Dienstag, 31. Januar 2012

ISPO Ost

Ich stehe vor dem Marriot, dem Partnerhotel des ehemaligen Renaissance, in der Berliner Straße. Ich fröhne einem Brauch, den ich hier unter den Taxifahrern entdeckt habe. Wir laden uns gegenseitig in der Hotellobby zum Kaffee ein. Für den der an der Reihe mit Ausgeben ist, geht dabei der Umsatz der letzten Fahrt drauf, aber dafür ist er bei den nächsten drei oder vier Runden Gast.
Ich komme an. Mein Kollege im Taxi vor mir ist eingeschlafen. Ich wecke ihn auf und nehme in mit zur Hotelhalle. Als wir an der Reihe der Taxis entlanggehen gesellt sich noch ein weiterer Stammfahrer zu uns. Die Halle ist voller Gäste, uns bleiben in  der hintersten Ecke am Fenster noch ein kleiner Tisch und zwei  Sofas. Fensterplätze sind für uns wichtig, so können wir unseren Taxistand beobachten und gegebenenfalls aufspringen um unsere Taxis nachzuziehen.
Ich war heute beim Fitness und beim Zahnarzt, beides überlebt – kurz ich bin zufrieden mit mir und der Welt und freue mich schon darauf eine Rund Kaffe auszugeben. Die Dame, die uns letzten Donnerstag, das -> Pullman zeigte, hat den Post über unseren Besuch gelesen. Sie hat mich erkannt und sich bei mir für meinen Beitrag bedankt. Während unsers Kränzchens erzählt mir der Kollege von seiner gestrigen Schicht.

“Gestern Abend zum Schichtwechsel, ist sie noch mal gelaufen die Messe. Die Leute haben vor der Türe gewartet. Du konntest einfach hinfahren und aufladen.

Es kommt wie es kommen muß, kaum steht der heiße Kaffee auf dem Tisch reißt es einen nach dem anderen Weg. Taxifahren könnte so schön sein wenn die Kunden nicht wären, bemerken wir albern. Ich bekomme telefonisch einen Auftrag. Um 16:30 Uhr von der MAN nach Haar. Ein toller Stich! Einmal im Halbkreis auf dem Autobahnring durch München.



Taxis vor der ISPO
In Riem, nahe Haar, ist auch die verheissungsvolle Wintersportmesse ISPO. Mit der Uhrzeit klappt es auch. Ich wäre dann um 17:30 Uhr an der Messe und die Leute würden händeringend auf mich warten.
Mir gelingt es sogar noch drei Araberinnen mit ihrem Baby zum water at shopping (sie meinen den Brunnen am Stachus). Die Fahrt habe ich nur bekommen weil ich einen passenden Kindersitz an Bord hatte. Den Kindersitz hätte ich mir sparen können. Wer die Araber kennt, weiß warum.
Die Fahrt nach Haar hat gut geklappt. Nur jetzt stehe ich vor der ISPO Osteingang und statt der angekündigten Taxigäste sehe ich nur eine lange Schlange Taxis. 

Sonntag, 29. Januar 2012

Vermisst

Es ist noch nicht mal eine Woche vergangen, als ich von der Autoverwertung Sunji am Birketweg schrieb. Jetzt ist  Internetnutzer aus Rußland über meinen Post -> Krumpenhofweg  gestolpert. Mir zeigt das die internationale Beliebtheit unseres indischen Schrotthändlers. Beim Anblick des aktuellen Fotos der Adresse Birketweg wird unserem Russen klargeworden sein, daß es Sunji als Autoverwerter in München nicht mehr gibt.
Jawohl lieber Russe – auch wir vermissen unseren Sunji.

Donnerstag, 26. Januar 2012

Strom im Safe


1.  Taxifahrerstammtisch im Pullman - vorgestern ist Einladung über den Datenfunk an uns alle übermittelt worden. Ich aber wusste schon früher Bescheid. Stand ich doch die letzten Jahre oft (vielleicht zu oft und zu lange) vor dem Renaissance-Hotel. Das Pullman, übrigens das erste Pullman in München, ist das Nachfolgehotel des -> Renaissance und ein Stammfahrer gab mir die Vorab-Info über den Termin.

Mittags habe ich oft Kunden in Ismaning zu bedienen und konnte nicht pünktlich um 12 Uhr zum neuen Pullman kommen und mir die Zimmer anschauen. Ich rief um 14 Uhr an, mir wurde versichert, dass Kollegen und Büffet da sind. Jemand der mir die Zimmer zeigt wird sich auch noch finden.



Spät aber nicht zu spät traf ich im Restaurant des Hotels ein. Drei Kollegen und der freundliche Doorman standen um einen großen Tisch. Ich schnappte mir Weißwürste vom Büffet und gesellte mich dazu. Nach einem kurzen Gespräch wurde uns angeboten die Zimmer zu begutachten.



Das erste Zimmer, im ersten Stock, war schon ganz im Pullman – Design. Anthrazit, weiß, schwarz und grau sind die herrschenden Farben. Die Zimmer sind überraschend groß. Wir erfahren, das liegt daran, daß das Gebäude als Ruhesitz  für ältere Leute konzipiert wurde. Es gibt von daher noch eine über 120ig köpfige Eigentümergemeinschaft von denen die Ramada-Gruppe ( altgediente Taxifahrer mögen sich noch erinnern) das Gebäude übernommen hatte.

Im Bad gibt es in den neuen Zimmern anstelle der Badewanne eine große Duschkabine. Was mir als Hotelgast sehr gefällt finde ich auch Im Pullman – München; dir Boden der Kabine ist plan mit dem Boden des Bades und anstatt des unhygienischen Duschvorhangs gibt es Glastüren.

Steckdose im Inneren des Zimmertresors
 Eine Besonderheit des Hotels die verglasten Balkons in allen Zimmern. Die Dame aus dem Pullman Team zeigt mir im Schrank etwas, was ich noch nie gesehen habe. Dort gibt es einen Tresor, groß genug für einen Laptop mit einer Steckdose innen. Hier kann der Hotelgast seinen Laptop aufladen während die Daten sicher im Tresor verwahrt sind.
Im langen Flur im ersten Stock wechselt alle fünf Meter der Teppich und die Farbe des Wandanstrichs. Hier, wird uns erklärt, wollte man den Eindruck der verschiedenen Farben am Original testen.

Den großformatigen Flachbildschirm des Fernsehers im Zimmer kann man hinter verschiebbaren modernen Fotografien verstecken. Die gedeckten Farben, ich mag es sowieso nicht so bunt in Hotelzimmern, schafft es, dass die modernen Lampenschirme mit der eher klassischen Chasionlonge harmonisieren.

Das ist das erste Mal, das ich erlebe, das ein neues Hotel sich die Mühe macht und uns Taxifahrern die Zimmer zeigt. Dabei gibt es für das Hotel kaum eine effizientere Werbung. Taxifahrer werden oft nach Hotels gefragt. Es ist nur natürlich, daß man sich eher an ein Hotel erinnert in dessen Zimmer man gestanden ist. Selbst für uns ist es nur förderlich wenn wir unseren Gästen  die Geschichte eines Hotels erzählen können. 

Mittwoch, 25. Januar 2012

Im Garten

So ungefähr alle zwei Jahre erwischt es mich. Wenn ich mit dem Bus um die Mittagszeit in Schwabing frei und am Funk bin, bekomme ich eine Schülerfahrt.
Mit drei anderen Taxibussen dränge ich mich im engen Hof der Schule. An dem routinierten  Verhalten der anderen Fahrer erkenne ich das sie öfter das “Glück“ haben eine solche Schülerfahrt zu erwischen. Die Kinder müssen nach der Schule in die Tagesstätte. Das besondere an der Tagesstätte ist aber die Lage.
Taxi im Englischen Garten



 Das Rumfordschlössl liegt mitten im Englischen Garten. Taxis dürfen schon lange nicht mehr durch den Park fahren. Zuletzt durften wir in den 80ern den Park noch zwischen der Martiusstraße und dem Chinesischen Turm durchqueren. Auf der gleichen Route auf der heute noch die Stadtbusse des MVG fahren.

Sekunden nach dem Gongschlag stürmt eine farbenfrohe, laute Truppe die Treppe aus dem Schulhaus auf den Hof zu unseren Taxis. Ich habe mir die Namen meiner fünf kleinen Gäste aus der ersten Klasse vom Monitor des Datenfunkgerätes abfotografiert. Überraschend schnell habe ich meine Kevins, Maximilians, Sarahs … im Taxi. (Die Namen sind erfunden, die Originalnamen aber ähnlich modern) . Beim Einsteigen knallen die kleinen Schüler ihre bunten Schulranzen in den Kofferraum. Bevor ich die Tür schließe gehe ich noch mal alle Namen durch und die Fahrt kann beginnen. Kaum sind wir unterwegs, stellt sich heraus; wir sind das Jungstaxi und der Taxibus der mal vor, neben oder hinter uns fährt ist das Mädchentaxi. Das muß unbedingt überholt oder abgeschossen werden. Mit lautem Ratatatat, Peng, ZOSCH und Turbo-Boooster kämpfen wir uns den Weg durch Schwabing.


Im Englischen Garten (für diesen Fall haben wir eine Sondergenehmigung) biege ich dann sogar von der asphaltierten Straße ab und fahre Richtung Rumfordschlössl. Kaum angekommen leert sich mein Taxi so schnell wie es gefüllt war. Die Kleinen sind das Prozedere gewohnt und unglaublich schnell. Wir Taxifahrer gehen hinter der bunten Horde in die Tagesstätte und holen uns unsere Fahrtauftragsscheine der Taxi München eG ab. 13,70 € bringt die Fahrt. Nicht gerade der Brüller, aber ich nütze die Gelegenheit und schieße ein seltenes Foto von meinem Taxi vor dem Schlössl. 

Dienstag, 24. Januar 2012

Knut

Ein Mann stapft durch die winterlichen Straßen einer Stadt. Wusch! Ein Christbaum fällt neben ihm auf die Straße. Erstaunt blickt er über die Schulter und geht dann, die Hände in die Jackentasche steckend weiter. Wusch! Ein zweiter Christbaum fällt diesmal direkt vor seine Füße. Und jetzt geht es erst richtig los  - Wusch, Wusch, Wusch. Christbäume fallen aus den Fenstern der Häuser auf die Straße.

In diesem IKEA Werbspot wird vor Knut gewarnt. Ich glaube ich bin nicht der Einzige, der bis dato nicht wusste was Knut ist. Dank dem schwedischen Möbelhaus ist der Knut-Brauch fast jedem bekannt. Ein skandinavischer Herrscher, ich glaube es war ein König, namens Knut verlängerte die Weihnachtszeit bis in den Januar hinein. Bis dahin blieben die geschmückten Christbäume in den schwedischen Stuben. Zum Knutstag dann wurde der Baum dann abgeschmückt und der Christbaumschmuck; Äpfel, Nüsse, Plätzchen verzehrt. Als Höhepunkt warf man den Baum ohne Naschwerk auf die Straße. Das neue Jahr kann so richtig beginnen.

Der Geschäftsgang kam dieses Jahr nicht so richtig zum Laufen. Erst machten wir uns Hoffnungen auf den Montag nach dem 6.Januar. Jetzt wären die Meisten wieder aus dem Winterurlaub zuhause, die Geschäfte würden wieder anspringen. Aber wir wurden eines Besseren belehrt. Das Geschäft will und will 2012 jetzt schon in der dritten Woche nicht anfangen.

Gestern, am Montag, so hoffe ich, habe ich diesen Fluch überwunden. Die erste  Fahrt ging zum Flughafen. Nach nicht mal drei Stunden hatte ich eine Fahrt zurück in die Stadt. Vom Bahnhof ging es mit arabischen Autohändlern zu Auf den Schrederwiesen 33 , einem Parkplatz voller gebrauchter Lastkraftwagen. Ich traue meinen Augen kaum als ich einen Einsteiger von dem Fahrzeugzubehörhandel gegenüber (Auf den Schrederwiesen 30) , in mein Taxi bekam. Der fuhr dann noch den gleichen Weg  wieder zurück  zu einem Hotel in der Marsstrasse. Kurz die erste gute Schicht in diesem Jahr mit Standplatzgeschäft.

 Ich werde den Verdacht nicht los, daß es etwas mit dem Knut an unserem Flughafen zu tun hat. Dort wurde jetzt der große Christbaum zwischen den Zubringern abgebaut, zerlegt und abtransportiert.

Montag, 23. Januar 2012

Krumpenhofweg

Ich brause über die Autobahn A9 zum Flughafen. Unser Kunde, eine Firma, hat mich beauftragt eine Familie aus Brasilien am Flughafen abzuholen. Die Brasilianer bleiben erfahrungsgemäß die nächsten drei Jahre in München, und reisen mit Kind und Kegel, riesigen Koffern und Reisetaschen an. Die Maschinen aus Übersee landen oft vor der planmäßig angekündigten Zeit. Meine Maschine landet nur eine Viertelstunde früher.

Die Familie muß in den Krumpenhofweg. Krumpenhofweg? Nie gehört. Während der Fahrt zum Flughafen gebe ich die Adresse in das Navigationsgerätes unseres Datenfunkes ein. Auch Fehlanzeige. Vesna hilft mir von zuhause und nennt mir am Computer, vor Google Map, sitzend, die am Krumpenhofweg anliegenden Strassen; Engasserbogen, Eisnergutbogen, Schloßschmidstraße, … alles böhmische Dörfer für mich.

Am Flughafen finde ich Zeit mich selbst über das iPhone bei Google Maps über die Lage des Krumpenhofweges zu informieren. Ich finde ihn als kleines nach Norden abgehendes Anhängsel des Eisnergutbogens. Alle diese mir bis dahin unbekannten Straßen sind in dem bislang nicht bebauten Areal zwischen Arnulfstrasse, Gleiskörper und Hirschgarten. In der Nähe der Reitknechtstraße die ich -> schon mal gesucht habe.

Aber jetzt stehe ich mit meinem Schildchen vor der großen Anzeigetafel im Terminal 2 des Flughafens. Ich beobachte die Zeile mit meiner LH 505 aus Sao Paulo. Die Maschine ist jetzt doch nicht früher, sondern pünktlich um 8 Uhr gelandet. Nach einer halben Stunde wechselt die Anzeige endlich von gelandet auf Gepäck. Ich erwarte eine Familie mit zwei Kindern, wovon das Jüngste acht Monate alt ist. Jeder Familie die in Frage kommt, halte ich mein Abholschildchen unter die Nase. Keine Reaktion. Ich stehe mir die Beine in den Bauch. Inzwischen ist die Maschine nach einer Stunde von der Anzeigetafel verschwunden. Ich lasse die Gäste ausrufen. Ich rufe die Firma an, ob sie Informationen über unsere Gäste, oder eine Telefonnummer haben. Ergebnislos. Ich lasse nun die Gäste zum zweiten Mal ausrufen. Als sich nach zehn Minuten niemand an der Information meldet mache ich mich auf dem Heimweg. Ich habe mich schon damit abgefunden zwei Stunden, 70 Leerkilometer und 3,50 € Parkgebühr für nichts verschwendet zu haben als mich auf der Autobahn der Anruf der Firma erreicht. Die Gäste sind jetzt da. Es gingen zwei Koffer verloren, deshalb waren sie so lange im Raum mit den Gepäckbändern. Ich kann nicht verstehen, wieso sich niemand meldet. Wenn ich doch weiß, daß ich erwartet werde und mich über eine Stunde verspäte, rufe ich doch an!

Bei der nächsten Ausfahrt Freising verlasse ich die Autobahn, die ich über eine Brück überquere und fahre wieder Richtung Flughafen zurück. Dort erwarten mich die Gäste schon vor der Bäckerei. Der Familienvater war gar nicht bei seiner Familie im Flugzeug. Er war bereits in München und wollte seine ankommende Restfamilie am Flughafen abholen. Er war dazu mit seinem Privatauto aus der Stadt zum Flughafen gekommen. Ich sollte mit meinem Taxi nur das viele Gepäck fahren. Da er auch vergeblich vor der Tafel gewartet hatte, hat er solange bei  der Lufthansa gebettelt, bis sie ihn bis zum Zoll in die Halle gelassen haben. Nachdem er seine Familie gefunden, und festgestellt hatte, daß zwei Koffer fehlten, hat er es wieder nicht für nötig befunden seine Firma oder wenigstens den Fahrdienst über seinen Verbleib zu informieren.

Endlich bin ich wieder auf der Autobahn, ohne Fahrgäste, aber mit Gepäck. Wir wollen uns im Krumpenhofweg vor seiner Haustüre treffen. An dem Klingelbrett vor der angegebenen Adresse fehlt der Namen meines Kunden. Ich warte, warte und warte – nach 25 Minuten erscheint der Fahrgast und ich werde das Gepäck los.

Birketweg, im Hintergrund die Friedenheimer Brücke



In dem Neubaugebiet schwelge ich in Erinnerungen. Dort wo jetzt eine Baugrube klafft und die Kräne stehen, im Birketweg, gab es eine Autoverwertung. Wir nahen die Dienste der Sunji – Autoverwertung öfter in Anspruch. Unsere 400DM-noch-ein-Jahr-TÜV-Autos haben wir dort entsorgt. Das Basteln an den schrottreifen Autos war eine beliebte Beschäftigung auf dem Hof unserer Taxigarage. Ein Jugendlicher, der damals dabei war, machte dann den Taxischein und fuhr bei uns Taxi. Inzwischen ist er Unternehmer und ich treffe ihn noch ab und zu am Taxistand.

Einen Riesenspaß hatten wir bei dem Schrotten der Fahrzeuge bei uns auf dem Hof. Mit dem Hammer wurde in blinder Zerstörungswut zerdeppert was zu zerschlagen geht. Wichtig war nur, daß die Autos rollbereit blieben. Mit dem Taxi, heruntergekurbelten Scheiben und lauter Musik, schleiften wir die Wracks zum Inder. Wir genossen die empörten Blicke der anderen Autofahrer. Es gab immer genug Freiwillige wenn es galt ein Auto zum Inder zu bringen. Dort nahm dann gleich ein Gabelstapler das Wrack in Empfang und hob es über den Kopf des Mechanikers. Als Erstes schlug der mit einem großen Fäustling und Meißel ein Loch in den Tank. Den herausquellenden Kraftstoff fing er mit einem aufgeschnittenen Plastikkanister auf.

Später kam dann der Verwerternachweis auf. Die Autoverwertungen wurden immer spießiger und langweiliger. Jetzt werden sogar die Ruinen unserer Erinnerung von Neubauten überdeckt. Ich bleibe am Rand der Baugrube stehen und gedenke ein paar Minuten an Sandor, meinem kürzlich verstorbenen Geschäftspartner und Freund, der bei den Sunji-Aktionen immer dabei war.

Der sechsjährige Sohn meines Kunden holt mich wieder zurück in die Jetzzeit. Er tollt aufgeregt durch den Schnee. Sein Vater hat mir gesagt, es sei das erste Mal, daß er Schnee sieht.
Altes begraben und Neues entdecken – ein Stück dahautes, buntes, spannendes München geht. Ich hoffe daß das Neue genauso interessant wird.  

    


   

Dienstag, 10. Januar 2012

Bunte Pläne

Mit Stadtplänen hat, oder vielmehr hatte, jeder Taxifahrer täglich zu tun. Bevor die Navigationsgeräte in unseren Taxis Einzug hielten. Waren Stadtpläne unser tägliches Handwerkszeug. Heutzutage  werden die bunten Druckwerke gekauft, im Kofferraum verstaut und bei einer Kontrolle hervorgekramt. Wehe dem, der nicht die passende Auflage spazierenfährt.
Seit gestern nenne ich einen Plan mein Eigen, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Es ist der Plan im Anhang des Münchener Mietspiegels. Animiert durch einen -> Post eines Münchener Bloggerkollegens wollte ich näheres über die Mietpreise in München erfahren.
In München gibt es alle vier Jahre einen qualifizierten Mietspiegel. Qualifiziert heißt, daß der Mietspiegel von der Gemeinde oder von Vertretern der Mieter und Vermieter bestätigt wurde. In München wurde der aktuelle, qualifizierte Mietspiegel 2011 vom Stadtrat anerkannt. Unabhängig davon, muß der Mietspiegel alle zwei Jahre fortgeschrieben werden. Es gibt demzufolge in München immer zum ungeraden Jahr einen aktuellen Mietspiegel.
Gestern vor einer Fahrt aus  der Rablstraße hielt ich kurz vor der Franziskanerstraße 8, vor dem Amt für Wohnen und Migration. Dort habe ich gleich beim Pförtner meine Unterlagen bekommen. Auf meine Frage nach dem Mietspiegel, fragte er nur kurz zurück;

“Wieviel?“

„Vier Stück, bitte.“ ; gab ich ihm zur Antwort und saß nach zwei Minuten wieder im Taxi. Die durchschnittliche Miete in München beträgt pro qm 9,79 €. Das Überraschende dabei ist, das die Durchschnittsmiete im Vergleich zu 2009 (9,89 €) um 0,10 € gefallen ist. Allerdings ist die Durchschnittsmiete von 2007 (9,31 €)Zum Anderen sind die 9,79 € pro qm nur der Durchschnitt vom Durchschnitt und gilt zum Beispiel für eine Wohnung in durchschnittlicher Lage mit einer Größe von 71-72 Quadratmeter aus den Baujahren von 2002 bis 2005.
Der Mietspiegel besteht aus Tabellen mit hunderten von Zahlen. Ausschlaggebend für den Mietpreis ist neben dem Baujahr auch die Größe der Wohnung. Wie beim Kauf sind die kleinen Wohnungen pro Quadratmeter teuerer als die großen. Der Mietpreis variiert zwischen 15,02 € für eine Wohnung, Baujahr vor 1918, 22 qm groß bis runter zu 8,09 € für eine Wohnung, Baujahr zwischen 1967 und 1977 in der Größe von 159 Quadratmeter. 
Natürlich spielt auch die Lage eine Rolle. Es wird in vier Kategorien unterteilt. Einfache, durchschnittliche, gute und beste Lage. Für gute und beste Lagen werden Zuschläge addiert.



Auf dem Foto sind vorne die blauen, durchschnittlichen Lagen (Käthi-Kobus-Straße, Winzerer Straße Hohe, Hornstraße, Bambergerstraße, … ), in der Mitte die gelben, guten Lagen (Hohenzollernstraße, Herzogstraße, Elisabethplatz, Belgradstraße, …) und schließlich im Hintergrund die roten, besten Lagen (Dreschstraße, Biedersteiner Straße, Seestraße, Mandlstraße, …) zu erkennen. Alle diese Beispiele sind aus dem Münchener Stadtteil Schwabing. Die lila markierten, einfachen Lagen, tauchen auf dem Foto nicht auf.
Als Taxifahrer könnte mir der Plan auf der Suche nach zahlungskräftigen Fahrgästen hilfreich sein.    

Freitag, 6. Januar 2012

Winter?

Der Winter fällt heuer aus. Zumindest wen man der alten Bauernregel:

Ist bis Dreikönig kein Winter,
ist keiner mehr dahinter.


Glauben schenken darf. Heute um 13:00 Uhr hat am Flughafen sogar kurz die Sonne geschienen, weit und breit war keine Flocke Schnee zu sehen.


Dreikönigstag 2012 Flughafen München 13 Uhr

Das Geschäft hat dieses Jahr noch nicht richtig angezogen. Das Geschäftsjahr fängt vermutlich erst richtig am Montag, den 9.Januar an. Inzwischen stehen wir uns in der Stadt und am Hafen die Räder eckig. Wenn das so zäh weitergeht, besuche ich meine Familie heute abend bei dem orthodoxen Weihnachtsfest an der serbisch-orthodoxen Kirche an der Putzbrunner Straße in Neuperlach. Der Winter kann von mir aus ganz unorthodox ausfallen.

Donnerstag, 5. Januar 2012

packed

Sechs Personen und 33! Koffer, steht auf dem Fax, das uns ein Kunde zugefaxt hat. Heute Morgen hole ich meine schwer bepackten Gäste am Flughafen ab. 33 Koffer, das ist selbst für meinen VW-Bus mit langem Radstand zuviel. Ich habe gestern noch meinen Busfahrer – Kollegen angerufen – er will mir helfen.
Um 8:00 Uhr stehen wir mit zwei Betreuerinnen am Flughafen München und erwarten unsere Gäste. Die Maschine aus Sao Paulo ist 40 Minuten früher gelandet. Die Gepäckabfertigung an unserem Flughafen dauert inzwischen schon bis zu einer Stunde, von daher beunruhigt uns ein Flugzeug, das bis zu einer Stunde früher landet kaum.

“Ein Koffer kann so sein“ sagt mein Kollege und deutet dabei mit seinen Händen einen Abstand von 40 cm, “oder ein Koffer kann so sein.“ Dabei streckt er seine Arme aus.

Unsere Gäste sind Ingenieure aus Brasilien, die jetzt  mindestens für zwei Jahre in München bleiben. Als wir ihnen sagen, dass sie Glück haben weil es zur Zeit ungewöhnlich warm ist, verziehen sie die Gesichter.

„Bei uns in Rio hat es jetzt um die 30 Grad.“

Die Aussage eines unseres Gastes erklärt alles. Ach ja, es waren nicht nur sechs wie angekündigt, sondern neun. Und die 33 Koffer; die meisten von ihnen waren eher so wie der Kollege am Ende gezeigt hat. Sogar ein Hund war dabei, natürlich mit entsprechender Box.


Voll in Schwabing

  Um unsere neun Auswanderer mit ihrem Hausstand befördern zu können, klappen wir bei meinem -> Taxi die Lehne der zweiten Rückbank nach vorne du aus meinem Gefährt wird der Gepäckwagen. Mein Taxi ist voll bis unter das Dach. Einen großen Koffer packen wir noch auf die Beifahrerbank. Ich möchte nicht wissen mit wie viel Prozent der VW – Bus überladen ist. Auf der zweiten Rückbank kann ich noch drei Fahrgäste mitnehmen. Der Rest der Gäste fährt bei meinem Kollegen in dessen Vito. In seinem etwas kleineren Kofferraum stecken auch noch sechs Koffer. 
Wir haben fünf Adressen in München anzufahren. Ab der dritten Adresse, kann ich die Gäste und deren Gepäck alleine fahren und zahle meinen Kollegen aus.
Ich bin dann noch bis 12:45 Uhr unterwegs und bringe 163,50 € auf den Taxameter. Dabei entfallen 15,80 € alleine auf Zuschläge. Das wird für längere Zeit mein Zuschlagrekord bleiben.  

Mittwoch, 4. Januar 2012

Russisch

Da muß ich mir jetzt die Zeit an den Taxistandplätzen in München vertreiben, bis 21.40 Uhr, denn da habe ich eine Abholung am Flughafen. Das Geschäft ist mehr als ruhig. Nach einer Stunde am Kurfürstenplatz hole ich einen Patienten in der Mittermayrstraße ab und bringe ihn zum Schwabinger Krankenhaus, kassiere dafür 8,- € incl. Trinkgeld. Am Bahnhof Nord steigt mir eine Dame zu und will in die Diakonissenanstalt, diese Fahrt bringt mir mit Trinkgeld sieben Euro. Die zweite Fahrt vom Kurfürsten zum Bahnhof mit 11,50 € gilt dann schon als weit.
Mein Freund und Kollege, ich habe ihn heute schon zweimal am Standplatz getroffen, ruft mich an;

“Ich habe bis 13:30 Uhr Zeit. Wollen wir was Essen gehen?“

Das war der erlösende Anruf. Auf seinen Vorschlag treffen wir uns beim Wienerwald am Bonner Platz. Unsere Mittagstunde vergeht bei Hendl wie im Flug. Wir tauschen uns über Immobiliengeschäfte aus. Er war früher in der Branche tätig.
Danach stelle ich mich am Kölner Stand auf. Aber nicht lange. Schon nach 10 Minuten bekomme ich einen Auftrag über Datenfunk. Bei der BMW-Welt wird ein Taxi für fünf Personen gebraucht. Ich bringe die fünf jungen Russen zu ihrem Ziel, dem Spatenhaus gegenüber der Oper. Das ist außer der Flughafenfahrt mit 22,-€ die weiteste Fahrt heute.
Wenn ich schon in der Stadtmitte bin, fahre ich gleich in die Stadtbibliothek am Gasteig. Am Gasteig ist die zentrale Bibliothek der Landeshauptstadt München. Hier ist die größte Auswahl an Büchern zu einem Thema zu erwarten.

Nach 15 Jahren betrete ich zum ersten Mal wieder die Bibliothek. Im Gegensatz zu meinen ersten Besuchen kommt mir jetzt alles so klein vor. Ich interessiere mich für Immobilienhandel. An der groben Übersichtstafel finde ich keinen Überbegriff zu diesem Thema. Ich bemühe die Dame an der Information. Auch sie muss in der EDV nachschauen. Ein Teil findet sich bei Wirtschaft, unter der entsprechenden Branche – der andere Teil bei Recht. Sie notiert zwei Buchstabenzahlenkombinationen auf einen Zettel und schickt mich damit auf die Ebene 2.2. Dort kann ich im Regal unter der ersten Kombination gar nichts finden. Nicht ein Fetzen Papier!
In der Rechtsabteilung findet sich zu dem Thema stapelweise Literatur über die Rechte des Mieters und/oder des Vermieters. Alleine 20 Bücher über das neue Eigentümerversammlungsrecht oder Häuserverwaltungsrecht (oder wie das auch immer heißen mag) . Nichts für mich dabei. Wirtschaft und Recht – selbst während dieser ruhigen  Tage sind dort alle Plätze von Stundenten besetzt. Jeder Zweite macht seine Notizen auf einem kleinen Laptop. Ich habe schon in den ersten Tagen des Jahres damit begonnen einen meiner Vorsätze in die Tat umzusetzen und so habe ich in Sachen Immobilien fleißig geemailt und telefoniert.
Ein kleines Apartment, das ich mir im Internet auserkoren hatte, war schon in den ersten Stunden des ersten Arbeitstages verkauft. Das Objekt war in Obergiesing, gut vermietet, 450,- €, plus Nebenkosten für nur 22 qm. Die Miete bezahlt das Amt. Eine sichere, aber besonders in München begehrte, Anlage. Schade, aber der Makler wird mich wieder anrufen wenn er etwas Ähnliches hat. Ich wechsele mit dem Makler noch ein paar aufschlussreiche Worte. Gepackt von dem Fieber etwas Neues in Angriff zu nehmen, lasse ich mir ein Exposé zuschicken und bahne zwei Besichtigungstermine an.

Wegen meiner Schnupperei in Maklerkreisen habe während der nächsten Woche zwei Termine. Am 6.1. treffe ich mich mit einem Top – Entscheider eines großen überregional tätigen Maklerbüros. Wie ich unser Telefonat einschätze, sind wir schon neugierig aufeinender. Das war mit auch der Grund meines Bibliothekbesuches, irgendwie wollte ich auf dem für mich neuen Feld nicht blank dastehen.  
Irgendwie magisch finde ich den Weg in die Landwirtschaftsabteilung, Unterabteilung Jagd. Hier ist deutlich weniger los. Ich nehme mir ein Buch mit Tipps für Jäger aus dem Regal  und stöbere durch das Buch. Wieder ist etwas Zeit vergangen und ich stelle mich vor dem nahen Holiday City auf. Dort steigen mir nach einer knappen Stunde vier Touristen zu und wollen für 7,- € zum Marienplatz. Als Nächstes versuche ich am Sonnen-Waldbarth, am Sendlinger Tor, mein Glück. Dort halten mir dann zwei russische Mädchen einen Zettel unter die Nase. Sie wollen in ein Hotel im Lehel.

Hauptbahnhof - von mir erlösen mich die Innsbrucker
 Von dort ist es nicht mehr weit zu meinem Bahnhof Nord Stand. Ich werde von vier Innsbruckern aus der Reihe gepickt. Morgen fliegen sie nach Afrika in den Urlaub und verbringen noch eine Nacht in einem Flughafenhotel. Für mich ist das ein Glücksfall, komme ich doch so besetzt zum Flughafen und kann nach zwei Stunden meine Gäste aufnehmen und nach München bringen. Ich erwarte die SU 123 aus Moskau – und welche Nationalität haben meine Gäste?
Richtig, Russen.

Dienstag, 3. Januar 2012

Strecke

Ich habe mich schon vorbereitet auf meine erste Treibjagd. Der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. Zwei Tage nach den Weihnachtsfeiertagen war noch sonniges Wetter. Für den Donnerstag aber war Schnee und Schneeregen angekündigt.

Zwischen zwei Taxifahrten kaufte ich mir lange Unterhosen. Lange Unterhosen habe ich seit meiner Bundeswehrzeit nicht mehr getragen, aber angesichts des Wetterberichts und der Vorstellung daß ich den ganzen Tag im kalten Schneeregen stehe habe ich dann doch kalte Füße bekommen.
Ich konnte meine neue Flinte noch nicht einmal ausprobieren. Das Paket mit dem 2,4 mm Schrot für die Tontauben liegt noch  immer unangetastet im Waffenschrank. Ein Kollege, der schon seit Jahrzehnten jagt, empfiehlt mir ich solle, wenn es im Winter auf Hasen geht, wegen des dichteren Balgs, das stärkere Schrot verwenden. In meinen Unterlagen steht; auf Hasen soll man 3 oder 3,5 mm Schrot verwenden. Ich muß also auch noch bei meinen Waffenhändler vorbei und passende Patronen kaufen. Der hat das 3,5 mm Schrot nicht vorrätig und ich entscheide mich dann gleich euphorisch für drei 10er Packungen Schrotpatronen von Rottweil 12/70 3,7 mm.

Bei der Gelegenheit gestehe ich dem Waffenhändler, daß ich die Winchester-Flinte nicht einmal ausprobiert habe. Er schlägt mir vor ich solle vor der Jagd noch ein paar Anschlagübungen machen.
Abends dann im Wohnzimmer stehe ich mit meinem dicken Mantel vor dem Sofa und reiße immer wieder die Schrotflinte hoch. Meine Frau amüsiert sich köstlich. Ich steige auf den Spaß ein und mache mit der Waffe locker in der Hand ein doofes, harmloses Gesicht. Wie von der Tarantel gestochen reiße ich die Flinte hoch visiere ins Nichts und mache dabei ein grimmiges Gesicht. Den Mantel habe ich übergezogen, weil ich den Anschlag möglichst authentisch üben will. Und bei der Treibjagd werde ich den Mantel anhaben. Das Wohnzimmer ist hell erleuchtet, draußen ist stockfinstere Nacht. Bevor ein Beobachter unsere Spiele falsch interpretiert und die Polizei verständigt, schließen wir lieber die Vorhänge.



Gestern dann, am Tag der Jagd, habe ich noch morgens eine Flughafenfahrt. Nach der Fahrt ziehe ich mich um packe Flinte und Schrot und fahre mit dem Taxi zum Treffpunkt. Wir sind ziemlich früh da. Ein Geländeauto nach dem anderen trifft ein. Es werden immer mehr Jäger. Ich Anfänger mache genau das was die Mehrheit meiner Jagdkameraden macht. Jeder Neuankömmling wird mit Handschlag begrüßt. Dabei lupfen wir unsere Hüte. Ein Ritual, das ich als jahrelanger Nichthutträger beinahe vergessen hätte. Inzwischen sind wir ca. 30 Jäger und 10 Hunde. Das Jagdhorn bläst zur Begrüßung. Stille tritt ein und der Jagdherr gibt seine Einweisung. Wir beginnen die Jagd ein paar Kilometer von unserem Treffpunkt entfernt. Wir verteilen uns auf die Fahrzeuge. In meinem Taxibus sitzen jetzt wo vor noch knapp zwei Stunden meine Fahrgäste saßen, Jäger mit Hüten und Flinten auf den Knien. Solche Fahrgäste hatte ich noch nicht und auch die Jäger bestätigten mir, daß sie das erste Mal mit einem Taxi über die Feldflur auf die Treibjagd fahren.



Am Ausgangspunkt unserer Jagd angekommen sammeln wir uns noch einmal kurz vor einer Scheune. Dazwischen tollen ein paar Jagdhunde. Ich erkenne eine Bracke, einen Weimaraner, mehrere Deutsch-Kurzhaar und Deutsch-Drahthaar, sogar ein struppiger Griffon ist darunter. Wir ziehen alle unsere gelben Jacken, Hutbänder und Schals über. Die Hunde bekommen gelbe auffällige Leibchen übergestreift. Unsere erste Jagd wird eine böhmische Streife. Die inzwischen Gelb-Grünen verteilen sich auf einer Linie. Beeindruckend welch große Fläche mit soviel Leuten durchstreift werden kann.
Wir sind noch beim Aufstellen, da höre ich schon den ersten Schrei;

“Haas!“

Alle Augen folgen dem Hasen wie er über das abgeerntete Feld flieht. Niemand schießt, dar Hase ist außerhalb der Schrotschußentfernung. Die Flügelmänner sind mit Funkgeräten ausgestattet. Dazwischen verständigen wir uns durch Zurufe und Armzeichen. Wir laden unsere Flinten und gehen im Jagdanschlag. Langsam wälzt  sich die bewaffnete Treiberwehr auf breiter Front über Äcker und Felder. Bevor wir eine Straße erreichen schwenkt die Formation nach links. Jetzt durchstreife ich mit meiner Nebenfrau zur Linken, einer Hundführerin, einen Feldrain der Länge nach. Immer wieder schaue ich nach links und rechts ob ich noch auf mit den anderen auf einer Linie bin. Unsere gelben Westen sind dabei eine große Hilfe. Selbst im dichtesten Gestrüpp erkenne ich einen sich bewegenden gelben Fetzten schon von Weitem. Der Untergrund wird immer feuchter. Mit meinen Gummistiefeln an den Füßen stapfe ich schmatzend immer weiter vorwärts. Das Gewehr halte ich geladen und gesichert vor mir. Plötzlich schreckt der Hund meiner Nachbarin ein Reh auf. Aus nächster Nähe kann ich das flüchtende Reh beobachten. Das Gestrüpp reist mir immer wieder den Hut vom Kopf. Ich bin froh, als wir wieder freies Feld betreten.
Vor uns liegt ein großes flaches Gebiet ohne Baumbestand. Wir ändern die Taktik. Anstelle der Böhmischen Streife kesseln wir. Beim Kesseltreiben gehen zwei ortskundige Jäger jeweils einen großen Halbkreis. Alle 25 Meter folgt ihnen ein Jäger. Wenn sich die beiden Vorgeher treffen haben wir automatisch einen Kreis gebildet. Auf ein Jagdhornsignal setzen sich die Jäger in Bewegung und gehen langsam mit geladener Flinte auf die Mitte des Kreises zu. Bei  einem Kesseltreiben mit Jägern und Treibern würden die Jäger und Treiber wechselweise aufgestellt. Wird der Kreis enger, gehen die Treiber auf das Jagdhornsignal Treiber in den Kessel weiter auf dass Zentrum zu und die Jäger beleiben stehen. Ab jetzt darf natürlich nicht mehr in den Kessel geschossen werden, wo ja die Treiber stehen, sondern nur noch nach außen.
Wir sind aber ausschließlich Jäger und wir gehen alle bis zum Zentrum. Wieder ein Schrei;

“Haaaas!“


Rechts von mir sprintet ein Hase quer durch den Kessel. Paff – ein Schuß, der Hase liegt. Wir hören wie die Schrotkügelchen nicht weit vor uns in die übriggebliebenen Blätter auf dem Feld einschlagen. Wir geben gleich Signal und die Parole; Nicht mehr nach innen schießen, macht die Runde.
Das Kesseln bringt mehr Erfolg. Das übersichtliche, ebene Gelände und die große Zahl der Jägertreiber begünstigen diese Form der Jagd. Beim nächsten Kessel beschließen wir gleich vom Anfang an nur nach Außen zu Schießen. Wir umstellen zwei große Schläge mit Wildbewuchs. Einmal  drei und einmal  fünf Hundeführer drücken mit ihren Hunden durch das kniehohe Dickicht. Die umstehenden Jäger schicken ihre Hunde zusätzlich zum Stöbern in den Bewuchs. Für mich ist es interessant, zum ersten Mal beobachte ich wie eine Meute von Jagdhunden durch das Gebüsch springt. Die Jagdpassion ist den Hunden richtig anzusehen. Mit Feuereifer toben und springen sie durch die vertrockneten Halme. Überall sieht man kurz eine gelbe Schutzdecke eines Hundes aufblitzen. 
Es dauert nicht lange und der erste Fasan steigt ab. Mit dem typischen flapp,flapp,flapp seines Flügelschlages streicht der Vogel über unsere Köpfe.

“Henne“

;rufen die Jäger, die einen weiblichen Fasan erkannt haben. Mit dem Ruf warnen sie uns Andere vor einem unüberlegten Schuß. Freigegeben sind nur Gockel, die männlichen Fasane, die Hennen sind zu schonen. Neben einem Schlag stehe ich neben einem erfahrenen Jäger und Landwirt, seinen Deutsch-Drahthaar hat er geschnallt und zum Stöbern in das Dickicht geschickt. Von der gegenüberliegenden Seite des Schlages steigt wieder ein Vogel auf, die Jäger die in seiner Nähe stehen, rufen;

“Gockel!“

Der Vogel kommt genau auf uns zu. Auf einer Höhe von ca. 8 Metern durchdringt er unsere Schützenreihe zwischen mir und dem älteren Jäger. Ich nehme meine Flinte hoch. Ich kann mir bedeutend mehr Zeit nehmen als gestern bei meinem abendlichen Training im Wohnzimmer. Ich sehe den Vogel schon hinter dem Korn an Ende der Visierschiene.
PENG!Mein Nachbar hat abgedrückt eine Sekunde vor mir. Das Tier stürzt zu Boden. Sein Jagdhund apportiert die Beute. Mein Nachbar von der auf der anderen Seite neben mir dachte, ich hätte geschossen.
Nach ein paar Minuten streicht wieder ein aufgestöberter Vogel zwischen uns ab. Ich kann nicht genau erkennen ob es ein Gockel oder eine Henne ist. Neben den Läufen meiner Flinte beobachte ich meinen erfahrenen Nachbarn und den Vogel. Mein Nachbar macht das Gleiche, auch er beobachtet den Vogel  und mich. Niemand schreit. Wir sind die Nächsten. Wir lassen das Tier abstreichen und widmen uns wieder den Hunden im Schlag.
Der Jagdleiter gibt das Zeichen zum Sammeln. Ich gehe auf meinen Nachbarn zu und wünsche zum ersten Mal „Waidmannsheil“. Er bedankt sich mit einem „Waidmannsheil“.

„Bei dem letzten Vogel war ich mir nicht sicher ob es ein Gockel ist.“

Ich bin beruhigt, daß nicht nur ich Anfänger Schwierigkeiten beim Ansprechen des Hühnervogels hatte.
Schließlich machen wir noch zwei große Böhmische Streifen. Bei der letzten Streife läuft mir ein aufgescheuchtes Reh beinahe über die Füße. Ich kann schön beobachten wie das Reh als Schlüpfer durch das Unterholz flüchtet. Mit gesenktem Kopf prescht das Tier durch das Gebüsch. Die Hunde, die dem Reh hinterherhetzen, lassen sich nur schwer von ihrer Jagd abhalten. Widerwillig gehorchen die Hunde und lassen von dem scheuen Tier ab. Es gibt keine geschlossene Schneedecke. Es bleibt noch genug Vegetation als Futter für die Tiere.
Müde und abgekämpft erreichen wir unsere Autos  und fahren zurück. Auf Tannenzweigen legen wir die Strecke. Sieben Hasen und neun Gockel sind die Strecke des heutigen Tages.
Nachdem Verblassen der Strecke laden uns die Revierjäger noch zu einem kleinen Imbiss. Auf einem Grill bruzzelt selbstgemachte Wildwurst.
Ich beende den Tag in der heißen Badewanne und freue mich über meine Erlebnisse. Am nächsten Tag erinnere ich mich beim Putzen meines Taxis an meinen gestrigen Jagdtag. Neun Tiere – dreißig Jäger, ich gehöre zur Mehrheit der Jäger die nichts geschossen haben. Mir klingen noch die Worte unseres Jagdherrns in den Ohren:

“Nicht geschossen ist auch gejagt.“
       

Sonntag, 1. Januar 2012

Vorsätzlich

Ich habe nur noch ein Taxi und keinen Fahrer mehr. Der Aufwand für den Papierkram ist absolut minimalistisch. Es gibt nur noch ein Kassenbuch zu führen und die Kontoauszüge zu belegen. Keine Lohnkonten mit den aufwändigen Aufzeichnungen die zur Anerkennung der sozialversicherungsfreien Zuschläge gebraucht werden, keine Einnahmeursprungsbelege für den Tagesumsatz, keine Briefmarkensammlung aus Tankbelegen, u.s.w.


Selbst meine Umsatzsteuervoranmeldungen muß ich nicht mehr monatlich, sondern nur noch quartalsmäßig abgeben. Und genau da liegt der Hacken. Drei Monate lang habe ich meine  Quittungsdurchschläge, Tankzettel und andere Barbelege nur in das Drahtkörbchen über unserem Schreibtisch geworfen.

Am letzten Tag des alten Jahres mache ich mich über die Zettelwirtschaft und brauche dazu fast den ganzen Tag. Dabei fasse ich einen Vorsatz für das neue Jahr; Ich werde in Zukunft meine Aufzeichnungen zeitnah führen. Weil konkrete Vorsätze mehr Aussicht auf Erfolg haben, schwöre ich mir meine Buchhaltung mindestens einmal in der Woche upzudaten. (das „zu“ ist ein schöner Zusatz zwischen den beiden englischen Wörtern „up“ und „daten“. Wobei ich nicht weiß, ob „daten“ überhaupt ein englisches Wort ist.)

Jetzt ist die Liste meiner Vorsätze für das neue Jahr vollständig; abnehmen, Zukunft sichern, Geld verdienen, fleißig arbeiten, Papierkram gleich erledigen. Mit dem Rauchen aufhören ist nicht mehr dabei, im April habe ich meine letzte Zigarette geraucht.
Jetzt schreib ich mir das Ganze auch auf. Wenn ich dann noch ins Detail gehe habe ich schon meine Jahresplanung für 2012 voll.
Mein Bauchgefühl, auf daß ich mich immer verlassen kann, sagt mir, daß dieses Jahr für uns ein Schicksalsjahr wird.