Sonntag, 23. Dezember 2012

Ho Ha



Hohoho, Santa Claus, es scheint jetzt, dass du in deiner Mobilität etwas eingeschränkt bist. Wir wollen es dir auch nicht so leicht machen wenn du als Kulturimperialist versuchst in unseren Landen Fuß zu fassen.
Du wärst sowieso zu spät gekommen. Unser Nikolaus, du erkennst ihn an der Tiara, dort wo deine Zipfelmütze sitzt, war schon vor Wochen da. Der serbische Nikolaus hat dich auch schon geschlagen. Übrigens, hast du keinen Krampus, der auf deinen Schlitten aufpasst während du an den Fassaden unserer Einkaufszentren hängst.
Ach so, du bist gar nicht der Nikolaus?! Du willst der Weihnachtsmann sein? Aber selbst wenn dir Coca-Cola, die dir deinen roten Mantel gesponsert haben, einen neuen Schlitten unterschiebt, und du es schaffst dich in der Nacht zum 25. zum X-Mas durch den Kamin zu stehlen, bist du zu spät dran. Unser Christkindl war schon am Vorabend da.
Hahaha

Freitag, 21. Dezember 2012

Abgefahren spießig

Die Adventszeit beschert uns Weihnachtsfeiern.Dem Deutschen wird nachgesagt, daß er ein Vereinsmeier sei. In diesem Fall bin ich typisch Deutsch. Vor Jahren erzählte ich einen Fahrgast in meinem Taxi, daß wir Taxifahrer uns jeden Donnerstag im Schwimmbad zum Schwimmen treffen. Nachdem ich ihr verriet, daß wir das schon seit einem halben Jahr regelmäßig machen, fragte sie schmunzelnd:

“Und wie heißt ihr Verein?“

Wenn drei Deutsche etwas länger als zwei Wochen machen, gründen die doch einen Verein. Aus unserem Taxifahrerschwimmverein ist nichts geworden, aber dennoch bin ich Mitglied in Schützen- und Jagdvereinen. Ein ordentlicher Verein hält auch eine Weihnachtsfeier ab und so bin ich heuer zu acht Weihnachtsfeiern gekommen.

Die Feiern waren aus Schützen-, Taxi- und Jägerkreisen. Ich konnte nicht auf allen Hochzeiten tanzen, aber die Feiern, die ich besucht habe, habe ich genossen. Ich liebe die festliche Stimmung.
Alle sind fein herausgeputzt, die Ehefrauen sind dabei. Leises Zither- und/oder Harfenspiel sorgt für eine besinnliche Atmosphäre. Ehrengäste werden begrüßt und beklatscht. An die während des Jahres verstorbenen Mitglieder wird mit einer Schweigeminute gedacht. Bei den Jägern dürfen die Jagdhornbläser nicht fehlen. Die Tische sind weihnachtlich dekoriert.Auf der Bühne wird das eine oder andere Vereins- oder Verbandsabzeichen auf die stolze Brust geheftet. Das Licht wird gedimmt. Die Musik klingt sanft aus. Jeder schaut nachdenklich auf die Kerzen und Platzerl auf seinem Tisch. Eine Weihnachtsgeschichte wird vorgelesen. Richtig spießig und genau das genieße ich.
Was gehört noch zu jeder Weihnachtsfeier? Die Tombola! Bei zwei Tombolas (oder solle es Tombolen heißen?) für die Weihnachtsfeier des Lohnkutschergehilfenvereins von 1749 (!) durfte ich mithelfen. Für viele Preise gibt es Sponsoren die erwähnt werden wollen. Andere Preise müssen eingekauft werden. Immer wieder ist es spannend was sich da alles schön aufgebaut an den Seitenwänden der Festsäle ansammelt. Bei jeder Tombola bleiben ein paar Euros für die Vereinskasse übrig. Die Lose kann man mit gutem Gewissen kaufen, ist es doch für den eigenen Verein.

Was habe ich im Laufe der Jahre bei diesen Tombolen (oder solle es Tombolas heißen?) erlost? Sogar den oft zitierten Blumentopf habe ich schon gewonnen. Ungarische Salami, Waffenöl, Pralinen, Wäscheklammern, Wein, Bücher, Stofftiere, Tischdecke, Spielkarten, Kugelschreiber, Meterstäbe, Sekt und Weihnachtsengel habe ich nach Hause gebracht.

Den abgefahrensten, außergewöhnlichsten Preis überhaupt habe ich heuer bei der Weihnachtsfeier der Waidmannsgilde in der Münchner Haupt gewonnen:

Eine Tarnmaske aus Gaze mit Real-Tree Aufdruck


Das Auspacken war schon spannend. Das Ding kommt aus den U.S.A. Die Maske ist wie ein kleiner Sack aus Gaze, ähnlich einem Vorhangstoff. Auf der Vorderseite ist ein kleiner runderr gefasster Ausschnitt zum rausschauen. In die Unterseite der grünen Fassung ist ein dicker Draht gearbeitet. Ich kann damit das Guckloch an meine Nase anpassen. An der Maske sind sind dann noch zwei Gummibänder befestigt. Die schlinge ich dann um den Kopf. Auf den ersten Blick könnte man glauben die Maske stammt aus der Fetisch-Abteilung eines Sex Shops.
Der Real – Tree Aufdruck stellt Zweige und Äste von Bäumen in verschieden Größen dar. Wenn ich mich damit stockstarr und mucksmäuschenstill ins Unterholz setze,
bin ich praktisch unsichtbar – und das ist auch gut so!

Mittwoch, 19. Dezember 2012

(Ver)trauen?

Medizin und Gesundheitspolitik ist so gar nicht mein Thema. Viel lieber beschäftige ich mich mit Geschichte, der Jagd, alten Schußwaffen, dem Wald … . Gesundheitspolitik in der BRD. Da denke ich an an weiße Kittel, Krankenhaus, Birkenstock, Herzklappenskandal, Organtransplantationsgeschäfte, Pharmaindustrie und Helmut Kohl.

So wie es ausschaut muß ich mich aber damit beschäftigen. Ich habe schon seit Jahren Probleme mit meinem linken Knie. Am Anfang war es nur der Meniskus. Ich dachte mir nichts Schlimmes. Ich gehe zum Arzt, der überweist mich zum Orthopäden, der macht Röntgenbilder, schickt mich in den Kernspind und operiert mich ambulant gleich bei uns in der Nachbarschaft in der Ingolstädter Straße. Er bietet mir noch fünf Spritzen an, die ich selbst bezahlen müßte. Ich Anfängerpatient lehne ab. Ich denke mir noch was will der denn. Knie kaputt -. das wird jetzt operiert und dann springe ich mit meinen knapp drei Zentnern Lebendgewicht über Wald, Feld, Flur und Münchner Straßen.

Soweit zu meiner Wunschvorstellung. Nach der ambulanten Operation stehe ich noch schlafdamisch von der Vollnarkose mit Krücken auf dem Parkplatz des Gesundheitszentrums. Der arme Kollege Taxifahrer der mich steif und ungelenk mit meinen Krücken und dem ekeligen Blut- und Eitersackl nur 600 Meter stadteinwärts fahren muß. Ich revanchiere mich mit ordentlich Trinkgeld und tausend Entschuldigungen.

Nach drei Tagen bin ich schon wieder selbst im Taxi unterwegs. Die Krücken finden in meinem VW-Bus leicht Platz. Es bleibt aber beim guten Willen sie zu benutzen. Ich habe am ersten Tag gleich drei Abholungen vom Flughafen. Natürlich humple ich nicht mit Krücken vom Abholerparkplatz zum Treffpunkt an dem ich unsere Gäste erwarte.Bei dreimal hin und her bin ich dann doch schonn wieder bei einem Kilometer. Das mit dem Springen über Wald und Feld hat sich dann nach einem Jagdausflug im Gebirge im Walchenseegebiet auch erledigt. Eifrig bin ich über schräge Hänge gelaufen und über Bachbette gesprungen. Beim Abstieg wurde mir schmerzhaft klar, daß ich nicht die Figur und Muskulatur eines Sportlers habe. Das war der Anfang vom Ende Operationserfolges. Nach weiteren sechs Monaten lag ich schon wieder wegen der gleichen Sache auf dem Operationstisch.
Diesmal war ich zwar schlauer als beim ersten Mal, aber doch noch nicht ganz gscheid. Diesmal gönne ich mir eine Woche Ruhe. Diesmal habe ich auch sieben schmerzfreie Monate nach der Operation. Bei der Bekämpfung einer der Hauptursachen, meinem Übergewicht, war ich wieder nicht erfolgreich. Jetzt quäle ich mich schon wieder sehr zu meinem und meiner Frau Mißfallen, humpelnd und schmerzertragend durch die Taxiwelt.

Einer Einladung zu einer Treibjagd in Franken musste ich schon absagen. Ich bin drauf und dran einer weiteren Einladung abzusagen. Ich kann unmöglich in Gummistiefeln durch die schneematschigen Äcker stampfen. Ich will meinen Jagdkameraden keine Last sein. Es muß erst richtig weh tun, nicht nur physisch, bis ich mich entschließe mich ein drittes und hoffentlich letztes Mal den Weißkitteln anzuvertrauen.

Es gibt da eine Ärztin zu der ich Vertrauen habe. Ich habe mit ihr schon mal gesprochen als ich eine Kur beantragt habe. Die AOK hat meinen Antrag an die Deutsche Rentenversicherung weitergeleitet. Die hat mir dann die Kur verweigert.
Bei dieser Ärztin hab ich zum ersten Mal den Eindruck, daß sie mein Problem mit meiner Esssucht versteht. Es hilft mir kein zehnter Diätplan, oder Tipps welche Nahrungsmittel kalorienarm satt machen. Jeder, der sich nur bischen mit Ernährung beschäftigt, weiß, daß ein Apfel gesünder ist als ein Schokoriegel. Essucht ist in erster Linie eine Sucht. Das Problem dabei ist, daß man isst, obwohl man satt ist. Würde ich nur essen wenn ich hungrig bin, hätte ich schon einen großen Teil gewonnen.
Einem Raucher muß man nicht erklären wie sich das Nervengift Nikotin auf den menschlichen Körper auswirkt. Ein Trinker kennt die Wirkung von Alkohol besser als manch Anderer. Es hat wenig Sinn einem Süchtigen die negativen Auswirkungen seiner Sucht vor Augen zu führen.
Die Auswirkungen von Essstörungen sind schlimm, obwohl sie gesellschaftlich anerkannt oder sogar gefördert werden. Ein Dicker ist nur kräftig gebaut oder stark, das Mädchen ist aber schön schlank – in Wirklichkeit können das Opfer einer falschen Konditionierung in frühester Kindheit sein. Ein stark über- oder untergewichtiger Körper das Ergebnis von zwanghaftem, kranken und suchtbestimmten Handeln und keinesfalls kräftig oder schön. Ich bin seit Jahrzehnten betroffen, mir fällt es nicht leicht öffentlich darüber zu schreiben. Ich bin mit meinem Problem nicht alleine und ich bin erst am Anfang einer weiten, beschwerlichen Reise. Ich habe noch wenig Erfahrung mit der Krankheit und noch keine Erfolge. Aber wenn sich nur ein Mitleidensgenosse in einem Satz wiederfindet hat es sich gelohnt es niederzuschreiben. Soweit soll es heute mal gut sein mit meinem Seelenstriptease. Weiter mit dem Alltag.

Da sitze ich jetzt nach vier Stunden Wartezeit neben dem Schreibtisch meiner Ärztin. Sie tippt auf ihrer Tastatur. Ich sage ihr, daß ich jetzt unbedingt eine dritte Operation brauche, weil ich die Schmerzen nicht mehr aushalte. Ich habe mein Übergewicht als eine der Hauptursachen für mein kaputtes Knie erkannt. Mein Plan zuerst abzunehmen und dann erst das Knie zu operieren ist gescheitert. Jetzt will ich eine konzertierte Aktion: Operation, Spritzen, Krankengymnastik und Kur. Ich renne offene Türen ein. Sie will auch meiner Bitte nachkommen und mich an einen Orthopäden überwiesen. Jetzt am Ende des Jahres werde ich keinen Termin mehr bekommen, aber im Januar soll ich nochmal kommen und mir dann die Überweisung holen.
Für meine Essstörung kann sie mir Tabletten verschreiben, die werden die Lust nach dem Essen unterdrücken. Das will ich zunächst nicht glauben. Ich schildere noch einmal wo mein eigentliches Problem liegt. Ich brauche keinen Diätplan und keine Tabletten die satt machen! Unbeeindruckt von meinen Ausführungen gibt sie mir zu verstehen, daß mein Problem schon erkannt hätte. Ihre Tabletten würden auf die Synapsen in meinem Gehirn einwirken und meine Lust auf Essen unterdrücken. Nur die Lust aufs Essen, wohlgemerkt. Ich kann immer noch nicht glauben, daß die Pharmaindustrie so ein Produkt entwickelt hat das zu tiefgreifend und selektiv wirkt. Nur auf bestimmte Synapsen in meinem Gehirn einwirkend – ich halte das biochemisch für Unmöglich. Diese Tabletten müssen Plazebos sein. Nur menschliche Einbildung vermag solche Erfolge. Miene Plazebothese behalte ich für mich. Ich frage nochmal:

“Sie verschreiben mir Tabletten die mein Gehirn so beeinflussen, das ich ohne mit der Wimper zu zucken bei McDonalds, oder sonst wo, vorbeifahre“

Sie blickt nur kurz über ihren Monitor auf und antwortet ganz selbstverständlich: “Ja.“. Jetzt komme ich aber ins Grübeln. Gehört ihre Reaktion zum Plazebo(schau)spiel oder ist sie tatsächlich von der Wirkung der Medizin überzeugt? Ich habe nichts gegen Plazebos, wenn sie wirken. Ich schlucke gerne bunten glasierten Traubenzucker wenn er mich nur gesund macht. Diese Art der Medizin hat schon tausend Jahre funktioniert. Die Selbstheilungskräfte unseres Körpers sind erstaunlich. Ich muß nur daran glauben. Ich nehme mir vor den Beipackzettel dieser Wundermedizin genauestens unter Zuhilfenahme von Google und der Stadtbibliothek zu studieren. Jetzt setzt sie noch eines oben drauf.

“Hier gebe ich Ihnen noch ein Rezept für Tabletten damit Sie wieder durch den Wald laufen können.“

Ich fixiere ihr Gesicht, ob sie sich nicht durch eine kleine Mimik doch noch verrät. Nein, sie bleibt cool. Ich vertraue ihr. So bekomme noch ein drittes Rezept für ein Medikament gegen Arthrose und verlasse beeindruckt die Praxis im Harthof.

Gleich in der Weyprechtstraße, in der Nähe des Taxistandes, ist eine Apotheke. Dort erscheine ich kurz vor Mittag mit meinen bunten Rezepten aus der Arztpraxis. Keines der Medikamente ist vorrätig. Ich bekomme einen Abholschein, den soll ich am Abend vorlegen, dann bekäme ich meine pharmazeutischen Wundermittel.
Gegenüber der Apotheke ist der Weyprechthof. Eine Gaststätte die mir nicht nur von den Weihnachtsfeiern der Lohnkutschergehilfen bekannt ist. Morgen früh will ich mit meinem Experiment beginnen. Jetzt gönne ich mir meine letzte Mahlzeit vor meiner Durststrecke. Eine Krensuppe und ein Bierkutschergröstl werden so zu meiner Henkersmahlzeit.

Die dritte Wunderpille schlucke ich am Abend


Am Abend schließlich hole ich mir meine Medizin ab. Zwei Medikamente muß ich nur einmal, ein Medikament dreimal, täglich einnehmen. Die Verpackung der Medizin ist schlicht und sehr einfach bedruckt. Hergestellt wurden die Präparate in Deutschland, Bulgarien und Holland. Ich bezahle 70,- € für eine Menge, die ich während eines Monats brauche. Beipackzettel, Verpackung und Preis erwecken bei mir den Eindruck daß ich ernsthaft Medizin in meinem Beutel habe. Ich beschließe keine weiteren Nachforschungen über die Wirkstoffe anzustellen. Käme ich den Plazebos auf die Schliche, hätten sie in diesem Moment ihre Wirkung verloren.

Gestern Abend empfiehlt mir mein Stammkunde noch mal seinen Orthopäden. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher wem ich mein Knie anvertrauen soll. Jetzt aber steht mien Entschluß fest. Ich entscheide mich für einen Mediziner, der den Ruf hat besonders hart zu sein.

Heute in der Früh nehme ich als Erstes die Medikamente ein. Nach nur 15 Minuten lässt der Schmerz am Knie spürbar nach. Die Essenslustkiller haben bis jetzt auch nicht versagt. Ich habe heute nur gefrühstückt. Erfolgreich habe ich allen Gelegenheiten zum Essen getrotzt.
Mein Partikelfilter zwingt mich mit mindestens 3.500 Umdrehungen in der Minute 30 Kilometer zu fahren. So lande ich zur Mittagszeit am Flughafen. Nachdem ich vom AGIP-Speicher auf das Modul gerufen wurde,komme ich ausgerechnet neben dem Oliva, unserm türkischen Taxifahrerimbiss zum stehen. Aber auch da bleibe ich hart. Zwei Kollegen essen Hamsi. Sie bieten mir an mitzuessen. Aus Höflichkeit nehme ich mit spitzen Fingern eine kleine Sardelle von ihrem Teller. Alle anderen Angebote schlage ich aus.

Heute ist nach dem serbisch-orthodoxen Kalender Nikolaus. Ich werde mich mit meiner Familie am Abend bei meiner Schwiegermutter treffen und dort traditionell Fisch mit weißen Bohnen essen. Das soll dann für meinen ersten Tag genug sein.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Ein Auftrag

“Papa, fährst du mich am Montag in der Früh zum Bus?“

Am Montag darf meine Kleine ins Landschulheim. Eine Schulwoche lang. Seit Tagen schwirrt die Liste mit den dazu benötigten Utensilien durch unser Wohnzimmer. Feste Schuhe müssen wir sowieso kaufen. Eine Taschenlampe steht auch auf der Liste. Der Koffer liegt schon seit einer Woche geöffnet im Kinderzimmer zwischen Barbie-Puppen und Benny-Heften. Die Packliste von der Schule ist jedes mal wenn ich sie sehe bunter. Zunächst wurden die einzelnen Posten grün abgehakt. Beim zweiten Check mit gelb unterstrichen. Bei der dritten, und nicht einmal letzten Inhaltskontrolle, wurden die Posten rot eingekreist. Kurz, Wegfahren, Hotel, Schulheim, Tapetenwechsel, egal in welcher Form, ist für unseren jüngsten Familiennachwuchs das Höchste.

Am Montag in der Früh; denke ich nach. Montag Morgens gibt es für uns Taxifahrer immer interessante Aufträge. Bevor ich was verspreche, antworte ich ihr:

“Wenn ich keinen Auftrag habe, bringe ich dich zum Bus.“

“Hast du schon einen Auftrag?“

“Bis jetzt noch nicht. Aber da kann leicht noch was kommen.“

Eine Stunde später läutet mein Handy. Meine Tochter ist am anderen Ende und bestellt bei mir ein Taxi für sich von unserer Adresse am Montag um 7:40 Uhr in die XXX – Straße zum Schulbus. Das muß aber ganz sicher sein, weil der Bus pünktlich um 8.15 abfährt. Sie hat schon tausendmal mitbekommen wie die Gäste bei uns eine Taxi bestellen und deshalb vergisst sie auch nicht zu fragen, wie viel die Fahrt kosten wird.
Als ich dann im Wohnzimmer die angenommene Fahrt in die Excel – Liste eintrage, bemerke ich wie ich dabei mit gespieltem Desinteresse beobachtet werde. Mir wird dabei bewusst wie wichtig ihr es ist, daß ich sie zum Bus bringe. Fast schäme ich mich für meine Antwort von Vorher. Wenn ich einen Auftrag weitergebe, wird die Welt schon nicht untergehen. Zumindest nicht vor den 21. Die Zeit mit der Familie ist unbezahlbar. Peinlich, daß ich das von einem kleinen Mädchen lernen muß.

Es ist Sonntag Abend. Der Vorabend vor der lang ersehnten Schullandheimreise. Ich komme vom Taxifahren nach Hause. Meine Tochter erwartet mich schon im Flur. Ich überrasche sie mit;

„Ich muß mich gleich ins Bett legen. Ich habe morgen einen ganz wichtigen Auftrag“

Ihre Stirn runzelt sich.
“Um wie viel Uhr den?“

“Um 7:40Uhr !“

In der Sekunde fallen ihr die Mundwinkel und die Schultern nach unten. Ihre Augen blicken mich enttäuscht an. Welcher Papa kann lange die traurigen Augen seiner Tochter aushalten? Schnell erkläre ich ihr:

“Da muß ich unbedingt ein kleines Mädchen zum Bus bringen. Die junge Kundin wohnt gleich hier in der Nähe. Sie muß in jedem Fall ihren Bus zum Landschulheim um 8:15 Uhr erwischen.“

Sofort gehen die Mundwinkel wieder nach oben. Ich bekomme eine selige Umarmung und ein dickes Bussi.

Ich bin richtig gerührt, als wir am nächsten Morgen mit dem gepackten Koffer durch den Schnee zum Taxi stapfen. Vor der Schule steht schon für zwei fünfte Klassen ein großer Doppeldecker-Bus. Gleichzeitig kommt mir ein Kollege mit seinem Taxi entgegen. Wir kennen uns vom Elternsprechtag. Er läßt auch seine Tochter aussteigen. Als wir bemerken, daß es den Kindern peinlich ist, daß wir ihnen die Koffer zum Bus bringen, haben wir unsere Töchter mit ihrem Gepäck allein zum Bus gehen lassen.
Als ich ihm beim Abschied fragte, ob er heute auch einen wichtigen Auftrag gehabt hätte, hat er nur verstehend genickt und dabei ein klein wenig gelächelt.

Dienstag, 11. Dezember 2012

"Estoy el Taxista."

“Ich bin der Taxifahrer.“. Ich liebe diesen Satz. War er mir doch so oft hilfreich bei der Befriedigung meiner Neugierde. So rechtfertige ich meine Anwesenheit bei interessanten Situationen. Der Zweifel der Beteiligten legt sich, denn jetzt wissen sie wer der dicke, dunkelhaarige Mann ist. Die Frage wer mich bestellt hat, kommt dann äußerst selten.
Der Taxifahrer muß man sein, weil “Ich bin ein Taxifahrer“ stellt mich in eine Reihe mit den tausenden Kollegen draußen auf der Straße. Aber der Taxifahrer steht dabei und beobachtet, daß darf er ja auch, er ist ja der Taxifahrer und nicht ein Taxifahrer. Der Taxifahrer kann sich jederzeit aus dem Staub machen und ist von einer Minute auf die andere wieder ein Taxifahrer in der großen hellelfenbeinweißen Flotte.
Das brauche ich auch in der Botschaft von Honduras bei uns in München. Honduras gilt als das gefährlichste Land der Welt. Der Republik Honduras bin ich nie näher als 400 Seemeilen gekommen.

Ich weiß nicht wegen welchem Putsch, welcher Revolution oder welchem Staatsstreich der jetzige Präsident in der für mich unaussprechlichen Hauptstadt sitzt. Ich bin mir aber sicher die United Fruit Company, irgend eine Obristenclique oder der CIA wissen schon wer sein Nachfolger sein wird.

Ein Land, daß wegen eines WM-Qualifikationsspiels seine Luftwaffe in den Himmel schickt, ist mir sowieso mehr als suspekt. Das Fußballspiel Honduras – El Salvador endete 2:3 für El Salvador . Der erste, und zum Glück einzige, Fußballkrieg endete mit über 5.000 Verletzten und 3.000 Gefallenen nicht für, sondern gegen beide Seiten.
Das war vor der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Die El Salvadorianer verließen daraufhin das Land.

Mein Taxi vor der Botschaft Honduras in der Blütenstraße in München

Die Maya verließen schon vor 1100 Jahren das Land zwischen den Ozeanen, daß heute Honduras heißt, hinterlassen haben sie einen Kalender der am Freitag nächster Woche endet. Mit dem Kalender endet auch die Welt – vorläufig! Spätestens im Frühjahr wird ein neues Datum für die Weltuntergang terminiert werden. Sicherlich wird ein Naturvolk den Hinweis liefern. Ich könnte mir vorstellen, daß ein Beduinenstamm im Norden der Sahara eine Dünenformation entdeckt, die das Ende ankündigt. Die Form der Dünen wurde über Generationen an den Lagerfeuern in kalten Wüstennächten überliefert. Oder ein Eskimo findet im ewigen Eis einen mindestens tausend Jahre alten Walfischknochen auf dem ebenso alte Symbole eingeritzt sind. Nachdem die Symbole entziffert werden, wird der das Datum für den Weltuntergang 14.0 auf den 28.April.2023 festgelegt.

Was aber wenn die Maya, die Ureinwohner Honduras, tatsächlich wussten, daß ihr Kalender nach dem 21.12.2012 nicht mehr gebraucht wird, weil es keine Menschen mehr geben wird?
Ein Tsunami aus dem Starnberger See spült Solln in die Isar. Die Illuminaten aus Ingolstadt starten ihre neue Weltordnung um 11.11 Uhr im Sankt Jakob Kirchenzentrum im Hasenbergl. Atlantis taucht aus dem Feldmochinger See. Ein geheimnisvoller Computervirus läßt weltweit gleichzeitig alle Telefone an den Taxiständen klingeln. Auf dem Parkplatz vor der Metro landen Nazis aus Neuschwabenland / Antarktis mit ihren Hanebu-Flugscheiben. Die außerirdischen Reptilienwesen, die uns unerkannt in den Machteliten dieser Welt seit 4.000 Jahren regieren, geben sich in den Riem -Arcaden zu erkennen. Eine Feuersbrunst peitscht durch Moosach, während ein Meteoritenhagel über Steinhausen niedergeht. Die apokalyptischen Reiter preschen über den Frankfurter Ring. Ein unbesiegbarer Virus, ausgebrochen aus den biochemischen Laboren in Martinsried, verwandelt die Pasinger in Zombies. …

Und ich? Ich stehe in Milbertshofen zwischen Müllhäuschen und Spielplatz an mein Taxi gelehnt. Mich juckt das alles nicht. Ich bin nur der Taxifahrer und am Samstag, den 22.12. verschwinde ich wieder in der hellelfenbeinweißen Flotte, die sich wie am Tag davor, durch Münchens Straßen quält.


Montag, 3. Dezember 2012

Drei deutsche Dichterinnen

Drei neue Straßen gibt es in München-Oberföhring. Südwestlich der Kreuzung Oberföhringer Straße / Johanneskirchener Straße sind neue …. entstanden. Bei der Benennung der Straßen hat man sich dreier Deutscher Dichterinnen bedient. Alle drei Damen haben geschrieben, und das ist auch die einzige Gemeinsamkeit.

Die Zufahrt zur Else-Lasker-Schüler-Straße von der JohanneskirchenerStraße ist noch eine Baustelle

Da ist zunächst die Else Lasker Schüler, nach ihr ist die Else-Lasker-Schüler-Straße, die parallel zur Johanneskirchener Straße verläuft, benannt. Lasker-Schüler war eine deutsche Dichterin, jüdischen Glaubens, aus Wuppertal. Von ihr wird gesagt, daß sie im Alter von vier Jahren schon lesen und schreiben konnte. Wie Franz Marc hatte sie neben der Literatur noch die Doppelbegabung des Zeichnens. Ihre Verbindung zu Franz Marc ist auch ihre einzige, mir bekannte Verbindung, nach München.

Marie Luise Kaschnitz ist die einzige Nichtjüdin bei dem Trio. Die Straße, die nach der Berliner Schriftstellerin benannt ist, geht in Nord-Süd Richtung westlich (links auf der Karte) von der Else-Lasker-Schüler-Straße ab. Auf der abgebildeten Karte von openstreetmaps sind die Marie-Luise-Kaschnitz-Straße und die Carry-Brachvogel-Straße noch nicht eingezeichnet.

Carry-Brachvogel, nach der die Carry-Brachvogel-Straße in Oberföhring benannt ist, entstammt der wohlhabenden Münchner, jüdischen Kaufmannsfamilie Hellmann und ist somit die einzige Münchnerin bei dem Dreigestirn. Aufgewachsen ist sie in der Residenz- und der Briener Straße (beides sehr gute Adressen in München) Aus ihrer Ehe mit dem Journalisten Wolfgang Brachvogel hat sie nicht nur eine Tochter, einen Sohn und ihren Familiennamen. Nach dem Tod ihres Ehemanns schrieb sie als Feuilletonistin (die Urform einer Bloggerin) und Biografien historischer Frauen.
Als Frauenrechtlerin waren ihr die Forderungen der Anita Augspurg zu weitgehend. Carry blieb eine bürgerliche Frauenrechtlerin und Mitglied des Vereins für Fraueninteressen, der 1903 in München gegründet wurde. Eine spätere Vorsitzende dieses Vereins war Luise Kisselbach, die wir bald als Tunnel kennen lernen werden.


Der Faschismus zwang sie und ihren Bruder, der als Professor an der Münchener Universität war, zur Untätigkeit. Die Beiden bewohnten zuletzt eine Wohnung in dem Haus Herzogstraße 55. 1942 wurden sie in das KL nach Theresienstadt gebracht. Die Zwei Überziebzigjährigen verstarben dort schon während den ersten Wochen.
Neben der Straße in Oberföhring erinnert uns noch der Carry-Brachvogel-Salon in der Seidlvilla an die Münchner Schriftstellerin.

Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit – alle drei Straßen werden vom Taxistand Cosima bedient.

Samstag, 1. Dezember 2012

Nachbarschaftliches

Da bin ich mal wieder bei unseren südlichen Nachbarn unterwegs. Die Fahrt beginnt mitten in der Nacht am Flughafen München. Ich habe am schon am Nachmittag aufgehört zu arbeiten um vor der Extra-Nachtschicht ausgeschlafen zu sein. Obwohl die ganze Familie solidarisch ruhig ist, liege ich mit offenen Augen im Bett und versuche einzuschlafen. Nach drei Stunden muß ich zum hundertsten Mal feststellen was jeder weiß. Der Mensch kann voressen, in beschränktem Umfang sogar vortrinken, aber er kann nicht vorschlafen!
Ich wälze mich im Bett, versuche an Langweiliges zu denken, checke das Wetter in Garmisch, Seefeld und Sölden. Während der Nacht ist leichter Schneefall angesagt. Dazu Temperaturen um den Gefrierpunkt. Nebenbei schaue ich auf den aktuellen Flugplan. Kommt die Maschine aus Moskau pünktlich?
Sie landet pünktlich. Es braucht schon eine gehörige Portion Selbstmotivation um müde aus dem warmen, kuscheligen Bett zu steigen um eine Alpenüberquerung mit einem heckgetriebenen Viano anzutreten. Aber meine Frau ist fleißig und taff, also mach ich das auch ohne großes Jammern.

Die Gäste sind nett, alles klappt wunderbar, ich wähle die Route über Garmisch – Seefeld – Telfs. Die Straßen sind frei. Nur das kurze Stück zwischen Scharnitz und Seefeld ist schneebedeckt und leicht rutschig. In Seefeld kann ich mich nochmal entscheiden. Nehme ich den Zirler Berg mit 16 % Gefälle oder die kürzere Strecke über Telfs mit noch mehr Gefälle. Angesichts der Straßenverhältnisse in Seefeld hätte ich den Zirler Berg nehmen müssen. Trotzdem entscheide ich mich für die Strecke über Telfs. Erfahrungsgemäß liegt an den Südhängen im frühen Winter und Frühling weniger Schnee.

Unten, bei der Auffahrt Telfs Ost auf die Inntal-Autobahn, neben der Firma Liebher, gibt es eine Tankstelle. Dort will ich meinen Gästen die versprochene Rauch-, und mir meine dringend benötigte Kaffeepause anbieten. Als ich an die Tankstelle komme ist alles dunkel. Ich vertröste meine Gäste noch weitere 20 Minuten, bis wir die Autobahn am Anfang des Ötztals wieder verlassen.
Dort werden wir aber wieder enttäuscht. Die Tankstelle hat schon geschloßen und die Bar daneben hat vor einer Minute die Kaffeemaschine geputzt. Red Bull kann uns die Barista anbieten. Das nehmen wir nicht. Meinem russischen Gast schmeckt das pur genauso wenig wie mir. Also beschränkt sich die Pause auf eine Zigarette vor der Tür. Ich komme wieder nicht zu Kaffee und Diesel. In der nächsten Stunde sind wir sowieso im Hotel und ich kann leer die Rückfahrt antreten. Die Tankstelle in Sölden nimmt nachts nur ec-Karte. Der Viano ist noch neu für mich. Ich weiß nicht ob er eine Reichweitenanzeige hat, oder ob ich sie nur nicht finde.

Zu dem Thema Kaffee- und Dieselengpass in Österreich fällt mir noch eine alte Taxigeschichte ein. Die will ich aber in einem neuen Post schreiben. Dieser Post ist mir schon lang genug. Schließlich hat heute früh der Wecker für die erste Flughafenfahrt geklingelt und jetzt hänge ich wie ein Schluck Wasser in der Busreihe um eine besetzte Rückfahrt zu bekommen. Das ist aber wirklich eine alte Geschichte die ihren Anfang am Flughafen Riem nimmt. Den gibt es inzwischen schon 20 Jahre nicht mehr.

Lange Suche – kurz gefunden. In Längenfeld gibt es eine Tankstelle mit einem Automaten der Bargeld akzeptiert. Ich stecke einen 20,-€ Schein in den Schlitz. Mit einer Taste wähle ich aus von welcher Zapfsäule ich tanken will. Bei meiner ausgewählten Zapfsäule gibt es zwei verschieden Dieselsorten und Heizöl. Zum Thema Heizöl und Taxis mit Saugdieselmotoren gäbe es auch noch alte Geschichten zu erzählen.



Die 13 Liter Diesel, die ich für meine 20,- € in meinen Tank fülle, beruhigen mich. Damit komme ich jetzt sicher zurück nach München. Das Radio dudelt vor sich hin. Eine der Meldungen der Zwei-Uhr-Nachrichten bei Radio Tirol betrifft die Wiener Taxifahrer. Die Sprecherin berichtet von einer deutlichen Preissteigerung bei den Wiener Taxitarifen, die ab heute gelten.
In den Wiener Taxis gibt es Tag- und Nachttarif. Die Grundgebühr beträgt 3,80 € (nachts 4,30 €), die ersten vier Kilometer kosten 1,42 € (nachts 1,62 €), die nächsten fünf Kilometer kosten 1,08 € (nachts 1,28 €), und jeder Kilometer ab dem neunten kostet 1,05 € (nachts 1,18 €). Der Taxitarif wird, ähnlich wie bei uns von den Gewerbevertretern vorgeschlagen, und schließlich vom Wiener Landeshauptmann verordnet.
Mich überrascht, daß die Meldung mit zwei O-Tönen bereichert wird. Da ist der Obmann der Wiener Taxiinnung, Christian Gerzabek; er begründet den durchschnittlich 8,4 %igen Tarifanstieg mit den erhöhten Dieselpreisen. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl von der SPÖ sagt sogar in seinem Interview das Gewerbe solle seine Tarife selbst bestimmen. Das stelle ich mir mal in München vor. Eine selbstbestimmte Grundgebühr von 4,30 € nachts!

Morgens um vier komme ich dann hundemüde in München an. Bei der Fahrt über die Donnersberger Brücke knipse ich im Vorbeifahren den bekannten Mercedes-Adventskalender in der Niederlassung Arnulfstraße. Wie es sein muß, ist er noch jungfräulich. Alle 24 Fenster sind noch verdeckt.
Die Wiener Taxifahrer könnten ihr Dieselpreisproblem gleich inländisch lösen. Ich würde da in Längenfeld eine Tankstelle kennen, …
Aber so richtig zu empfehlen ist die Sparmaßnahme nicht. Es gibt sie nicht mehr, die ventilgesteuerten Saugdieselmotoren in unseren Taxis. Genauso wenig wie den alten Flughafen in München. Die Geschichte mit der Fahrt vom Flughafen Riem nach Österreich muß ich später mal schreiben. Die andere Geschichte von den Münchner Heizöltankstellen habe ich schon vergessen.

Montag, 26. November 2012

Dreizehnter

Warum stelle ich mich als dreizehntes Taxi in an einen Taxistand im Osten Oste von München? Ist es die pure Verzweiflung? Nach zwei Stunden am Holiday Inn City Center erwische ich einen Einsteiger aus dem Hotel zum Otto-Hahn-Ring. Die Fahrt war mit 16,90 € über dem Durchschnitt einer Taxifahrt - aber ohne Trinkgeld und mit Kreditkarte.



Egal, auch wenn ich jetzt der Dreizehnte am ICM – Stand bei der Messe bin, so bin ich doch der einzige und erste Taxibus in der Reihe. Das gibt zumindest schon mal einen Blogeintrag und vielleicht sogar einen zweiten, wenn die Leser wissen wollen wie lange ich gewartet habe und wo es hingegangen ist.

Freitag, 23. November 2012

Laß die Puppen tanzen

Die Taxifahrer die oft in der Innenstadt unterwegs sind werden sie kennen, die freundliche Dame die während des Sommers vor der Sankt Peter Kirche am Viktualienmarkt Ecke Tal ihren Schwebetrick vorführte. Weißgeschminkt saß sie stundenlang scheinbar schwebend mit einem Stock in der Hand in der Luft und ließ die Füße baumeln. Es dauerte Woche bis wir uns grüßten. Schließlich beantwortete sie meinen Gruß aus dem Taxifenster mit einem:

“Good Journey, Sweetheart!“

Wenn sie einmal Pause machte, deckte sie, um den Trick geheim zu halten, ihre Apparatur sorgfältig ab. So wie an einem Tag im Oktober. Beim Vorbeifahren schielte ich an die Decke. Heute war sie nicht da. Ihr Eisengestell ist unter Decken versteckt. Ich stelle mich am Taxistand im Tal auf. Neben den Taxis auf dem Bürgersteig hat sich ein Puppenspieler aufgebaut. Er hat eine bunte, viel zu große Hose und ein blau-weiß geringeltes Hemd an. Auf den Kopf eine blaue Kappe.Neben ihm auf dem Boden steht ein CD-Player aus dem ein Saxophon klingt. Ein seiner Hand hält er an einem Gestell die Fäden einer Marionette. Seine Puppe stellt ein rothaariges Mädchen dar, daß ein Saxophon spielt. Die Puppe bewegt sich wie eine richtige Saxophonspielerin. Ihre Holzfüße bewegen sich zum Takt der Musik aus dem Rekorder.

Die von dem Schwebetrick bekannte weiß geschminkte Dame taucht auf. Sie stellt sich zunächst mit Abstand neben ihren Kollegen und beobachtet interessiert sein Puppenspiel. Nach einer krzen Begrüßung sprechen die Beiden in vier Sprachen kauderwelschend über ihre vergangenen Auftritte in den verschiedensten europäischen Städten. Der Clown bedient sich vorwiegend der deutschen und einer slawischen, die Herrscherin über die Schwerkraft, benützt bevorzugt die spanische und englische Sprache. Jeder versteht aber was der jeweils andere sagen will.

Der Puppenspieler bietet der Dame seine Marionette an. Das läßt sie sich nicht zweimal sagen. Sie übernimmt vorsichtig das Gestänge aus der Hand des Clowns. Die Puppe hüpft jetzt ohne Takt auf dem Asphalt, dabei schwenkt sie ihr Blechblasinstrument durch die Luft als ob sie unsichtbare Fliegen jagen will.
Sanft greift der Clown ein. Er führt die Marionette mit feinen Bewegungen. Ihre Hände bleiben dabei auf dem Gestänge. Die Hände des Puppenspielers ziehen sich langsam zurück. Das kleine Mädchen fängt sofort wieder an zu hopsen und zu springen. Sie gibt auf und legt die Stäbchen wieder zurück in die Hände des Clowns.



Sie stellt sich wieder neben ihm und unterstützt ihn lieber mit einem Tipp. In Spanien, sagt sie, wäre es heuer ein großer Trend. Marionetten, die zur Musik tanzen. Aber er müsse unbedingt das Mädchen durch ein Skelett ersetzen. Die Leute wollen Skelette tanzen sehen, verrät sie dem Puppenspieler.

Mir tut es fast leid, als ein Fahrgast kommt und mich entführt. Es war doch so interessant. Der kurze Einblick in die Welt der Straßenkünstler. Den Mann in dem Clownkostüm habe ich vorher und nachher nicht gesehen. Die Schwebekünstlerin ist jetzt nach ein paar Wochen auch verschwunden.

In meiner Phantasie male ich mir aus wie die Beiden in einer spanischen Stadt neben einem CD-Player stehen. Jeder hat eine Skelettpuppe an den Fäden hängen. Ein Skelett bläst die Trompete, das andere hopst über den spanischen Trottoir. Daneben steht ein Taxista, beobachtet die Szene und beschreibt sie am Abend in seinem Blog ...

Mittwoch, 21. November 2012

Pflanz di nieder

22 Meter hoch war unser Christbaum am Flughafen München zur letzten Adventszeit. Mit großem Aufwand und vielen Straßensperrungen wurde die über fünf Tonnen schwere Tanne von Grafing (Landkreis Ebersberg) zum Flughafen München transportiert und zwischen den Fahrspuren des Flughafenzubringers aufgestellt und mit vier Spannseilen gesichert. Das Prachtstück schmückten 2000 elektrische Kerzen.

Bis die Sturmböen des Tiefs „Christoph“ über das Erdinger Moos wehten. Die geparkten Maschinen wurden mit der Nase nach Süden in den Wind gedreht.
Den Christbaum hat es gscheit gebeutelt. Schnalzend reißt ein Spannseil. Die illuminierte Tanne fällt um. Der Wipfel erreicht zum Glück nicht ganz den Zubringer. Der Christbaum hat nicht einmal den Nikolaustag erlebt.

Aus Schaden wird man klug. Diesmal wurde wieder eine Weißtanne (Abies alba) angeschafft. Ich habe die Aktion mit Landschaftsgärtneraugen beobachtet. Diesmal kam der Nadelbaum von weiter her. Aus einer Baumschule aus Norddeutschland. Diesmal hat man den Christbaum nicht aufgestellt sondern richtig eingepflanzt. Wenn der jetzt noch anwächst, hat sich die Christbaumaufstellerei und -entsorgung für diese Generation erledigt. Geschmückt muß er aber immer noch werden, so wie heute.




Natürlich ist unser Christbaum diesmal noch! nicht so groß wie der letztjährige. Aber wir wollen ja länger was davon haben.

Montag, 19. November 2012

Bernd-Eichinger-Platz

“Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues“
Das war der Titel des Filmes mit dem sich Bernd Eichinger 1967 an der vom Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks gegründeten Filmhochschule bewarb. Die Hochschule für Fernsehen und Film in der Kaulbachstraße, brachte unter anderem einen Roland Emmerich hervor, der mit Independence Day, Godzilla, 2012, Stargate weit über die Grenzen Bayerns bekannt wurde.
1988 zog dann die Filmhochschule aus der alten Villa in Schwabing nach Obergiesing in eine ehemalige Bettfedernfabrik. Das Fahrziel Filmhochschule in der Frankenthaler Straße habe ich als Taxifahrer angefahren.



Seit diesem Jahr ist die neugebaute Hochschule für Fernsehen und Film als einzige Adresse an dem Bernd-Eichinger-Platz 1 an der Gabelsbergerstraße in der Maxvorstadt.
Bernd Eichinger ist in Neuburg an der Donau geboren und in Rennertshofen, gar nicht so weit von meinem Dorf entfernt, zusammen mit seiner Schwester aufgewachsen. Gestorben ist er am 24.01.2011 in Los Angeles. Neuburg a.d. Donau – Rennertshofen – München – Los Angeles alleine seine Wirkungsstätten lassen auf einen nicht alltäglichen Lebenslauf schließen.


Als Produzent hat er viele bekannte Filme auf den Weg gebracht. Hier nur eine kleine Auswahl seiner Filmografie:
1891 Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
1984 Die unendliche Geschichte (Der Ritt auf dem Glücksdrachen in der Bluebox in den Bavaria Studios in Geiselgasteig ist heute noch eine Attraktion)
1986 Der Name der Rose
1990 Werner – Beinhart (der erste Werner Film. Das muß kesseln folgte dann später)
1991 Manta Manta (das Treppchen für Till Schweiger)
1994 Voll normaaal! (mit Tom Gerhard später dann noch Ballermann 6)
1999-2008 Hausmeister Krause (Fangemeinde im Taxibüro. Die Aussendung der Staffel zum Schichtwechsel waren Pflichttermin. Wir wollten uns zu Fasching alle dunkelgraue Hausmeisterkittel und beige Cordhüte kaufen)
2001 Schuh des Manitu (mit Bully und Co.)
2004 Der Untergang
2006 Das Parfüm

Außer seinen Filmen erinnert uns jetzt auch noch der Bernd-Eichinger-Platz zwischen der Alten Pinakothek und der Hochschule für Film und Fernsehen an der Gabelsberger Straße an den Produzenten aus dem schönsten Landstrich Bayerns.

Neue Straßen in München

München wächst nach allen Richtungen. Neue Wohnhäuser und Gewerbeeinheiten werden gebaut. Unsere Genehmigungsbehörde schreibt uns Taxifahrer vor einen Stadtplan der nicht älter als drei Jahre ist, während des Fahrdienstes mitzuführen. Aber jeder Stadtplan, sei er noch so neu, ist nicht aktuell. Aus Kasernenanlagen, wie an der Ackermannstraße, werden Wohnsiedlungen, oder aus Brachflächen , z.B. südlich der Domagkstraße, werden Gewerbegebiete mit hunderten Büros und großen Hotels.




Die Straßen werden immer kürzer und die Straßennamen immer länger. Neue Straßen finden wir Taxifahrer auf die Schnelle in GoogleMaps oder ähnlichen Portalen im Internat über unsere Smartphones. Die sind in der Regel aktuell, aktueller als die Navis oder als die gedruckten Stadtpläne allemal.

Ich will in meinem Blog in loser Folge neue Münchner Straßen vorstellen. Ich werde Bilder dazu einfügen und zu jeder Straße ein paar Sätze schreiben, so daß wir uns leichter daran erinnern. Wenn es mir gelingt werde ich den Text zur Orientierung mit einem Kartenausschnitt ergänzen.

Der Anfang ist gemacht. Hier unten geht´s los.

-> Bernd - Eichinger - Platz

Sonntag, 11. November 2012

Zahlenfreude

In Köln freuen sich seit heute Vormittag um 11.11 Uhr Tausende über den Karnevalsanfang. In Frankfurt freut sich ganz bestimmt Einer – der Taxiunternehmer der den Mercedes bei der Tombola auf der Europäischen Taximesse gewonnen hat.
Um den Preis zu gewinnen muß der Teilnehmer persönlich anwesend im Saal sein. Er muß das gelbe Band mit seiner Glücksnummer unbeschädigt um sein rechtes Handgelenk haben und seine Taxi- oder Mietwagengenehmigung im Original dabei haben.
Ich habe gehört, ob es stimmt weiß ich nicht, daß bei der letzten Messe der Hauptgewinn sechsmal verlost wurde, bis der Gewinner, der alle Voraussetzungen erfüllte, feststand.
Bereits vorgestern, am Freitag, gab es an der Taximesse eine Tombola. Zwar gab es dort kein Taxi zu gewinnen, aber die Preise waren doch schon durchaus herzeigbar. Angefangen von einer Halterung für ein Navigationsgerät, über eine Digitalkamera bis zu einer erweiterten Garantie für ein Jahr für ein Taxi oder Mietwagen.

Der Gewinner bleibt selbst auf dem Foto anonym – Im Original hinter der Säule und auf den Bildschirmen nur von hinten. Den BZP-Präsidenten Michael Müller ganz rechts, den kennt man

Wir konnten unsere Lose während des Tages an der Messe in Empfang nehmen. Dabei wurden uns die gelben Plastikärmbänder mit der aufgedruckten Nummer um das rechte Handgelenk befestigt.
Bei der Verlosung dann, zog eine Glücksfee die Gewinnerlosnummer aus einer Trommel. Der Moderator verlas die fünfstelligen Nummern in dem er jede Ziffer einzeln nannte. Das machte die Verlosung spannend. Bei einem Preis lag ich mit meiner Losnummer 10853 nur um zwei Stellen neben dem Preis. Der Moderator nennt die erste Ziffer, die eins. Ich bin zufrieden, eine 1 ganz vorne das passt. Er nennt die 0. Jetzt wird der Kreis der möglichen Gewinner wieder kleiner. Er nennt die 8. Jetzt gehöre ich schon zu den erlesenen 100 die gewinnen könnten. Er nennt die 5! Die 5! Ich bin unter den 10 Übrigen. Er nennt wieder die 5. Das war´s. Ich habe die 10853. Die 10855 gewinnt eine Eintrittskarte für ein Fußballspiel. Auf diese Art wird sogar die Verlosung eines Stockregenschirms ein spannendes Ereignis.

Gestern dann war die Verlosung mit dem absoluten Hauptgewinn. Der Saal ist gut gefüllt. Jeder blickt auf sein rechtes Handgelenk. Die Tombola beginnt mit der Verlosung der kleinen Preise. Wie am Tag zuvor ist der erste Preis die Halterung für das Navigationsgerät. Gefolgt von vier Jahresabos des Taximagazins Taxi heute. Die Preise steigern sich. Immer wieder müssen die Preise neu verlost werden weil der Glücksnummerbesitzer keine Genehmigungsurkunde dabei hat. Der Moderator erzählt von der Verlosung am Vortag. Dort hat ein Gewinner anstelle der Genehmigung in Papierform ein Foto des Dokuments auf seinem Handy vorgezeigt.
Zum Höhepunkt wird der Hauptpreis gezogen. Robert Wilhelm, der Taxi-Ansprechpartner von Mercedes, holt einen Mercedes-Verkäufer auf die Bühne, der 40 Jahre lang als Verkäufer vorwiegend Taxis verkauft hat. Jetzt darf er zum ersten Mal ein Auto verschenken.

Die Emotionen bei der Nennung der einzelnen Ziffern werden hörbar heftiger. Als die letzte Zahl genannt wird höre ich einen Schrei von hinten. Applaus brandet in der hintersten Ecke auf. Gefolgt von tausend Augenpaaren kommt der Taxiunternehmer aus Frankfurt (wenn ich seinen Namen weiß, füge ich ihn ein) nach vorne an die Bühne. Es wird still im Saal. Kann er gewinnen, oder haben wir alle noch eine Chance. Selbst die Funktionäre auf der Bühne blicken neugierig auf den Tisch an dem die Voraussetzungen geprüft werden. Der Gewinner nimmt die Treppe auf die Bühne. Alles ist in Ordnung. Nun ist es sicher! Der Hauptpreis der Tombola der Europäischen Taximesse 2012 geht nach Frankfurt am Main. Der wird dort in den nächsten Jahren seinen seinen Dienst versehen. 2014, bei der nächsten Messe, werden bestimmt mehr Frankfurter Taxler an der Messe und an der Tombola teilnehmen.


Mein Facebook Freund in Köln, der Dolmus-Flughafen-Taxibusfahrer, erzählt uns heute ist für das Taxigeschäft in Köln so ein Tag wie anderswo Sylvester.
Die Kölner Jecken freuen sich über den Karnevalsauftakt. Die Kölner Taxifahrer freuen sich über den Umsatz. Ein Frankfurter Taxifahrer freut sich über seinen neuen Mercedes. Und ich erfreue mich am Bahnhof Nord in München an die Erinnerungen zweier schöner Tage in Köln.



Donnerstag, 8. November 2012

Apotheken-Rundschau

Zwischen Karlsfeld und Flughafen München geht es hin und her. Eine große Firma hat ihre Pläne geändert und viele Ingenieure aus dem Ausland, die im Frühjahr nach München kamen, müssen wieder zurück in ihre Heimat. Wir haben drei Kleinbusse für diesen Auftrag eingesetzt.
Die Decke des Rehs vom Sonntag habe cih nach dem Zerwirken in Kochsalzlauge gelegt. Nach zwei Tagen soll die Kochsalzlauge durch eine Lauge aus 250 g Alaunsalz und 500 g Kochsalz in Wasser aufgelöst ersetzt werden. Ich will eine Pause zwischen zwei Fahrten in Karlsfeld dazu benutzen mir in einer Apotheke Alaunsalz zu kaufen.

Im Internet habe ich drei Apotheken gefunden. Ich versuche es zuerst in der Central Apotheke. Von dem Navi in meinem Datenfunkgerät lasse ich mich in die Gartenstraße 30 führen. Als ich vor der verschlossenen Apothekentüre stehe, stelle ich fest die Apotheke hat geschlossen. In Serbien gibt es für diese Situation eine treffende Umschreibung; ich habe die Türe geküsst. Das ist nicht besonders schlimm, ich habe ja noch zwei Apotheken auf meiner virtuellen Liste. Die Eulen-Apotheke ist nur 300 Meter weiter in der Krenmoosstraße. Fünf Minuten später stehe ich vor dem Apotheker und verlange Alaunsalz.

“Alaunsalz, Alaunsalz, … „ raunt der Apotheker „...für Knete - ich muß mal nachschauen.“

Er kramt, leider ohne Erfolg, in einer seiner Schublade. Inzwischen weiß ich, daß man Alaunsalz nicht nur zum Gerben, sondern auch zur Herstellung von Knetmasse brauchen kann. Er bietet mir an das Salz zu bestellen. Am Abend wäre es dann hier in der Apotheke. Ich könnte das Salz dann bei ihm abholen. Am Abend bin ich nicht mehr in Karlsfeld. Ich will das Alaunsalz nicht bestellen.

Noch auf dem Parkplatz, diesmal bin ich schlauer, rufe ich bei der dritten Apotheke an. Die hätten das Gewünschte vorrätig. Auf Maps aber muß ich erkennen, daß die Apotheke weiter weg ist als ich gedacht habe.
Und schließlich gibt es noch die Apotheke im Vital-Center. Beim Vorbeifahren habe ich bemerkt; die haben sogar einen Drive-In Schalter. Die Chance will ich noch wahrnehmen. Ich halte am Schalter. Bequem frage ich aus dem Fenster meines Taxis nach Alaunsalz. Auch diese Apotheke hat kein Alaunsalz vorrätig. Aber man könne ja das Gewünschte bestellen … Ich lehne dankend ab. Für die dritte Apotheke ist mir jetzt die Zeit zu knapp. Ich muß meine Kunden abholen. An diesem Tag komme ich nicht mehrt zu meinem Alaunsalz.

Am nächsten morgen, es ist Freitag der 2.November, habe ich eine Vorbestellung nach Mainburg. Das führt mich in die Nähe meiner alten Heimat. Ich habe im Internet gespickt, das Ziel der Fahrt ist ein Volkswagen-Autohaus. Während ich auf meinen Gast in der Ankunftshalle warte. Checke ich gleich die Apotheken in Mainburg. Ich finde die Gabelsberger – Apotheke in der Abensberger Straße. Auch diesmal rufe ich vorher an. Die Apotheke, unweit des Gabelsbergerhauses, hat das Salz auch vorrätig. Ich kündige mich an, daß ich in spätestens zwei Stunden da sein werde und 250 Gramm davon kaufen werde.

Mainburg liegt doch nicht am Main, sondern am Abens

Mein Gast, ein Pole, kommt an. Ich empfange ihn und zeige ihm die zwei möglichen Wege nach Mainburg. Einmal der weitere über die Autobahn (A9 Richtung Ingolstadt – am Autobahnkreuz Holledau dann rechts weg auf die Autobahn Richtung Regensburg – Ausfahrt Mainburg), oder der kürzere über Land (einfach vom Flughafen aus Richtung Norden über die B 301, Freising – Zolling – Attenkirchen – Au – Rudelzhausen – Mainburg). Wir entscheiden uns für die kurze Strecke über Land. Über die Autobahn würden wir uns, gemessen an dem mehr an Kilometern nicht viel sparen, und die Landstrecke ist in dieser Gegend tausendmal schöner. Es stellt sich heraus, mein Gast ist auch Jäger. Er erzählt mir von seinen Jagderfolgen und von seinem Revier. Die polnischen Jagdreviere sind im Durchschnitt viel größer als unsere in Deutschland. Er bejagt mit einem Verein von ca. 100 Jägern ein 12.000 ha großes Revier. Morgen machen sie eine große Treibjagd. Danach gibt es einen Gottesdienst und am Abend ein großes Fest mit Tanz. Morgen, morgen, …? Heute ist der 2.November. Morgen ist dann der 3. Der 3.November – der Hubertustag! Wie konnte mir das entfallen? Hubertus – der Schutzheilige der Jäger. Ich informiere mich gleich im Netz, die ARGE der Münchener Jäger trifft sich um 17.30 Uhr mit den Jagdhornbläsern am Rindermarkt. Unsere Waidmannsgilde ist natürlich auch vertreten. Danach ist dann eine Hubertusmesse im Alten Peter. Ich bedanke mich bei meinen Gast für die Erinnerung und nehme mir fest vor am nächsten Tag dabei zu sein. Im Gegenzug ist er sehr interessiert an meine ersten Gerbversuche mit Koch- und Alaunsalz.


Nachdem ich meinen Gast an dem Autohaus entlassen habe, hat er noch eine 700 Kilometer weite Autofahrt zurück in seine Heimat vor sich. Ich wünsche ihm noch einen gelungenen Hubertustag, unseren gemeinsamen hohen Feiertag. Ich muß nur in das Zentrum des ca. 14.000 Einwohner Städtchens, in die Gabelsberger – Apotheke. Dort finde ich gleich gegenüber einen Parkplatz. Die Apothekerin lässt mich etwas warten. Ich warte gern, wahrscheinlich muß sie die 250 Gramm abwiegen und in den weißen Plastikbecher abfüllen. Ich bezahle 5,- € für das Alaunsalz und halte endlich mein begehrtes Gerbmittel in der Hand.

Aus meinem Hubertustag ist nicht viel geworden. Am Samstag bin ich hundemüde nur aufgestanden um auf dem Sofa weiterzuschlafen. Von dort habe ich mich am Abend wieder ins Bett gelegt. Natürlich habe ich den Vormittag über gekräht daß ich heute noch in die Kirche gehen werde.
“In die Kirche? Du? In die Kirche?!“ :war die Reaktion meiner Frau. Es scheint sie kennt mich besser als ich mich selbst. Ich hoffe aber für meinen polnischen Waidkameraden, daß er seinen Hubertustag jagend, feiernd und tanzend verbracht hat.
Wenn der Fluß der Namenspate für Mainburg gewesen wäre, müsste es Abensburg heißen. Der Name des Städtchens kommt vielmehr von der Kastanie (Marren). Ein Kastanienbaum auf rotem Grund findet sich auch im Wappen Mainburgs.
Über das Ergebnis meiner Salzgerberei kann ich frühestens in zwei Wochen berichten. Solange muß jetzt die Rehdecke in der Lauge liegen und gewalkt werden.


Mittwoch, 7. November 2012

Spieglein, Spieglein ...

Vom Flughafen ging es in die Commerzbank in der Leopoldstraße. Die Strecke ist einfach und lässt keine Alternative zu. Einfach die A9 einwärts, dann kurz auf rechts auf den Mittleren Ring. Man muß kein Taxifahrer sein, um das Gebäude zu kennen. Täglich fahren dort tausende Autos vorbei und die fette, gelbe, beleuchtete Reklame Commerzbank ist nicht zu übersehen. Ich soll aber meinen Kunden am Personaleingag auf der Rückseite aussteigen lassen. Ich hatte schon Abholungen vom Personaleingag, daher kenne ich die Stelle.

Auch kein Problem. Dann nur noch kurz die Leopoldstraße stadtauswärts und wieder rechts in die Erwin-von-Kreibig-Straße. Dort werde ich mit Kreditkarte bezahlt. Der Betrag wird vom Taxameter übernommen, über das Datenfunkgerät wird die Gültigkeit der Kreditkarte überprüft und der Betrag übertragen. Der Drucker ratteret und schließlich unterschreibt der Kunde den Beleg. Das ganze dauert seine Minute.

Zingkrrch Plötzlich schreckt uns ein zuerst helles und dann kratzendes Geräusch auf. Links neben uns sehen wir etwas großes Weißes vorbeirauschen. Der Seitenspiegel ist abrasiert und schlittert in Einzelteilen in Fahrtrichtung über die Straße.

Der Spiegel ist total kaputt jedes einzelne Teil ist gebrochen. Selbst von dem Aluminiumgußkern sind kleine Stücke abgebrochen. Schnell schnappe ich mir meinen Block. Bis mein Unfallgegner bei mir am Fahrerfenster steht, ist das Kennzeichen, die Fahrzeugmarke, Unfallort und -zeit notiert. Das gegnerische Fahrzeug kommt aus dem Bestand der Flotte eines Fahrzeugvermieters. Der Fahrer will den Schaden privat abrechnen.
Ich erkläre mich dazu bereit. Zum Glück ist mein Taxi weiters nicht beschädigt. Der Spiegel ist glatt, ohne Kratzer oder Beulen an der Fahrertüre, abrasiert. Mein Schaden hält sich in Grenzen, den wird mein junger Unfallgegner schon stemmen.

Ich fahre gleich zum Stimmer um die Ecke. Der bestellt sofort einen neuen Spiegel. Mein Spiegel ist zwar elektrisch verstellbar, aber nicht elektrisch anklappbar und nicht in der Wagenfarbe lackiert. Das kann ich mir schon Hoffnungen machen, daß ich heute noch einen neuen Außenspiegel bekomme.
Bis zum Nachmittag höre ich nichts von meiner Werkstatt. Ich wage einen Anruf. Der Spiegel ist vor einen halben Stunde gekommen, das Glas ist aber gebrochen. Ich erkläre mich schnell damit einverstanden, den beschädigten Spiegel nicht einzubauen. Der neue Spiegel ist aber schon bestellt. Ich solle morgen kommen, dann werden wir ihn einbauen.



Am nächsten Tag bin ich wie verabredet bei der Werkstatt. Der Chef weißt mich ein, ich solle hinter das Haus fahren. Dort wartet schon der Mechaniker mit einem großen Karton. Beim Auspacken stellen wir fest, daß es ein falscher Spiegel ist. Während des Einpackens bete ich, daß der richtige Spiegel im Magazin liegt und der Magaziner dem Mechaniker das falsche Paket mitgegeben hat. Dem war dann auch so. Ich kann mich nach einer halben Stunde wieder vom Hof der Werkstatt trollen. Nach Zwei Tagen bekomme ich die Rechnung nach Hause geschickt. 304,- € brutto Material und Arbeit. Ich überweise die Rechnung und schicke eine Kopie an meinen Unfallgegner.

Es kommt wie es kommen muß, ich aber immer noch nicht glauben kann. Es kommt der Tag des Zahlungsziels und ich habe auf meinem Konto keinen Eingang. Ich ärgere mich über meine Gutmütigkeit. Am Nachmittag ruft der Unfallgegner an und erklärt mir, daß es mit dem Geld noch etwas dauern würde. Ich könne ja mit seinem Vermögensberater telefonieren. Vermögensberater, er benutzt tatsächlich dieses Wort. Die meisten Vermögensberater sind Scheinselbständige die auf Provisionsbasis Geldanlagen oder Versicherungen verkaufen. Ich erkläre ihm, daß ich keinen Vermögensberater sprechen will und daß eine Rechnung vom Nichtbezahlen nicht billiger wird. Trotzdem gewähre ich einen Aufschub von 14 Tagen.


Es kommt ein Anschreiben von der Versicherung, ich solle doch bitte den Bogen las Unfallgegner ausfüllen. Als Versicherungsnehmer war ein mir bis dato Unbekannter benannt. Ich rufe sofort den Unfallgegner an um ihm zu erklären, daß ich keinen Kontakt mit irgend jemand Anderen will. Ich habe Ansprüche gegen ihn und die soll er erfüllen. Sein Wort muß doch mehr Wert sein als 304,-€. Am nächsten Tag bittet er mich doch den Bogen auszufüllen, das würde die Sache beschleunigen. Also fülle ich den Bogen aus und schicke ihn ab. Natürlich kommt ein Brief von der Versicherung, daß Sie den Schaden nicht übernimmt. Es könnte daran liegen, daß der Versicherungsnehmer nicht der Schädiger ist …

Am gleichen Tag gehen die 304,- € auf mein Konto ein. Zahlen schafft Frieden. Ich schwöre mir, beim nächsten Mal die ganze Palette auszuschöpfen. Anwalt, Verdienstausfall, Schaden und Verzugszinsen – hoffentlich erinnere ich mich bei der nächsten ähnlichen Situation an meine Wut.

Sonntag, 4. November 2012

Kalter Feierabend

Vollmondnacht und geschlossene Schneedecke, wer da nicht zur Fuchsjagd geht, ... so steht es in der SMS die ich von dem Jagdpächter bekommen habe. Ich stehe am Flughafen inder Reihe. Ich habe am Nachmittag und am Abend Vorbestellungen, müsste eigentlich taxifahren.
Ich kann doch meine Frau, die wie ich in den letzten Tagen mehr als fleißig fährt im Stich lassen und in den Wald gehen. ... der muß Kunden vom Flughafen abholen. beantworte ich die SMS. Der Jagdpächter meint, daß sei eine einfallslose Ausrede. Ich hadere mit meinem Gewissen, soll ich, soll ich nicht. Mittags entschließe ich mich, gebe meinen Auftrag ab, und melde, daß ich kommen werde.
Die Sonne geht heute in München um Punkt 17:00 Uhr unter. Zu der Zeit will ich im Revier sein. Ich fahre auf der asphaltierten Straße bis links ein Feldweg zu der Wiese mit der Kanzel, die ich für meinen heutigen Ansitz ausgewählt habe, abgeht. Ich steige aus, begutachte den Weg, ich werde ihn nicht benützen. Es hat frisch geschneit, etwas Schnee ist schon geschmolzen. Der Untergrund ist feucht und matschig. Mein Taxi hat keinen Allradantrieb. Wenn ich da rein fahre komme ich so schnell nicht mehr heraus. Ich parke mein Taxi rückwärts in einen Feldweg dessen Untergrund mir stabiler erscheint.



Mit geschultertem Rucksack und Gewehr mache ich mich auf den Weg zur Kanzel. An den Spuren im Schnee erkenne ich; kürzlich ist Jemand den gleichen Weg gegangen. Die Spur führt nur in eine Richtung und nicht wieder zurück. Vielleicht ein Spaziergänger, der seine Runde dreht. Ich komme aus dem Wald. Am Waldrand stehend, blicke ich über d ein Feld. Am anderen Ende steht die Kanzel auf der ich aufbaumen werde. Ich folge der Spur quer über das Feld. Es dämmert.
Die Spur geht 30 Meter an der Kanzel vorbei. Ich lsetze mich an. Lade meine Büchse mit drei Patronen, sichere und lege sie in Schußrichtung ab. Mit dem Fernglas beobachte ich den gegenüberliegenden Waldrand aus dem ich vor 15 Minuten gekommen bin. Die geschlossene Schneedecke bietet einen geeigneten Kontrast zu Allem was sich darauf bewegt. Es dauert auch nicht lange, bis ich zwei Rehe anspreche die aus dem Wald kommen und diagonal nach links den verschneiten Acker überqueren. Ich verfolge die zwei Rehe mit dem Fernglas, bis sie im Gebüsch links vor mir wieder verschwinden.

Etwas Kleines bewegt sich am gegenüberliegenden Waldrand. Es schnürt nicht wie ein Fuchs, es hoppelt. Ich nehme das Fernglas zu Hilfe. Jetzt kann ich, obwohl die Sonne schon untergegangen ist einen Hasen erkennen.
Fast an der gleichen Stelle an der vorher die beiden Rehe aus dem Wald getreten sind, kommen jetzt langsam drei Rehe witternd auf die Fläche. Ich verfolge sie erst mit meinem Fernglas, später mit dem Zielfernrohr auf meiner Büchse. Die Rehe sind jetzt nicht mehr so langsam. Sie fühlen sich sicher. Genauso wie ihre beiden Vorgänger überqueren sie die Fläche. Ich folge mit dem Zielfernrohr. Ich stoße mit dem Lauf an den Rahmen des Fensters in der Kanzel. Ich zeihe das Gewehr zurück und stecke es erneut, diesmal aus der linken Öffnung, der Kanzel. Ich habe das Reh wieder im Visier. Bald wird es im Gebüsch verschwinden. Der untere Zielstachel des Absehens ist genau über dem Vorderlauf. Ich muß langsam mitziehen. Ich entsichere die Waffe. Der günstigste Moment ist gekommen. Ich drücke ab. Mit lautem Knall bricht der Schuß. Ich sehe durch das etwa handballgroße Mündungsfeuer das Stück zeichnen. Das Zeichnen des getroffenen Stücks kann Hinweise auf das Abkommen geben. Mein Stück fällt in sich zusammen wie ein Sack. Trotzdem beherzige ich den Rat der alten Jäger und bleibe noch drei Minuten im Anschlag für den Fall, das das Wild noch aufsteht.

Ich baume ab und gehe zu dem Stück. Es liegt mit offenen Augen im Schnee. Blattschuß. Der Schußkanal geht genau durch das Herz. Ein erfahrener Jäger im Revier hat den Schuß gehört. Wir telefonieren, er will kommen um mir beim Aufbrechen behilflich zu sein. Als er kommt bricht er von einer Tanne zwei Ästchen ab. Ganz wie es der Brauch will bekommt das Stück die letzte Äsung mit bruchwürdigem Holz. Mit dem zweiten Zweiglein streift er über das Einschußloch und überreicht mir mit Waidmannsheil den Erlegerbruch. Mit Waidmannsdank nehme ich mit der linken Hand das Tannenzweiglein um es mir an die rechte Seite meines Hutes zu stecken. Ein schöner Brauch.

Bevor wir das Tier aufbrechen, halten wir einen Moment inne. Ich erspare euch jetzt die Details der roten Arbeit Nur soviel, daß ich es alleine nicht so gut geschafft hätte. Obwohl ich es schon einmal gemacht hab, fühle ich mich unter Anleitung doch gleich viel sicherer. Durchs Zuschauen allein lernt man nichts.

Am Taxi spüle ich den aufgebrochenen Körper mit Trinkwasser, von dem ich immer fünf Liter in einem Kanister unter der letzten Rückbank habe. Mit alten Zeitungen lege ich meinen Kofferraum aus und bette das Tier darauf. Gewehr, Taschenlampe und Fernglas wird auch verstaut.
Ich steige ein und will losfahren. Selbst das grobe Profil meiner neuen Winterreifen findet keinen Griff in dem feuchten Lehm. Je mehr ich Gas gebe, desto tiefer wird die arschglatte Kuhle. Ich fange an zu schaukeln. Hin und her. Jetzt wird die Kuhle nur noch breiter. Immer wieder drehen die Vorderräder durch. Dreck spritzt an die Seiten meines Taxis. Ich habe nur noch eine Chance. Ich stampfe durch den Schnee zurück zum Wald. Dort breche ich Hollerstauden aus dem Unterholz und schleife das Gebüsch zu meinem Taxi. Die Zweige lege ich links und rechts in die Kuhle. Die stärksten Äste stecke ich soweit es geht in den Baatz unter den Vorderreifen. Ich steige ein, starte den Motor, die Räder finden Halt. Langsam fahre ich über die knackend brechenden Hollerstauden. Endlich überwinde ich die zwei Meter bis zum rettenden Asphalt. Ich bin heilfroh zu Fuß gegangen zu sein. Wer weiß wie viel Boschn ich sonst noch durch den dunklen Wald schleifen hätte können.

Ich bin nicht wenig stolz, als ich mit dem erlegten Stück im Kofferraum nach Hause fahre. Ganz nach Hause in mein Dorf. Dort gibt es eine kalte Waschküche in der bis vor noch nicht allzulanger Zeit Schweine für unsere ganze Familie geschlachtet wurde. Jetzt hängt darin ein Reh.

Freitag, 2. November 2012

Schlagzeile

Heute früh hole ich mir wie meist meinen ersten Kaffee aus der Bavaria Petrol Tankstelle an der Ingolstädter Straße. Beim Bezahlen fällt mein Blick auf den Zeitungsständer mit den Münchener Tageszeitungen hinter der Kasse. 


Die Schlagzeile der tz, der Tageszeitung, ist nicht zu übersehen. Taxi-Inferno steht da in fetten gelben Lettern vor schwarzem Hintergrund. Im ersten Augenblick erschrecke ich mich. Es kann doch nicht schon wieder ein schrecklicher Taxi-Unfall in München passiert sein. Erst letzte Woche ist ein Mercedes-Kombi-Taxi in das Heck eines Busses geprallt, der wegen einer Panne nachts auf dem Mittleren Ring, Ecke Dachauer Straße, liegengeblieben ist.
Sie sammeln für die Tochter der toten Mutter erklärt die Titelzeile näher. Aha! Zum Glück kein neuer Unfall. Es geht um genau den Unfall am Ring, bei dem es zwei Todesopfer gab.
Unsere Genossenschaft, die Taxi-München eG, hat ein Sonderkonto für Spenden eingerichtet. Eines der Opfer war die alleinerziehende Mutter Saynab. Saynab hinterlässt ein vierjähriges Mädchen. Um das Leid für das kleine Mädchen wenigstens finanziell etwas zu mildern wurde das Spendenkonto

Kontonummer 15 23 71 21
bei der Hypovereinsbank BLZ 700 202 70
Verwendungszweck; Taxispendenaktion Saynab

eingerichtet. Unsere Genossenschaft hat mit einer 3.000,-€ Spende den Anfang gemacht.

Natürlich war und ist der schreckliche Unfall bei uns an den Taxistandplätzen Gesprächsthema. Vielen von uns ist es ein Rätsel wie ein Taxifahrer ungebremst in das Heck des Busses rasen kann.
 „War der Fahrer abgelenkt?“, „Hatte er einen Herzinfarkt?“ … sind nur ein Teil der Mutmaßungen meiner Kollegen. Es kann sein, daß die Zeugenaussagen etwas Licht in das Dunkel bringen werden.
Der Artikel über die Spendenaktion ist auf der Titelseite auffällig platziert, bietet so die besten Chancen für eine erfolgreiche Spendenaktion.
Der Aktion in der tz zeugt von guter Pressearbeit und ein Lob an die Verantwortlichen, ist den guten Zweck betrachtend, angebracht.

Selbstverständlich gilt unser Beileid auch für das zweite Todesopfer und den drei weiteren Schwerverletzen. Dank auch für den mutigen Einsatz an die Retter, die die Fahrgäste und den Taxifahrer aus dem Taxi gezogen haben. Sonst wären alle fünf Menschen die in dem Taxi waren verbrannt – das verraten die infernalistischen  Bilder in der heutigen Zeitung.

Montag, 29. Oktober 2012

Ortskenntnis

Heute ist ein Tag an dem ich endlich zum Durchschnaufen komme. Nach dem Oktoberfest geht’s bei uns so richtig los.Mehrtägige Konferenzen und Veranstaltungen dreier Firmen für die wir fahren finden fast gleichzeitig statt. Ein Verband von Rohstoffförderern, eine Softwarefirma und die Stadt München brauchen uns über zwei Wochen fast gleichzeitig. Zum Glück konnte Vesna während der letzten Woche den Viano noch fertigmachen. Der zweite Bus war dringend nötig und er hat sich in den ersten Tagen bei uns gleich bewährt. 

Die Woche vorher habe ich noch ruhig angehen lassen. Am Mittwoch war ich mit einem Taxikollegen bei herrlichstem Wetter beim Tontaubenschießen in Hattenhofen. Am Freitag Abend war dann noch ein Teil unserer Vereinsmeisterschaft in Dachau. Am folgenden Samstag waren wir bei Mercedes-Benz zu Gast beim Taxitag in unserer Mercedes-Niederlassung in der Arnulfstraße. Seit neuestem sind wir ja wider Mercedes-Kunden.
Mercedes hat die Maybach-Produktion eingestellt. In den Räumen, in denen bis vor Monaten noch die Edel-Schlitten ausgestellt waren, sitzen jetzt die Taxifahrer an den aufgestellten, weiß gedeckten Tischen. Das Essen wurde von der Vorspeise bis zum Dessert in Einweckgläsern gereicht. Das habe ich nicht zum ersten Mal gesehen. Das scheint jetzt der neueste Schrei am Catering Himmel zu sein. Hat ja nur Vorteile, die Speisen können einfach transportiert und schnell ausgegeben werden. Die Reste können portionsweise aufbewahrt werden. Beim Geschirr wird auch kräftig eingespart. Eine logistisch saubere, gelungene Lösung. Den ersten Handgriff spart man sich schon, wenn der Koch in der Küche die Gläser aus dem Topf befüllt.
Bei Mercedes gab es auf diese Art Entenbrust auf Orangenscheiben und Blaukraut, Matjeshering mit Kartoffeln als Vorspeise, Käsespätzle und Currywurst als Hauptgericht und Bayrisch Creme zum Dessert. Selbst die Currywurst gab es mit der entsprechenden Sauce in einem Weckglas.
Wir konnten leider nicht bis zum Ende bleiben. Unsere ersten Gäste warteten schon am Flughafen. Das war der Startschuß für unsere heiße Woche.
Die weitesten Fahrten führen uns zum Hotel Überfahrt in Rotach-Egern am Tegernsee. Am Sonntag übernehme ich gleich in der Frühe die erste Fahrt vom Flughafen zu dem Hotel. Noch im Morgennebel brause ich mit meinen Gästen aus Südafrika zwischen weidenden Kühen über die Bundesstraße 318 Richtung Alpen. Heute ist Kirchweihsonntag, schönster Sonnenschein, die Farben des Laubes decken die ganze Palette von grün bis rot über gelb und braun ab. Beim Anblick des Herbstlaubes möchte man meinen der Wald stünde in Flammen. 

Beim Anblick des Pyramidenbrunnens vor dem Hotel muß ich, wie immer wenn ich hierher komme, an die Romantrilogie Illuminatus! des Schriftstellers Robert Anton Wilsons denken. Inmitten des kreisrunden Brunnens steht eine goldene Pyramide. Die Grundfläche der Pyramide ist ein fünfzackiger Stern. Da ist die Pyramide, da ist die Farbe Gold, da ist die außergewöhnliche Grundfläche der Pyramide, da war erst 2005 das Treffen der Bilderberger. Heute wird daraus kein Hehl gemacht. Damals wurde aber in Rotach-Eggern eine Ärztekonferenz vorgeschoben. Selbst der Bürgermeister glaubte daran, erst die weiträumige Absperrung und die enormen Sicherungsmaßnahmen machten die Ärztekonferenz verdächtig.



Ich habe heute keine Zeit an die Illuminaten zu verlieren. Ich kann nicht mal den Sonnenaufgang über den Bergen am See bei einem Frühstück genießen. Ich muß gleich wieder zurück zum Flughafen. Bei der Fahrt zur Autobahn kommen mir auf der Bundesstraße schon die ersten Ausflügler entgegen. Knapp zwei Stunden später stehe ich genau in dieser Autoschlange. Inzwischen sind es richtig viel geworden. Langsam, langsam kämpfe ich mich zum See. Moosrain und Dürnbach, inzwischen kenne ich schon die kleineren Orte an der B 318. Ich bringe meine Gäste zum Hotel. Als ich endlich frei bin, will ich auf dem Rückweg zu Mittag essen, für ein Frühstück wäre es jetzt su spät. Auf dem Hinweg habe ich nach einer geeigneten Gaststätte gesucht.
Noch in Weißach, einem Ortsteil von Rotach-Egern, winkt mir ein Herr. Ich bleibe stehen, als erstes informiere ich meinen neuen Gast:

“Ich bin ein Taxi aus München“

Damit ist er informiert. Jetzt weiß er, daß ich nach einem anderen Tarif abrechne und ich nicht die Ortskenntnis wie ein lokaler Taxifahrer habe. „Sie schickt der Himmel.“ ; antwortet er mir. Wegen der Vorbestellungen habe ich mein Datenfunkgerät nicht aktiviert. Ich habe also auf die Schnelle kein Navi zur Verfügung. Er kommt aus Frankfurt, hat sich mit dem Schiff verfahren, ist an der falschen Anlegestelle ausgestiegen, ist dann auch noch zu Fuß in die falsche Richtung gegangen. Jetzt will er nach Gmund an den See, zurück zu seiner Pension. Nach Gmund, dahin kann ich inzwischen blind fahren, den Weg zum See finde ich auch noch. Ich kann ihm sogar in Gmund noch das Jägerhaus zeigen. Mit Trinkgeld hat mir die Heimbringung des verlorenen Hessens 17,-€ gebracht. Jetzt aber habe ich Hunger. Das Wirtshaus an der Kreuzstraße kenne ich schon, das Gasthaus Jennerwein scheint mir jetzt zu bayrisch. Ich habe die Alte Schmiede in Dürrnbach auserkoren. Das Gebäude, in dem die Gaststätte ist,  ist von außen unscheinbar genug um eine Überraschung zu bieten.

Innen ist das Lokal liebevoll eingerichtet. Auf den Tischen steht eine überraschend große Weinkarte. Diesmal tut es mir richtig leid, daß ich meiner Lust nach einem Glas Wein nicht nachgeben kann. Ich will nur einen Salat. Vorher nehme ich eine Suppe von der Tageskarte. Es gibt Kürbissuppe oder Steinpilzsuppe. Ich nehme die Steinpilzsuppe vor dem Salat mit gebratenen Putenstreifen. Der Chef kocht selbst und engagiert. Er kommt öfter in die Gaststube und erkundigt sich bei seinen Gästen ob es schmeckt. An der Wand stehen Kochbücher aus aller Herren Länder. Meine Rechnung mit Getränk ist genauso hoch wie der Preis für meine letzte Fahrt – 17,- € (mit Trinkgeld 20,- €)

 Nach der Pause mache ich mich auf den Weg zu meiner dritten Abholung am Flughafen München. Diesmal kommen meine Gäste aus Kanada und den U.S.A..
Zum sechsten Mal fahre ich jetzt die Strecke zwischen Holzkirchen und Rotach-Eggern. Ich bemerke jetzt schon den dicken, entgegenkommenden Verkehr zwischen Gmund und Holzkirchen. Ich weiß, wenn ich meine Leute bei der Überfahrt abgesetzt habe und meine vierte Abholung machen will, müßte ich mich in den endlosen Stop-And-Go-Verkehr einordnen. Das ist nichts für einen müde werdenden Taxifahrer.
Nach Bad Wiessee verlasse ich die 318 Höhe Ackerberg. Ich komme nach Finsterwald. Hier war ich vor 20 Jahren mit einer Freundin im Biergarten. Jetzt verlasse ich mich ganz auf mein Google-Maps App. Vor Häuserdörfel muß ich rechts abbiegen um wieder Richtung Norden zu kommen. An der engen Kurve entdecke ich eine Schokoladenquelle. Über Schaftlach und Piesnkam fahre ich nach Warngau. Hier komme ich an dem Flughafen vorbei, an dem ich vor zwei Jahren das -> Flugzeugunglück am Rande mitbekommen habe. Ich verfolge mich als blauen, blinkenden Punkt auf meinem iPhone. Als ich über die Tegernseer Straße nach Holzkirchen komme wird mir klar, daß ich es geschafft habe den für unausweichlich gehaltenen Stau umfahren zu haben.
Jetzt nur noch die letze Tour für diesen Tag. Am Flughafen muß ich noch eine Stunde länger warten. Der Gast hat sein Gepäckstück verloren, vielmehr die Fluggesellschaft hat es verschlampt. Zufrieden keinen Stau mehr zu erwarten mache ich mich zum letzten Mal für Heute auf den Weg zum Tegernsee. Auf dem Rückweg, ich muß nicht mehr zum Flughafen, sondern nur noch nach Hause, zieht Nebel auf. Der Nebel wird immer dichter und ich immer müder. Ich rechne mir meine Kilometerleistung aus. Die Strecke zwischen Flughafen und Hotel ist 90 Kilometer weit. Hin und Zurück ergibt 180 Kilometer. Das mal vier Strecken, und ich bin bei 720 Kilometer. Über 700 Kilometer! Nicht nur Autobahn, sondern auch verstopfte Bundesstraßen und kurvenreiche Straßen zwischen Kuhweiden und Wälder. Selbst als Taxifahrer habe ich meinen Teil unterschätzt. Erst dachte ich mir; da fahr ich mal schnell zum Tegernsse, aber dann …
Zuhause falle ich ins Bett. Nur den Wecker muß ich mir noch auf 4.30 Uhr stellen. Grausam!!! Ich muß jemand vom Hotel zum Flughafen bringen. Die Ersten verlassen schon wieder die Konferenz. Ich muß sie zum Flughafen bringen. An welchem See das Hotel liegt, könnt ihr euch ja schon ausmalen.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Umstellung

Heute Nacht hat es geschneit. Das erste Mal in diesem Winter. Der Schneeregen, der uns gestern Nachmittag beschert wurde, ist nicht liegengeblieben.
Miene erste Abholung ist die Maschine aus Singapur. Plankäßig soll sie um 5.10 Uhr in München landen. Beim ersten Aufstehen heute früh bemnerke ic die weiße Schneedecke auf der Straße. Ich kann noch eine Stunde schlafen. Schnell noch das iPhone auf dem Nachtkästchen befragt. Die Singapur hat Verspätung. Sie landet erst um 5.30 Uhr. „Erst“ ist ein harmloser Ausdruck für einen verschneiten Sonntag Morgen. Für mich bedeutet das, daß ich meinen Wecker eine halbe Stunde später stellen kann. Jetzt muß ich „erst“ um 4.30 Uhr aufstehen und durch den knirschenden Schnee zum eiskalten Taxi gehen.
Von meinem Handy aus kann ich Facebook nicht mehr bedienen. Wenn ich es genau überlege, macht es mir nicht mehr soviel aus. Ich habe dort Freitags oft Einträge gefunden die bekunden wie sich manche freuen, daß die Arbeitswoche vorbei ist. Da heißte es dann; Hurra es ist Freitag, u.s.w. und am Montag lese ich Scheiß Montag, u.s.w. Mittwoch wird Wochenteiler genannt. Arbeiter und Angestellte verbringen viel Zeit in der Arbeit. Eine Freiheit gibt uns, die wir unsere Arbeitskraft verkaufen müssen, der Kapitalismus; zu entscheiden, wie und wem wir das tun.
Wenn ich meine Arbeit so hasse, daß ich juble wenn ich zwei Tage nicht da bin und fluche wenn ich fünf Tage vor mir habe, würde ich mich schnell umstellen.
Neben meinem Facebook-Umgang muß ich ganz sicher auch noch die Uhr umstellen. Die Sommerzeit ist vorbei. Die Uhr muß eine Stunde nach hinten.

Montag, 15. Oktober 2012

Chunte


Taxifahrer haben keinen festen Arbeitsplatz. Sie arbeiten auf den Straßen ihrer Stadt. Bloggende Taxifahrer schreiben ihren Blog auch überall. Am Taxistand, auf dem Autobahnparklplatz oder wie jetzt auf dem hell ausgeleuchteten Parkplatz eines Puffs, mehr eines Laufhauses. Der Regen prasselt auf das Taxidach, Freier hasten vorbei zu ihren geparkten Autos. Ich sitze im Taxi den kleinen Laptop auf dem Schoß und tippe hinter dem Lenkrad meines Taxis. 

Mein heutiger Arbeitsplatz - Parkplatz vor dem Puff

Angefangen hat alles so bieder, so solide. Der neue, alte Mercedes meiner Frau musste in aller Frühe quer durch München zum Mercedes-Benz Nutzfahrzeugzentrum nach Neuperlach. Der linke hintere Sitz war defekt. Lehnt sich jemand an, neigt sich die Lehne ohne Widerstand nach hinten, gehalten nur von der Plastikverkleidung der Seilzüge und Verriegelungen unter den Polstern der Sitzfläche. Der linke Scheinwerfer zieht Wasser, innen an der durchsichtigen Scheibe haben sich schon Wassertropfen gebildet. Auf der Suche nach dem Sonderausweis für den Flughafen ist meiner Frau die Abdeckung des Spiegels entgegen gefallen. Natürlich hat sie alle drei Fehler sofort moniert . Wir sollten gleich am nächsten Tag morgens kommen, Mercedes will sich die Mängel anschauen. Ich bin mit meinem Taxi dabei, für den Fall, daß wir den Viano zur Reparatur bei Mercedes lassen müssen. Der Verkäufer und der herbeigerufene Mechaniker sind überaus nett:

“Natürlich reparieren wir die Lehne. Selbstverständlich. Da, die kaputte Verkleidung muß auch ausgewechselt werden. Der Scheinwerfer, denn werden wir trockenen. Wenn wieder Wasser drin ist, bekommen Sie einen neuen ganzen Scheinwerfer, ist doch klar. Wir bestellen die Teile. Wir bräuchten dann das Auto einen halben Tag... Wir flicken jetzt notdürftig die Lehne, damit sie heute schon mal fahren können. Wollen Sie in der Zwischenzeit einen Kaffee trinken? „

Jaaaa, und ob wir wollen! So sitzen wir in der Daimlers Cafeteria zwischen den Mercedes G-Klassen und fetten LKWs auf dem Hof. Eine Daimlers Cafeteria gibt es fast in jedem Mercedes Showroom. Die Kulisse ist da schon etwas seltener. Ein Spediteur bestellt für sein Unternehmen eine Zugmaschine. Er spricht von Achslasten und Anschlüssen. Die Verkäuferin hat sich mit ihrer Kleidung und Dialekt dem Kunden angepasst. Irgendwie würde ein dunkler Anzug oder Kostüm nicht zu den Produkten passen.
Da kommt schon unser Verkäufer mit dem Viano vor die Cafetreria gefahren. Die Lehne ist notdürftig repariert, die Verkleidung und die Spiegelklappe ist bestellt. Wenn der Sitz endgültig repariert und die Verkleidung ausgetauscht wird, wird auch der Scheinwerfer getrocknet. Vesna kann ihren nächsten Kunden fahren und ich schwinge mich auf meinen gelben (hellelfenbeinweißen) Bock.

Wieder im Zentrum erwische ich eine Sechsergruppe. Sie warten vor dem Hotel auf mich. Beim Einsteigen nennen sie schon ihr Fahrziel:

Wachturm in der KZ - Gedenkstätte

“Dachau -KZ – Dachau“

Ohne Überlegen fahre ich los. In der KZ-Gedenkstätte bin ich jedes Jahr mindestens dreimal. Unser Schießstand ist auch gleich um die Ecke. Sie wollen einen Preis. Nach Dachau, ich soll warten, dann zu einem Lokal, ich soll mitkommen, und dann wieder zurück nach München zum Hotel. Auf dem Weg lausche ich ihrer fremdartigen Sprache. Finnen oder Ungarn – den Warägern haben wir es zu verdanken, daß sich die beiden Sprachen ähneln. Ob sie ähnlich sind oder nicht kann ich nict beurteilen, aber der Klang der beiden Sprachen läßt auf einen gemeinsamen Stamm schließen. Drei meiner Fahrgäste haben strohblonde Haare, daher schließe ich auf Finnen. Und richtig, es sind Finnen. Die Flachsköpfe passen nicht in meine Vorstellung eines schwarzhaarigen, schnauzbärtigen Magyaren.
Auf dem Parkplatz in Dachau parke ich wie immer in der hintersten rechten Ecke. Von dort schlagen wir uns durch die Büsche und kürzen unseren Weg zum Haupteingang ab. Kaum sind wir durch das Tor mit der bekannten Aufschrift Arbeit macht frei, entpuppt sich einer meiner Gäste als Kenner. Er sagt er war schon eine paar Mal da und deutet mit dem Finger auf die Gebäude .

“Haupthaus – Bunker – Baracke – Kirche – Krematorium …. „

erklärt er den anderen und mir. Zwei sind das erste Mal hier. Die anderen Vier kennen sich bestens aus. Fast im Laufen rennen wir durch das Haupthaus, hinten wieder raus, durch den langen Gang der Bunkerzellen. Quer über den Platz in die Baracke. Ich wundere mich über meine Gäste. Was mögen das für Leute sein. Zwei haben die Haare geschoren. Ich kann nicht herausfinden aus welchem politischen Lager sie sind. Der Wortführer der Gruppe lotst die seine Freunde in den entfernter gelegenen Eingang der Baracke. Obwohl sie schon dabei waren die Baracke durch den vorderen Eingang zu betreten. Ich mache daß mit meinen Gästen bisher genauso. Denn in dieser Richtung stimmt die chronologische Reihenfolge der Ausstattung. In der Baracke sind drei verschiedene Einrichtungen zu besichtigen. Am Anfang, in den ersten Jahren des Lagers, waren die Betten noch voneinander abgetrennt. Im Laufe der Zeit, als die Baracken immer überfüllter wurden, gab es nur noch Bettgestelle wie Regale in denen die bis zu 1770 Häftlinge untergebracht waren. Mich wundert die Kenntnis meines finnischen Gastes. Ich versuche aus irgendwelchen aufgeschnappten Wortfetzen schlau zu werden. Aber ich habe kein Chance, finnisch ist einfach zu fremd.
Jetzt noch durch die Kirchen und dann durch das Krematorium. Auch hier beweist der Finne Kenntnis. Auch hier zeigt er die Örtlichkeiten in der richtigen Reihenfolge. Nach einer Stunde sind wir wieder vor dem Tor. Das war mein kürzester Dachau-Besuch überhaupt. Auf dem Weg zurück verrät mir mein finnischer Partner, er wäre Pilot.
Zum Essen haben sie bei der Anfahrt schon ein asiatisches Lokal im obersten Stockwerk eines kleinen Einkaufszentrums ausgemacht. Dahin wollen wir jetzt, ich bin eingeladen. Ich könne essen was ich wolle. Ich habe nach unserem Mercedes-Besuch schon gegessen und wähle mir nur eine Dessert-Platte. Für den Standardasiaten bekomme ich jeweils zwei Stücke überbackene Bananen, Lyche und Ananas. Zum Trinken wähle ich grünen Tee. Zuerst bin ich enttäuscht, daß ich keinen Zucker auf dem Tisch finde. Doch nach der ersten halben Tasse bin ich ganz froh darüber, denn der Zucker hätte nur den feinen Geschmack gestört. Meine Gastgeber, in diesem Fall hat es sich gewandelt, jetzt bin ich für eine halbe Stunde Gast, bedienen sich an dem reichhaltigem Büffet und trinken mehrere Halbe Bier. Das Essen im Restaurant ist auch schnell erledigt. Noch kauend rufen meine Begleiter nach der Kellnerin. Sie wollen zahlen. Ich kann nicht herausfinden, was sie so zur Eile treibt.

Proviant für die Strecke Dachau - München
Am Taxi, in der Tiefgarage, bemerke ich, daß Zwei meiner Sechs fehlen. Die restlichen Vier stehen rauchend um mein Taxi und warten. Die Beiden erscheinen mit jeweils einem Kasten Hofbräu Bier. Das haben sie in einem der Läden des Einkaufszentrums entdeckt. Da mussten sie zuschlagen. Nein, Halt, Stopp – wir können noch nicht fahren. Wir kaufen noch zwei Kästen. Wir verstauen vier Kästen Bier im Kofferraum. Die Verkleidung an einem der Holme im Innenraum des Taxis ist locker. Beim Einsteigen streift einer meiner Gäste die Plastikabdeckung. Als die Abdeckung im Gurt hängt, sagt er:

“Hättest du dir einen Mercedes gekauft“

Genau das habe ich ja gemacht. Und mein zukünftiges Taxi wird auch wieder einen Stern tragen. Mit der berauschenden und berauschten Fracht mache ich mich auf den Weg zurück ins Hotel nach München. Dort angekommen, fragen sie mich nach meiner Visitenkarte, denn sie wollen später noch ins Hofbräuhaus. Ich gebe ihnen meine Karte und mache mich in Richtung Innenstadt vom Acker. Unterwegs bekomme ich einen Funkauftrag zum Hauptbahnhof. Noch während ich den Fahrgast zum Bahnhof bringe, klingelt mein Handy. Eine fremde Vorwahlnummer. Aha – meine Finnen. Ich erkläre Ihnen, daß es noch etwas dauern wird, denn ich muß mich erst um meinen aktuellen Gast kümmern.

“Kein Problem. Laß dir Zeit. Wir sitzen an der Bar und trinken Bier. Wenn du da bist, kommen wir raus.“

Etwas anderes habe ich auch nicht erwartet. Ich will keine Zeit verlieren. Als ich in die Straße zum Hotel einbiege, rufe ich die finnische Nummer zurück und melde mich an. Wie die Soldaten kommen sie prompt aus dem Hotel, genau in dem Augenblick in dem die Auffahrt hoch fahre.
Jetzt soll es ins Hofbräuhaus gehen. Die haben wohl ihre Liebe zu der Brauerei entdeckt. Wie lange ich denn noch fahre, wollen Sie wissen. O je, denke ich mir, als ich mir schon ausmale wie ihr Zustand immer schlimmer wird. Ich antworte ihnen, daß ich um 19.00 Uhr aufhören MUSS. (warum auch immer) Das reicht meinen sie. Ich soll in einer Stunde wieder da sein, dann wollen sie noch in den Puff. Eine Stunde später stehe ich am hintersten Platz am Bräuhaus-Taxistand.
Die Hälfte hat augenscheinlich für heute genug. Die noch übrigen Drei steigen mir zu. Diesmal geht’s zum Puff, warten und dann zum Hotel.Vor der Eingangstüre, unter den Objektiven der Überwachungskameras rauchen meine Kunden noch eine Zigarette. Ich klappe meinen Laptop auf. Bis die Drei im Eingang verschwinden habe ich schon die ersten Zeilen getippt.
Ich werde mit meinem Post nicht fertig, da erscheinen die Drei schon auf dem Parkplatz. Jetzt geht es für heute zum letzten Mal zum Hotel. Ich lausche ihren Gesprächen immer wieder fällt ein Wort das wie chunte klingt. Das Wort kenne ich von meinen Preisverhandlungen bevor wir nach Dachau gefahren sind. Beim aussteigen bedauert einer der Blondschöpfe daß ich eine halbe Überstunde machen musste, obwohl sie sich so beeilt hätten. Da hat er recht, heute war fressen, saufen und ... im Eildurchgang. Nur was der Besuch im KZ dazwischen sollte ist mir bis jetzt immer noch nicht klar.