Capri fahren und mir das Blau in der dortigen Grotte merken. Vergleichen könnte ich dann bei einem meiner zukünftigen Touren zum Schloss Linderhof in der Venusgrotte.

Soweit die historischen Tatsachen, jetzt kommt die von Kobell´sche Yellow Press:
Der König besuchte Schloss Linderhof. Er fragt nach Stöger. Zur Antwort bekommt er von seinem Kämmerer;

“Der Stöger macht heute blau.“

Darauf der König zufrieden:

“Ah, das ist recht, er soll nur so fortfahren!“

.