Montag, 28. November 2011

Stimmungswechsel


Gleich um 5.45 Uhr heute früh ging es in der Nordheide los. Die erste Fahrt zum Flughafen. Meine nächste Fahrt ist eine Abholung vom Flughafen nach Baldham. Der Kontakt zum Auftraggeber war nur zwischen Tür und Angel. Auf dem letzten Sprung knallte ich die Bestätigung über E-Mail nach Berlin. Ich hatte weder den Namen, noch die Telefonnummer des Gastes, den ich am Flughafen erwarten sollte. Die Maschine landete planmäßig um 8.20 Uhr und ich stand mit einem Täfelchen mit dem Namen der Firma (das Einzige das ich hatte) unter 100 anderen Abholern am Terminal 2. Jetzt dacht ich mir wäre es eine günstige Zeit die Sekretärin in Berlin anzurufen. Name und Handynummer wären bei dem Andrang sehr hilfreich. ALs ich mit Telefon, Kugelschreiber, Abholschildchen und Papier jonglierte kam schon mein Kunde auf mich zu.
Über Fischerhäuser bringe ich meinen Kunden nach Baldham. Seinen Namen und Handynummer für den morgigen Zurückweg kann ich mir direkt von ihm geben lassen. Das war meine letzte Vorbestellung für heute. Die Pflicht war getan – jetzt kam die Kür.
Die Route für die Fahrt in die Stadt lege ich so, dass ich in Feldkirchen bei der -> Landesjagdschule Bayern des BJV vorbeikomme. Ich war hier schon mal vor drei Wochen. Da wollte ich mir nach einer Fahrt zur Messe Anstecker und Aufkleber des BJV kaufen. Wo ich doch als Mitglied der Deutschen Waidmannsgilde auch Mitglied im Bayerischen Jagdverband e.V. bin. Vor drei Wochen stand ich vor verschlossenen Türen. Nur für Autoaufkleber wollte ich niemanden aus dem Büro klingeln.
Heute rüttele ich wieder an der Tür, aber in der Sekunde höre ich leises Summen. Die Empfangsdame hat den Türöffner betätigt und stehe in dem großen Vorraum. Zuletzt stand ich hier vor meiner mündlichen Jägerprüfung. Damals hatte ich keine Augen für die Bücher, Ferngläser, Broschüren, CDs, Abzeichen, … in dem kleinen Shop. Heute aber weiß ich gleich wohin ich muss. Ich genieße die Situation vor den Jagdlehrbüchern zu stehen und nicht zittern zu müssen ob deren Inhalt abfragebereit in meinem Kopf verankert ist. Völlig unbefangen blicke ich in die Vitrinen. Meine Abzeichen habe ich mir ausgesucht. Ich wähle zwei kleine Anstecknadeln für das Revers, zwei kleine Hutnadeln und zwei Autoaufkleber.
Nach meinem Stopp in Feldkirchen stelle ich mich zufrieden mit der Welt an unseren ICM Stand an der neuen Münchener Messe. Stolz wie Oskar hefte ich mir die kleine Anstecknadel an die Brust meines Trachtenjankers. Die Hutnadel klemme ich zwischen Taxameter und Taxischildtaste an das Armaturenbrett meines Taxis. Den Autoaufkleber klebe ich von innen an die hinterste linke Scheibe meines Taxibusses. Den Gedanken, das dies eine unerlaubte Kenntlichmachung (das Wort gibt es tatsächlich) meines öffentlichen Verkehrsmittels ist, verwerfe ich angesichts der Bedeutung des BJV sofort. Der Bayerische Jagdverband liegt irgendwo zwischen der UN-Vollversammlung und dem Europaparlament – für mich jedenfalls! 


 Mein Taxi, das Geschäft und das Radio laufen. Gut gelaunt putze ich mein Fahrzeug. Die Türholme, den Kofferraum, den Boden, bis ich einen Auftrag bekomme. Von der Astrid-Lindgren-Straße fahre ich zum Käfer in die Prinzregentenstraße. Inzwischen ruft Vesna an. Den Auftrag um 13.30 Uhr, den wir von einem Kollegen angenommen hatten, kann Sie nicht fahren, weil sie was Weiteres  hat. Kein Problem ich kann ja noch in aller Ruhe einen Fahrgast vom Bahnhof Nord schnappen, bis ich mich dann wieder auf dem Weg zum Münchener Osten machen muß, von wo ich den Stammgast meines Kollegen aufnehmen kann. Immer noch gut gelaunt stelle ich mich an die lange Reihe des Taxistandes am Bahnhof. Unter den potentiellen Fahrgästen auf dem Bürgersteig am Kopf des Bahnhofs winkt mir eine fünfköpfige Gruppe zu. Sie brauchen mich und meinen Taxibus. Immer noch gutgelaunt kläre ich meine Nachfolge und fahre an die Spitze des Standes. Fröhlich  reiße ich die Schiebetüre auf, und bitte meine Fahrgäste einzusteigen.  Fahrziel; Domagkstraße (im Norden Münchens) zu einem dieser Büros in dem neuen Areal zwischen Domagkstraße und Schenkendorfstraße, das Parkstadt Schwabing genannt wird.

Ich biege gerade auf die Arnulfstraße als ich meinen Augen nicht trauen will was ich in meinem Tachofeld sehe. Das Motorsymbol leuchtet auf. Das MOTORSYMBOL !!! Am Freitag war ich bei VW wegen des Stellmotors, davor am Donnerstag habe ich es nach einer Woche aus der Werkstatt geholt, einen Monat davor war es 11 Tage in der Werkstatt. Wie soll ich die Rechnungen zahlen, wenn ich nicht arbeiten kann? Und der große Kunde hat immer noch nicht seine fällige Rechnung überwiesen.

Ich brauche Trost und Zuspruch. Die Opfer finde ich im Telefonnummernspeicher meines Handys. Eine/r nach dem/r Andere/n werden angerufen und zugetextet. Meine Fahrgäste sind mir egal. Auch die beiden Polizisten im Streifenwagen, die an der roten Ampel am Oskar-von-Miller-Ring neben mir zu stehen kommen. Sollen sie mich doch am Anfang der Ludwigstraße standrechtlich erschießen, weil ich mit dem Handy in der Hand Auto fahre. So schnell hat sich meine Stimmung geändert. Vor dem Siegestor versuche ich einen Reset. Ich ziehe den Schlüssel aus dem Zündschloss, verschließe das Auto, öffne es wieder und starte erneut. Erfolglos – alle Anzeigen auf dem Tachoblatt verlöschen, nur das gelbe  Motorsymbol verhöhnt mich weiterhin. Nachdem meine Gäste ausgestiegen sind, fahre ich schnell noch vor Mittag zum  -> Stimmer.
Ein Mechaniker steckt das Diagnosegerät an und diagnostiziert, das der Partikelfilter zu ist. Er bestellt sofort eine neue Sonde. Ich bekomme gleich einen Termin morgen Vormittag. Das Motorsymbol ist erloschen und ich kann den Kunden meines Kollegen zum Flughafen bringen.

Irgendwie wird mir langsam klar, dass ein Volkswagen kein geeignetes Auto zum Geldverdienen ist.       

Sonntag, 27. November 2011

Zweimal passend


Ich war nicht wenig froh, dass meine Heizung im Fahrgastraum wieder funktionierte. Wir fahren für Spielmotor, die Auftrag der Landeshauptstadt München und BMW ein Theaterfestival veranstalten. Die Künstler, die im Rahmen dieses Festivals im Gasteig oder in der Muffathalle  auftreten, kommen aus der ganzen Welt. Im Einsatz ist natürlich unser Taxibus. Die Gruppe die ich als erstes mit meinem frisch reparierten Taxi fahren durfte, kam aus Kolumbien.

“Kalt, Kalt, Kalt, …“

waren die ersten Worte unserer Gäste, von denen ein Großteil das erste Mal in Europa ist. Der neue Stellmotor wurde gleich richtig gefordert.

Muffatthalle und Gasteig - Austragungsorte des Festivals


Heute in der Früh habe ich gleich um 8 Uhr eine Gruppe  Franzosen vom Hotel in Haidhausen zum Flughafen zu bringen. Die nächste Fahrt habe ich wieder um 9 Uhr von Schwabing zum Flughafen. Mir bleibt also eine Stunde die Franzosen einzuladen, zum Flughafen zu bringen, umzudrehen, knapp 40 Kilometer zurück nach München zu fahren und dort die zweite Tour aufzunehmen.
Bevor ich losfahre, fotografiere ich das Taxi und stelle es mit dem Text: Und looos geht’s. Zweimal Flughafen in einer Stunde. Die Latitude Freunde kriegen was zu sehen auf Facebook ein.

Ob ich es schaffe hängt zum großen Teil davon ab, wie pünktlich ich von dem Hotel in Haidhausen wegkomme. Ich überlege mir schon während der Fahrt wie ich acht französische Künstler freundlich und höflich zur Eile treiben könnte.
Um fünf vor acht rolle ich vor das Hotel. Ich habe schon vorher gewendet und bleibe abfahrtsbereit in der korrekten Richtung stehen. Vor dem Hotel sitzt auf steinernen Blumenkübeln rauchend ein junges Pärchen. Ich erkundige mich, jawohl, das sind die ersten Zwei meiner acht Fahrgäste. Ich gehe in die Hotelhalle, die ist menschenleer. Außer dem Rezeptionisten ist niemand da. Aus dem Frühstücksraum höre ich Geräusche aber von meinen weiteren sechs Fahrgästen fehlt bis jetzt noch jede Spur. Ich geselle mich wieder zu  den zwei Rauchern vor dem Hotel und grüble wie ich hier pünktlich wegkomme. Jetzt  liefert mir die Frau eine Steilvorlage:

“Passen wir alle Acht in das Auto?“ fragt sie, und deutet dabei auf -> mein Taxi. Ich habe gleich die richtige Antwort parat.

“ Ob überhaupt alle Acht mitfahren ist ja noch nicht sicher. Oft kommen Gäste zu spät und dann können wir bequem  zu fünft oder zu sechst fahren.“

Das hat gesessen, ich habe freundlich mein Ziel erreicht. Die junge Frau steht auf, drückt ihre Zigarette aus und verschwindet im Hotel.
Im Minutentakt kommen die Mitglieder des Ensembles aus dem Hotel und nehmen nacheinander im Taxi Platz. Um 8.05 Uhr sind wir schon auf dem Weg zum Münchener Flughafen.
Mit 175 km/h, das ist die absolute Geschwindigkeitsobergrenze für meinen VW, brause ich über die Autobahn. “Ping.“ meldet sich mein Telefon. Ich fische es aus meiner Hemdtasche und blicke auf den Monitor. Es ist ein Kommentar von Wolfram von -> Taunustaxi auf meinen Post von heute Morgen.

“Flieg nicht so tief mein kleiner Freund …“ kommentiert er. Als ich das lese muß ich lächeln. Ich bemerke die fragenden Blicke meiner Gäste und übersetze Wolframs Nachricht.

„Wieso? Können die uns sehen?“ fragt lachend einer meiner Künstler. Wir anderen müssen jetzt auch lachen. Wolframs Kommentar hat uns genau passend erreicht. Der zweit passende Spruch schon so früh am Morgen.
Vor dem Verabschieden habe ich mich noch bei meinen Gästen für ihre Pünktlichkeit bedankt und zügig zurück nach München gerast. Bei meinem nächsten Gast in Schwabing war ich dann sogar schon um 8.55 Uhr. Ich konnte noch zu meinem eigenen Post einen Kommentar abgeben, bevor ich dann pünktlich um 9 Uhr auf den Klingelknopf drückte.
Wäre heute nicht Sonntag hätte ich die beiden Touren in der Zeit nicht geschafft.

.   
     

Samstag, 26. November 2011

Reparatu(h)r


Das ist zum verzweifeln. Erst hatte ich im September mein Taxi in der Reparatur. So um die 3.000,- € sind fällig. Die Nockenwelle war eingelaufen und der Zylinderkopf musste gewechselt werden. Zur Werkstatt bin ich gefahren weil der Auspuff so ein paffendes Geräusch machte. Man glaubt gerne was man glauben möchte, und ich hoffte, dass nur der Auspuff undicht sei. Genau so hat sich das angehört. Auf dem Hof der Werkstatt war der erste Blick des Mechanikers und des Meisters zum Auspuff.
Aber die tatsächliche Diagnose warf mich schon um. Es ist bei uns Taxifahrern nicht nur die Reparatur die wir bezahlen müssen, nein, auf der anderen Seite steht unser Produktionsmittel in der Werkstatt. Tag für Tag sind wir zur Untätigkeit gezwungen und hoffen, daß das lang ersehnte Ersatzteil bald eintrifft und eingebaut wird. Wenn man dazu noch Stammkunden zu bedienen hat, muß man eine nach der anderen Fahrt abgeben. Dringend benötigtes Geld wird unter den Kollegen aufgeteilt. Der einzige Trost dabei ist, daß das Geld in der Taxifamilie bleibt.
Gut, die dicke Reparatur im September ist vorbei. Mein Taxi fährt wieder. Ein Stammkunde überweist endlich das Geld für seine Fahrten. Immerhin eine mittlere vierstellige Summe. Sogar eine Reise nach Paris ist drin.
Hochmotiviert sitze ich auf dem Bock meines hellelfenbeinweißen Wagens. Bin mit der Welt zufrieden, bediene die Kunden, bin fleißig und eifrig am Datenfunk und myTaxi. Die Einnahmen beginnen zu tröpfeln. Ich kann den einen oder anderen Fünfziger zur Seite legen.
Bis ich dann am Flughafen in der PKW-Reihe stehe. Der Laptop hängt über den Zigarettenanzünder an der Stromversorgung des Taxis. Beim Nachrücken springt der Motor nicht wie gewohnt beim ersten Drehen des Zündschlüssels an. Ich muss 20 Sekunden den Schlüssel gedreht halten bis der Motor startet. Dabei macht aber der Anlasser kein orgelndes Geräusch, wie wir alle erwarten. Nein, 20 Sekunden lang dreht der Anlasser kräftig durch bis der Motor startet.
Aha, denke ich mir, da war wohl der Strom knapp. Die Batterie ist neu, deshalb hat sie auch die Kraft zum Durchstarten. Es kann nur der Generator sein. Der Lädt die Batterie nicht mehr auf und dann geht auch der allerneueste, stärkste Akku in die Knie.
Das ist einmal passiert und ich hatte den Vorfall beinahe vergessen. Beim Renaissance-Stand lade ich mein iPhone über das Bordnetz auf. Vorne angekommen passiert mir das gleiche wie Tags zuvor am Flughafen. Durch kräftiges Orgeln springt der Motor an und ich mache mich auf dem Weg zum Kunden, den ich über Funk bekommen habe. Während der Fahrt stirbt mir der Motor ab. Ich versuche mich rollend von der Soxhletstraße auf den Parkplatz des Ungererbades zu retten. Ein Dieselmotor der während der Fahrt abstirbt. So etwas hatte ich noch nie. Ich erinnerte mich an unsere alten 124er Taxis. Fremdstarten und ohne Batterie mit Warndreieck im Heckfenster zur Werkstatt fahren. Ich war verwirrt, wieso braucht ein Dieselmotor Strom wenn es doch ein Selbstzünder ist. Auf dem Parkplatz des Ungerebads habe ich inzwischen den Motor wieder zum Laufen gebracht. Am nächsten Tag, ich stehe wieder am Flughafen, wieder hängt mein Laptop an dem 12 Volt des Taxis und wieder springt der Motor nur nach 20 Sekunden anlassen an. Für mich war jetzt der Kas bissn, es muß doch was mit dem Strom zu tun haben. Vielleicht kann man so ein hochkompliziertes, modernes Dieselaggregat in einem VW Bus T5 Caravelle nicht mit einem Benz Saugdiesel im 124 vergleichen. Lief doch der Zweite sogar zuverlässig mit Heizölbeimischung und Falschtanker-Abfällen eines bekannten Münchener Autovermieters – theoretisch! So ein moderner Dieselmotor hat bestimmt eine elektrisch betriebene Einspritzanlage. Wenn der Generator kein Strom bringt, hat die Batterie keinen Saft mehr, die Einspritzanlage spritzt keinen Diesel mehr ein, der Motor stirbt ab. So schlussfolgere ich laienhaft als Gärtnergeselle und tröste mich selbst;

“Es ist ja nur die Lichtmaschine. Vielleicht sogar nur die Kohlen.“

Ich lasse während des Vorrückens in der Taxireihe den Motor laufen, damit ich für die Fahrt in die Stadt genug Strom habe. Als erster in der Reihe steigt mir ein Amerikaner ein, er will zum City Hilton am Rosenheimer Platz. Eine Tour wie ich sie mir vorgestellt habe. Hinter mir rattert der Dieselmotor in meinem Taxi, er rattert zwar bedenklich, aber er läuft und das beruhigt. Kaum ist der Kunde eingestiegen und ich losgefahren, bleibt mir nach nur 50 Meter der Motor stehen und das Taxi rollt zwischen die anderen Taxis auf den Parkplatz. Es ist mir schon etwas peinlich als ich den Motor wieder starte. Dabei zucke ich harmlos tuend mit den Schultern. Die Fahrt verläuft ohne Zwischenfälle aber mir ist klar – das Taxi muß in die Werkstatt.
Am nächsten Tag habe ich erst mittags eine vorbestellte Fahrt, bei der ich das Taxi brauche. Also mach ich mich auf den Weg zur Werkstatt Nummer 2 in Neuried. Bis auf das beunruhigende Stottern läuft alles ruhig. Ich kämpfe mich über den Mittleren Ring von Norden her kommend Richtung Neuried. Wenn ich in der Reihe zum langsam rollen oder sogar zum stehen komme,  versuche ich durch Spielen mit Brems- und Gaspedal den Motor auf Drehzahl zu halten. Das gelingt mir auch bis zum Luise-Kisselbach-Platz. Dort an dem Platz ist eine große Baustelle. Hier wird der dritte Tunnel nach dem Petuel- und Richard-Strauß-Tunnel gebaut. Täglich, nun schon seit Jahren quält sich der dichte Verkehr durch die Legionen von rot-weiß-roten Baken. Ich mittendrin, schwitzend, betend, fluchend, mit den Pedalen jonglierend. Jetzt habe ich es geschafft! Die letzte Ampel ist überfahren. Nur noch eine Rechts-Links-Kombination und ich habe die Autobahn Richtung Garmisch vor mir.
 Jetzt passiert es. Es hilft alles nichts. Der Motor stirbt ab. Ich versuche nun von der linken Spur auf die rechte zu kommen. Ich kann nicht einfach nach rechts lenken, von dort überholen mich schon die ersten Fahrzeuge. Jetzt ist hinter mir rechts frei, aber mein Taxi hat keinen Schub mehr. Auf der Mittellinie rolle ich aus und bleibe stehen. Ich blockiere in dem engen Straßenabschnitt beide Spuren. Im Rückspiegel kann ich in den Gesichtern der nachfolgenden Autofahrer deutlich;

“Schleich di, Taxler „

lesen. Das Hupkonzert hat auch schon begonnen. Unter Stress gelingt es mir den Motor zu starten und auf den Hof der Werkstatt zu kommen.
Der Mechaniker öffnet die Motorhaube und leuchtet mit der Taschenlampe in den Motorraum. Ich hänge an seinen Lippen. Mit dem Lichtkegel zeigt er auf die Kraftstoffpumpe;

“Da ist es! Die Kraftstoffpumpe ist undicht. Zu 80% ist es die Kraftstoffpumpe.“

„ Aha, deswegen stinkt es auch nach Diesel im Fahrgastraum. Wieviel kostet den so eine Kraftstoffpumpe?“

“360,- € plus Märchensteuer“

Er ruft gleich an. Im Lager der nahen VW-Werkstatt ist das Ersatzteil auch da. Er kann es holen, einbauen und am Nachmittag ist das Taxi fertig. Natürlich freue ich mich nicht über so  eine Diagnose, aber damit kann man leben. 360,- € Teile, 100,-€ Arbeit und am Abend des gleichen Tages habe ich das Taxi zur Arbeit. Abends dann, ich erledige die Aufträge mit -> Vesnas Chrysler-, fahren meine Frau und große Tochter zur Werkstatt um das Taxi abzuholen. Der Mechaniker hat angerufen, die Kraftstoffpumpe ist ausgetauscht und das Taxi wieder einsatzbereit. Vesna kommt mit dem Taxi bis zur Kreuzung, dort stirbt der Motor an der roten Ampel wieder ab. Also umgedreht und zurück zur Werkstatt. An diesem Montag wird nichts aus meinem Taxi. Am Dienstag tauscht der Mechaniker den Spannungswandler unter der Batterie und den Kraftstofffilter aus. Er macht eine Probefahrt von 20 Kilometer, lässt das Taxi im Hof laufen. Nach einer halben Stunde stirbt der laufende Motor wieder ab. Der Kraftstofffilter ist nur halb voll mit Diesel. Inzwischen ist der Dienstag auch vorbei. Langsam wird es eng, wir können uns meine Untätigkeit nicht mehr leisten.

Es rattert, schnattert und klackert - so klingt kein "gesunder" Diesel:

Vesna hat noch eine Mietwagengenehmigung in der Schublade. Wir haben Aufträge für ein Theaterfestival der Stadt München, bei der wir unbedingt einen Bus brauchen. Mit der S-Bahn fahre ich zu einem mir gut bekannten Autovermieter. Er leiht mir einen Bus aus. Das KVR, unser Kreisverwaltungsreferat, trägt das Fahrzeug auf unsere Reservegenehmigung ein.
Am Mittwoch vermittle ich zwischen den Werkstätten, Nummer 1 sagt dies, Nummer 2 sagt jenes. Nummer 2;

„Das können nur die Dichtungen der Pumpe-Düse-Einheiten sein. Zu 80% sind das die Dichtungen.“

Ich rechne mir in meiner Verzweiflung aus: Die 80% von der Kraftstoffpumpe hinterlassen ein Risiko von 20%. Nun die Pumpe ist gewechselt. Es bleiben dann noch 80% Sicherheit von den 20% das ergibt dann eine Sicherheit von  96%, dass nach dem Austausch der Dichtungen der Fehler behoben ist. Ich stimme zu. Der Dichtungstausch dauerte bis Donnerstag Nachmittag. Nach ausgiebigem Probelauf ruft mich der Mechaniker an; der Fehler ist erkannt und behoben. Es waren tatsächlich die Dichtungen. Druckluft, durch die undichten Dichtungen strömend, hat den Diesel  aus der Leitung und dem Filter geblasen. Deswegen ist der Motor abgestorben. Als ich das Taxi abhole präsentiert er mir die Rechnung von 1040,-€ brutto.

Egal, was sein muß, muß sein. Ich bin froh wieder arbeiten zu können. Ich habe auch schon einen Auftrag. Eine Abholung vom Flughafen, die schaffe ich locker. Die Gäste steigen ein. Nach nur kurzer Fahrt auf der Autobahn sehe ich wie die Hände in die Höhe gehen. Die Gäste versuchen an dem Drehleger in der Decke des Fahrgastraums die Temperatureinstellung zu verändern. Es passiert gar nichts. Egal auf welcher Stufe der Temperaturregler steht, aus den Lüftungsdüsen kommt nur kalte Luft. Der Regler für die Stärke des Luftstroms funktioniert. So kann man wenigstens die Menge der kalten Luft begrenzen. So kann ich bei den herrschenden Temperaturen keine Gäste befördern. Äußerst unzufrieden lege ich mich am Donnerstag Abend ins Bett. Komme ich doch soeben aus der Werkstatt, kann ich schon wieder in die nächste. Wann kann ich endlich anfangen Geld einzunehmen. Die meisten unserer Stammkunden fahren auf Rechnung. Ein großer Kunde hat bei uns noch fast 10.000,- € offen. Davon sind 4.000,- € scharf. „Scharf“ nenne ich Rechnungen bei denen das Zahlungsziel überschritten ist. Auf der anderen Seite will ich die Kollegen, denen ich den einen oder anderen Auftrag weitergebe, bezahlen.
Nach einer unruhigen Nacht stehe ich am Freitag um 4 Uhr auf, Flughafenfahrt um 5 Uhr. Obwohl es eine gute Zeit zum Stehenbleiben ist, muß ich nach Hause. Um 7 Uhr wecke ich meine Tochter auf, mache Frühstück und Pausenbrot, bringe sie in die Schule.
Jetzt fahre ich zu meiner VW-Werkstatt in Unterschleißheim, bei deren Autohaus ich mein Taxi gekauft habe. Gleich morgens bin ich einer der Ersten. Ich schildere mein Problem.

“Da müssen wir einen Termin machen“

Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Ich muß und will arbeiten. Ich habe hier in der Firma viel Geld gelassen. Ich wundere mich selbst über mich, als ich entschlossen sage;

“Nein, wir machen keinen Termin! Sie schauen jetzt bitte was fehlt. Wahrscheinlich ist es nur eine Kleinigkeit. Wenn wir heute nicht fertig werden, fällt das Taxi wieder fünf Tage aus, und das wird nicht passieren.“

Ich und die Werkstatt hatten Glück, meine Anweisungen werden befolgt.  Ein Mechaniker holt das Taxi in die Halle. Nach nur 10 Minuten ist der Fehler gefunden. Ein Stellmotor ist kaputt. Der Mechaniker hat auch gleich eine Lösung parat. Er befestigt die Klappe auf der Stellung heiß mit einem Kabelbinder. Es wird wohl keiner meiner Fahrgäste während es Novembers kalte Luft brauchen. Ich kann die nächste Fahrt machen. Inzwischen wird der Stellmotor bestellt. Wenn der Motor da ist, so wird mir versichert, kann ich kommen und während des Einbaus auf das Taxi warten.
Tatsächlich ist das so auch passiert. Um 13 Uhr bekomme ich den Anruf aus der Werkstatt. Eine halbe Stunde später bin ich da und nach weiteren 25 Minuten fahre ich mit einer regulierbaren Heizung vom Hof. 

Temperraturregler im Dach der Fahrgastkabine


Die Rechnung, 186,- € brutto, habe ich mit meinem letzten Bargeld bezahlt. Aber jetzt kann es nur noch aufwärts gehen.
Wenigstens die Tendenz über die Werkstattaufenthalte ist positiv. Elf Tage Ausfall - 3.000,- €, vier Tage Ausfall- 1040,- € und schließlich eine Stunde Ausfall und 186,- €.    


.
    

Freitag, 25. November 2011

Taxi nach/in Paris


Dachzeichen und Eifelturm durch Panoramadach

Während bei uns um die Farbfreigabe gekämpft wird,  bemüht sich die Präfektur in Paris um ein einheitliches Erscheinungsbild der 17.200 Taxis im Großraum Paris.
Vorgeschrieben wird ein schwarzes Dach. Zweifarbige Taxis, wie z.b. in Portugal, sieht man kaum. Wenn die Taxifahrer neue Autos bestellen, bestellen sie sie gleich schwarze  Fahrzeuge. Die neueren Fahrzeuge sind alle schwarz. Früher oder später wird die gesamte Pariser Taxiflotte einheitlich in schwarz erscheinen.
Es gibt drei verschiedene Tarife; A,B, oder C. Zu welchem Tarif gefahren wird, ist abhängig von der Uhrzeit, vom Gebiet und ob Feiertag ist oder nicht.
Der Taxameter zählt die Zeit bis zur Überholgeschwindigkeit, und ab dort zählt er die Kilometer. Der Zeittarif liegt je nach Tarifstufe zwischen 29,25 und 30,90 € /Stunde und der besetzt gefahrene Kilometer kostet zwischen 0,92 und 1,42 €. Die Grundgebühr sind günstige 2,30 €, der Mindestfahrpreis beträgt 6,20 €. Ab dem vierten Fahrgast wird ein Zuschlag von 3,- € fällig. Die Münchener Spezialität, den Gepäckzuschlag, gibt es hier auch. Für jedes Gepäckstück über 5 Kilogramm  berechnet der Pariser Taxifahrer einen Euro.


Im Taxi auf dem Quai Branly
 Unter dem weißen Taxischild sind drei kleine Lämpchen, die anzeigen welcher Tarif eingeschaltet ist. So kann die Tarifstufe  auch von außen kontrolliert werden. Jeder Fahrer darf höchstens  10 Stunden täglich fahren, auch dass kann von außen kontrolliert werden. Im Heckfenster eines jeden Taxis ist eine Digitaluhr die abläuft. Bis in sechs Wochen, bis zum 01.01.2012 muß jedes der 50.000 Taxis in Frankreich mit dem neuen Taxidachzeichen ausgestattet werden. Die neuen Dachzeichen leuchten grün wenn frei und rot wenn besetzt.  Die Taxis stehen unter der direkten Kontrolle der Polizei (Préfecture de Police de Paris)
Ähnlich wie bei uns, braucht der zukünftige Pariser Taxifahrer zwei Jahre Fahrpraxis, Vorstrafenfreiheit, körperliche und geistige Gesundheit und eine zweiteilige Prüfung bevor er ein Taxi fahren darf.
Im ersten, nationalen, Teil der Prüfung werden die Sprachkenntnisse überprüft. Grundkenntnisse im Steuer- und Verwaltungsrecht gehören ebenso zum nationalen Teil. Weiters gibt es da noch Verkehr und Sicherheit als Prüfungsfächer.
Zu dem  nationalen Teil, der in ganz Frankreich gilt, gibt es noch einen lokalen Teil, der ist vergleichbar mit unserem Ortskenntnisnachweis. Hier muss der Fahrer beweisen, dass er sich in Paris auskennt. Geprüft werden verschieden Fahrrouten und Adressen von Sehenswürdigkeiten, Ämtern, Hotels, Firmen, Behörden …
Der erste Teil der Prüfung gilt in ganz Frankreich, will der Taxifahrer in einer anderen französischen Stadt fahren, muss er dort nur noch  den zweiten Teil  der Prüfung ablegen.
Die Vorbereitung zur Prüfung dauert drei Monate und kostet je nach Schule zwischen 1300,- und 2500,- €. 

Taxi am Charles de Gaulle Aéroport
Dann kommt schon die größte Hürde zum Einstieg in das Gewerbe - die Konzession! Zur Zeit kostet die Taxigenehmigung in Paris um die 175.000,- €. Die Übertragung der Genehmigung ist ähnlich kompliziert und zeitaufwändig. Schon wenn der neue und der alte Taxifahrer bei der Polizeipräfektur den Antrag auf Übertragung stellen, sind 15.000,- € zu hinterlegen. Der Kaufpreis, oft durch Bankkredite finanziert, wird dann bei der Übertragung der Lizenz fällig. Der Alte übergibt dann dem Neuen das sein Taxameter und eine Plakette. Die Metallplakette wird an den rechten, vorderen Kotflügel des Taxis genietet. 


Für viele Pariser Taxifahrer ist die Genehmigung auch die Altersvorsorge. Fährt der Eigentümer selbst nicht mehr, kann er die Genehmigung und sein Taxi an einen anderen Taxifahrer verpachten. Die Pacht bringt täglich zwischen 100,- und 130,- €. Abgerechnet wird traditionell alle 10 Tage oder neuerdings auch wöchentlich. Die Höhe der pacht richtet sich nach dem eingesetzten Fahrzeug und wie weit der Taxifahrer an den Reparaturkosten beteiligt ist.
Wie ein Damoklesschwert schwebt die Déréglementation, die Freigabe der Konzessionen, über das Pariser Taxigewerbe. Man stelle sich nur die Auswirkungen vor. Ein Taxifahrer nimmt einen Kredit über 175.000,- € auf, übernimmt seine Lizenz, die über Nacht nichts mehr wert wäre. Zugleich drängen viele frische Taxifahrer auf den Markt, die die finanzielle Belastung durch den Kauf der teueren Lizenz nicht haben. Die können das Geld in ihre Fahrzeuge oder Werbung finanzieren. Unser armer Taxifahrer müsste in diesem Fall unter verstärktem Konkurrenzdruck einen Kredit bedienen, der ihm nichts mehr bringt. 

"Modernes" Pariser Taxi

Zu deren Segen sind die Pariser Kollegen straff organisiert und ihre Arme reichen weit in die Politik. Ihre Aktionen, sie nennen sie Manifestationen, sind bei den Politikern gefürchtet. Ich durfte die französische Streikkultur vor Jahren schon mal hautnah erleben. Die Taxifahrer blockieren organisiert  wichtige Straßen in der Hauptstadt. Die Mehrheit der Franzosen stellt sich hinter die Taxifahrer(im wahrste Sinne des Wortes), erkundigen sich nach der Ursache und schimpfen gemeinsam auf die Zustände. Die Polizei agiert sehr zurückhaltend. 

 Die verschiedenen Ansichten über das Kontingent an zollfreiem Treibstoff für die Taxis waren nach einer solchen Manifestation in Stundenfrist geklärt.
Bei solch hohen Zugangsvoraussetzungen gibt es natürlich viele Alternativen zum klassischen Taxi Parisien. Vor diesen wird aber schon bei der Ankunft am Gepäckband des Flughafens gewarnt.  

   

Es gäbe noch einiges aus Paris zu schreiben, Galeries Lafayette, der Eifelturm, Montmartre, Sacre Coeur, Notre Dame … aber mit dem Taxi in Paris – Thema bin ich wieder zum einem Taxi-Blog zurückgekehrt. Vielleicht kann ich die Paris Erlebnisse, oder Taxifahrten in Madrid, Rom, Palermo … später beschreiben.
Noch etwas habe ich an den  Pariser Kollegen bemerkt – oder besser, etwas ist mir nicht aufgefallen. Keiner der Fahrer, Fahrerinnen haben wir keine gesehen, trug Jeans, Turnschuhe, Sweat- oder T-Shirt. Alle Taxifahrer, mit denen wir Kontakt hatten, trugen Stoffhosen, Lederschuhe und Hemden. Das ist zwar nichts Besonderes, aber immerhin ein Standard.

.  

Sonntag, 20. November 2011

Wie im Kino


Altägyptisches im Museum des Louvre
Sakrileg hieß der Roman von Dan Brown, den wir alle kurz nachdem er erschienen ist verschlungen haben. Der Roman, in dem Robert Langdon, ein Kryptologe, auf der Jagd nach  dem Geheimnis des Grals, die Hauptfigur darstellt, wurde 2006 unter dem Titel Der Da Vinci Code verfilmt. Gleich zu Beginn des Romans wird der Museumsdirektor des Museums im Louvre, ein Großmeister des Ordens Priuiré de Sion im Louvre ermordet. Der Mörder ist ein wahnsinniger Mönch des Opus Dei.
Morgen wollen wir in das Museum des Louvre. Meinen Laptop habe ich dabei und unser Hotel bietet WLAN. Mein Freu hat eine Idee; wir könnten uns doch den Film in dem doch auch der Louvre eine Rolle spielt im Internet anschauen.
Der Louvre erscheint gleich in den ersten Szenen. Wir richten unser Augenmerk auf Details des Museums die gezeigt oder erwähnt werden.
Das Museum ist mit einem modernen Diebstahlschutz ausgestattet. Wird eines der wertvollen Gemälde von der Wand entfernt, löst sich ein Kontakt. Daraufhin werden alle Türen und großen Durchgänge in Sekunden verschlossen. Der Dieb sitzt dann mit seinem Diebesgut in der Mausefalle und kann auf die alarmierte Polizei warten.
Im Film läuft das Opfer gehetzt durch das nächtliche Museum. Verfolgt wird der Museumsdirektor von einem humpelnden Albino-Mönch. Während einer Verfolgungsszene kann ich bei einer Kameraeinstellung das Glasdach der großen Galerie erkennen. Der Museumsdirektor im Film hat keine Chance seinem Mörder in der Kutte zu entkommen. In seiner Not nimmt er ein Gemälde von der Wand. In dieser Sekunde rauscht ein Metallgitter aus dem Dach der Galerie und trennt das Opfer von seinem unheimlichen Verfolger. Dem  Mönch bliebt nichts mehr als seine Pistole zu  ziehen und auf den Museumsdirektor zu schießen.

Minuten später im Film: Der Kommissar der französischen Polizei zeigt Langdon, der als Hauptverdächtiger gilt, eine Foto der Leiche des Museumsdirektors. Der Kryptologie – Professor bemerkt sofort, dass der Mord im Louvre verübt wurde. Der Polizist horcht auf, er denkt jetzt hätte er den Verdächtigen entführt. Doch Langdon bemerkt, er hätte auf dem Foto das Parkett erkannt. Dieses einzigartige Parkett gäbe es nur im Louvre.

Der Kommissar führt Langdon an den Ort des Verbrechens. Das Museum betreten sie über die Pyramide im Hof des Louvre. Gleich hinter dem Eingang gehen die beiden Schauspieler in einen kreisrunden Aufzug ohne Dach. Wie von Geisterhand schweben die Beiden in die unterste Ebene des Eingangsbereichs. 


Meine Frau und meine Tochter merken sich noch jeweils ein Bild, das man im Film erkennt und dann schlafen wir einer nach dem anderen ein. Am nächsten Morgen, der Laptop liegt noch auf dem Bett machen wir uns auf den Weg in den Louvre. Vorher müssen wir aber noch bequeme Schuhe für meine bessere Hälfte kaufen. Auf unserem Weg zum ersten Mal zu Chartier habe wir uns verlaufen. Dabei, so kann ich mich erinnern, habe ich einen Boulevard mit mehreren Schuhgeschäften entdeckt. Zum Glück gibt’s die Metró, schnell sind wir bei den Schuhgeschäften. Es mag sich aber kein Paar Schuhe finden, das gefällt. Vesna gibt auf, mit enttäuschter Miene will sie sich mit ihren unbequemen Schuhen das Museum antun. Ohne Schuhe fahren wir zum Louvre.

 Da stehe ich in Paris, habe den Kopf  voller Gemälde die ich bald sehen werde, voller Erwartung auf die versteckten Botschaften die ich dort zu entdecken glaube, Freimaurer, Verschwörungstheorien, Hollywood – Filme, geheime Bruderschaften, Weltherrschaft … das lässt sich nicht mit einer unzufriedenen Ehefrau an meiner Seite bewältigen. So will es der Zufall oder die Vorhersehung, dass in der Rue de Rivoli Adidas einen Store unterhält. Dort stattet sich Vesna mit bequemen Schuhen aus, die ihr auch gefallen.



Speissesaal Napoleon III.
So gerüstet können wir auf Entdeckungstour gehen. Groß nach Kultur ist mir nicht zumute. In meinem Kopf nehmen die eher profaneren, technischen  Interessen überhand. Mich interessiert der Aufzug, das Glasdach, das Parkett und das Alarmsystem mit den herunterrauschenden Gittern.
Vor der Pyramide hat sich eine Schlange von Besuchern gebildet. Sie stehen vor einem Röntgengerät, das im inneren der Pyramide steht. Wie auch beim Eifelturm werden die Taschen der Besucher durchleuchtet und die Besucher selbst durchsucht. Während wir in der zweiten Schlange vor einer der Kassen anstehen, kann ich den Aufzug in Aktion beobachten. Der runde Aufzug ist nichts anderes, als ein großer Zylinder, der in den Boden versinkt. Der Aufzug ist reserviert für gehbehinderte Personen, die die Treppe vom Eingang in das Untergeschoß zu den Kassen nicht benützen können. Um den ausgefahrenen Zylinder ist noch eine Wendeltreppe gebaut. Die Personen im Aufzug können sozusagen in der Wendeltreppe nach unten oder oben fahren. Ich kann noch drei Aufzugsfahrten sehen, bis wir an der Kasse sind. Erfreulich ist, daß Kinder freien Eintritt haben. Ebenso ist jeden ersten Sonntag im Monat der Eintritt für jeden Besucher frei.
Die drei Bereiche des Museums sind nach Richelieu (der Flügel an der Rue de Rivoli, dort wo das Adidas-Geschäft ist ;-)), Sully (der zentrale Bereich) und Denon (der Flügel an der Seine) benannt. Ganz unten, auf der gleichen Ebene wie die Kassen, gehen wir in den Sully-Bereich. Hier sind Teile der Grundmauern des Louvre freigelegt. Wir erkennen die ursprüngliche Funktion des Louvre im Mittelalter – eine Festungsanlage. Von dort gehen wir in die altägyptische Abteilung. Wir sind überrascht von der Vielzahl der Ausstellungsstücke. Neben einem Treppenaufgang stehen zwölf Sarkophage. Zahlreiche Büsten und Gebrauchsgegenstände vervollständigen die ägyptische Abteilung. Treppe rauf, Treppe runter, rüber hinüber unser Ziel ist der Denon – Flügel. Im Erdgeschoß nehmen wir noch die bekannte Skulptur Borghese Gladiator mit. Eine kleine Kopie davon habe ich als Jugendlicher bei einer Tombola gewonnen. Die Figur stand jahrelang in meinem Jugendzimmer und hieß bei mir einfach und politisch korrekt; Spartacus. Der Gladiator teilt sich das gleiche Stockwerk mit der überlebensgroßen, sitzenden Skulptur von Ramses dem II. und der Venus von Milo ( eigentlich ist es ja die Aphrodite). Immer wieder wandern unsere Augen auf das Parkett. Es gibt verschiedene. Längs oder quer, in der Sully- Abteilung finde ich eine nicht so gewöhnliche Anordnung der Parkettstreifen.
In Denon, im 1.Stock, isst auch die große Galerie. Hier hängen die  für uns meist bedeutenden Gemälde der italienischen Meister des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier finden wir auch in einem Querbau der großen Galerie die Mona Lisa.


Meistfotografiertes Model in Paris, die Mona Lisa

Vor dem Gemälde drängen sich hundert Besucher. Aus der anderen Richtung kommt eine Gruppe aus den USA. Ein Mann stellt sich neben dem Gemälde unseres verehrten Meisters  Leonardo da Vinci und klappt ein DINA 3 Poster auf. Auf dem Poster ist die Mona Lisa mit dem Konterfei Alfred E. Neumanns abgedruckt. Alfred E. Neumann ist die Titelfigur der MAD – Comic – Hefte. Seine Ehefrau zückt ihren Fotoapparat um den Frevel noch zu dokumentieren. Ich stelle mir das fertige Foto vor; ihr Gatte hält das Poster mit dem pickelnarbigen, zahnlückigen Alfred neben sein Angesicht, während im Hintergrund die Mona Lisa zu erkennen ist.
Absperrgitter in der Decke

Jetzt kommt einer der seltenen Momente, in denen ich mich als Europäer fühle. Französische, spanische, italienische und meine strafenden Blicke treffen das Paar aus der neuen Welt. Wenigstens ist es ihnen ­peinlich; die Frau lächelt verlegen und der Mann zuckt mit den Schultern und meinte er wäre ein großer Fan von ihm. Damit meint er nicht unseren Meister Leonardo, nein, er deutet dabei auf die lächerliche Comicfigur aus dem MAD – Magazin.
Zugegebenerweise habe ich auch nicht nur die Kunst im Sinn, meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Gitter die im Ernstfall die Museumsräume abriegeln. Und tatsächlich, ich entdecke die Gitter in der Decke über den Durchlässen hängend. Da hat der Film gestern Abend doch nicht gelogen.
Hier in der großen Galerie finden meine Frau und Tochter noch die Gemälde, die sie sich gestern Abend gemerkt haben. 


Im Untergeschoß des Richelieu – Flügel stehen die großen Skulpturen. Davor sitzen die Studenten mit ihren Skizzenblöcken und Bleistiften auf dem Boden. Drei Stockwerke darüber erinnern die Gemächer Napoleons des III. an die ursprüngliche Verwendung des Louvre als Herrschaftssitz. Noch ein Stockwerk höher, in der zweiten Etage, besuchen wir noch die Rubens Abteilung. Vesnas Ehrgeiz und ihre neuen Schuhe  zwingen uns dann noch bis vor die letzte verschlossene Türe zu gehen.
Wir verlassen das Museum wie wir es betraten, durch die Pyramide. Jetzt noch zu Fuß zur Kirche Notre Dame. Nach den ausgiebigen Märschen steht für mich schon den ganzen Tag über fest wo der Abend endet; bei -> Chartier Chartier. Dort besprechen wir bei einem schönen Abendessen das Ergebnis unserer cineastischen Ermittlungen.


.  

Samstag, 12. November 2011

Gurkensalat


Essen in Paris ist eine teuere aber gute Angelegenheit. Die Sitzplätze in den  wirklich guten Restaurants sind schon zehn Tage vorher zu bestellen. Ich bin froh, dass ich im Internet ein bekanntes Restaurant fand, bei dem nicht vorbestellt werden muss. Jawohl, ich gehöre zu den Leuten, die bevor sie in unbekannte Gefilde fahren, sich vorher über die Restaurants informieren. Leider sieht man mir das auch an ;-). 


 Mein Fundstück in Paris ist das Bouillon Chartier in 7 rue de Faubourg Montmarte. Gleich am Abend unseres ersten Tages in Paris, nach dem Besuch der -> Cité , kann ich meine Neugierde nicht mehr im Zaum halten und bringe uns ins Chartier. In der Metrostation habe ich mich verlaufen, den falschen Ausgang benützt. Es regnete den ganzen Tag, ich bin pudelnass und schön langsam habe ich die Nase voll. Plötzlich in einer Seitenstraße sehe ich die grelle Leuchtreklame des Restaurants. Nun kann mich nichts mehr bremsen. Frau und Kind im Schlepptau gehe ich mit großen Schritten durch die Pfützen der Pariser Straße. Die Leuchtreklame zeigt auf einen Durchgang. In dem Durchgang sind Bänder gespannt, die sonst immer da sind wo  Warteschlangen geordnet werden müssen. Jetzt  ist aber niemand da. Wir stehen jetzt allein im Hinterhof und ich erhasche den ersten Blick auf die Drehtüre in der Front der Bouillon.

Seit ich weiß, daß ich nach Paris komme, studiere ich im Internet die täglich wechselnde Karte. Zwei Favoriten habe ich mir schon ausgesucht; den Gurkensalt als Vorspeise und etwas mit grüner Pfeffersoße. 

Wozu sind diese Schubladen in der Wand?
Kaum lasse ich die Drehtür hinter mir, betreten wir ein Paradies. Draußen, im Dunkeln, prasselt der Regen. Drinnen beleuchten unzählige gelbliche Kugellampen eine Belle-Epoque-Kulisse. Ein Kellner, so wie er sein muss, in schwarzer Weste und langer weißer Schürze, begrüßt uns und bringt uns durch den Speisesaal an unseren Tisch. An der Wand neben uns sind viele kleine Schubfächer. Die einzelnen Schubläden sind nummeriert. So ähnlich wie bei uns in Deutschland die Fächer der Sparvereine. Wir können uns den Zweck dieser kleinen Schubfächer nicht erklären. 


 Ich entdecke Salade de concombre, meinen Gurkensalat, auf der gedruckten Tageskarte. Sofort bestelle ich die ersehnte Vorspeise. Der Kellner enttäuscht mich; er streicht den Salat aus dem Menü. Als Ersatzvorspeise wähle ich Salade d´endives roquefort und als Hauptgericht Steack hache sauce poivre vert frites . So bekomme ich meine grüne Pfeffersoße. Der Kellner, ich weiß von meiner Frau, daß man den in Frankreich immer mit „Monsieur“ anspricht, kritzelt unsere Bestellung auf die Papiertischdecke. Meine Frau nimmt ein Steak und meine Tochter entscheidet sich für das Hühnchen.

Das Bouillon Chartier wurde 1896 als Restaurant für die Arbeiter und Angestellten von zwei  Brüdern mit eben jenem Namen Chartier gegründet. Nach eigenen Angaben bemüht sich das Team darum, und jetzt habe ich meine Übersetzungskünste bemüht, eine Mahlzeit, die den Namen verdient, für bescheidenes Geld anzubieten. Und ich kann bestätigen, dass ihnen das gelungen ist. Zumindest bei meinem Menü. Meine Vorspeise bestand nicht nur wie der Name verrät, aus Endiviensalat und Roquefortkäse, das Ganze war noch mit einer äußerst feinen Senfsoße angerichtet. Mein Hacksteak war noch fast roh, aber genauso mag ich es. Die Pfeffersoße war, wie erwartet, alleine schon die Reise nach Paris wert. Die Sauce war ausgesprochen mild. Der Koch verwendet frischen, grünen Pfeffer. In Karthago rupfte ich frischen Pfeffer von einem Strauch und kostete mit spitzer Zunge – davon kenne ich den Geschmack, den ich jetzt wieder erleben darf.  Das unverwechselbare, unerwartet feine Aroma von Pfeffer, ganz ohne Schärfe. Es bedarf eines gewissen kulinarischen Könnens diesen Geschmack auf den Teller zu bringen. Ich bin wieder mal froh vor sieben Monaten das Rauchen aufgehört zu haben, sonst hätte ich diese Feinheiten nicht geschmeckt. Frau und Kind hatten mit ihrem Menü nicht soviel Glück. Das Steak war meiner froh zu roh. Das ist eine Eigenheit der französischen Küche; bei Fleisch ist der Teller immer blutig. Die Frage des Monsieurs, wie das Fleisch zubereitet werden soll, ist eher als Freundlichkeit zu verstehen. Well done bedeutet halb roh. 

Die Drehtüre im Hinterhof


Die Dreifaltigkeit des französischen Desserts; Käse, Süßes und Obst, setze ich wie folgt um:
Fromage blanc de campagne, Mousse chocolat und Ananas. Alles Drei mehr als zufriedenstellend. Der Käse auf den Punkt gereift, das Mousse in der richtigen Konsistenz und nicht zu süß. Süß war die Ananas – und so ist es richtig.
Der Kellner macht die Rechnung, indem er alles auf der Papiertischdecke addiert. Wir bezahlen für drei Personen und eine Flasche Vin du moment mit Trinkgeld 72,- €. Das ist mehr als günstig.

Als wir nach draußen gehen, sind wir ganz überrascht. In dem Durchgang stehen vor dem Regen geschützt ca. 70 Gäste und warten auf Einlass. Bei mir stellt sich die Frage; was ist dieses Bouillon Chartier eigentlich? Für einen Gourmettempel, besonders in Paris, ist es nicht gut genug. Der Preis ist sehr gut – aber sich dafür anstellen? Das Flair ist sehr von Touristen geprägt, die nehmen viel von dem Pariser Gefühl im Restaurant…
William Lesourd, ein französischer Bloger, schreibt in seinem -> Périblog über das Chartier. Er bedauert, daß Paris immer mehr und mehr zu einem Ausstellungsstück wird. Daß immer mehr Touristen alleine durch ihre Anwesenheit den Pariser Esprit verwässern. Beim Bouillon Chartier allerdings schaffen es nicht mal die Américains mit ihrem Geschrei (genau so schreibt Lesourd) die authenticité zu vernichten. Die geschichtsträchtige Bouillon sei  zu sehr mit den Wurzeln Paris verstrickt. Ich glaube William Lesourd kann nur zu gut verstehen wie mir beim Oktoberfest zumute ist.

Ich stelle fest; solange das Chartier so bleibt wie es ist komme ich wieder. Und keine 48  Stunden später stehen wir wieder vor der Türe. Diesmal kommen wir vom Louvre. Wieder bekommen wir einen Platz ohne warten. Wieder steht der Vin du moment auf dem Tisch. Wieder halte ich die Speisekarte in der Hand. Diesmal wähle ich das Steak. Ich denke, ich brauche nicht zu schreiben welche Soße ich dazu  will! Nur diesmal hat sich das Schicksal gedreht. Der Ober hat diesmal gleich als er uns die Karte überreichte den Gurkensalat gestrichen. Bis auf zwei  Bissen bin ich mit meinem Fleisch nicht zufrieden. Zufrieden macht mich allerdings meine Ehefrau. Es ist mir eine Freude mit welchem Genuß sie ihr Confit de canard pommes grenailles verzehrt.

Köstliches Vanilledessert

Heute ist nicht mein Tag. Beim Dessert greife ich wieder daneben. Meine Creme de marron entpuppt sich als zuckersüße Pampe. Vesna hat mit ihrem Vanillesouffle die eindeutig bessere Wahl getroffen. Für unsere kleine Tochter hat der Kellner eigens ein Apfeleis gebracht, das nicht auf der Karte stand.

Leider, leider werden  sicherlich mehr als 48 Stunden vergehen bis ich wieder in Paris bin und das Chartier genießen kann. Meinen Gust können mir die Touristen nicht rauben, sind wir doch selbst welche.
Lesourd hat auch beschrieben welchen Zweck die kleinen Schubfächer an den Wänden haben. In ihnen wurden die Servietten der Stammgäste verstaut.  

.



Wenn ihr auch ein Lokal aus euerem Parisurlaub kennt, oder Neues aus dem Chartier berichten könnt, schreibt es in die Kommentare. Weitere, auch nähergelegene Leckerbissen findet ihr bei -> Wo gibt es das beste ... .


Freitag, 11. November 2011

Im Untergrund


In Paris wird Métro gefahren, und Taxi natürlich! In der ansonsten etwas teueren Stadt sind Taxis eher günstig, aber es hat keinen Sinn im Stau dahinzukriechen, während fünf Meter unter dem Asphalt die Métro dahinbraust. 



Unsere Métrostation Brochant der Linie 13 ist von unserem Hotel ca. 600 Meter entfernt. Das ist eine Ausnahme, ansonsten sind die meisten Plätze in Paris nicht weiter als 500 Meter von der nächsten Metrostation entfernt. Die Entfernungen zwischen den Stationen sind im Vergleich zu den U-Bahnen in deutschen Städten sehr gering. Die Métro bildet zusammen mit der RER (eine Art S-Bahn) eines der dichtesten U-Bahnnetze der Welt. Täglich fahren über 3 Millionen (!) Fahrgäste durch die über 200 Kilometer weiten Tunnel unter Paris.

Wir kaufen uns ein Carnet. Das ist das praktischste. Ein Carnet kostet 12,50 € für Erwachsene und besteht aus 10 Einzelfahrkarten. Das Tarifsystem ist einfach. Mit einer Fahrkarte darf man 1,5 Stunden mit jeder Métro und jedem RER-Zug fahren. Egal ob man nur eine Station fährt oder mit dreimal umsteigen durch ganz Paris reist. Das Ticket wird mit dem Magnetstreifen nach unten in einen Schlitz eingeführt. Daraufhin öffnet sich eine Klapptür und gibt den Durchgang frei. Verlässt man eine Station geht man durch ein Drehkreuz, das nur das Verlassen der Station zulässt. Die Pariser haben eine aufladbare Magnetkarte. Wir sehen wie sie ihre Geldbörse (in der wohl die Magnetkarte steckt) auf einen Leser legen und die Klapptür öffnet sich.


 Das war es dann auch schon. Ich bin in den letzten Jahren in Rom, London, Madrid und jetzt wieder in Paris U-Bahn gefahren. Die Städte sind größer als München und haben alle, ohne Ausnahme, ein einfacheres durchsichtigeres Tarifsystem. In München habe ich immer das Gefühl zuviel oder zuwenig bezahlt zu haben. Warum kriegen die es bei uns nicht auf die Reihe ein verständliches Tarifsystem zu einzuführen?
Wir haben unsere Tickets nachdem wir in der Métro waren einfach weggeschmissen. Bis wir eine Kontrolle beobachteten. Obwohl der Zugang ohne zu bezahlen technisch schwer Möglich ist, gibt es uniformierte Kontrolleure. Das die Tickets nur 1,5 Stunden nach dem ersten Entwerten gültig sind haben wir erst später erfahren.

Auf die Métro kann ich nur Loblieder singen. Es gibt keinen Fahrplan. Ab 5 Uhr morgens bis 0.30 Uhr fahren die Züge in engen Taktzeiten. Wir haben nie länger als vier Minuten auf die nächste Bahn gewartet. Die Waggons sind kleiner und enger als die Münchener U-Bahn-Waggons. In den Einstiegsbereichen sind Klappsitze. Bei großem Andrang wird erwartet von den Klappsitzen aufzustehen um mehr Platz zu schaffen. Sitzenbleiben gilt als unhöflich.
Eine Besonderheit sind die gummibereiften Waggons einiger Linien. Das System wurde von Michelin entwickelt. Fährt man mit einer MP (Métro Pneu) kommt man in den Genuß einer erschütterungsfreien, leisen Fahrt durch den Untergrund. Die MF (Métro Fer) sind die eisenbereiften Waggons, die man von überall sonst her kennt. Die Stationen der luftbereiften Linien erkennt man sofort am Geruch der durch den Gummiabrieb entsteht.

Wir haben uns an größeren Stationen mit Fahrkarten eingedeckt. Nicht an jeder Station ist ein mit Personal besetzter Schalter zu  finden.
Als wir am Seineufer vom Louvre zur Insel auf der Seine gingen, habe ich mir LKWs und Busse gemerkt, die neben uns im dichten Verkehr mehr standen als fuhren – wir waren zu Fuß schneller.


Auf der Seineinsel finden wir eine der schönsten Métrostationen. Die Station Cité liegt tief unter der Erde weil die Bahn und somit auch die Station unter dem Fluß liegt. Wir gingen über 100 Jahre alte Metalltreppen durch ein großes senkrechtes Rohr nach unten. An den Wänden des Rohrs erkennt man die Metallplatten die an den Rändern vernietet sind. Die Station erinnerte mich an den alten schwarz-weiß Film Metropolis von Fritz Lang aus den 20iger Jahren.


PS
Wenn ihr Stalingrad vergebens auf der Landkarte sucht  – das ist jetzt in Paris! Die zugehörige Métrostation haben wir schon gefunden.

.     

Mittwoch, 9. November 2011

Wissen schafft


„Das ist das größte technische Museum in Europa.“

erzähle ich meinen Fahrgästen in München, wenn ich sie über die Ludwigsbrücke fahre und zeige dabei auf das Deutsche Museum. Ein technisches Museum, so was gibt es auch in Paris, dort heißt es ->Cité des sciences et de l´industrie.
  Im Reiseführer werden die Kinderabteilungen angepriesen. Dort gibt es eine Vielzahl von Hebeln, Schrauben, Seilen an denen die Kleinen drücken, drehen oder ziehen können.
Es gibt für die Kinder und Jugendlichen zwei nach Alter getrennte Abteilungen. Wir schließen uns der Gruppe der 5-12jährigen an. Der Andrang ist so groß, dass alle 1,5 Stunden gewechselt wird. Jeweils ca. 200 Mamas, Papas und Kinder sind in der Abteilung. Nachdem die Zeit abgelaufen ist, fordert eine freundliche Stimme alle enfants auf den  Bereich zu verlassen.
Die Kinder der neuen Gruppe stehen schon erwartungsvoll an der Schranke. Der zweite Gongschlag läutet den Sturm auf die Geräte ein. Die Kinder teilen sich auf die verschiedenen Bereiche auf. Es gibt Kommunikation, Fabrikation, Wasser, Umwelt … und sogar ein kleines Filmstudio.

Für mich ist es eine Freude zu sehen wie die Kleinen, trotz verschiedenster Muttersprachen, zurechtkommen. Der Höhepunkt in der Fabrikation ist ein Roboterarm, der in einem Glaskasten umherwirbelt. Zunächst entwerfen die Kleinen auf einem Touch Screen einen fünf einfache Häuschen. Der Roboterarm greift sich daraufhin aus einem Lager die entsprechenden Bausteine und stellt schnell die Bausteine in der richtigen Position aufeinander.

Bei der Kommunikation sind an den beiden Enden der Abteilung riesige Schalltrichter (Durchmesser ca. 3 Meter) aufgebaut. Im Brennpunkt der konkaven Fläche sind Gestänge an denen der Kopf fixiert werden kann. Trotz der lärmenden Rasselbande zwischen den Trichtern ist eine Verständigung zwischen den beiden Teilnehmern möglich.

 Geschickt dränge ich unsere Familie in den Umweltbereich. Er ist mit Jardin überschrieben und schließlich war ich doch auch als „Jardinier“ in Frankreich. Hier ist die Attraktion ein kleines Gewächshaus voller Schmetterlingen. So kann man die kleinen bunten Insekten aus allernächster Nähe betrachten. Jedes Kind muss auch durch einen Ameisenhaufen mit echten Ameisen krabbeln.

Im Filmstudio ist eine Bühne aufgebaut. Auf der Bühne stehen Fake-Instrumente, drei Gitarren und zwei Keyboards bereit. Die Kinder spielen, singen und tanzen wie die Popstars. Am Rand der Bühne stehen zwei Kameras mit einfachen Bedienelementen. An jeder Kamera ist ein Monitor. Die Kamerafrauen und –männer verfolgen mit ernsten Gesichtern das Geschehen auf der Bühne und fangen die interessantesten Bilder ein. Auf einem Mischpult kann der Regisseur beobachten was jede einzelne Kamera aufzeichnet. Er wählt aus welches Bild auf dem großen Bildschirm erscheint. Das Ergebnis kann von jedem Zuschauer auf einem großen Monitor über der Bühne bewundert werden.

In einer anderen Ecke des Filmstudios sitzen die Kinder auf einem Teppich vor einem Green Screen. In einem Monitor sieht man die kleinen Schauspieler umgeben von grün. IN einem anderen Monitor rauscht der Himmel oder eine Landschaft vorbei. Im zentralen Monitor kann man dann seien Nachwuchs auf einem fliegenden Teppich durch die Luft rauschen sehen.



Im Hof des Museums,  oder vielmehr der Museumsstadt, dominiert eine riesengroße  verspiegelte  Kugel. Vor 20 Jahren war in dieser Kugel ein 3-D-Kino. Um herauszufinden was heute darin ist, bleibt mir keine Zeit. Wir müssen zu -> Chartier, nicht dem Schmuckhändler, sondern dem Restaurant. Wäre es der Juwelier, wüsste ich was in der Kugel ist.

.  

Dienstag, 8. November 2011

666

Wohin in Paris? Zum Eifelturm! Gleich nach dem Frühstück, einem Croissant,  machen wir uns auf den Weg. Wir fahren mit der Metro von unserer Station Brochant zur Station École Militaire. Über das Marsfeld geht es zum Eifelturm, an jedem Pfeiler steht eine Traube von Touristen. Die Spitze des Turms hüllt sich in Nebel. Wir belassen es heute dabei zwischen den Menschen unter dem Eifelturm durchzugehen. Das schlechte Wetter macht sich auch am Taxistand an der Seineseite bemerkbar. An der Spitze des Taxistandes warten schon die Gäste und belegen die ankommenden Taxis.
Wir wollen um 11 Uhr an der Pyramide im Hof des Louvres sein. Wir haben keine Zeit zu warten und ich entere eines der Taxis das am Ende des Standes die Gäste aussteigen lässt,  die zum Eifelturm wollen.



Unser Taxi bringt uns pünktlich in das Carrousel du Louvre, von hier sehen wir schon die Pyramide. Der Louvre ist heute wie jeden Dienstag geschlossen. Es sind nur Wenige, die am ersten Tag des elften Monats im elften Jahr den Weg zur Pyramide finden.

Die Pyramide wurde von dem chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei auf Initiative von Francois Mitterrand geplant und 1989 beendet. Im Internet (auf mancher katholischen Seite)  kursiert das Gerücht, dass die Pyramide aus 666 Glasscheiben bestehen würde. Mit oder ohne den dreieckigen Scheiben an der Basis, ergibt die Summe nie 666. Das Gerücht ist nur eine Hoax, von Leuten ins Leben gerufen, die die Pyramide dem Teufel zuschreiben wollen.


Nicht aus dem Reich der Märchen ist die Tatsache, das die Anfangsbuchstaben von Égalité, Liberté und Fraternité – elf ergeben.

 

.

  

Samstag, 5. November 2011

Parisien

„Im Herbst fahren wir nach Paris“

Das habe ich während des Sommers  meiner kleinen Tochter versprochen. Die Tage vergehen, und aus Tagen wird eine Woche und aus Wochen werden Monate…

Bis mir siedend heiß einfällt; die Herbstferien sind ja schon in der nächsten Woche. Drei Tage Paris, das lassen der Etat und die Kunden zu. Drei volle Tage sollen es aber schon sein. Am Montagvormittag habe ich noch im KVR zu tun. Am Nachmittag dann noch ein Auftrag. Freitagmittag wollen wir wieder in München sein. Wir sind spät dran und die Flüge werden knapp. Am Freitagvormittag kann ich noch Air France Flüge am Montagabend von München nach Paris und am Freitag früh zurück von Paris nach München buchen.
Soweit so gut! Jetzt noch das Hotel. Ich wähle aus dem Angebot im Internet aus, zeige die Bilder meiner kleinen Tochter, wir wägen ab und buchen. Es klappt alles Ein Drei-Bett-Zimmer ist auch frei, Preis, Lage und Ausstattung passt auch – jetzt nur noch der endgültige Klick zur Buchungsbestätigung und es kommt die Anzeige das Hotel sei belegt.


 Also wieder von vorne. Wir suchen ein neues Hotel. Die Zeit drängt. Ich muss zu meinem nächsten Termin. Ich will zuhause buchen. Da habe ich die Familie als Mitentscheider und einen Drucker zum Ausdrucken  der Buchungsbestätigung. Also ein zweites Hotel ist gefunden. Wieder das gleiche, kurz vor der endgültigen Buchung kommt die Nachricht, dass das Hotel zu  dieser Zeit belegt sei. Jetzt habe ich keine Geduld mehr. In einem Hotelbuchungsportal lasse ich mir die Hotels nach Preis und Nähe zum Stadtzentrum anzeigen. Das erste Freie wird genommen.
So landen wir im Hotel de Roi René 2,2 Kilometer vom Arc de Triomphe am Place du Dr. Felix Lobligeois. Die -> Bewertungen des Hotels auf tripadvisor negiere ich, ich bin froh ein Hotel gefunden zu haben. 
  Vier Stunden nach der Buchung bekomme ich eine E-Mail von Air France; das Kabinenpersonal der Fluggesellschaft befindet sich bis zum 2. November im Streik. In der E-Mail ist ein Link der auf eine Air-France-Seite führt auf der aktuell  alle gestrichenen Flüge angezeigt werden. Mit Spannung verfolge ich, dass täglich ein Flug von München nach Paris gestrichen wird. Am Abflugtag habe ich endlich Gewissheit – wir fliegen heute Abend um 20.35 Uhr in die Hauptstadt Frankreichs.
Nach einer guten Stunde landen wir am Charles  de Gaulle Airport. Die letzten Male war ich hier beim Umsteigen bei den Flügen zwischen München und Havanna. Heute gibt es günstige  Direktflüge zwischen  München und Havanna. Bei einer solchen Gelegenheit kaufte ich eine Flasche Champagner. Damit wollte ich einer von mir angebeteten Frau beeindrucken. Alleine die Tatsache dass wir jetzt  als Ehepaar, das neunjährige Ergebnis unserer Liebe an der Hand,  nebeneinander am Gepäckband stehen, zeigt, dass mein damaliges Werben erfolgreich war.
Über dem Gepäckband ist auch gleich ein  ziemlich eindeutiges  Hinweisschild wo  den die lizenzierten Taxis zu  finden seien. Keine fünf Meter weiter werden wir auch schon umworben. Junge Männer bieten uns mit den Worten;

„Nice car, nice car, …”

ihre Fahrdienste an. Das habe ich in keiner westeuropäischen Stadt erwartet. Ich bin mit Familie unterwegs, wir sind müde, ich habe keine Lust auf Verhandlungen, ich lebe seit über 20 Jahren vom Taxifahren. Ich werfe uns vertrauensvoll in die Hände eines richtigen Taxifahrers. Den bekommen wir auch, nachdem  eine Einweiserin mit gelber Warnweste in ihr Funkgerät genuschelt hat. Sekunden später kam ein Peugeot aus dem Untergrund hochgefahren und blieb vor uns stehen. Der Fahrer, ein Asiate, so um die 55, steigt sofort aus und lädt unser Gepäck ein. Er akzeptiert auch meine Kreditkarte. Den Namen und die Adresse des Hotels habe ich vorsorglich groß auf ein Blatt Papier geschrieben, das er während der Fahrt behalten kann. Wir drängen uns zu dritt auf die enge Rückbank des Taxis. Früher hatte so mancher französische Taxifahrer in Paris zur Sicherheit einen Hund im Fußraum des Beifahrers sitzen. Heute habe ich dort keine Hunde mehr gesehen. Auf dem Beifahrersitz eines jeden Taxis  stapeln sich Zeitungen, eine Jacke, ein kleines Fernsehgerät, eine Flasche Wasser, ein Laptop, CD, Bücher, Plastikboxen, allerlei Utensilien… In französischen Städten ist es nicht üblich neben dem Fahrer zu sitzen. Wir bleiben um diese Zeit bleiben von dem berüchtigten Pariser Verkehr verschont. Wir drei kauderwelschen auf der Rückbank. Der Fahrer schnappt wohl mal einen deutschen, spanischen oder serbischen Sprachfetzen auf, kann aber mit uns drei nichts anfangen. Nachdem er die Adresse unseres Hotels in sein Navigationsgerät eingegeben hat, fixiert er uns im Rückspiegel. Dort treffen sich unsere Blicke. Die Neugierde siegt.

“Where are you from?“

Aus Deutschland, aus München, antworten wir ihm. Wir offenbaren uns als Kollegen. Sofort ist das Thema gefunden. Wie weit ist der Flughafen München von der Stadt entfernt, wie lange wartest du da, welches Auto fährst du, wie läuft das Geschäft? Ich genieße den Rollenwechsel. Nach einer halben Stunde bleiben wir vor unserem kleinen Hotel stehen. Ich zücke meine Kreditkarte. Als der Fahrer sein Kreditkartengerät heraussucht, hupt der Fahrer hinter uns, den wir in der engen Gasse blockieren. Unser Taxifahrer lässt sofort von seinem Vorhaben ab, steigt aus dreht sich nach hinten, fixiert den gegnerischen Fahrer, fängt an zu schimpfen und zu fluchen. Der blockierte Fahrer antwortet mit weiterem Gehupe.
Es ist Mitternacht, wir sind in einer Wohngegend, ich will nicht, dass der ganze Straßenzug von unserer Ankunft erfährt. Ich bedeute dem Fahrer, dass er uns auch an der nächsten Kreuzung aussteigen lassen kann, es ist für uns kein Problem die 20 Meter zum Hotel zurückzugehen. Zu dem Fahrpreis von 45,-€, den ich mit Kreditkarte bezahle, stecke ich ihm noch fünf Euro Trinkgeld in bar zu und verabschiede mich.

Im Hotel müssen wir feststellen, dass die Bewertungen stimmen. In unser enges Zweibettzimmer wurde noch ein drittes Bett gestellt. Die Türe zum Bad (von der Größe her eher ein Badeschrank) kann nicht mehr geschlossen werden. Die Tapete löst sich von den Wänden. Es ist laut. Wie in einem amerikanischen Klischeefilm über Paris! 



Nach der ersten Nacht, in aller Frühe, muss ich sofort auf die Straße. Die Gegend erkunden. Ich liebe das, überall wenn ich neu ankomme, wird sofort beim ersten Tageslicht die Gegend erkundet. Meine Tochter begleitet mich. Spielerisch weise ich sie in die „Nahaufklärung“ ein, dabei entdecken wir den absoluten Pluspunkt  unseres Hotels – die Lage. Wir liegen zentral, doch fernab von den Touristen, hier in der Gegend wohnen nur Einheimische, um uns herum ein Bäcker, ein Metzger, eine Trafik, … Für den Abend gibt es Bars jeder Couleur. Die Metrostation Brochant ist zehn Gehminuten von uns entfernt. Dort liegt auch der Taxistand. Die Bushaltestelle ist eine Minute vom Hotel  entfernt. Wir haben den Bus beim An- und Abfahren beobachtet. Die Namen an den Klingelschildern überflogen. Welche Zeitung am meisten gelesen wird… 

Obwohl es nicht regnet, fließt Wasser durch die Rinnsteine auf der Straße. Ich erinnere mich daran, dass Paris jeden Morgen gespült wird. Wir suchen und finden die Wasserquelle. Aus einem Bordstein quellen zwei armdicke Wasserstrahlen. Das ist genau wie unser Viertel für die nächsten drei Tage – typisch Paris.

.