Sonntag, 23. Dezember 2012

Ho Ha



Hohoho, Santa Claus, es scheint jetzt, dass du in deiner Mobilität etwas eingeschränkt bist. Wir wollen es dir auch nicht so leicht machen wenn du als Kulturimperialist versuchst in unseren Landen Fuß zu fassen.
Du wärst sowieso zu spät gekommen. Unser Nikolaus, du erkennst ihn an der Tiara, dort wo deine Zipfelmütze sitzt, war schon vor Wochen da. Der serbische Nikolaus hat dich auch schon geschlagen. Übrigens, hast du keinen Krampus, der auf deinen Schlitten aufpasst während du an den Fassaden unserer Einkaufszentren hängst.
Ach so, du bist gar nicht der Nikolaus?! Du willst der Weihnachtsmann sein? Aber selbst wenn dir Coca-Cola, die dir deinen roten Mantel gesponsert haben, einen neuen Schlitten unterschiebt, und du es schaffst dich in der Nacht zum 25. zum X-Mas durch den Kamin zu stehlen, bist du zu spät dran. Unser Christkindl war schon am Vorabend da.
Hahaha

Freitag, 21. Dezember 2012

Abgefahren spießig

Die Adventszeit beschert uns Weihnachtsfeiern.Dem Deutschen wird nachgesagt, daß er ein Vereinsmeier sei. In diesem Fall bin ich typisch Deutsch. Vor Jahren erzählte ich einen Fahrgast in meinem Taxi, daß wir Taxifahrer uns jeden Donnerstag im Schwimmbad zum Schwimmen treffen. Nachdem ich ihr verriet, daß wir das schon seit einem halben Jahr regelmäßig machen, fragte sie schmunzelnd:

“Und wie heißt ihr Verein?“

Wenn drei Deutsche etwas länger als zwei Wochen machen, gründen die doch einen Verein. Aus unserem Taxifahrerschwimmverein ist nichts geworden, aber dennoch bin ich Mitglied in Schützen- und Jagdvereinen. Ein ordentlicher Verein hält auch eine Weihnachtsfeier ab und so bin ich heuer zu acht Weihnachtsfeiern gekommen.

Die Feiern waren aus Schützen-, Taxi- und Jägerkreisen. Ich konnte nicht auf allen Hochzeiten tanzen, aber die Feiern, die ich besucht habe, habe ich genossen. Ich liebe die festliche Stimmung.
Alle sind fein herausgeputzt, die Ehefrauen sind dabei. Leises Zither- und/oder Harfenspiel sorgt für eine besinnliche Atmosphäre. Ehrengäste werden begrüßt und beklatscht. An die während des Jahres verstorbenen Mitglieder wird mit einer Schweigeminute gedacht. Bei den Jägern dürfen die Jagdhornbläser nicht fehlen. Die Tische sind weihnachtlich dekoriert.Auf der Bühne wird das eine oder andere Vereins- oder Verbandsabzeichen auf die stolze Brust geheftet. Das Licht wird gedimmt. Die Musik klingt sanft aus. Jeder schaut nachdenklich auf die Kerzen und Platzerl auf seinem Tisch. Eine Weihnachtsgeschichte wird vorgelesen. Richtig spießig und genau das genieße ich.
Was gehört noch zu jeder Weihnachtsfeier? Die Tombola! Bei zwei Tombolas (oder solle es Tombolen heißen?) für die Weihnachtsfeier des Lohnkutschergehilfenvereins von 1749 (!) durfte ich mithelfen. Für viele Preise gibt es Sponsoren die erwähnt werden wollen. Andere Preise müssen eingekauft werden. Immer wieder ist es spannend was sich da alles schön aufgebaut an den Seitenwänden der Festsäle ansammelt. Bei jeder Tombola bleiben ein paar Euros für die Vereinskasse übrig. Die Lose kann man mit gutem Gewissen kaufen, ist es doch für den eigenen Verein.

Was habe ich im Laufe der Jahre bei diesen Tombolen (oder solle es Tombolas heißen?) erlost? Sogar den oft zitierten Blumentopf habe ich schon gewonnen. Ungarische Salami, Waffenöl, Pralinen, Wäscheklammern, Wein, Bücher, Stofftiere, Tischdecke, Spielkarten, Kugelschreiber, Meterstäbe, Sekt und Weihnachtsengel habe ich nach Hause gebracht.

Den abgefahrensten, außergewöhnlichsten Preis überhaupt habe ich heuer bei der Weihnachtsfeier der Waidmannsgilde in der Münchner Haupt gewonnen:

Eine Tarnmaske aus Gaze mit Real-Tree Aufdruck


Das Auspacken war schon spannend. Das Ding kommt aus den U.S.A. Die Maske ist wie ein kleiner Sack aus Gaze, ähnlich einem Vorhangstoff. Auf der Vorderseite ist ein kleiner runderr gefasster Ausschnitt zum rausschauen. In die Unterseite der grünen Fassung ist ein dicker Draht gearbeitet. Ich kann damit das Guckloch an meine Nase anpassen. An der Maske sind sind dann noch zwei Gummibänder befestigt. Die schlinge ich dann um den Kopf. Auf den ersten Blick könnte man glauben die Maske stammt aus der Fetisch-Abteilung eines Sex Shops.
Der Real – Tree Aufdruck stellt Zweige und Äste von Bäumen in verschieden Größen dar. Wenn ich mich damit stockstarr und mucksmäuschenstill ins Unterholz setze,
bin ich praktisch unsichtbar – und das ist auch gut so!

Mittwoch, 19. Dezember 2012

(Ver)trauen?

Medizin und Gesundheitspolitik ist so gar nicht mein Thema. Viel lieber beschäftige ich mich mit Geschichte, der Jagd, alten Schußwaffen, dem Wald … . Gesundheitspolitik in der BRD. Da denke ich an an weiße Kittel, Krankenhaus, Birkenstock, Herzklappenskandal, Organtransplantationsgeschäfte, Pharmaindustrie und Helmut Kohl.

So wie es ausschaut muß ich mich aber damit beschäftigen. Ich habe schon seit Jahren Probleme mit meinem linken Knie. Am Anfang war es nur der Meniskus. Ich dachte mir nichts Schlimmes. Ich gehe zum Arzt, der überweist mich zum Orthopäden, der macht Röntgenbilder, schickt mich in den Kernspind und operiert mich ambulant gleich bei uns in der Nachbarschaft in der Ingolstädter Straße. Er bietet mir noch fünf Spritzen an, die ich selbst bezahlen müßte. Ich Anfängerpatient lehne ab. Ich denke mir noch was will der denn. Knie kaputt -. das wird jetzt operiert und dann springe ich mit meinen knapp drei Zentnern Lebendgewicht über Wald, Feld, Flur und Münchner Straßen.

Soweit zu meiner Wunschvorstellung. Nach der ambulanten Operation stehe ich noch schlafdamisch von der Vollnarkose mit Krücken auf dem Parkplatz des Gesundheitszentrums. Der arme Kollege Taxifahrer der mich steif und ungelenk mit meinen Krücken und dem ekeligen Blut- und Eitersackl nur 600 Meter stadteinwärts fahren muß. Ich revanchiere mich mit ordentlich Trinkgeld und tausend Entschuldigungen.

Nach drei Tagen bin ich schon wieder selbst im Taxi unterwegs. Die Krücken finden in meinem VW-Bus leicht Platz. Es bleibt aber beim guten Willen sie zu benutzen. Ich habe am ersten Tag gleich drei Abholungen vom Flughafen. Natürlich humple ich nicht mit Krücken vom Abholerparkplatz zum Treffpunkt an dem ich unsere Gäste erwarte.Bei dreimal hin und her bin ich dann doch schonn wieder bei einem Kilometer. Das mit dem Springen über Wald und Feld hat sich dann nach einem Jagdausflug im Gebirge im Walchenseegebiet auch erledigt. Eifrig bin ich über schräge Hänge gelaufen und über Bachbette gesprungen. Beim Abstieg wurde mir schmerzhaft klar, daß ich nicht die Figur und Muskulatur eines Sportlers habe. Das war der Anfang vom Ende Operationserfolges. Nach weiteren sechs Monaten lag ich schon wieder wegen der gleichen Sache auf dem Operationstisch.
Diesmal war ich zwar schlauer als beim ersten Mal, aber doch noch nicht ganz gscheid. Diesmal gönne ich mir eine Woche Ruhe. Diesmal habe ich auch sieben schmerzfreie Monate nach der Operation. Bei der Bekämpfung einer der Hauptursachen, meinem Übergewicht, war ich wieder nicht erfolgreich. Jetzt quäle ich mich schon wieder sehr zu meinem und meiner Frau Mißfallen, humpelnd und schmerzertragend durch die Taxiwelt.

Einer Einladung zu einer Treibjagd in Franken musste ich schon absagen. Ich bin drauf und dran einer weiteren Einladung abzusagen. Ich kann unmöglich in Gummistiefeln durch die schneematschigen Äcker stampfen. Ich will meinen Jagdkameraden keine Last sein. Es muß erst richtig weh tun, nicht nur physisch, bis ich mich entschließe mich ein drittes und hoffentlich letztes Mal den Weißkitteln anzuvertrauen.

Es gibt da eine Ärztin zu der ich Vertrauen habe. Ich habe mit ihr schon mal gesprochen als ich eine Kur beantragt habe. Die AOK hat meinen Antrag an die Deutsche Rentenversicherung weitergeleitet. Die hat mir dann die Kur verweigert.
Bei dieser Ärztin hab ich zum ersten Mal den Eindruck, daß sie mein Problem mit meiner Esssucht versteht. Es hilft mir kein zehnter Diätplan, oder Tipps welche Nahrungsmittel kalorienarm satt machen. Jeder, der sich nur bischen mit Ernährung beschäftigt, weiß, daß ein Apfel gesünder ist als ein Schokoriegel. Essucht ist in erster Linie eine Sucht. Das Problem dabei ist, daß man isst, obwohl man satt ist. Würde ich nur essen wenn ich hungrig bin, hätte ich schon einen großen Teil gewonnen.
Einem Raucher muß man nicht erklären wie sich das Nervengift Nikotin auf den menschlichen Körper auswirkt. Ein Trinker kennt die Wirkung von Alkohol besser als manch Anderer. Es hat wenig Sinn einem Süchtigen die negativen Auswirkungen seiner Sucht vor Augen zu führen.
Die Auswirkungen von Essstörungen sind schlimm, obwohl sie gesellschaftlich anerkannt oder sogar gefördert werden. Ein Dicker ist nur kräftig gebaut oder stark, das Mädchen ist aber schön schlank – in Wirklichkeit können das Opfer einer falschen Konditionierung in frühester Kindheit sein. Ein stark über- oder untergewichtiger Körper das Ergebnis von zwanghaftem, kranken und suchtbestimmten Handeln und keinesfalls kräftig oder schön. Ich bin seit Jahrzehnten betroffen, mir fällt es nicht leicht öffentlich darüber zu schreiben. Ich bin mit meinem Problem nicht alleine und ich bin erst am Anfang einer weiten, beschwerlichen Reise. Ich habe noch wenig Erfahrung mit der Krankheit und noch keine Erfolge. Aber wenn sich nur ein Mitleidensgenosse in einem Satz wiederfindet hat es sich gelohnt es niederzuschreiben. Soweit soll es heute mal gut sein mit meinem Seelenstriptease. Weiter mit dem Alltag.

Da sitze ich jetzt nach vier Stunden Wartezeit neben dem Schreibtisch meiner Ärztin. Sie tippt auf ihrer Tastatur. Ich sage ihr, daß ich jetzt unbedingt eine dritte Operation brauche, weil ich die Schmerzen nicht mehr aushalte. Ich habe mein Übergewicht als eine der Hauptursachen für mein kaputtes Knie erkannt. Mein Plan zuerst abzunehmen und dann erst das Knie zu operieren ist gescheitert. Jetzt will ich eine konzertierte Aktion: Operation, Spritzen, Krankengymnastik und Kur. Ich renne offene Türen ein. Sie will auch meiner Bitte nachkommen und mich an einen Orthopäden überwiesen. Jetzt am Ende des Jahres werde ich keinen Termin mehr bekommen, aber im Januar soll ich nochmal kommen und mir dann die Überweisung holen.
Für meine Essstörung kann sie mir Tabletten verschreiben, die werden die Lust nach dem Essen unterdrücken. Das will ich zunächst nicht glauben. Ich schildere noch einmal wo mein eigentliches Problem liegt. Ich brauche keinen Diätplan und keine Tabletten die satt machen! Unbeeindruckt von meinen Ausführungen gibt sie mir zu verstehen, daß mein Problem schon erkannt hätte. Ihre Tabletten würden auf die Synapsen in meinem Gehirn einwirken und meine Lust auf Essen unterdrücken. Nur die Lust aufs Essen, wohlgemerkt. Ich kann immer noch nicht glauben, daß die Pharmaindustrie so ein Produkt entwickelt hat das zu tiefgreifend und selektiv wirkt. Nur auf bestimmte Synapsen in meinem Gehirn einwirkend – ich halte das biochemisch für Unmöglich. Diese Tabletten müssen Plazebos sein. Nur menschliche Einbildung vermag solche Erfolge. Miene Plazebothese behalte ich für mich. Ich frage nochmal:

“Sie verschreiben mir Tabletten die mein Gehirn so beeinflussen, das ich ohne mit der Wimper zu zucken bei McDonalds, oder sonst wo, vorbeifahre“

Sie blickt nur kurz über ihren Monitor auf und antwortet ganz selbstverständlich: “Ja.“. Jetzt komme ich aber ins Grübeln. Gehört ihre Reaktion zum Plazebo(schau)spiel oder ist sie tatsächlich von der Wirkung der Medizin überzeugt? Ich habe nichts gegen Plazebos, wenn sie wirken. Ich schlucke gerne bunten glasierten Traubenzucker wenn er mich nur gesund macht. Diese Art der Medizin hat schon tausend Jahre funktioniert. Die Selbstheilungskräfte unseres Körpers sind erstaunlich. Ich muß nur daran glauben. Ich nehme mir vor den Beipackzettel dieser Wundermedizin genauestens unter Zuhilfenahme von Google und der Stadtbibliothek zu studieren. Jetzt setzt sie noch eines oben drauf.

“Hier gebe ich Ihnen noch ein Rezept für Tabletten damit Sie wieder durch den Wald laufen können.“

Ich fixiere ihr Gesicht, ob sie sich nicht durch eine kleine Mimik doch noch verrät. Nein, sie bleibt cool. Ich vertraue ihr. So bekomme noch ein drittes Rezept für ein Medikament gegen Arthrose und verlasse beeindruckt die Praxis im Harthof.

Gleich in der Weyprechtstraße, in der Nähe des Taxistandes, ist eine Apotheke. Dort erscheine ich kurz vor Mittag mit meinen bunten Rezepten aus der Arztpraxis. Keines der Medikamente ist vorrätig. Ich bekomme einen Abholschein, den soll ich am Abend vorlegen, dann bekäme ich meine pharmazeutischen Wundermittel.
Gegenüber der Apotheke ist der Weyprechthof. Eine Gaststätte die mir nicht nur von den Weihnachtsfeiern der Lohnkutschergehilfen bekannt ist. Morgen früh will ich mit meinem Experiment beginnen. Jetzt gönne ich mir meine letzte Mahlzeit vor meiner Durststrecke. Eine Krensuppe und ein Bierkutschergröstl werden so zu meiner Henkersmahlzeit.

Die dritte Wunderpille schlucke ich am Abend


Am Abend schließlich hole ich mir meine Medizin ab. Zwei Medikamente muß ich nur einmal, ein Medikament dreimal, täglich einnehmen. Die Verpackung der Medizin ist schlicht und sehr einfach bedruckt. Hergestellt wurden die Präparate in Deutschland, Bulgarien und Holland. Ich bezahle 70,- € für eine Menge, die ich während eines Monats brauche. Beipackzettel, Verpackung und Preis erwecken bei mir den Eindruck daß ich ernsthaft Medizin in meinem Beutel habe. Ich beschließe keine weiteren Nachforschungen über die Wirkstoffe anzustellen. Käme ich den Plazebos auf die Schliche, hätten sie in diesem Moment ihre Wirkung verloren.

Gestern Abend empfiehlt mir mein Stammkunde noch mal seinen Orthopäden. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher wem ich mein Knie anvertrauen soll. Jetzt aber steht mien Entschluß fest. Ich entscheide mich für einen Mediziner, der den Ruf hat besonders hart zu sein.

Heute in der Früh nehme ich als Erstes die Medikamente ein. Nach nur 15 Minuten lässt der Schmerz am Knie spürbar nach. Die Essenslustkiller haben bis jetzt auch nicht versagt. Ich habe heute nur gefrühstückt. Erfolgreich habe ich allen Gelegenheiten zum Essen getrotzt.
Mein Partikelfilter zwingt mich mit mindestens 3.500 Umdrehungen in der Minute 30 Kilometer zu fahren. So lande ich zur Mittagszeit am Flughafen. Nachdem ich vom AGIP-Speicher auf das Modul gerufen wurde,komme ich ausgerechnet neben dem Oliva, unserm türkischen Taxifahrerimbiss zum stehen. Aber auch da bleibe ich hart. Zwei Kollegen essen Hamsi. Sie bieten mir an mitzuessen. Aus Höflichkeit nehme ich mit spitzen Fingern eine kleine Sardelle von ihrem Teller. Alle anderen Angebote schlage ich aus.

Heute ist nach dem serbisch-orthodoxen Kalender Nikolaus. Ich werde mich mit meiner Familie am Abend bei meiner Schwiegermutter treffen und dort traditionell Fisch mit weißen Bohnen essen. Das soll dann für meinen ersten Tag genug sein.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Ein Auftrag

“Papa, fährst du mich am Montag in der Früh zum Bus?“

Am Montag darf meine Kleine ins Landschulheim. Eine Schulwoche lang. Seit Tagen schwirrt die Liste mit den dazu benötigten Utensilien durch unser Wohnzimmer. Feste Schuhe müssen wir sowieso kaufen. Eine Taschenlampe steht auch auf der Liste. Der Koffer liegt schon seit einer Woche geöffnet im Kinderzimmer zwischen Barbie-Puppen und Benny-Heften. Die Packliste von der Schule ist jedes mal wenn ich sie sehe bunter. Zunächst wurden die einzelnen Posten grün abgehakt. Beim zweiten Check mit gelb unterstrichen. Bei der dritten, und nicht einmal letzten Inhaltskontrolle, wurden die Posten rot eingekreist. Kurz, Wegfahren, Hotel, Schulheim, Tapetenwechsel, egal in welcher Form, ist für unseren jüngsten Familiennachwuchs das Höchste.

Am Montag in der Früh; denke ich nach. Montag Morgens gibt es für uns Taxifahrer immer interessante Aufträge. Bevor ich was verspreche, antworte ich ihr:

“Wenn ich keinen Auftrag habe, bringe ich dich zum Bus.“

“Hast du schon einen Auftrag?“

“Bis jetzt noch nicht. Aber da kann leicht noch was kommen.“

Eine Stunde später läutet mein Handy. Meine Tochter ist am anderen Ende und bestellt bei mir ein Taxi für sich von unserer Adresse am Montag um 7:40 Uhr in die XXX – Straße zum Schulbus. Das muß aber ganz sicher sein, weil der Bus pünktlich um 8.15 abfährt. Sie hat schon tausendmal mitbekommen wie die Gäste bei uns eine Taxi bestellen und deshalb vergisst sie auch nicht zu fragen, wie viel die Fahrt kosten wird.
Als ich dann im Wohnzimmer die angenommene Fahrt in die Excel – Liste eintrage, bemerke ich wie ich dabei mit gespieltem Desinteresse beobachtet werde. Mir wird dabei bewusst wie wichtig ihr es ist, daß ich sie zum Bus bringe. Fast schäme ich mich für meine Antwort von Vorher. Wenn ich einen Auftrag weitergebe, wird die Welt schon nicht untergehen. Zumindest nicht vor den 21. Die Zeit mit der Familie ist unbezahlbar. Peinlich, daß ich das von einem kleinen Mädchen lernen muß.

Es ist Sonntag Abend. Der Vorabend vor der lang ersehnten Schullandheimreise. Ich komme vom Taxifahren nach Hause. Meine Tochter erwartet mich schon im Flur. Ich überrasche sie mit;

„Ich muß mich gleich ins Bett legen. Ich habe morgen einen ganz wichtigen Auftrag“

Ihre Stirn runzelt sich.
“Um wie viel Uhr den?“

“Um 7:40Uhr !“

In der Sekunde fallen ihr die Mundwinkel und die Schultern nach unten. Ihre Augen blicken mich enttäuscht an. Welcher Papa kann lange die traurigen Augen seiner Tochter aushalten? Schnell erkläre ich ihr:

“Da muß ich unbedingt ein kleines Mädchen zum Bus bringen. Die junge Kundin wohnt gleich hier in der Nähe. Sie muß in jedem Fall ihren Bus zum Landschulheim um 8:15 Uhr erwischen.“

Sofort gehen die Mundwinkel wieder nach oben. Ich bekomme eine selige Umarmung und ein dickes Bussi.

Ich bin richtig gerührt, als wir am nächsten Morgen mit dem gepackten Koffer durch den Schnee zum Taxi stapfen. Vor der Schule steht schon für zwei fünfte Klassen ein großer Doppeldecker-Bus. Gleichzeitig kommt mir ein Kollege mit seinem Taxi entgegen. Wir kennen uns vom Elternsprechtag. Er läßt auch seine Tochter aussteigen. Als wir bemerken, daß es den Kindern peinlich ist, daß wir ihnen die Koffer zum Bus bringen, haben wir unsere Töchter mit ihrem Gepäck allein zum Bus gehen lassen.
Als ich ihm beim Abschied fragte, ob er heute auch einen wichtigen Auftrag gehabt hätte, hat er nur verstehend genickt und dabei ein klein wenig gelächelt.

Dienstag, 11. Dezember 2012

"Estoy el Taxista."

“Ich bin der Taxifahrer.“. Ich liebe diesen Satz. War er mir doch so oft hilfreich bei der Befriedigung meiner Neugierde. So rechtfertige ich meine Anwesenheit bei interessanten Situationen. Der Zweifel der Beteiligten legt sich, denn jetzt wissen sie wer der dicke, dunkelhaarige Mann ist. Die Frage wer mich bestellt hat, kommt dann äußerst selten.
Der Taxifahrer muß man sein, weil “Ich bin ein Taxifahrer“ stellt mich in eine Reihe mit den tausenden Kollegen draußen auf der Straße. Aber der Taxifahrer steht dabei und beobachtet, daß darf er ja auch, er ist ja der Taxifahrer und nicht ein Taxifahrer. Der Taxifahrer kann sich jederzeit aus dem Staub machen und ist von einer Minute auf die andere wieder ein Taxifahrer in der großen hellelfenbeinweißen Flotte.
Das brauche ich auch in der Botschaft von Honduras bei uns in München. Honduras gilt als das gefährlichste Land der Welt. Der Republik Honduras bin ich nie näher als 400 Seemeilen gekommen.

Ich weiß nicht wegen welchem Putsch, welcher Revolution oder welchem Staatsstreich der jetzige Präsident in der für mich unaussprechlichen Hauptstadt sitzt. Ich bin mir aber sicher die United Fruit Company, irgend eine Obristenclique oder der CIA wissen schon wer sein Nachfolger sein wird.

Ein Land, daß wegen eines WM-Qualifikationsspiels seine Luftwaffe in den Himmel schickt, ist mir sowieso mehr als suspekt. Das Fußballspiel Honduras – El Salvador endete 2:3 für El Salvador . Der erste, und zum Glück einzige, Fußballkrieg endete mit über 5.000 Verletzten und 3.000 Gefallenen nicht für, sondern gegen beide Seiten.
Das war vor der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Die El Salvadorianer verließen daraufhin das Land.

Mein Taxi vor der Botschaft Honduras in der Blütenstraße in München

Die Maya verließen schon vor 1100 Jahren das Land zwischen den Ozeanen, daß heute Honduras heißt, hinterlassen haben sie einen Kalender der am Freitag nächster Woche endet. Mit dem Kalender endet auch die Welt – vorläufig! Spätestens im Frühjahr wird ein neues Datum für die Weltuntergang terminiert werden. Sicherlich wird ein Naturvolk den Hinweis liefern. Ich könnte mir vorstellen, daß ein Beduinenstamm im Norden der Sahara eine Dünenformation entdeckt, die das Ende ankündigt. Die Form der Dünen wurde über Generationen an den Lagerfeuern in kalten Wüstennächten überliefert. Oder ein Eskimo findet im ewigen Eis einen mindestens tausend Jahre alten Walfischknochen auf dem ebenso alte Symbole eingeritzt sind. Nachdem die Symbole entziffert werden, wird der das Datum für den Weltuntergang 14.0 auf den 28.April.2023 festgelegt.

Was aber wenn die Maya, die Ureinwohner Honduras, tatsächlich wussten, daß ihr Kalender nach dem 21.12.2012 nicht mehr gebraucht wird, weil es keine Menschen mehr geben wird?
Ein Tsunami aus dem Starnberger See spült Solln in die Isar. Die Illuminaten aus Ingolstadt starten ihre neue Weltordnung um 11.11 Uhr im Sankt Jakob Kirchenzentrum im Hasenbergl. Atlantis taucht aus dem Feldmochinger See. Ein geheimnisvoller Computervirus läßt weltweit gleichzeitig alle Telefone an den Taxiständen klingeln. Auf dem Parkplatz vor der Metro landen Nazis aus Neuschwabenland / Antarktis mit ihren Hanebu-Flugscheiben. Die außerirdischen Reptilienwesen, die uns unerkannt in den Machteliten dieser Welt seit 4.000 Jahren regieren, geben sich in den Riem -Arcaden zu erkennen. Eine Feuersbrunst peitscht durch Moosach, während ein Meteoritenhagel über Steinhausen niedergeht. Die apokalyptischen Reiter preschen über den Frankfurter Ring. Ein unbesiegbarer Virus, ausgebrochen aus den biochemischen Laboren in Martinsried, verwandelt die Pasinger in Zombies. …

Und ich? Ich stehe in Milbertshofen zwischen Müllhäuschen und Spielplatz an mein Taxi gelehnt. Mich juckt das alles nicht. Ich bin nur der Taxifahrer und am Samstag, den 22.12. verschwinde ich wieder in der hellelfenbeinweißen Flotte, die sich wie am Tag davor, durch Münchens Straßen quält.


Montag, 3. Dezember 2012

Drei deutsche Dichterinnen

Drei neue Straßen gibt es in München-Oberföhring. Südwestlich der Kreuzung Oberföhringer Straße / Johanneskirchener Straße sind neue …. entstanden. Bei der Benennung der Straßen hat man sich dreier Deutscher Dichterinnen bedient. Alle drei Damen haben geschrieben, und das ist auch die einzige Gemeinsamkeit.

Die Zufahrt zur Else-Lasker-Schüler-Straße von der JohanneskirchenerStraße ist noch eine Baustelle

Da ist zunächst die Else Lasker Schüler, nach ihr ist die Else-Lasker-Schüler-Straße, die parallel zur Johanneskirchener Straße verläuft, benannt. Lasker-Schüler war eine deutsche Dichterin, jüdischen Glaubens, aus Wuppertal. Von ihr wird gesagt, daß sie im Alter von vier Jahren schon lesen und schreiben konnte. Wie Franz Marc hatte sie neben der Literatur noch die Doppelbegabung des Zeichnens. Ihre Verbindung zu Franz Marc ist auch ihre einzige, mir bekannte Verbindung, nach München.

Marie Luise Kaschnitz ist die einzige Nichtjüdin bei dem Trio. Die Straße, die nach der Berliner Schriftstellerin benannt ist, geht in Nord-Süd Richtung westlich (links auf der Karte) von der Else-Lasker-Schüler-Straße ab. Auf der abgebildeten Karte von openstreetmaps sind die Marie-Luise-Kaschnitz-Straße und die Carry-Brachvogel-Straße noch nicht eingezeichnet.

Carry-Brachvogel, nach der die Carry-Brachvogel-Straße in Oberföhring benannt ist, entstammt der wohlhabenden Münchner, jüdischen Kaufmannsfamilie Hellmann und ist somit die einzige Münchnerin bei dem Dreigestirn. Aufgewachsen ist sie in der Residenz- und der Briener Straße (beides sehr gute Adressen in München) Aus ihrer Ehe mit dem Journalisten Wolfgang Brachvogel hat sie nicht nur eine Tochter, einen Sohn und ihren Familiennamen. Nach dem Tod ihres Ehemanns schrieb sie als Feuilletonistin (die Urform einer Bloggerin) und Biografien historischer Frauen.
Als Frauenrechtlerin waren ihr die Forderungen der Anita Augspurg zu weitgehend. Carry blieb eine bürgerliche Frauenrechtlerin und Mitglied des Vereins für Fraueninteressen, der 1903 in München gegründet wurde. Eine spätere Vorsitzende dieses Vereins war Luise Kisselbach, die wir bald als Tunnel kennen lernen werden.


Der Faschismus zwang sie und ihren Bruder, der als Professor an der Münchener Universität war, zur Untätigkeit. Die Beiden bewohnten zuletzt eine Wohnung in dem Haus Herzogstraße 55. 1942 wurden sie in das KL nach Theresienstadt gebracht. Die Zwei Überziebzigjährigen verstarben dort schon während den ersten Wochen.
Neben der Straße in Oberföhring erinnert uns noch der Carry-Brachvogel-Salon in der Seidlvilla an die Münchner Schriftstellerin.

Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit – alle drei Straßen werden vom Taxistand Cosima bedient.

Samstag, 1. Dezember 2012

Nachbarschaftliches

Da bin ich mal wieder bei unseren südlichen Nachbarn unterwegs. Die Fahrt beginnt mitten in der Nacht am Flughafen München. Ich habe am schon am Nachmittag aufgehört zu arbeiten um vor der Extra-Nachtschicht ausgeschlafen zu sein. Obwohl die ganze Familie solidarisch ruhig ist, liege ich mit offenen Augen im Bett und versuche einzuschlafen. Nach drei Stunden muß ich zum hundertsten Mal feststellen was jeder weiß. Der Mensch kann voressen, in beschränktem Umfang sogar vortrinken, aber er kann nicht vorschlafen!
Ich wälze mich im Bett, versuche an Langweiliges zu denken, checke das Wetter in Garmisch, Seefeld und Sölden. Während der Nacht ist leichter Schneefall angesagt. Dazu Temperaturen um den Gefrierpunkt. Nebenbei schaue ich auf den aktuellen Flugplan. Kommt die Maschine aus Moskau pünktlich?
Sie landet pünktlich. Es braucht schon eine gehörige Portion Selbstmotivation um müde aus dem warmen, kuscheligen Bett zu steigen um eine Alpenüberquerung mit einem heckgetriebenen Viano anzutreten. Aber meine Frau ist fleißig und taff, also mach ich das auch ohne großes Jammern.

Die Gäste sind nett, alles klappt wunderbar, ich wähle die Route über Garmisch – Seefeld – Telfs. Die Straßen sind frei. Nur das kurze Stück zwischen Scharnitz und Seefeld ist schneebedeckt und leicht rutschig. In Seefeld kann ich mich nochmal entscheiden. Nehme ich den Zirler Berg mit 16 % Gefälle oder die kürzere Strecke über Telfs mit noch mehr Gefälle. Angesichts der Straßenverhältnisse in Seefeld hätte ich den Zirler Berg nehmen müssen. Trotzdem entscheide ich mich für die Strecke über Telfs. Erfahrungsgemäß liegt an den Südhängen im frühen Winter und Frühling weniger Schnee.

Unten, bei der Auffahrt Telfs Ost auf die Inntal-Autobahn, neben der Firma Liebher, gibt es eine Tankstelle. Dort will ich meinen Gästen die versprochene Rauch-, und mir meine dringend benötigte Kaffeepause anbieten. Als ich an die Tankstelle komme ist alles dunkel. Ich vertröste meine Gäste noch weitere 20 Minuten, bis wir die Autobahn am Anfang des Ötztals wieder verlassen.
Dort werden wir aber wieder enttäuscht. Die Tankstelle hat schon geschloßen und die Bar daneben hat vor einer Minute die Kaffeemaschine geputzt. Red Bull kann uns die Barista anbieten. Das nehmen wir nicht. Meinem russischen Gast schmeckt das pur genauso wenig wie mir. Also beschränkt sich die Pause auf eine Zigarette vor der Tür. Ich komme wieder nicht zu Kaffee und Diesel. In der nächsten Stunde sind wir sowieso im Hotel und ich kann leer die Rückfahrt antreten. Die Tankstelle in Sölden nimmt nachts nur ec-Karte. Der Viano ist noch neu für mich. Ich weiß nicht ob er eine Reichweitenanzeige hat, oder ob ich sie nur nicht finde.

Zu dem Thema Kaffee- und Dieselengpass in Österreich fällt mir noch eine alte Taxigeschichte ein. Die will ich aber in einem neuen Post schreiben. Dieser Post ist mir schon lang genug. Schließlich hat heute früh der Wecker für die erste Flughafenfahrt geklingelt und jetzt hänge ich wie ein Schluck Wasser in der Busreihe um eine besetzte Rückfahrt zu bekommen. Das ist aber wirklich eine alte Geschichte die ihren Anfang am Flughafen Riem nimmt. Den gibt es inzwischen schon 20 Jahre nicht mehr.

Lange Suche – kurz gefunden. In Längenfeld gibt es eine Tankstelle mit einem Automaten der Bargeld akzeptiert. Ich stecke einen 20,-€ Schein in den Schlitz. Mit einer Taste wähle ich aus von welcher Zapfsäule ich tanken will. Bei meiner ausgewählten Zapfsäule gibt es zwei verschieden Dieselsorten und Heizöl. Zum Thema Heizöl und Taxis mit Saugdieselmotoren gäbe es auch noch alte Geschichten zu erzählen.



Die 13 Liter Diesel, die ich für meine 20,- € in meinen Tank fülle, beruhigen mich. Damit komme ich jetzt sicher zurück nach München. Das Radio dudelt vor sich hin. Eine der Meldungen der Zwei-Uhr-Nachrichten bei Radio Tirol betrifft die Wiener Taxifahrer. Die Sprecherin berichtet von einer deutlichen Preissteigerung bei den Wiener Taxitarifen, die ab heute gelten.
In den Wiener Taxis gibt es Tag- und Nachttarif. Die Grundgebühr beträgt 3,80 € (nachts 4,30 €), die ersten vier Kilometer kosten 1,42 € (nachts 1,62 €), die nächsten fünf Kilometer kosten 1,08 € (nachts 1,28 €), und jeder Kilometer ab dem neunten kostet 1,05 € (nachts 1,18 €). Der Taxitarif wird, ähnlich wie bei uns von den Gewerbevertretern vorgeschlagen, und schließlich vom Wiener Landeshauptmann verordnet.
Mich überrascht, daß die Meldung mit zwei O-Tönen bereichert wird. Da ist der Obmann der Wiener Taxiinnung, Christian Gerzabek; er begründet den durchschnittlich 8,4 %igen Tarifanstieg mit den erhöhten Dieselpreisen. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl von der SPÖ sagt sogar in seinem Interview das Gewerbe solle seine Tarife selbst bestimmen. Das stelle ich mir mal in München vor. Eine selbstbestimmte Grundgebühr von 4,30 € nachts!

Morgens um vier komme ich dann hundemüde in München an. Bei der Fahrt über die Donnersberger Brücke knipse ich im Vorbeifahren den bekannten Mercedes-Adventskalender in der Niederlassung Arnulfstraße. Wie es sein muß, ist er noch jungfräulich. Alle 24 Fenster sind noch verdeckt.
Die Wiener Taxifahrer könnten ihr Dieselpreisproblem gleich inländisch lösen. Ich würde da in Längenfeld eine Tankstelle kennen, …
Aber so richtig zu empfehlen ist die Sparmaßnahme nicht. Es gibt sie nicht mehr, die ventilgesteuerten Saugdieselmotoren in unseren Taxis. Genauso wenig wie den alten Flughafen in München. Die Geschichte mit der Fahrt vom Flughafen Riem nach Österreich muß ich später mal schreiben. Die andere Geschichte von den Münchner Heizöltankstellen habe ich schon vergessen.