Sonntag, 13. Mai 2012

Weiherl


Wir haben von unserem Freund und Kollegen eine ganze handvoll Fahrten bekommen. Die Woche war umsatztechnisch sehr gut. Die IFAT, die Entsorgungsmesse bescherte uns eine kleine Gelddusche und dann noch die Fahrten von Christian zwischen Flughafen und Starnberg.
Die Firma, für die wir fahren, ist international. Die Nationen kommen meist gruppenweise an. Die Amerikaner haben zusätzlich noch ein Schmankerl gebucht. Von Starnberg aus wollen sie das Kloster Andechs besuchen und dann zurück nach München. Wir Beide fahren die Gruppe mit unseren Kleinbussen. Beim herrlichsten Wetter komme ich nach Starnberg. Bis zum vereinbarten Termin habe ich noch zwei Stunden Zeit. Ich finde auch gleich einen Parkplatz am Starnberger Bahnhof. Gleich nach der Unterführung, die gerade renoviert wird, kommt man zur Strandpromenade. Dort werden an einem Kiosk Nachdrucke der Zeitungsausgabe, die vom Tod König Ludwigs berichtet, verkauft. Am Ostufer (auf dem Foto links) ist der -> Unfall oder Meuchelmord vor 125 Jahren geschehen.
Ich muß etwas warten bis ich einen Platz auf einer Bank finde und die Beine von mir strecken kann. Ich beobachte Spaziergänger, die ihre Hunde im See baden lassen. Die Unterführung spuckt immer mehr Spaziergänger aus, die mit der S-Bahn aus München kommen. Bis in die Sechziger Jahre hieß der Starnberger See noch Würmsee. Die Münchner Erholungssuchenden, die zu dem See kamen, fuhren mit der S-Bahn und stiegen in Starnberg aus. Aus dem Würmsee wurde so der Starnberger See.

Der Würmsee von Starnberg aus


Meine Parkzeit ist abgelaufen. Den Rest meiner Leerzeit will ich an einem schattigen Platz mit einem Nickerchen verbinden. Christian kommt auch schon früher. Er hat mir zum letzten Briefing einen Ausdruck  des -> Wikipedia - Artikels  über das Kloster Andechs mitgebracht. Bei Kaffee gehen wir in der Hotelhalle noch einmal die wichtigsten Jahreszahlen durch. Ich habe mich am Vortag schon etwas vorbereitet. Skurril find ich die Tatsache, daß in dem Kloster die Vorhaut Jesu als Reliquie verehrt wurde. Im Internet habe ich auch das Wappen der Gemeinde Andechs gefunden. Es zeigt in der obern Hälfte einen Eschenzweig und in der unteren Hälfte einen schreitenden Löwen, der zum Betrachter blickt.

Es ist Zeit, unsere Gäste steigen zu, die schneebedeckten Alpen im Hintergrund fahren wir 20 Kilometer durch die hübsche Voralpenlandschaft. In Andechs angekommen, finden wir den Parkplatz für einen Freitag Nachmittag überraschend leer vor.
Weit und breit kann ich kein Andechser Wappen finden bei dem ich vor unseren Gästen mit Erklärungen glänzen kann. Beim Anstieg auf den heiligen Berg kann ich meinen Gästen eine Esche, deren Zweig Bestandteil des Wappens ist, zeigen. Auf dem Hauptgebäude des Klosters finden ich dann doch noch ein Wappen. Zwar nicht das Andechser, aber der schreitende Löwe ist auf der unteren Hälfte erkennen.

Nach dem Genuß des Ausblickes besuchen wir die Klosterkirche. Besonders Interesse finden die Beichtstühle, die schmerzhafte Kapelle und die Kerzen als Opfergaben. Von dem katholischen Brauch, in der Kirche Kerzen zum Andenken an die Verstorbenen anzuzünden, haben sie schon gehört. Aber Kerzen als Opfergabe war für sie eine neuen Information.
Bevor wir in den bekannten Biergarten gehen, schauen wir noch in den Klosterladen. Hier werden einige Produkte verkauft die gegen Lizenzgebühr an die Mönche den Namen Kloster Andechs tragen dürfen. Im Katholizismus ist die Götzenanbetung in Form von Reliquien (Jesu Vorhaut hier am Platz), Amuletten, … sehr verbreitet.




Neben den Opferkerzen gibt es in dem Laden noch kleine runde oder ovale Medallien aus gestanztem Blech. Die religiösen Motive zeigen oft Heilige, Kreuze oder die Jungfrau Maria. Ich erinnere mich daß die Amulette in meiner Region Weiherl oder Weicherl genannt werden. In meiner Jugend auf dem Land habe ich solche Weicherl in den Geldbeuteln der Gläubigen gesehen. Sie sollen vor Unglück schützen. Ich kann mir vorstellen, daß die Amulette Weicherl heißen,  weil sie ein Priester  geweiht hat. Frei von jedem Glauben kaufe ich acht Stück und verstaue sie in meiner Hosentasche. Ich will jedem unserer Gäste Eines schenken und male mir aus wie das Andechser Blech in den Geldbörsen der amerikanischen Geschäftsleute über den Antlantik fliegt.

Endlich landen wir im Bräustüberl. Wir übersetzen die Getränkekarte. Apfelweiße und der süße, dunkle Doppelbock finden Anklang. Ich kann mit der Geschichte aufwarten warum Hefeweizen gemischt mit Orangenlimonade Ruß heißt. Für uns Fahrer ist nur Apfelschorle drin. Zum Essen kaufen unsere Amerikaner große Brezn und eine handvoll süßen Senf. Am Tisch reißen sie die kleinen Senftüten auf und drücken den Inhalt auf den Teller. Sie essen Brezn in Senf getaucht.
Ich hole mir Obatzden und Radi. Ich zeige den Kulturlosen was man in auf die Brezn schmiert und wie Radi gegessen wird. Den Raditeller lasse ich kreisen, jeder zupft sich ein paar Scheiben ab. Mit meinem Messer schmiere ich den Gästen Obatzden auf ihre Brezn. So macht mir Entwicklungshilfe Spaß. Die Gäste sollen uns in guter Erinnerung behalten.
Auf dem Weg nach München tauschen wir uns angesichts der Maibäume über die verschiedenen Maibräuche aus. Ich erfahre von einem Brauch im Mittleren Westen. Jugendliche basteln einen Korb aus Blumen, legen ihn auf die Treppe, läuten oder klopfen und laufen weg. Der Beschenkte darf dann grübeln, wer ihm das nette Geschenk gemacht hat. Schließlich entlassen wir unsere Gäste am Marienplatz.

Gestern greife ich in meine Hosentasche um meinen Taxischlüssel zu angeln. Ich ertaste etwas metallisches in Papier verpackt. Ich ahne es schon – es sind die Weiherl aus Andechs. Schade, mir tut es leid, daß ich vergessen habe unseren Gästen die Amulette zu  schenken.
Aber zumindest weiß ich jetzt warum mir am Samstag kein Unheil widerfahren ist – hatte ich doch acht kleine Unnheilabwehrer in meiner Hosentasche.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Beobacht(et)er


Ich war schon richtig aufgeregt. Meine erste Bockjagd gleich zum Auftakt am 1.Mai. Im Vorfeld gingen schon e-Mails hin und her, wer an welchem Stand ansitzen würde, und wer was für die Brotzeit danach mitbringt. Ich habe mir den Lindensitz ausgesucht. Eine Leiter an der ich noch nie war. In der Nähe verläuft eine stark befahrene Straße, an der es öfter Wildunfälle gibt.
Auf der Revierkarte, die mir der Jagdpächter zugeschickt hatte, waren alle Sitze markiert. Am Vorabend verglich ich das Satellitenfoto mit meinen markierten Lindensitz mit der Karte auf dem Maps-App auf meinem iPhone. Auf der Karte in meinem iPhone setzte ich eine Stecknadel genau an dem Baum, an dem die Leiter lehnt. So war ich mir sicher die Stelle hundertprozentig auch im Dunkeln zu finden. Um 5 Uhr morgen sollten wir alle sitzen.

Die Nacht zum ersten Mai war kurz. Ich habe mir vor dem Einschlafen in den Heintges-Unterlagen Fotos von Schmalrehen, Goaßen, Böcken, und deren Geweih angeschaut. Optimistisch studierte ich noch die Gebißformeln  des Rehwilds der verschiednen Altersstufen. Wer weiß, vielleicht bekomme ich Gelegenheit das Alters eines Tieres am Gebiß zu bestimmen. Müde gönne ich mir an der Tankstelle noch einen Kaffee, natürlich treffe ich dort auf Taxifahrer. Ein kleiner Plausch muß sein. Aufgeregt mach ich mich endlich auf den Weg und komme 10 Minuten zu spät am Revier an. Ich biege von der asphaltierten Straße in einen Feldweg ab. Nach 20 Metern bleibe ich an dem Schild Frei für forstwirtschaftlichen Verkehr stehen stehen. Ich wäge ab, soll ich weiterfahren und möglichst nah am Jägertand parken? Oder ist es dem Jäger angemessen außerhalb des Reviers zu parken und seine Wege auf Schusters Rappen zu bewältigen. Ich überlege hin und her, entscheide mich für die zweite Möglichkeit. Bevor ich mit dem Taxi mit angeschaltetem Scheinwerferlicht über die nächtlichen Felder holpere und die Tiere verschrecke, will ich es waidmännischer angehen lassen. Ich wende, fahre außen rum, parke mein Taxi vor einer Feldscheune schön brav neben einer Teerstraße. Den Rucksack mit Wasser, Papier, Jacke und Messer schnalle ich mir auf den Rücken, das Fernglas hänge ich mir um den Hals, das Gewehr schultere ich am Riemen, sieben Patronen (nach altem Brauch bringt es Unglück mit einer geraden Anzahl an Patronen auf die Jagd zu gehen) stecke ich mir in die Hosentasche, das iPhone mit dem markierten Ziel stecke ich in die Brusttasche. Den Hut setze ich mir auf dem Kopf und darunter, im Kopf habe ich die grobe Richtung.

Voller Erwartung stapfe ich los. Immer am Feldrand entlang. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr glaubt zu spüren, daß ihr beobachtet werdet? Ja, genau das hatte ich schon nach wenigen Minuten. Aber jetzt noch mal umdrehen und einen neuen Plan aushecken war für mich nicht drin. Jetzt musste ich weiter, egal was passiert. Später habe ich gehört was ich ausgelöst habe.

Eine SMS vom Gamssitz an den Jagdpächter: Da kommt ein Jäger auf den Gamssitz zu. Ist der oder ich für den Sitz  eingeteilt?
Nein, du bist richtig.
Ich schaue auf den blauen, blinkenden Punkt auf dem Monitor in meinem Handy. Aha, ich muß weiter östlich gehen.
Er schwenkt ab auf die Kaiserkanzel. Dort ist doch der XXX. Sitzen die dort zu Zweit? fragt der Gamssitz.
Wer kann das nur sein?

Unbeirrbar stapfe  ich weiter, jetzt neben einem kleinen Bach. Oh je! Dort vorne steht eine besetzte Kanzel. Als ich an der Kaiserkanzel vorbeikomme hebt der Jäger zum Gruß nur kurz die Hand. Ich ahne was ich anrichte und möchte vor Scham in den Erdäpfelbifen (Kartoffelacker) verschwinden.
Ich springe über Wassergräben, störe noch den Eibensitz, immer in Richtung der Stecknadel auf meiner digitalen Karte.
Schließlich, die erste Dämmerung zeigt sich am östlichen Himmel, erreiche ich meinen Sitz. Beim Angehen gelingt mir ein schönes Foto im Gegenlicht.



Ich richte es mir auf der Leiter ein. Hänge meinen Rucksack an die Lehne, lade das Gewehr mit drei Patronen und gönne mir einen ersten Überblick. Direkt vor mir liegt ein Wildacker, den wir während der -> Treibjagd im Winter durchgedrückt haben. Weiter dahinter ist ein Rapsfeld. Der Raps ist etwa 80 cm hoch und blüht schon gelb. Links von mir eine weite Wiesenfläche. In Sichtweite sind noch eine Kanzel und eine überdachte Leiter. Beide unbesetzt. Ich beginne mit dem Fernglas die Wald- und Feldränder auszuleuchten. Hasen sehe ich genug über den Wildacker hoppeln. Mit der aufgehenden Sonne taucht ein Fasangckel auf. Der bunte Gockel stackst wie auf dem Laufsteg über den Feldweg auf eine Buschgruppe zu. Der Vogel plustert sich auf der Sonnenseite der Buschgruppe auf und beginnt zu krähen. Welch beeindruckendes Farbenspiel im ersten Sonnenlicht, begleitet von dem typischen Krähen. Ich schaue und beobachte, leuchte jede erkannte Bewegung mit dem Fernglas aus.

Als ich mit dem Glas an der Kante des Rapsfeldes entlangstreife bleibe ich an etwas Weißem hängen. Genau, das ist ein Spiegel. Die Rückseite eines männlichen Stück Rehwilds. Der Bock steht im Raps und zeigt mir sein Hinterteil. Jetzt dreht er sich zur Seite und ich kann sein Gehörn erkennen. Er steckt noch in der grauen Winterdecke. Langsam Schritt für Schritt entfernt sich der Bock, einen halben Meter im Raps, immer weiter von mir. Manchmal wagt er ein paar Schritte außerhalb des Raps direkt am Feldrand. Ich lege meine Büchse an und spreche das Wild über das Zielfernrohr an.
Das Stück kommt nicht in die richtige Position für einen Blattschuß. Als ich das Gewehr entsichere, sehe ich in der Optik wie der Bock verhofft. Oder war es nur Einbildung. Rehe sind zwar Hörtiere, ob aber ihr Gehör so gut ist auf 100 Meter gegen den Wind das Klicken einer Sicherung zu hören wage ich zu bezweifeln. Der Bock will sich nicht drehen. Langsam geht er auf die Buschgruppe zu, vor der der sich plusternde Fasangockel sitzt. Würde ich schießen, würde ihn meine Kugel von schräg hinten erwischen. Ein fieser Schuß, den ich unterlasse. 

Blick durch Zeiss 6x42


Als er die Büsche erreicht verschwindet der Bock in der Deckung. Ich trenne mich von dem Stück und lasse mein Fernglas schweifen. Ich spreche noch ein paar Hasen an, die über den Wildacker hoppeln. Plötzlich, im Rapsfeld, zwei Lauscher. Dort steht eine Geiß mitten im Raps. Regungslos schaut sie Richtung Sonnenaufgang. Nach fünf Minuten dreht sie den Kopf und blickt in Richtung der Straße. Jetzt taucht sie wieder unter.
Inzwischen taucht mein Bock wieder aus der Buschgruppe auf. Er nimmt einen waagrechten Ast zwischen seine Hörner und streift hin und her. Er markiert mit seiner Stirndrüse sein Revier. Gleich danach geht er wieder in die Büsche in Deckung.
Um acht Uhr wollen wir uns treffen. Bevor ich abbaume, werfe ich noch einen Blick auf die Buschgruppe mit dem Fasan. Ich erwische den Bock gerade dabei wie er aus der Buschgruppe kommend Richtung Fischteich den Feldweg überquert.

Noch vor dem Weißwurstfrühstück wurde ich über mein Fehlverhalten aufgeklärt. Mir wurde bewusst, das ich an diesem Morgen nicht nur Beobachter, sondern auch das Objekt zahlreicher anderer Beobachter wurde. Zur Strecke kamen ein Bock und ein Schmalreh. Die Blasmusik die auf dem Anhänger eines Bulldogs auf den Hof fuhr, um uns zum Maitanz einzuladen, bekam einen Schnaps und eine musikalische Antwort in Form des Signals Reh tot  eines unserer Jagdhornbläsers.

Ich durfte an diesem Morgen viel erleben und lernen. Endlich habe ich den Merksatz, daß das junge Rehwild spät verfegt und früh verfärbt und das alte früh verfegt und spät verfärbt verinnerlicht. Und ganz dick habe ich mir hinter die Löffel geschrieben, daß der Jäger pünktlich zum Ansitz erscheint. Und wenn möglich ohne viel Aufsehens.