Mittwoch, 28. August 2013

Schadensbegrenzung



Inzwischen sind die ersten Angebote für mein Getriebe eingetrudelt. Anders als beim Motor, ist nichts dabei was mir zusagt. Meist sind es keine konkreten Angebote, sondern Werbe-e-Mails, mit denen sich Getriebewerkstätten, die weit entferntesten sitzen in Holland, anbieten mein Getriebe zu reparieren. Einer will noch nähere Informationen zu dem Getriebe. Ein weiterer hat gleich drei passende Getriebe mit verschieden Kilometerleistungen und verschiedenen Preisen. 

Ich durchstöbere das Internet nach Vianos. Ich bin während der letzten Tage mit dem von meiner Frau gefahren und könnte mich auch mit einem Mercedes-Kleinbus als Taxi anfreunden. Obwohl es die Kleinbusse als extralange Ausführungen nicht so oft gibt, finde ich doch drei die ich mir vorstellen könnte.
Was mich aber dann doch von dem Wechsel des Taxis abhält ist, daß ich viel Zeit verschwenden würde. Suchen, anschauen (ich müsste mit Bahn oder Flugzeug weit in den Norden Deutschlands) umrüsten, mit Folie bekleben, ummelden ... 

Für die Reparatur des Getriebes spricht auch, daß ich jetzt in meinem Taxi einen neuen, gebrauchten Motor für 3.800,- € und einen neuen Partikelfilter für 1.800,- € einbauen lassen habe. Wenn jetzt noch ein neues Getriebe in dem Taxi ist, darf doch nichts mehr fehlen. 

Beim ersten, noch kaum spürbaren Ruckeln, habe ich schon nach einer Lösung gesucht und dabei diese  -> Werkstatt für Automatikgetriebe   in Freising gefunden und mir irgendwie im Hinterkopf gemerkt. Jetzt da der Kauf eines gebrauchten Getriebes und  unser Hausmechaniker in weite Ferne gerückt sind, krame ich die Adresse wieder hervor. 

Taxifahrerkollegen, die ich zu der Werkstatt gefragt hatte, hatten noch keine Erfahrung mit dem Freisinger Getriebespezialisten. Trotzdem beiße ich in den weniger sauren Apfel und bringe mein Taxi nach Maria Himmelfahrt mit schleifendem Getriebe in die Werkstattnach Freising.
Wie überall, an den anderen Werkstätten auch, steckt der Mechaniker als erstes sein Diagnosegerät an. Nach einer ausgiebigen Probefahrt erwarte ich gespannt seine Beurteilung.
Im Büro zeigt er mir einen Ausdruck. Er erklärt mir ausführlich, auch anhand einer Tabelle, wo der Schaden im Getriebe sein könne. Auf meine Frage was die Reparatur/ Überholung kosten würde, wiederholt er den Voranschlag, den ich von seinen Kollegen schon am Telefon genannt bekommen habe.

"Wenn wir das Getriebe aufmachen müssen, kommt das so auf zwischen 3.500,- und 3.900,- €."

"Brutto oder Netto?" frage ich nach.

"Brutto!" (Ein schwacher Trost. Macht aber 740,- € Unterschied)

Wenn er den Schaden näher einschätzen kann, will mich der Mechaniker am Nachmittag noch einmal anrufen. Die freundliche Sekretärin bringt mich noch zum Bahnhof nach Freising. Ich fahre mit der S-Bahn zu meinem nun anbrechenden Zwangsurlaub. Die häufigen, langen Blogbeiträge in letzter Zeit sind unter anderem das Ergebnis der nicht freiwilligen großen Pause.

Läuft wieder - hoffentlich noch bis zum neuen Taxi


Fast eine Woche später kann ich mein Taxi wieder abholen. Ich frage wie viel Geld ich mitnehmen soll.

"3.900,-€" bekomme ich genannt.

Der Preis ist am oberen Ende des schon beim Erstkontakt genannten Rahmens. Mit Bus und S-Bahn fahre ich nach Freising. Diesmal ist der Anlass weniger lustig als wie wir noch vor Tagen in der gleichen S-Bahn zum -> Gäubodenfest nach Straubing fuhren. Hätte ich das Bargeld, das ich jetzt in der Brusttasche meines Hemdes trage, dort versoffen, wäre ich wohl erst im Frühsommer 2014 wieder nüchtern geworden.
Die letzten zwei Kilometer vom Bahnhof ins Gewerbegebiet Gute Änger gehe ich zu Fuß. Eine halbe Stunde später sitze ich in meinem frisch reparierten Taxi. Irgendwie kommt es mir so vor, als würde das Getriebe etwas ruckeln und die Drehzahl vor dem Schalten kurz nach oben gehen. 

In Freising startend, ist es nicht schwer zu erraten, welchen Standplatz ich anfahren werde. Richtig! Ich stelle mich am Flughafen an. Von dort bekomme ich eine Fahrt zu einer Unternehmensberatung in der Sophienstraße. Die 65,- € die ich von der Kreditkarte des Beraters abbuche sind schon der Anfang meiner Schadensmilderung.

Montag, 26. August 2013

Sand im Getriebe



Das wird meine erste reguläre Taxifahrt nach meinem kurzen Urlaub in Serbien werden. Beim Einsteigen ins Taxi, sehe ich, daß am Sudetendeutsche-Taxistand, am Ende der Straße kein Taxi steht. Die Chance will ich mir nicht entgehen lassen. Im Nu stehe ich als Solist ganz vorne neben der Rufsäule, melde den Datenfunk an, harre der Dinge die da kommen mögen und die das Taxifahren so spannend machen.
Mit einem lauten Ping meldet sich der Datenfunk. Eine Bewerbung. Eine Minute später habe ich den Auftrag. Ich werde zum Kieferngarten bestellt, eine Siedlung mit großen Wohnanlagen, während der 80iger im Münchner Norden gebaut.

Während ich noch vor der Türe der Bestelladresse wende, kommt mir schon ein ca. 60jähriger Herr, mein Fahrgast entgegen. Er nennt das Fahrziel:

"In die Varnhagenstraße nach Pasing, bitte." 

Unterwegs kommen wir über das Thema Verkehr und Straßenverkehr in Rußland auf das Thema Rußland und die Russen im Allgemeinen zu sprechen.

Wegen des Berufsverkehrs und der schon seit Monaten dauernden Baustellen in Pasing brauchen wir eine satte halbe Stunde  bis wir vor der Schlosserei in der Varnhagenstraße stehen. 35,- € kassiere ich für die Fahrt. Der Kunde fragt mich, ob ich 20 Minuten auf ihn warten könne, er würde dann wieder mit mir zurückfahren.  Die gute Fahrt vor Augen, sage ich ihm sofort zu.
Nachdem er, etwas verspätet, aus der Schlosserei gekommen ist, machen wir uns auf den Rückweg. Wir sind schon fast in Laim, als er sein Fahrtziel ändert. 


Vor der russischen Kirche - 

aber nicht direkt!
Bevor er nach Hause fährt, will er seine Unterlagen bei der russisch-orthodoxen Kirche abgeben. Er ist sichtlich erfreut, daß ich die Adresse der russischen Kirche kenne, und ich bin erfreut über die Ausweitung unserer Taxifahrt. Unsere russisch-orthodoxe Kirche in München ist in der Lincolnstraße, bei der amerikanischen Siedlung, ganz im Südosten Münchens. Bei der Fahrt durch den McGraw - Graben werde ich, nach 20 Kilometern Fahrt durch die Stadt, zum ersten Mal etwas schneller. Das wird mir durch die Anzeige MOTORSTÖRUNG und WERKSTATT AUFSUCHEN quittiert.  Die letzten Meter bringe ich meinen Gast noch zur Kirche. Ich soll etwas weiter entfernt warten. Die Kirchenbesucher sollen nicht sehen, daß er mit dem Taxi kommt. Diese Fahrt bringt mir die nächsten 35,- €. Das könnte so weitergehen. Geht es auch - Mein Fahrgast muß ja wieder in den Kieferngarten. Auf dieser Fahrt rutscht mir schon der Wandler des Automatikgetriebes durch. Ich gebe Gas, die Drehzahl geht nach oben aber das Taxi wird nicht schneller. Später dann,  mit einem Ruck schaltet die Automatik einen Gang weiter hoch. Die Fahrt kann ich noch machen, noch einmal 33,- € bekomme ich dafür. Das war jetzt eine schöne Serie. 103,- € für drei Fahrten im Anschluss. 

Aber mir ist jetzt klar. So kann ich nicht weiterfahren. Vom Kieferngarten fahre ich sofort in die Werkstatt nach Engelschalking. Es ist zwar schon 19:30 Uhr, aber ich weiß; der Mechaniker beginnt erst am Vormittag mit der Arbeit, ist aber dafür noch am Abend in seiner Werkstatt anzutreffen. Bis auf heute. Auf dem Hof stehe ich vor verschlossenen Toren. Auch seine Mechanikerkollegen aus der Nachbarhalle sind nicht anzutreffen. Unter seiner Mobilfunknummer antwortet nur die Mailbox.

Zunächst etwas hilflos mach ich mich vom Hof. An der nächsten Tankstelle rufe ich bei einem Kaffee die Webseite -> autoverwerter.de auf. Hier habe ich vor zwei Monaten ganz schnell einen gebrauchten Motor für mein Taxi bekommen. Diesmal will ich nach einem passenden, gebrauchten Getriebe suchen. Nachdem ich dort meinen Suchauftrag online gestellt habe mache ich mich selbst auf den Weg nach Hause. Jetzt gilt es auf die ersten Angebote zu warten. Wie viel wird ein gebrauchtes Getriebe kosten? Lohnt es sich noch, oder soll ich einen gebrauchten Viano kaufen? 

Trotz des ertragreichen Tripple-Auftrag habe ich für heute genug. Morgen habe ich genug Zeit eine Entscheidung zu treffen.    

Samstag, 24. August 2013

Bruder Straubinger

Heute wollen wir zum Gäubodenfest nach Straubing.-> Volkmar, René und ich fahren mit der Bahn, so kann jeder eine oder zwei Maß Bier trinken.
René hat noch am Vortag eine passende Verbindung herausgesucht nach Straubing herausgesucht. Zweckmässigerweise beginnt die Fahrt um 10:20 Uhr am Feldmochinger Bahnhof. Die frühe Uhrzeit ist mir nach meiner gestrigen Nachtschicht nicht ganz so willkommen.

Nach zweimal umsteigen kommen wir in Straubing an. Den Weg vom Bahnhof zum Festplatz bewältigen wir in 15 Minuten. Am Steinerthor-Platz stellt sich uns ein kleiner, kecker Biedermeierkerl in den Weg. Die Metallskulptur weckt unser Interesse. Dargestellt ist ein Handwerksbursch mit Zylinder und Knotenstock. Den Stock unter den Arm geklemmt schreitet er voller Elan aus. Auf der Bodenplatte ist der Name Straubinger Bruder eingraviert.
Es ist meine erste Begegnung mit dem Straubinger Bruder, dabei war er schon der Titelheld einer Operette von Edmund Eysler. Der 50 Pfennig Notgeldschein der Stadt Straubing ziert sein Konterfei.

Geboren wurde er in einem Studentenliederbüchlein im Jahr 1820. Der Medizinstudent Carl Theodor Müller hat ein Spottlied über einen Schneidergesellen geschrieben. Die Halbstarken dieser Zeit, die Studiosus und die Handwerksburschen auf der Walz, haben sich fett gedisst. In Müllers Lied kommt ein Schneidergeselle selbst zu Wort. Er beklagt sich über die angehenden Akademiker die ihm die Mädchen ausspannen, einen Nachttopf über den Kopf schütten, Schwarzpulver in die Pfeife stopfen ... Carl Theodor, der Komponist und Biedermeier-Rapper, war für seine gescherten Texte bekannt. Das brachte ihm seinen Nick Saumüller ein.

Auf dem Gäubodenfest kommen wir noch einmal auf dem historischen Teil des Festes mit der alten Zeit in Berührung. So etwas ähnliches wie bei uns auf dem Oktoberfest die oide Wiesn. Mein Bierdurst beendet unseren Rundgang. Nach einer Fischsemmel und einem Schaschlik wird mein Verlangen nach Flüssigem unstillbar groß. Wir standen schon vor zwei Festzelten, immer sind wir weitergegangen, bis uns das dritte zugesagt hat.

Angenehm überrascht waren wir von der Helligkeit und dem Platz in dem Bierzelt. Wir finden einen ganzen Tisch für uns alleine. Das Holz in dem Zelt ist auffallend hell, alles in dem Zelt erscheint irgendwie jung. Auf der Bühne spielt eine 20köpfige Kapelle. Wir rätseln was das dem Wirt kosten wird.
Beim Kellner, einem jungen Mann mit Lederhosen und blonden Rastalocken, bestellen wir unser Bier. Er bringt uns die ersten drei Maß. Beim fotografieren des Bieres läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen.



Die erste Maß läuft wie Wasser durch unsere durstigen Kehlen. Auf der Tischdecke (ja, sowas gibt es dort in Straubing im Bierzelt!) ist der Name des Festzeltes aufgedruckt; Bruder Straubinger - da ist er schon wieder. Wir fragen die Kellnerin warum hier so wenig Gäste wären.
"Wir sind noch neu. Die Leute gehen in ihre Stammzelte. Uns müssen sie erst noch kennenlernen."
antwortet sie uns. Wir gönnen uns noch jeder eine zweite Maß, dann müssen wir uns wieder auf den Rückweg machen. Diesmal geht es über Freising nach Feldmoching. Am Taxistand Feldmoching stehen zwei Taxis. Wir entern das erste. Der Kollege bringt uns bis vor unsere Haustüren.
Sollte ich in den nächsten Jahren wieder zum Gäubodenfest nach Straubing kommen, weiß ich jetzt schon welches Zelt ich heimsuchen werde.

Sogar der Riesenkrieger vor der Achterbahn hat sich seine Lederhose und sein weiß-blaues Stirnband angezogen

Und sollte ich gleich am ersten Tag den Festzug zur Eröffnung des Gäubodenfestes miterleben, weiß ich wer den Festzug anführen wird; Der jetzt nicht mehr unbekannte Bruder Straubinger!

Donnerstag, 22. August 2013

Tegernseefahrt



Kaum bin ich wieder zuhause, kommt schon der erste Anruf eines Kollegen. 

"Kannst du mir helfen? Ich hab dem XXX einen Auftrag für morgen gegeben, aber er meldet sich nicht."

"Morgen habe ich aber selbst zwei Aufträge. In der Früh muss ich zum Flughafen raus und dann mittags wieder rein."

"Das passt ja! Die Fahrt geht um 15 Uhr los und nachts um 2 Uhr wieder zurück!" 

" Jaaa hmmm ... Jaaa." 

... und schon hatte ich den schwarzen Peter. Zehn Minuten nachdem ich zugesagt hatte, ärgerte ich mich über mich selbst. Am Samstag Nachmittag zum Tegernsee fahren und nachts wieder zurück. Es ist die gleiche Gruppe mit denen wir auf dem Waldfest waren. Nur diesmal soll es wirklich nach Ostin gehen. Das ganze Wochenende ist beim Teufel.  Aber ich will den Kollegen nicht hängenlassen. Er braucht auch noch einen zweiten Taxibus. Er selbst findet keinen zweiten. Auch dabei will ich ihm helfen und versuche den Auftrag wie saures Bier loszuwerden. Ich traue mich gar nicht richtig zu fragen.

Vier Stunden vor dem Auftrag treffe ich Robert am Flughafen. Für den Kollegen wird es jetzt eng, er hat immer noch keinen Zweiten. Ich biete an, Robert zu fragen, ob er bei dem Auftrag mitmacht. Er macht mit. Wir treffen uns am Nachmittag an einem zentralen Platz in München und fahren hintereinander nach Ostin am Tegernsee. Die Schienen der Sommerrodelbahn, schon von weitem erkennbar, weisen uns die letzten Meter zu dem Fest. Die freiwillige Feuerwehr regelt die Zufahrt und weist die Parkplatzsuchenden auf eine Wiese. Wir lassen unsere Kunden aussteigen, und machen aus, daß sie um 23 Uhr anrufen um die Zeit für die Rückfahrt zu bestimmen. Eine erste Umfrage hat das Ergebnis, daß der erste Taxibus um 12 Uhr und der zweite um 2 Uhr zurück nach München fahren soll. Ich will es dem Zufall überlassen, wer die 2-Uhr-Fahrt übernehmen muß. Robert hat sieben, ich habe acht Fahrgastsitzplätze. Wenn sieben Personen schon um 12 Uhr zurück wollen, dann hat eben Robert Glück.

Wir machen uns sofort vom Acker. Einen passenden Parkplatz zu finden ist gar nicht so leicht. Wir fahren bis nach Bad Wiessee bis wir in der Nähe des Seeufers einen Parkplatz finden. Für einen Euro können wir bis um 18 Uhr parken, danach ist das Parken frei. Während der Parkplatzsuche leuchtet bei mir schon die Zapfsäule in meiner Instrumententafel auf. Ich muß tanken, aber bis heute Nacht läuft noch viel Wasser durch den Tegernsee und ich verdränge erfolgreich die elektronische Erinnerung.

Unser Nachmittag beginnt mit einem Spaziergang am Seeufer. Wir bemerken die vielen in- und ausländischen Gäste, die mit uns über die Makadamdecke flanieren. Der englische Ingenieur McAdam hat die Bauweise für Wege entwickelt. Sein Familienname ist die Wurzel für das verdeutschte Makadam und irgendwie müssen die Leser ja auch im Blog merken, daß ich Landschaftsgärtner bin. Wir finden uns auf der Terrasse des Seegartens.  Genau das Hotel in dem ich vor zwei Jahren mit Hasan auf der Suche nach seiner -> Gazelle war. Ich begnüge mich mit einer Tasse Kaffee und Wasser. Vor uns am Seeufer ist der Schupfen eines Bootsverleihs. Wir entschließen uns nach dem Kaffee ein Boot zu mieten. Auf dem Weg zu dem Bootsverleih machen wir Scherze über Speedboats. Die müssen auch immer von zwei Piloten gesteuert werden. Der Steuermann lenkt das Boot. Der Zweite ist nur dafür zuständig das Boot zu beschleunigen. Er darf nicht zu schnell werden, damit sich das Boot nicht überschlägt. Zunächst hätte ich für ein Ruderboot plädiert, aber nachdem wir uns auf die Motoren eingestimmt hatten, musste es ein Elektroboot sein.

"300 oder 500 Watt?" wollte der Bootsverleiher wissen.

Welche Frage - hat er doch die zwei künftigen Geschwindigkeitsrekordbrecher auf dem Wasser vor sich.

"500 Watt!" ordere ich, die Gefahr nicht fürchtend.

 Zwei Minuten später sitzen wir Seebären hinter dem Steuer unseres Bootes. Eigentlich steuert nur Robert. Ich bin der Mann am Gashebel. Ich bediene den schwarzen Schalter in der Mitte. Ich drehe den Schalter einmal nach rechts. Mit halber Kraft laufen wir aus. Auf hoher TegernSee drehe ich den Schalter einen Klick weiter in die Endstellung. Ich lasse die Hand nicht mehr von dem Schalter. Höchst konzentriert muß ich darauf achten, daß sich unser Bug nicht aufbäumt und wir Gefahr laufen uns zu überschlagen. Wir brüllen uns gegenseitig Kommandos zu.



"Steuerbord - Hart Backbord - Brücke an Maschinenraum - Halbe Kraft zurück"

Wir sind voll und ganz der christlichen Seefahrt verfallen. Mit atemberaubenden drei Knoten über Grund summen wir über die Wasseroberfläche. Als wir nach einer halben Stunde am Westufer anlanden ist unsere Karriere als Seemänner vorbei.

Als frischgebackene Landratten gehen wir zu Mr. Vu, dem asiatischen Lokal, bei dem ich auch schon -> vor vier Wochen war. Als Vorspeise essen wir frittiertes Hähnchenfleisch an Erdnusssauce. Die Sauce ist ein Gedicht, können wir nur empfehlen. Zwei große Cola Lights und einem Kaffee später machen wir uns auf den Weg zu unseren Taxis. Wir wollen uns noch kurz hinlegen und schlafen. Für uns wird das eine lange und für einen von uns sogar eine ganz lange Nacht werden.

Ich neige die Lehne des Fahrersitzes  ganz nach hinten. Die Scheinwerfer der in der Ferne vorbeifahrenden Autos blenden mich durch die geschlossenen Lieder. Ich war schon öfter in der Situation, daß ich mit Kollegen im Taxi schlafen musste. Während meine Kollegen schon nach Minuten selig einschlafen, kann ich im Auto nur schwer oder gar nicht einschlafen. So vergeht Minute um Minute und ich finde keinen Schlaf, obwohl ich weiß, daß ich ihn heute Nacht noch brauchen würde.  Um 23 Uhr klingelt das Telefon. Ich habe das kürzere Hölzchen gezogen. Um 12 Uhr soll der erste Taxibus mit sieben Fahrgästen zurückfahren und ich wäre dann mit acht Fahrgästen um 2 Uhr an der Reihe. Ich stelle mir den Wecker um 23:45 Uhr in der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Minuten zu schlafen. Es hilft nichts. Ohne selbst geschlafen zu haben, wecke ich Robert auf. Ich will mit ihm nach Ostin fahren wo er die ersten Gäste aufnehmen muß. Ich soll um 1 Uhr noch eine Fahrt zu einem Hotel nach Rottach-Eggern machen. Beim Anlassen des Motors bemerke ich mit Schrecken das Warnsignal TANKEN. Laut Anzeige kann ich noch 70 Kilometer fahren. Das kann knapp werden. Im Tegernseer Tal schaut es nachts schlecht aus mit Tankstellen. Da gibt es eine große Tankstelle wenn man von Gmund nach Tegernsee fährt. Gleich nach Gmund, wo es links nach Ostin und Hausham geht. Eventuell, wenn ich die Tankstelle noch vor Mitternacht erreiche, bekommme ich noch meinen Diesel. Aber als wir die Tankstelle passierten, war dort niemand mehr. 

Um 0:20 Uhr verschwindet Robert in Richtung München. Ich habe mein Taxi weit weg geparkt. So werde ich von den Besoffenen nicht als Taxifahrer belästigt. Bei dieser Gelegenheit schwöre ich mir auch dieses Jahr, wie schon während der letzten 15 Jahre, das Oktoberfest nicht anzufahren. Während ich als Zivilist vor dem Haupteingang warte, treffen vier!!! Taxibusse aus München ein. Sie haben auch zugesagt ohne zu wissen auf was sie sich einlassen.

"Wir haben gedacht, das wäre eine private Veranstaltung." 

Zwei von ihnen werden in Zukunft auch nicht mehr kommen. Neben mir steht ein Sanitäter. Er hat einen Lederhosenträger im Arm. Der Latz seiner Lederhose ist nach unten geklappt. Der Urin läuft ihm aus dem Kniebund in seinen Haferlschuh.

Ich habe eine Telefonnummer von meinen Gästen, die ich um 1 Uhr nach Rottach-Egern bringen soll. Wir rufen uns zusammen und ich hole das Taxi aus seinem Versteck zwischen den gelagerten Baumstämmen und dem Feuerwehrauto. Als Zieleingabe deutet mein weiblicher Fahrgast auf ein Werbetransparent des Hotels Bachmaier. Ich mache das was wahrscheinlich 11 von 10 Taxifahrern machen, die die drei Worte Hotel, Bachmaier und Rottach-Egern lesen; die fahren zum Hotel Bachmaier am See in die Seestraße. Das es dort ein zweites Hotel Bachmaier , das Hotel Bachmaier Weissach gibt, weiß ich seit dieser Nacht. Beide Bachmaier haben die gleiche Schreibweise und Weissach ist ein Ortsteil von Rottach-Egern. 

Kollegentipp 1: Das Bachmaier Weissach findet ihr, wenn ihr am von Gmund aus am Westufer des Sees über Bad Wiessee soweit fahrt, bis es nicht mehr weitergeht. In der Nähe vom McDonalds. Die Anschrift ist; Wiesseer Straße 1, 83700 Rottach-Egern.

Auf der Fahrt zum Hotel komme ich an drei Tankstellen vorbei. Alle drei waren stockdunkel. Ich habe noch für 60 Kilometer Diesel. Alleine die Strecke Ostin -> München ist 55 Kilometer lang. Und ich muß ja erst noch nach Ostin. Der Nachtportier am Hotel erkennt mich als Taxifahrer und bittet mich einen seiner Gäste am Waldfest abzuholen. Der Hotelgast versucht dort verzweifelt ein Taxi zu bekommen. Während der 20 Minuten, die ich vor dem Hotel stehe, sprechen mich zwei potentielle Fahrgäste an. Beiden muß ich absagen. Ich bin für meine nächst Tour gebucht. Die Profi-Waldfestgänger buchen ihre Taxis schon im Voraus. Das spiegelt sich zu Waldfestzeiten auch in den Suchbegriffen zu diesem Blog.

Aus der Statistik - Auswertung der Suchbegriffe

Auf der Zufahrt zum Fest, inzwischen ist es 2 Uhr spät oder früh, muß ich aufpassen wie ein Haftlmacher. Es ist stockfinster, die angesoffenen Gäste torkeln über die enge Straße und klammern sich gar ans Taxi. Ich kämpfe mich bis zum Haupteingang durch. Soweit kommt kein anderes Taxi. Ich kann es nicht glauben. Da steht der Sanitäter noch immer mit dem Suffkopf. Jetzt hat sich noch eine Polizistin dazugesellt. Die meint dann auch gleich, ich solle den Lederhosenträger mitnehmen. Mich fragen die? Ausgerechnet mich? Das Dreigestirn bekommt eine bayerische, deftige Antwort von mir, worauf sie auseinandergehen. In zwei Richtungen, denn einer von den Dreien kann alleine nirgendwo mehr hingehen. Hinterher tut mir die Antwort leid. Die Polizistin will jetzt wahrscheinlich auch lieber woanders sein und der Sanitäter ist ein braver Mann der seine Freizeit für uns opfert. Polizistin, Sanitäter und Taxifahrer waren die einzig Nüchternen inmitten des Trubels und dementsprechend gestresst.

Meine Fahrgäste sind dann doch nur zu siebt. Der achte ist ein Schlierseer, der einfach so mit der Gruppe hineingeschlüpft ist, und gar nicht nach München will. Glücklich über das baldige Ende des Auftrags fahre ich hundemüde langsam im Slalom durch die Heimgänger. Ich finde dann endlich eine rettende Tankstelle in Holzkirchen. Bis wir schließlich in München sind muß ich noch dreimal anhalten.

Kollegentipp 2: Wenn euer Diesel nachts im Tegernseer Tal zur Neige geht, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder ihr fahrt bis nach Bad Tölz oder die große ARAL - Tankstelle zwischen der 318 und Holzkirchen. 

Um 4 Uhr morgens falle ich ins Bett. Hier liege ich bequem, kein Scheinwerfer blendet mich, das Telefon kann ich ausschalten und am Sonntag gehts um 10 Uhr nach Straubing.

Dienstag, 20. August 2013

полазак (Abflug)



Tatsächlich gelingt es uns in dem Fotogeschäft, das mir Mira vor ein paar Tagen gezeigt hatte, meine Buchung auszudrucken. Die Dame in dem Studio war sehr hilfsbereit und gestatte uns ihren Rechner zu nutzen. Es gab nur kurze Irritationen, als das System nach meiner Visanummer fragte. Ich hatte mich hier angemeldet. Vielleicht wurde ich deswegen zunächst als EU-Ausländer eingestuft. Erleichtert hielt ich Minuten später meinen Ausdruck mit den ach-so-wichtigen, unbedingt lesbaren Strichcodes in der Hand. 
Wassermelonen, лубенице,  Wassermelonen,  лубенице, ...

Am Morgen der Abreise tut es mir fast schon leid, daß ich jetzt doch schon nach sechs Tagen wieder zurückfliege. Auf dem Weg zum Flughafen müssen wir uns beeilen. Ich überquere, wer weiß für wie lange, zum letzten Mal die Brücke über die Save. Noch einmal geht es über die Dörfer der Srem an den Melonenverkäufern vorbei. Am Straßenrand stehen hunderte Verkäufer, die von den Anhängern ihrer Traktoren, Melonen und Paprika verkaufen. Ein Kilo Wassermelone kostet  15 Dinara. (das sind umgerechnet 12 Euro/Cent) . Ich kann mir nicht vorstellen wer diese Masse an Melonen kaufen soll.
Bei der Zufahrt zum Flughafen passieren wir an einem Parkplatz im Block stehende Taxis. Im Vorbeifahren knipse ich zwei Bilder. Ich poste sie auf unserer Facebook-Seite ->Taxikollegen München. Das sind doch auch unsere Kollegen, dort im Taxispeicher am Nikola Tesla Aerodrom, auch wenn nicht ein einziges hellelfenbeinweißes Taxi darunter ist.

Ich steige vor dem Terminal aus und laufe schnell in das obere Stockwerk zum Abflug. Meine Frau parkt  das Auto. Obwohl ich mein Gepäck extra als großes Handgepäck angemeldet und bezahlt habe, soll ich es trotzdem noch einmal einchecken und wieder bezahlen.
Meine Frau, die inzwischen gekommen ist, schlägt vor, meine Tasche mit dem Auto mitzunehmen. Ich soll mir nur das wichtigste nach München mitnehmen. Jetzt reise ich sowieso schon mit kleinem Gepäck. Jetzt stehe ich vor meiner geöffneten Tasche und soll entscheiden was das wichtigste ist. Bargeld, Papiere und Kommunikation habe ich am Körper. Ich entscheide mich für das Ladekabel meines Handys. In München ist mein Mobiltelefon für meine Arbeit unerlässlich. 

Nur mit dem Ladekabel und dem Reisepass in der Hand stehe ich vor dem Zoll. Ich kenne noch die Zeiten, als ich als BRD-Bürger ein Visum für Serbien und Montenegro brauchte. Jetzt stempelt der Polizist neben dem Einreisestempel nur noch einen Stempel für die Ausreise.
In der letzten Minute erreiche ich mein Gate. Mit so wenig Gepäck war ich noch nie mit dem Flugzeug unterwegs. Selbst wenn ich innerdeutsch geflogen bin, hatte ich zumindest eine Aktenmappe bei mir. Es ist ein befreiendes Gefühl, so ganz ohne Last, nur mit einem schwarzen Kabel, inmitten der bepackten Fluggäste zu stehen.

Einen festen Sitzplatz habe ich nicht gebucht. Ja, so eine Option gibt es tatsächlich. Bewusst gehe ich als einer der letzten an Bord. In der Gangreihe stehen schon dreißig Fluggäste und spekulieren auf freie Plätze. Ein aus Serbien stammender Schweizer schimpft wie ein Rohrspatz. Er hat einen Sitzplatz gebucht, bezahlt aber nicht bekommen. Dort wo auf seinem Ticket der Sitzplatz bezeichnet werden soll, ist ein Y aufgedruckt. In unserem Flugzeug passen sechs Personen nebeneinander. Der höchste Buchstabe in der jeweiligen Sitzplatzreihe ist als das F. Der Steward sagt ihm das gleiche wie mir. Wir sollen uns, wenn alle sitzen, auf einen noch freien Platz setzen. Jetzt bin ich froh, keinen festen Sitzplatz gebucht zu haben. Die 20 Euro waren gut eingespart.
 

Oktoberfestwerbung
Die Zeit vergeht wie im Flug, ich blättere in dem Bordmagazin der für mich neuen Fluggesellschaft. Wie auch bei easyjet wird der Flughafen Memmingen auch als München West verkauft. Ich habe hier schon beschrieben was dabei mit drei ortsunkundigen -> Iren passiert ist. In dem Magazin stoße ich auf Werbung für das Oktoberfest, daß erinnert mich gleich an die Arbeit. Die drei jungen Männer in der Sitzreihe vor mir lassen sich von dem Münchner Bier nicht beeindrucken. Sie nutzen die letzte Gelegenheit, kurz vor dem Signal zum anschnallen, noch drei Dosen Jelen - Bier (frisches, herbes, serbisches Bier mit einem Hirsch als Logo) zu kaufen und natürlich noch schnell auszutrinken, bevor unser Flugzeug im Allgäu aufsetzt. Für mich ist das eine Premiere, ich lande das erste Mal an dem Flughafen. Alles ist überschaubar und geht ganz fix. Nach der Passkontrolle gehe ich ohne anzuhalten an den Gepäckbändern vorbei. Ich habe beobachtet wie mich ein Zollbeamter fixiert. Ein allein reisender Mann aus Belgrad ohne Handgepäck.  Sein Blick verfolgt mich ob ich nicht doch noch ein Gepäckstück aufnehme das zu kontrollieren wäre. Ich gehe an ihm vorbei, nehme mein Kabel aus der Hosentasche,  sein Kollege, der drei Meter weiter vor dem Ausgang steht, macht mir Platz.
Kaum bin ich draußen gehe ich gleich an die Kaffee bar. Hier gibt es zwar keinen starken Mokka, aber ein Haferl Kaffee kann ich trotzdem vertragen. Aus der Reihe hinter mir höre ich die Frage:

"Wos machst denn du do?"

Bairisch - kein Serbisch und kein Schwäbisch/Alemannisch, was ich jetzt oft im Flugzeug hörte. Wieder Dahoam - wird mir bewusst. Ich drehe mich um, hinter mir steht ein ehemaliger Kollege den ich vom Taxifahren in München kenne. Vor drei Jahren, so weiß ich noch, hat er den Busführerschein gemacht und bei Autobus Oberbayern als Busfahrer zu arbeiten begonnen. Er hat auch die typische Busfahrerkrawatte um den Hals. 

"I kum grod aus Belgrad und fahr dann mitm Bus weida nach Minga."
 
"Dann fahrst glei bei mir mit." 

Nach dem Kaffee geht die Fahrt dann auch gleich los. Die Busfahrt von Memmingen nach München dauert mit einer Stunde und 20 Minuten genau so lange wie der Flug von Belgrad nach Memmingen. Am Hauptbahnhof verabschiede ich mich von meinem Ex-Kollegen. Wir werden uns sicher wieder am Flughafen München sehen.

Endstation Gundlkoferstraße
  
Ich nutze die U2, die bringt mich zum Hart. Dort steige in den Linienbus um, der mich zu meiner Bushaltestelle bringt. Jetzt habe ich nur noch die letzten 200 Meter meiner kleinen Reise vor mir. Nach über 1000 Kilometern einfach nur an der Bushaltestelle aussteigen und mit nichts weiter als einem Kabel in der Hosentasche nach Hause gehen - das hat was.
Das werde ich öfter machen, zumindest nehme ich mir das vor.