Sonntag, 29. April 2012

Letzte Zigarette



Das Foto ist jetzt genau ein Jahr alt. Es ist nicht gut gelungen, aber es geht um das Motiv. Die Marlboro auf dem Bild ist meine letzte Zigarette. Geraucht habe ich sie am Taxistand vor dem Hotel Innside in der Mies-van-der-Rohe-Straße.
Die einjährige Wartefrist auf der Festplatte verdankt das Foto dem Umstand, daß ich nicht über ungelegte Eier schreiben will. Ein Jahr Freiheit vom geliebten/verhassten blauen Dunst wollte ich mir gönnen, bevor ich bekanntgebe, daß ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Ich habe es schon mal sechs Jahre geschafft von den Zigaretten losgekommen zu sein.
Ein Monat in Havanna machte aus mir einen Zigarrenraucher. Wieder zurück in Deutschland fand ich mich beim Tabakhändler im begehbaren Humidor, die kubanischen Schätze einpacken lassend. Aus Kostengründen habe ich mich nach einem halben Jahr auf die Marke José Piedra eingependelt. Eine gute, günstige, kubanische Puro. Ausreichend Muße zum Genuß der Köstlichkeit fand ich anfangs nur am Flughafenstandplatz. Morgens nach einer Fahrt zum Flughafen, wartend auf die Rückfahrt, gönnte ich mir meine Frühstückshavanna. Hätte ich vorher nicht sechs Jahre auf das Zigarettenrauchen verzichtet, wäre mir das Zigarrenpaffen vielleicht nicht gelungen.
Das Paffen war auch ein Teil meines Selbstbetrugs, schließlich rauchte ich ja nicht, den Qualm der Zigarre zog ich nicht bis in die Lunge. Höchstens bis zum Kehlkopf – dann stieß ich den Rauch wieder aus.

Es kam ein stressiger Job. Ich begann wieder zu der vermaledeiten Zigarette zu greifen. Zunächst als Schnorrer. Ich wollte mir ja keine Packung kaufen, schließlich war ich ja kein Zigarettenraucher. Von den geschnorrten Zigaretten riss ich den Filter ab und paffte die Glimstängel, nur um mir selbst einzureden kein Raucher zu sein.
Es dauerte keine zwei Monate und ich stand nach sechs Jahren wieder am Kiosk um mir eine Schachtel Marlboro zu  kaufen. Nach einem Jahr war eine Schachtel am Tag wieder zu wenig und ich war bei zwei Schachteln täglich. Das Taxifahren bietet ja täglich hunderte passende Gelegenheiten sich eine anzustecken. Wenn man nach einer Fahrt an den Stand ankommt, wenn ein Kollege eine Zigarette anbietet, wenn die Taxifahrer rauchend im Kreis mit dem Kaffeebecher in der Hand vor der Tankstelle stehen, …

Eine Schachtel täglich genügte nicht mehr und am Kiosk verlangte ich inzwischen schon zwei Schachteln.
Das letzte Aufhören hab ich nicht alleine geschafft. Ich hatte zwei Hilfen. Die Jäger und Christian.
Rauchen im Wald ist beim Beobachten des Wildes sehr ungeschickt und ach die meiste Zeit im Wald sowieso verboten.
Eine wirkliche Hilfe kam von Christian. In Form eines Geschenkes. Es gibt bei uns einen runing gag, einen Spaß, der sich ständig wiederholt. In unserm Fall war es, daß die Jäger alles kaufen oder gut finden, auf dem Hirsch abgebildet ist. Jägermeister, Frankonia—Tüten, Ranger-Geländewagen, Jagdbekleidung, …So bekam ich von ihm eine Packung Nikotinpflaster geschenkt. Auf der Verpackung hatte er ein Bild von einem Hirschen aufgeklebt. Der originale Markenname war mit dem Schriftzug Hubertinell ausgetauscht. Die Packung enthielt sieben Nikotinpflaster, für jeden Tag der Woche eines. Nach meiner letzten Zigarette, klebte ich mir das erste Pflaster auf den linken Oberarm. Das Pflaster soll über die Haut das Verlangen nach Nikotin stillen. Nach nur einer halben Stunde überkam mich die Lust eine Zigarette anzuzünden. Mit der rechten Hand presste ich auf das Pflaster und bildete mir ein, das Nikotin über die Haut aufzusaugen. So stillte ich vermeintlich meinen Nikotindurst. Wollt ich eine größere Dosis, zwickte ich in das Pflaster und drückte so vermeintlich das Nikotin über die Hautfalte in meinen Körper.
 Der Selbstbetrug funktionierte. Nach sieben Tagen war die Packung leer und ich habe eine Woche nicht geraucht. Mein Nikotin holte ich mir über mein Pflaster.
Natürlich ist mir klar, daß sieben Nikotinpflaster rein medizinisch aus einem Raucher einen Nichtraucher machen können. Bei mir hat es auf einem anderen Weg gewirkt. Ich bin jetzt  seit einem Jahr rauchfrei.

Weiß jemand wo es Schokoladenpflaster gibt?

Mittwoch, 18. April 2012

2:1 ganz real


Gestern sitze ich ruhig am Frühstückstisch als mich ein Kollege anruft. Es ist das passiert was manchmal vorkommt, er hat das Datum übersehen. Und dann noch zwei Aufträge zur gleichen Zeit. Als er mit dem einen Auftrag beschäftigt war, fragten die zweiten wo er denn bleibe.

Ich habe erst am Abend meine Vorbestellungen und kann einspringen. Schnell erledige ich den Feuerwehreinsatz und hole seine Kunden vom Flughafen ab. Sein Auftrag geht über den ganzen Tag. Aber er kann die Gäste im Laufe des Vormittags übernehmen. Der erste Termin, zu dem ich die Gruppe bringen soll, ist in Schwabing. Wir sind noch zu früh dran. Ich fahre an der Firma vorbei und zeige meinen Gästen den Eingang. Wir wollen in der Nähe ein Kaffee finden, in dem die Zeit für eine letzte Besprechung genutzt werden kann. Ich umkreise den Block. Eine Bäckerei wäre gleich gegenüber dem Büro, aber mit nur zwei Stehtischen ist es doch etwas zu klein. Da entdecke ich am Elisabethmarkt am Elisabethplatz ein Kaffee mit dem Namen Stein. Es hat auch schon geöffnet und die Einrichtung ist passend und sieht auch recht ansprechend aus. Das Dintzler-Werbeschild im Schaufenster macht die Sache dann noch perfekt. 


Zur Übergabe des Gepäcks der Gäste treffen wir uns an einen meiner Hausstände. Dem Marriott – Hotel in der Berliner Straße. Das Hotel muß einen Vertrag mit der UEFA haben. An „unserem“ Parkplatz ist jetzt für die Spanier reserviert. Vor 10 Tagen mussten wir den Platz noch für  -> die Franzosen freihalten. Heute Abend spielt Real Madrid gegen den FC Bayern. Meine ersten Fahrt von dem Hotel führt mich dann auch gleich in die Allianz Arena. Ich fahre zwei italienische Sportjournalisten zu den Übertragungswagen neben das Stadion.
 Im Internet kann ich verfolgen wie eine meiner Facebook – Freundinnen zwei Tickets für das Spiel für 800,- € verkauft. Fußball muß für manche Menschen eine ungeheuere Faszination ausüben. Die Tickets sind innerhalb einer halben Stunde verkauft. Meine letzte Vorbestellung am Abend sind zwei Fans, die mit dem Flugzeug nach München kommen. Ich soll sie am Flughafen empfangen und zum Stadion bringen. Früher konnte ich nur den Kopf über solch eine Geldverschwendung schütteln, heute kann ich das verstehen, habe ich doch auch die Jagd als ein teueres und zeitaufwändiges Hobby.

FC Bayern – Real Madrid, ist das Tagesgespräch in meinem Taxi. Nahezu jeder Fahrgast weiß zu dem Thema etwas beizutragen. Ich ertappe mich bei dem Gedanken mir das Spiel im Fernsehen anzuschauen. Meine erste und letzte Fahrt gehen zum Stadion, die Aufregung um die Arena konnte man schon richtig spüren. Die Polizei war schon am Vormittag dort unterwegs, als ich die Journalisten ablieferte, konnte ich einen Blick über den heiligen Rasen werfen, Kameraleute auf dem Dach des Parkhauses proben ihre Einstellungen für die Interviews und Kommentare – kurz, die Luft knistert. Sogar ich will jetzt das Spiel im Fernsehen sehen.

Endlich ist es Abend. Ich warte am Flughafen auf meine Fans. Ihre Maschine hat Verspätung. Ich stelle mir vor wie enttäuscht die Beiden wären, würden sie den Anfang des Spiels verpassen. Das Flugzeug landet. Die Passagiere wollen und wollen nicht erscheinen. Doch jetzt kommen Zwei. Schnellen Schrittes gehen sie auf mich zu und deuten auf mein Schild, das ich ihnen entgegenhalte. Jetzt gilt es keine Zeit zu verlieren. Wir springen ins Taxi und auf der Autobahn gibt es nur noch die linke Spur. Auf der A9 biege ich dann Richtung Salzburg ab, drehe auf der Brücke der Ingolstädter Straße und nehme die Arena ins Visier. Von Norden her kommend vermeiden wir den größten Stau. Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es zum Beginn des Spiels.

Allianz Arena kurz vor dem Spiel

 Wer hätte das je gedacht, ich bin vom Fußballfieber infiziert. Meine Fahrt ist noch nicht zu Ende, ich muß noch nach Hause vor die Glotze. Von der Allianz-Arena bis zu mir ist es nicht weit und schon bald finde ich mich vor der Flimmerkiste.
Franck Ribéry schießt ein Tor. Der Schiedsrichter zählt das Tor, der Spielstand ist 1:0 für die Bayern. Zwei Minuten später wird eine Zeitlupe der Torszene gezeigt. Der Kommentator erklärt das es Abseits war. Das Tor hätte nicht gezählt werden dürfen. Ich bin schon etwas enttäuscht über die Vorgehensweise, wenn etwas klar belegt werden kann, muß es doch gelten.
Und weil man mich nur einmal teeren und federn kann, (das erste Mal, weil ich ein Bayerntor nicht anerkennen will) gestehe ich gleich noch was; die Abseitsregel habe ich bis heute nicht ganz kapiert. Ich habe mich aber auch nicht besonders angestrengt.

Die wiederholten Fragen meiner kleinen Tochter;

“Papa, wann kommst du?“

haben mich dann vom Fernseher gelockt. Real und Bayern haben dann jeweils noch ein Tor geschossen, während ich die Geschichte einer mutigen Höhlenforscherin vorgelesen habe.

Gerade hat mir ein Kollege erklärt, das Schiedsrichterentscheidungen nicht widerrufen werden. Es gäbe sonst am Ende eines Spieltages keine Ergebnisse, wenn jeder Verein fragliche Situationen bis ins Detail  analysieren würde.
Ich werde mir das nächste wichtige Spiel in aller Ruhe mit Fußballprofis anschauen.     

Montag, 16. April 2012

Unser Hafen


Hoffentlich geht’s jetzt wieder los nach den Osterferien. Ich wäre schon da, am Montag Morgen am Flughafen. Ich muß mich zwar am Acker aufstellen, aber Montag früh ist die beste Flughafenankunftszeit. 

Terminal 2 am Abend

Während der letzten Woche konnte ich es etwas langsamer angehen lassen. Am Donnerstag habe ich erst am Mittag begonnen. Vier Stunden später, um 16 Uhr fand ich mich am ICM-Stand an der Messe und hatte nur zwei Stiche. Sehr, sehr mager. Der Datenfunk hat mich dann erlöst. Ich soll nach Dornach zu einer Abrechnungsfirma kommen. Mit dem Kunden ging es dann zum Flughafen. Am Tag vorher hatte ich das gleiche Glück. Ein myTaxi-Auftrag bringt mich von der Domagkstraße zum Flughafen. Beide male bin ich stehengeblieben und nach fünf Stunden besetzt zurück in die Stadt gekommen. Der Hafen hat meinen Umsatz an zwei Tagen gerettet.
Jetzt bin ich wieder besetzt zum Hafen gekommen, nur jetzt ist Montag und die Ferien sind vorbei – wo bleiben die Fahrgäste. Es gibt keine Entschuldigung mehr.

Freitag, 13. April 2012

Munition


Von meinem Jagdkameraden habe ich eine tschechische .308 bekommen. Das ist eine Büchse, ein Gewehr mit einem gezogenen Lauf für den weiten Schuß. Um noch präziser zu sein ist auf der Waffe eine Optik montiert, ein Zeiss 6 x 46. Selbstverständlich probiere ich diese Waffe nicht im Revier aus. Es gehört sich die Waffe am Schießstand an- bzw. einzuschießen. Aus dem Internet weiß ich, daß in der aktuellen Pirsch ein Artikel zu dem Thema erschienen ist. Am Ostermontag habe ich mich am Bahnhof aufgestellt nur um während der Wartezeit in die Fachpresse, die dort bis 22 Uhr geöffnet hat, zu rennen und die neueste Ausgabe des Jagdmagazins mit dem begehrten Artikel zu bekommen.

In dem Artikel ist das Einschießen beschrieben und die nötigen Hilfsmittel werden aufgezählt. Ein kleiner höhenverstellbarer Bock auf dem der Vorderschaft aufgesetzt wird und verschiedene Sandsäcke für den Hinterschaft. Optimal wäre ein „Ohrensäckchen“ , ein mit Sand gefüllter Ledersack mit zwei Ausbuchtungen, den Ohren, zwischen denen der Hinterschaft aufgelegt werden kann.
Ostermontag haben die  Waffenhändler geschlossen. Die haben das wichtigste Zubehör zum Einschießen, die Patronen. Im Internet kann ich mich aber schon vorab über das Angebot und die Preise erkundigen. Das Kaliber .308 Winchester gibt es seit 1951, es ist die zivile Bezeichnung für das alte westliche Militärkaliber 7,62 x 51 NATO. Patronen in der passenden Größe müsste es zuhauf geben. Um auf die Scheibe zu schießen würde ein günstigesVollmantelgeschoß völlig ausreichen. Die Jagdpatronen kosten zwischen zwei und drei Euro pro Patrone. Die aufwändigen Geschosse aus verschiedenen Materialien machen die Patrone teuer. Auf der Frankonia-Homepage finde ich auch ein günstiges Angebot. Eine 20 Stück Packung von dem Hersteller Tulammo .308 W wird dort vor 8,90 € angeboten.

Am Dienstag Morgen picken mich fünf Asiaten aus der Reihe vor dem Hotel und wollen in die Innenstadt. Die Gelegenheit ist günstig. Ich statte dem Frankonia-Laden neben unserem Luitpold-Taxistand einen Besuch ab. Die Tulammo-Munition, die ich im Internet gefunden hatte, gibt es leider nicht. Ich nehme die etwas teuere Teilmantel von Sellier & Bellot. 39,-€ für 50 Patronen in der Schüttpackung ist aber noch in Ordnung. Zudem mir der Verkäufer versichert, daß ich mit der Munition auch Jagen könnte. Das gefällt mir, so kann ich mit der gleichen Munition am Schießstand und bei der Jagd arbeiten. Das vergrößert mein Vertrauen in die Waffe.
Ich kaufe auch gleich ein Putzset in der passenden Größe. Wichtig ist mir dabei, daß es ein Stab ist, auf dem ich die Bürsten aufschraube. So kann ich im Fall der Fälle Fremdkörper aus dem Lauf oder die Patrone aus dem Patronenlager stoßen. Die ballistischen Werte der Patrone finde ich, bis auf das Geschoßgewicht von 11,7 g, nicht auf der Verpackung. Am Abend kann ich aber die Werte noch aus dem Katalog fischen. Die GEE (Günstigste Einschußentfernung) der Patrone liegt bei 145 Metern, auf 100 Meter muß auf 3,8 cm über das anvisierte Ziel eingeschossen werden. Nach dreihundert Metern verliert die Patrone 53 cm an Höhe, viel für Munition dieses Kalibers.
Am Mittwoch endlich, alle Vorbereitungen sind getroffen, alle Informationen eingeholt, erwarte ich zwei Taxikollegen um auf den Schießstand zu fahren. Robert will unbedingt das erste Mal seine neue -> Glock 34 ausprobieren. Ein Kollege vom Flughafen, kommt auch mit. Zuhause tausche ich mit Robert noch Munition für unsere Glocks, ich kann seine für die Jagd und er meine für die Scheibe gebrauchen. Die Flinte nehmen wir auch noch mit. In Hattenhoffen gibt es neben den Schießständen wunderschöne Wurfscheibenstände. Das Wort „Tontauben“ entspricht nicht mehr der political correctness. Das Einzige was uns noch einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist der Regen, der seit dem Vormittag niederprasselt.

Der Flughafenkollege muß noch etwas erledigen, um halb Zwei können wir endlich losfahren. Auf dem Parkplatz des Jagdparcours höre ich Flintenschüsse. Ich bin freue mich, daß wir trotz des Wetters ein paar Schüsse auf die Wurfscheiben abgeben können.
Zunächst nehmen wir uns einen Kurzwaffenstand. Robert schießt zum ersten Mal seine Glock 34. Die Schießbahn ist 25 Meter lang. Das ist die weiteste Entfernung die wir sonst schießen. In der Regel schießen wir beim IPSC auf Entfernungen zwischen 15 und sieben Metern. Die große Schussweite schlägt sich auch auf unsere Ergebnisse nieder. 

.308 Teilmantel von Sellier & Bellot


Als nächstes geht’s zu der 100 Meter Bahn. Die .308 ist an der Reihe. Diesmal ist es für mich das erste Mal, daß ich, außer bei der Bundeswehr mit diesem Kaliber schieße. Wir mieten uns für 40 Minuten eine Schießbahn. Ich war positiv überrascht. Hier liegen alle Utensilien, von denen ich in dem Artikel in der Pirsch gelesen habe. Ein Stuhl, ein höhenverstellbares Gestell, Sandsäcke sogar die beschriebenen „Ohrensäckchen“ liegen vor mir auf der Ablage. Ich justiere die Auflage, lege die Sandsäcke unter dem Hinterschaft und richte mit aller Ruhe das Zielfernrohr auf das Zentrum der Ringscheibe. Ich blicke durch die Optik und verrutsche die Säcken und schraube an dem Gestell bis die Waffe haargenau richtig liegt. Ohne das Gewehr zu berühren werfe ich einen letzten Kontrollblick auf das Fadenkreuz. Alles passt. 

Ich richte mich ein letztes Mal auf, atme, wie in dem Artikel beschrieben, zweimal tief durch. Ich neige mich nach vorne, lege vorsichtig meine rechte Hand auf den Hinterschaft. Mit der linken Hand entsichere ich, mit dem Klammergriff steche ich das Gewehr, allerletzter Blick, einatmen, während des Ausatmens halte ich noch einen Rest Luft in der Lunge. Das ist der Moment, es bewegen sich nur die zwei letzten Glieder meines linken Zeigefingers. Kawumm! Der Schuß bricht. Weil ich das Gewehr so locker hallte spüre ich die Wucht des Kalibers an meiner Schulter. Für die Präzision ist das nicht entscheidend, wenn der Rückstoß wirkt, hat das Projektil längst schon den Lauf verlassen.  Mit dem zweiten Schuß verfahre ich genau so. Neugierig lasse ich die Scheibe heranfahren.
Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Auf der Scheibe sind zwei Treffer etwas links, circa 4 cm über dem Zentrum. Das kann ich lassen. Ich verstelle das Zielfernrohr nicht. Abwechselnd geben wir immer zwei  Schuss auf die Scheibe ab. Wenn ich mal alleine komme, werde ich die Treffpunktlage mit mehr Geduld kontrollieren. An dem Büchsenstand verschießen wir die Hälfte der 50 Patronen. Hoffentlich bekomme ich beim Waffenhändler wieder Nachschub damit ich mich an eine Munition gewöhnen kann.

Nach der Pause im Stüberl hole ich meine Flinte aus dem Kofferraum. Wir wollen jeder noch 30 Wurfscheiben schießen. Dazu sind wir jetzt aber zu spät. Bei dem Regen haben die Puller jetzt doch den Betrieb eingestellt. Sie haben vorher noch die Anwesenden gefragt, ob noch jemand draußen Wurfscheiben schießen möchte. Uns hat man aber in der Kammer des Schießstandes übersehen.
Das letzte Mal war ich vor über einem Jahr hier. Die Schrottpatronen die ich mir damals gekauft hatte, durfte ich nicht mitnehmen. Ich hatte noch keine waffenrechtliche Erlaubnis für diese Art der Munition. Ich habe, wie es dort üblich ist, die Packung mit meinem Namen beschriftet und auf den Tresor im Büro abgelegt. Ich war richtig erstaunt, als ich vorgestern die Packung mit meinem Namen immer noch dort liegen sah. Diesmal lasse ich die Munition wieder liegen. Wir beschließen, das wir wiederkommen – aber ein Jahr wird bis zu unserem nächsten Besuch bestimmt nicht wieder vergehen.


Montag, 9. April 2012

Die Leidvolle


Das war die sie, die Semana Santa , die Heilige Woche vor Ostern. In den katholischen Ländern im Süden Europas ist es in manchen Dörfern und Städten der Brauch, daß die Männer in dieser Woche schwere Götzen auf ihren Schultern durch die Ortschaften tragen. Während dieses Rituals tragen die männlichen Mitwirkenden spitze Kapuzen mit Masken und Hemden bis zum Boden. Diese Maskerade wird, während dieser Woche, von den Männern auch außerhalb der Prozession getragen. Damit zeichnen sie sich als Büßer aus. Der Fremde erschrickt, sieht, er eine Gruppe dieser Verkleideten durch die Straßen schreiten. Erinnern die Kapuzen auf den ersten Blick doch sehr stark an den Ku-Klux-Klan. Der christliche Hintergrund ist aber die einzige Verbindung zwischen den beiden Erscheinungen.

Eine ganz persönliche Leidenswoche habe ich auch hinter mir. Mein Taxi, vielmehr  der Partikelfilter, hat mich wieder in die Werkstatt gejagt. Am Abend wieder abgeholt und nach noch nicht mal 24-Stunden leuchtet der Filter wieder auf. Das passiert mir am Karfreitag! Ich kann erst am Dienstag mit dem Mechaniker sprechen. Frühestens am nächsten Mittwoch wäre das Taxi fertig repariert. Enttäuscht stelle ich das Taxi ab. Ich habe die Nase voll!

-> Christian bietet mir an einen Ausflug zu machen. Da bin ich gerne dabei. Meine Frau ruft mich an; die Waschmaschine wäre kaputt, sie schleudert nicht mehr. Vor 15 Tagen haben wir die Maschine gekauft. Trotz den Beteuerungen des Verkäufers; „ … mit dieser AEG – Maschine haben sie ein Qualitätsprodukt aus Franken gekauft.“, haben wir eine fünf Jahre plus Garantie abgeschlossen. Auch ohne diese Fünf-Jahres-Garantie muss die Maschine auf Kosten des Herstellers repariert werden. Aber wenn können wir am Karfreitag anrufen?

Mein Taxi ist nur bedingt einsatzfähig. Betrinken will ich mich auch. deshalb fahren wir mit den Öffentlichen. Robert, der frei hat, kommt auch mit. Wir starten mit einem Taxi (als Fahrgäste) vor unserer Haustüre. Unser Fahrziel: S-Bahnstation Leuchtenbergring. Wir ziehen unsere Karten und rätseln was der MVG uns mit den Schildern sagen will die sie dort angeschraubt haben. Nach einer Viertelstunde warten können wir mit unseren Tickets in den Taschen beobachten wie unsere S-Bahn der Linie 4, Endstation Ebersberg, am Gleis gegenüber einfährt. Wir haben keine Chance den Zug noch zu erwischen. Fluchend auf den MVG und seine Schilder gehen wir wieder runter in die Leuchtenbergunterführung um auf den anderen Bahnsteig zu kommen. Unten können wir uns überzeugen, daß die Ausschilderung richtig war. Die Aufgänge sind mit stadtein- und stadtauswärts korrekt beschriftet. Jeder hat sich auf den anderen verlassen und so hat sich unsere Ankunft in Grafing noch mal um 20 Minuten verzögert.

In Grafing am Bahnhof holt uns Christian mit seinem neuen Bus ab. Unser Ziel ist der -> Dinzler an der Raststätte Irschenberg. Ich kannte schon die Rösterei, aber Robert konnten wir was Neues zeigen. Blue Mountain sei der beste Kaffee der Welt. Über Geschmack lässt sich streiten – über den Preis nicht. Auf alle Fälle ist es einer der Teuersten. Inn der Rösterei entdecken wir zwischen den auf Paletten gestapelten Säcken ein kleines Fässchen. Der Aufdruck auf dem Fässchen verrät uns, darin müssen die begehrten Bohnen sein. Ich habe heute die Spendierhosen an, und verspreche eine Runde Espressi Blue Mountain auszugeben. Vorher zupfen wir uns noch gegen eine kleine Spende zwei leere Kaffeesäcke aus einem Haufen. Robert nimmt einen Sack aus Honduras, ich einen aus Brasilien. Während unserer exklusiven Kaffeepause entwickelt sich eine interessante hochpolitisch-gesellschaftliche Diskussion.

Foto: Christian Lauw

Ich aber will mein Leid ertränken und schlage vor die Diskussion auf einen Ort zu verschieben bei dem es auch Bier gibt. Christian, immer auf der Suche nach Perfektion, hat die Gaststätte der Ayinger-Brauerei in Aying im Sinn.
Auf dem Weg dahin, nutzen wir das letzte Licht des Tages um ein paar Fotos vor der Kirche zu machen,  die ich von der Salzburger Autobahn aus, in Fahrtrichtung Salzburg rechts, am Irschenberg sehe. Ich habe ein Foto der Kirche aus der Autobahn-Perspektive als Hintergrund auf eine meiner Webpages eingebaut. Christian bringt uns näher an die Kirche. Zwischen unseren Fotoshootings rütteln wir vergeblich an der Kirchentür. Zu gerne möchte ich nur wissen, was die Leute sich ausmalen, die uns aus dem nahen Bauernhof beobachten. Da kommen am Karfreitag drei Männer mit einem schicken Mercedes-Van aus der nahen Stadt und rütteln mit Säcken in der Hand an der Kirchentür.
Die Fotos sind schnell gemacht. Thematisch sind wir bei Kraftfeldern angelangt. Bis wir von der Esoterik zur Religion gelangt sind, sitzen wir schon in Aying im edelsten Wirtshaus. Mir ist nur wichtig, daß ich endlich mein Bier bekomme. Die Kollegen halten sich zurück, bei mir bleibt es nicht bei dem einen Bier. Diese Woche ist es schon das zweite mal, daß ich mich aus Ärger über mein Taxi dem Bier hingegeben habe. Ich bin heilfroh, daß ich als Taxifahrer sonst mit Alkohol auf dem Kriegsfuß stehe. Vielleicht hätte ich sonst ein Problem. An der inzwischen hochphilosophischen Diskussion beteilige ich mich nur noch, indem ich sinnfrei Allgemeinsprüche besteuere. Der Kellner droht schon mit der letzten Runde. Einmal will ich mich ansaufen, dann schmeißt man mich aus dem Wirtshaus neben der Brauerei.
Bevor er für die Hotelgäste die Frühstückstische eindeckt, bringt er mir diskret die Rechnung in einer kleinen Ledermappe.

Ich habe noch nicht genug. Während des Schreibens eines meiner letzten Post, bekam ich unheimliches Gust nach Pastis. Christian und Robert erbarmen sich. Beide gehen auch noch die letzte Station meines (Kreuz-)Weges mit mir. Auf dem Weg nach München rufe ich in unserem Stammwirtshaus an. Die haben keinen Pastis. Schließlich landen wir im Cafe Voila in Haidhausen. Ich bestelle Pastis an der Bar. Ich lobe Gott; sie haben auch Pfefferminzlikör. Wir sitzen uns an dem Tisch die Kellnerin deckt auf. Pernod in Gläsern mit Eis, eine kleine Kanne Wasser und zwei Pfefferminzlikör. So habe ich mir das nicht vorgestellt wollte ich doch klassisch Pastis wie in Südfrankreich trinken. Im Idealfall geht das so. Zunächst der Pastis. Die beste Marke ist der 51. Der Schnaps soll pur in einem Glas serviert werden. Das Eis soll in einer großen Kanne Wasser schwimmen. Erst am Tisch füllt der Gast das Wasser in das Glas und aus dem Schnaps wird ein wohlschmeckendes milchiges Getränk. Ich träume davon mit meinen Freunden in Frankreich eine Flasche Pastis zu bestellen. Der Kellner verteilt die Gläser auf dem Tisch. Zu der Flasche stellt er eine Kanne Wasser. Wortlos füllt er die Kanne mit frischem Wasser sobald diese leer zu werden droht. Nicht umsonst sind wir in der Leidenswoche und meine Vorstellung bleibt ein Traum.
Ich denke an Wilhelm Busch: “Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ und trinke meinen und Roberts Pfefferminz-Anis-Mix aus, als dieser zum Rauchen vor die Türe gegangen ist. Bis Robert wieder zurückkommt steht für ihn schon als Ersatz sein Lieblingslongdrink bereit. Christian, der noch fahren muß, muß sich mit Kaffee begnügen. Dafür bleibt er vor mir und meinem Durst verschont.

Am Ende eines ereignisreichen und schönen Tages verabschieden wir uns am Johannisplatz. Robert und ich gehen Richtung Langer-Taxistand. Auf dem Weg schnappen wir uns an der Inneren-Wiener-Straße das erste  Taxi das des Weges kommt. Die Überraschung ist groß, der Fahrer ist ein alter Bekannter von der ESSO – Tankstelle.
Der Kollege ist Profi, er fährt souverän, so wundert er sich auch nicht mehr über unsere Kaffeesäcke die wir dabei haben – oder vielleicht doch?

Unsere Waschmaschine läuft wieder, es war einfach zuviel Wäsche in der Trommel. Mein Taxi hat inzwischen schon wieder 400 Kilometer mehr auf dem Buckel ohne daß das Partikelfiltersymbol aufgeleuchtet ist. Der Kollege von der Inneren-Wiener-Straße muß sich den Kopf nicht mehr zermartern. (Er kennt jetzt die Herkunft unserer Kaffeesäcke). Es scheint sich alles wieder zum Guten zu wenden. Das kann nur daran liegen, daß heute der letzte Tag der Semana Santa, auch die Leidvolle genannt, ist.         

Samstag, 7. April 2012

Autofasten


Heute endet die christliche Fastenzeit. Thematisch passt da ganz gut das nächste Wort von meiner Begriffswand – Autofasten.(def. bewusster Verzicht auf die Benutzung des Autos während der Fastenzeit) 

Fasten ist keine Diät. Fasten beinhaltet bewussten Verzicht. Auf was da bewusst verzichtet wird ist verschieden. Im Allgemeinen fasten die Katholen indem sie 40 Tage lang auf Fleisch verzichten.
 Aber der Reiz liegt im Besonderen. Am bekanntesten ist das Starkbier oder der Doppelbock als augenzwinkernder Ausweg aus der Selbstkasteiung. Die Münchener Mönche brauten während der Fastenzeit das starke Bier mit mindestens 18 % Stammwürze und mit bis zu 12 Volumenprozent Alkoholanteil. In nicht bestätigten schriftlichen Quellen habe ich gelesen, dass die Mönche im 1800 Jahrhundert während der Fastenzeit in München vier oder fünf Maß ihres selbstgebrauten starken Bieres tranken. Unsere Münchener Mönche haben die Abwendung vom Fleisch hin zum Geistigen sehr barock interpretiert.
Eine nette kleine Geschichte in diesem Zusammenhang: Die Mönche schickten ein Faß ihres speziellen Bieres nach Rom. Der Papst soll entscheiden ob das Bier eine Fastenspeise im Sinne des Katholizismus sei. Auf dem damals weiten und langen Weg zwischen München und dem Vatikan ist das Bier schlecht geworden. Nachdem der Pontifex das greisliche Gebräu probiert hatte, ließ er verlauten, daß das Bier zum Fasten genehmigt sei.

Bei der neu aufgekommen Schokolade zur Fastenzeit war man sich nicht so schnell einig. Die Jesuiten, von denen wir in München viele hatten, waren für die Schokolade. Die Dominikaner waren erbitterte Gegner des Schokoladengenusses während der Fastenzeit. Schließlich waren es wieder die Mönche, die aus der Schokolade, die man bisher nur als Getränk kannte, unter Beimischung von Vanille und Zucker die ersten festen Tafeln gossen.
 Neugierig wäre ich wie die beiden Kontrahenten aus dem gleichen Lager über das Autofasten urteilen würden. Einige Bistümer unterstützen das Autofasten.

Es gibt noch etwas zu zaubern aus der Fastentrickkiste. Die Maultaschen. Dabei wurde das Fleisch geschickt in einen Teigmantel gehüllt.
Der Biber (Castor fiber), um noch etwas aus meinen Jägerkreisen beizutragen, wurde kurzerhand zum Fisch und somit als erlaubt erklärt. Lebt er doch im Wasser und hat Schuppen. Das er amphibisch lebt und außer den Schuppen an seiner Kelle einen Pelz hat, kann man angesichts seines schmackhaften, fetten Fleisches einfach übersehen.

Als Taxifahrer bin ich Befürworter des Autofastens. Das ein Taxi ein Auto ist, darüber dürften sich die Jesuiten und Dominikaner einig sein. Wenn ich während der Fastenzeit notgedrungen auf das Taxifahren verzichten muß, kann ich mich an dem meisterhaften Sud ihrer Münchener Ordensbrüder halten. 


Autofasten draußen richtiges fasten drinnen - Paulaner Biergarten

 Und jetzt bin ich es, der rauschig und augenzwinkernd im Paulaner-Biergarten sitzt. Ich kann ja Fürbitte halten, daß ich auch auf fünf Maß, wie meine klerikalen Vorahnen, komme.
Was sein muß, muß sein. Fastenzeit ist nun mal Leidenszeit! ;-)    

Donnerstag, 5. April 2012

Aufregungseskalation


Aufregungseskalation, das dritte Wort auf der Begriffswand in München. Das Wort gibt es zweimal als Google – Suchergebnis. Das ist immerhin schon einmal mehr als das letzte Wort, die Anschubskandalisierung. Wie beim dem zweiten Wort ist das erste Ergebnis der Verweis auf die Begriffswand in der Balanstraße. Das zweite Ergebnis führt auf eine Schweizer Militärseite.
Dort wird Nico Frieds Kommentar in der Süddeutschen Zeitung zitiert. Fried bezeichnet mit dem Wort Aufregungseskalation die Reaktion nach dem sich Bundeswehrsoldaten 2009 mit Schädeln afghanischer Gefallener geschmückt und fotografiert hatten.
Totenschädel und deutsche Soldaten haben eine lange Tradition. Siegfried Müller, alias Major Müller, oder einfach Kongo-Müller hatte als Befehlshaber des Söldnerkommandos 52 das 1960 im Kongo auf „Negerjagd“ ging hatte einen solchen auf der Motorhaube seines Geländewagens.
Es war bekannt, daß der Söldner seinen Urlaub in Westdeutschland verbringt. In einem abgedunkeltem Atelier in München stellt sich der Major einem Interview. Der DDR Filmemacher Walter Heynowski engagierte Gerhard Scheumann als Befrager und Peter Hellmich als Kameramann. Das Interview beginnt, Kongo-Müller, der sich selbst als Freund guter Getränke bezeichnet, genießt mehr und mehr den bereitgestellten Pastis, einen französischen Anisschnaps. Immer bereitwilliger gibt er Auskunft über seinen Einsatz in Afrika, seine Motivation und selbst über seine Kameraden. 



In München entsteht so mit einfachsten Mitteln ein authentisches Zeitzeugnis. Es wird nicht über die imperialistischen Kämpfer gesprochen, sondern es kommt einer von ihnen selbst zu Wort. Bezeichnenderweise war die Ausstrahlung des Interviews in der BRD nicht erlaubt, nicht zuletzt um eine Aufregungseskalation zu vermeiden.     

Mittwoch, 4. April 2012

Taxi online in Islamabad


Asif fährt Taxi in Rawalpindi. Rawalpindi ist sozusagen die Altstadt von Islamabad. Ersteres kannte ich bis vorgestern gar nicht, zweites nur durch die Nachrichten während der letzten Jahre.
Asif Hussain Shah, so lautet sein vollständiger Name, lenkt einen 15 Jahre alten, schwarz-gelben Suzuki durch die Hauptstadt Pakistans. Beeindruckt von den Erzählungen seiner Fahrgäste fing er an sich Gedanken  zu machen was die Menschen in ihrem tiefsten Inneren  wollen. Als er auf Freiheit und Gerechtigkeit kam, malte er sich das als Erstes auf das gelbe Dach seines Taxis. Die Fahrgäste und die Botschaften wurden immer mehr, das Dach des Taxis reichte nicht mehr aus. Asif beschrieb die Türen, dann denn Kofferraumdeckel , schließlich die Motorhaube. Von Zeit zu Zeit  werden die Nachrichten aktualisiert, dazu werden die alten einfach übermalt und  durch neue Erkenntnisse ersetzt. Das Taxi sieht aus wie eine rollende Litfaßsäule.
Auch von innen ist das Taxi ein kleines Kunstwerk. Jede noch so kleine freie Stelle ist mit bunten Blumen oder Ornamenten bemalt. Im Himmel seines Suzukis klebt dazu die Werbung für sein Buch For Hire, das er vor drei Jahren geschrieben hat. Das im original in urdu geschriebene Buch, ist inzwischen auf englisch erhältlich. In 35 Kurzgeschichten erzählt Asif die Erfahrungen mit seinen Fahrgästen.
Asif hat keinen eigenen Webauftritt. Trotzdem macht er für seinen online – Auftritt Werbung. Auf den Türen seines Taxis steht, man solle bei Google nach Taxi Driver Asif Hussain Shah suchen. Dann stößt man auf inzwischen auf über 26.000 Einträge. Und so, laut Assif, kommt man dann zu ihm. Und man ist auf ihn gekommen. Zunächst ein Verleger, dann ein lokaler Rundfunksender, dann der Imam, dann zwei kleine Fernsehsender, später ein Auftritt in einer Talkshow mitsamt seinem Taxi. Der Taxifahrer würde in Pakistan eine kleine Berühmtheit. Inzwischen zieren schon Autogramme und Sinnsprüche von Journalisten aus  aller Welt sein Taxidach. Spiegel online veröffentlichte einen Bericht, ein BZP – Mann machte mich darauf aufmerksam und vorgestern flimmerte das erste Bild von dem Taxikollegen mit seinem Taxi über meinen Bildschirm. 



Sofort habe ich ihm meine Facebook  - Freundschaft angeboten und er hat angenommen. Für uns beide ist es eine Ehre, so nennt es Asif,  uns zu kennen. Wir sind beide gleich alt und haben zwei Kinder. Beide sind wir Taxifahrer, unsere Taxis könnten unterschiedlicher nicht sein. Inzwischen habe ich Bilder meines Taxis nach Islamabad geschickt. Die sind dort auf großes kollegiales Interesse gestoßen. Der knallbunte kleine Suzuki und der große hellelfenbeinweiße VW-Bus. Da könnte ich viel draufschreiben, meint Asif. Ich glaube dann käme ich in Deutschland ziemlich schnell mit dem Verbot von politischer oder religiöser Werbung auf Taxis in Konflikt. Trotz der großen äußeren Unterschiede sind wir zu ähnlichen  Erkenntnissen im Umgang mit unseren Fahrgästen gekommen.
Zur Zeit hat er mit seinem Rechner keinen Internet Zugang. Die Verbindung mit der Welt hält er täglich über einen Computer in einem Internet-Teehaus.

Aktuell führt Asif auf seinem Taxi eine Kampagne für eine dreijährige Legislaturperiode (anstelle der bisher fünfjährigen) im Parlament Pakistans. Das hat er sich nicht alleine ausgedacht. Der Kollege verteilt während der Taxifahrt Formblätter mit drei Fragen an seine Fahrgäste. Die Formblätter und die Fragen wechseln. Es sind Fragen aus den verschiedensten Themenbereichen, bunt gemischt, von der Außenpolitik bis zum Hammelfleischpreis. Aus dem Spiegel-online Artikel ist das nicht ganz so in Deutschland angekommen. Die Forderung nach einer dreijährigen Periode ist das Ergebnis einer solchen „Erhebung“.

Ich habe bewusst nicht auf eine Webseite verlinkt. Ganz im Sinne meines pakistanischen Kollegen müsst ihr selbst nach ihm bei Google suchen. Was ihr als Suchbegriffe eingeben könnt, steht auf der Tür des schwarz-gelben Suzukitaxis, das durch die belebten Straßen Islamabads braust.     

Dienstag, 3. April 2012

Olympique - Bayern 1:1 Entscheidung auf dem Parkplatz


Bei meiner letzten Fahrt gestern Abend vom Flughafen München kam ich zum Dolce Hotel nach Unterschleißheim. Nicht das was ich mir nach einer Wartezeit von fünf Stunden erwartete, aber es hätte ja noch schlimmer kommen können als die 35,50 € Kreditkarte.

Vor dem Hotel stand ein großer Bus mit einem Riesen FC Bayern Logo. Mein Fahrgast, im Gegensatz zu mir, offensichtlich ein Fußballfan.

„ Das ist der FC Bayern Bus! Die Bayern sind in meinem Hotel! Morgen ist das Champions League Spiel und die Bayern schlafen hier im Hotel! Das ist doch der FC Bayern Bus?! „

Am Flughafen sehen wir jeden Tag Busse mit dem FC Bayern Logo. Der Omnibusbetrieb, der auch die Spieler des FC Bayern befördert, macht mit dem Logo auf eineigen seiner Busse Reklame. Das sage ich auch meinem Fahrgast, ohne ihn in seiner Euphorie bremsen zu wollen. Aber dieser Bus kommt mir verdächtig vor. Anders als bei den gewöhnlichen Fahrzeugen des Busunternehmens ist bei dem Bus, der vor dem Dolce parkt, nicht nur das FC Bayern Signum, sondern auch noch ein adidas – Logo. Das könnte doch tatsächlich der FCB – Bus sein. Ich teile meine Beobachtung und lasse damit bei meinem fußballbegeisterten Fahrgast Hoffnung aufkeimen.
Beim Aussteigen streift unser Blick die parkenden PKWs. Jetzt sind wir gewiss. Auf dem Parkplatz stehen noch fünf schwere Audis, alle mit dem Kennzeichen M-RM- …. . RM steht für Rekordmeister, habe ich mir mal sagen lassen. 



Heute in der früh, vor dem Marriott, stellt Jerry, der Hotelangestellte, Absperrpfosten in der Auffahrt zum Hotel auf. An den Pfosten steht unter einem Halteverbotsschild steht

- Reserviert für UEFA – Champions League -

Gerade überlege ich wie ich am Besten das Schild und mein Taxi auf ein Bild bekomme, klingelt der Datenfunk. Ein Auftrag von der Münchener Rückversicherung. Bevor ich von dem Taxistand verschwinde, mache ich noch schnell ein Foto von dem Schild über die Moterhaube meines Taxis.
An der Rückversicherung lasse ich drei Herren zusteigen. Es dauert nicht lange und wir sind bei dem Gesprächsthema; Champions League Spiel Heute Abend in München
Natürlich erwähne ich, daß ich weis wo die Mannschaft des Olympique Marseille übernachten wird.
Einer meiner drei Fahrgäste, er kommt aus Unterschleißheim, setzt an …

„Und die Bayern, die sind …“

“… im Dolce in Unterschleißheim“

ergänze ich. Das kann mir der Fahrgast bestätigen. Die wären dort immer vor einem Spiel. Er sagt, das Hotel mache damit Werbung, mit dem Slogan

Schlafen Sie dort wo der FCB schläft

Ich denke für mich: Geparkt habe ich dort wo der Olympique-Marseille Bus parkt.



Sonntag, 1. April 2012

Erleuchtet


Glühbirnchen brennen durch. Für geübte Taxifahrer ist das ein Klacks. Bei meinem ersten eigenen Taxi, einem 123er, dem ich nicht genug nachweinen kann, konnte ich jedes Lämpchen ohne Werkzeug wechseln. Sogar die Blinker konnte ich von innen mit einer Rändelschraube abschrauben. Die Fassungen der Scheinwerfer waren von innen leicht zugänglich und mit einer halben Umdrehung, im wahrsten Sinne des Wortes im Handumdrehen zu öffnen.
Dann kam der 124er, bei dem waren die Lämpchen ähnlich easy zu wechseln. Schwieriger wurde es bei  den E-Klassen. Taxifahrern die sich die Hände an dem Kompressor der Klimaanlage aufgerissen haben, oder denen das Wasser aus der Scheibenreinigungsanlage über die Schuhe gelaufen ist, brauch ich nichts zu erzählen.

Bei meinem VW-Bus ist das Bremslicht durchgebrannt. Das Linke. Das festzustellen ist bei einem Bremslicht wenn man alleine ist gar nicht so leicht. Ich habe aber das Glück, das ich in ganz  München aufmerksame Kollegen habe, die mich anfunken, anrufen oder am Taxistand auf mein kaputtes Birnchen ( ;-) ) hinweisen. 

Diagnosegerät zur Überprüfung der Fahrzeugelektrik

Es ist eine Art Wackelkontakt. Ich habe eine Möglichkeit gesucht die Bremse zu betätigen und gleichzeitig von hinten auf das Auto zu schauen. Selbst mein schwerer Laptop ist zu leicht das Bremspedal weit genug hinunterzudrücken, daß ich die Bremslichter aufleuchten sehen könnte. Ich klemme meinen Besen mit den harten Borsten und dem langem Stiel zwischen den Fahrersitz und dem Pedal.
Am Taxistand Bahnhof Nord. Charlie steht hinter mir.

„Dein linkes Bremslicht geht nicht“

Ich bedanke mich. Klemme meinen Handbesen zwischen Sitz und Pedal, gehe lässig hinter das Taxi und klopfe leicht auf das durchsichtige Plastik vor der Leuchte. Das Birnchen und der Glühdraht kommen zum wackeln. In dem Moment, in dem sich die Drähte berühren, fleißt Strom, Hitze wird erzeugt und die Wolframdrähte pappen zusammen. Das Licht bleibt brennen. Ich nicke noch mal bestätigend mit Kopf zu wiederholtem Dank und freue mich über meinen coolen Auftritt.


Der zusammengeschmorte Wolframdraht funktioniert dann auch die nächsten fünf Kilometer. Irgendwann ist Schluß. Heute musste ich an der Tankstelle 2,99 € für 12V 21W Lämpchen im Zweierpack investieren. Zum Abnehmen der Fassung benötige ich einen  Kreutzschlitzschraubenzieher,
und zum Überprüfen des Ergebnisses – einen Handbesen mit langem Stiel.