Dienstag, 28. Januar 2014

Sagen und Denken



"Grüß Gott!"

begrüße  ich die Dame die mir gerade zustieg.  Ich habe im Norden Schwabings einen Funkauftrag bekommen. Ich bin gerade an der Adresse stehengeblieben als mein weiblicher Fahrgast schon die Schiebetüre von meinem VW-Bus Taxi aufzieht. 

"Das ist ja schrecklich, so ein großes Taxi." sagt sie bevor sie sich gesetzt hat  

Ich denke mir; kann die nicht grüßen. Sage aber:
"Ja schrecklich solche großen Taxis. Ich hasse das auch."

"Schrecklich kalt ist es bei Ihnen. Wie können Sie das nur aushalten!?"

Das Ziel, die Guddenstraße, ist nicht weit. Zehn Minuten kann ich das Spiel mitmachen.

" Schlimm ist das, wie kalt das ist" 

Ich überlege schon anzuhalten und alleine weiterzufahren. Doch sie hat das Spiel verstanden.

"Ich hatte heute einen schlimmen Tag."  - das klingt schon fast entschuldigend. 

Katastrophe im Stadtverkehr - Autos vor einer roten Ampel


Ich komme gerade aus meiner Wohnung. Die fehlerhafte Installation des Vorbesitzers hat einen Wasserschaden in Höhe von mehreren Tausend Euro verursacht, für die wir aufkommen müssen. Gestern habe ich erfahren, daß ich unvermeidbar eine künstliche Hüfte bekomme. Ich bin um heute um 4:00 Uhr aufgestanden. Auf den Weg zu Ihnen hat meine kleine Tochter angerufen und mir eröffnet, daß Sie Mandelentzündung hat. Und sie hat einen schlechten Tag! - denke ich mir.
 
"Da vorne ist ja ein Stau - schrecklich!" höre ich von hinten aus dem Fahrgastraum
.
"Schrecklich, da vorne steht die Polizei." 

Vor dem Streifenwagen steht ein weißer PKW. Im Vorbeifahren erkennen wir wie zwei Polizisten mit dem Fahrer sprechen. 

"Was der wohl wieder angestellt hat - schrecklich!" 

Und schon ist die kurze Fahrt vorbei. 7,50 € stehen auf der Uhr. Zu den 50 Cent Trinkgeld bekomme ich sogar noch ein Lächeln. Ich kann es gar nicht fassen.

Sonntag, 26. Januar 2014

Klasse(n)Treffen



Andrea und Bettina haben sich richtig Mühe gemacht. Sie organisierten unser Klassentreffen im Oktober letzten Jahres in Baar-Ebenhausen.  Sie fanden die aktuellen Adressen der Schüler des Einschulungsjahrganges 1974. Das war vor bemerkenswerten vier  Jahrzehnten.
Über meine Eltern bekam ich Andreas schriftliche Einladung. Beginnen soll das Treffen mit einem katholischen Gottesdienst, danach war der Festsaal beim Alten Wirt für uns reserviert. Seit ich die bunte Einladung im Türfach meines Taxis spazierenfahre, tauchen immer wieder meine ehemaligen Schulkameraden vor meinem geistigen Auge auf - die Lehrer, das Schulhaus, der Schulweg.
Unser altes Schulhaus stand neben der Kirche, die wiederum, etwas ungewöhnlich für ein bayerisches Dorf, nicht genau im Zentrum, sondern etwas daneben steht. In der Mitte Baars steht eine uralte Kastanie, der Maibaum und der Alte Wirt.

Das Schulhaus wurde schon lange abgerissen, die dadurch entstandene Fläche ist jetzt der Vorplatz der Kirche. Auf der anderen Seite der Kirche, wurde schon in den 70gern ein modernes Pfarrzentrum gebaut. Und dort, vor dem Eingang des Pfarrzentrums, treffen wir uns. Ich stelle mein Taxi etwa dort ab, wo früher unser Pausenhof war. Mit einem Glas Sekt werden wir empfangen. Nach und nach wird unsere Gruppe immer größer. Jede(r) Neuankömmling wird herzlich begrüßt.  Selbst unsere Lehrerin, damals hießen die alle Fräulein, war gekommen. 

Hans, Roland, Andrea, Manfred, Bettina, Roberto, Birgit, Angelika, Jürgen, Sabine, Marianne, Richard, Helmut, ...  Viele erkenne ich sofort. Bei manchem ehemalig engsten Spiel- und Klassenkameraden.
Ein blauer Golf parkt auf dem Hof des Pfarrzentrums. Ein Geistlicher steigt aus. Ich erkenne ihn am schwarzen Hemd mit Collar. Ich achte auf das Kennzeichen und denke mir noch;  wieso ein Pfarrer bis aus Regensburg kommt um hier die Messe zu halten.  Wir begrüßen den Geistlichen der Reihe nach mit Handschlag. Als er schon zwei Handschläge weiter bei meiner Klassenkameradin ist, fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
"Jessas! Der Ronnie!"
rufe ich aus und schlage mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Alle lachen - Ronnie und ich am meisten.
"Ich hab mich schon gefragt,  wie lange das dauert."  
antwortet er lächelnd. Natürlich hat man mir in München zugetragen, daß der Ronnie jetzt auf Pfarrer studiert.  Und daß er seine Primiz in Baar auf dem Sportplatz hatte, war mir auch nicht entgangen - aber wer denkt den, daß ich einem Gottesdienst beiwohne, den mein Spielkamerad hält.
Aufmerksam, wahrscheinlich aufmerksam wie noch nie, beobachte ich den vertrauten Priester. Nebenbei lasse ich meinen Blick über die Gesichter in den Kirchenbänken schweifen. Wie früher haben sich die Mädchen auf die linken Bänke, vor dem Schrein mit der mumifizierten Leiche, vor der es uns alle gegraust hat, gesetzt. Wir Buama sitzen rechts und blicken auf den heiligen Sebastian, der an den Baum gebunden, von Pfeilen durchbohrt, flehentlich gegen das Kirchendach blickt.

Nach der Messe stellten wir uns zum gemeinsamen Foto auf. Drei Mal wechselten wir unseren Platz, bis Sonneneinstrahlung, Fläche und Hintergrund passten. Schließlich standen wir keine fünf Meter neben der flachen Mauer, auf der wir vor 40 Jahren für unser erstes Klassenfoto poussierten posierten.
Auf dem Weg zum Alten Wirt, kamen wir dort vorbei, wo früher das zweite Baarer Wirtshaus, das Scharfe Eck war. Beide Wirtshäuser kannten wir schon seit unseren Kinderfaschingstagen, an denen wir als Cowboy, Prinzessinnen, Indianer und Piraten, mit Spezi gestärkt, über die Tische sprangen und uns schreckliche Erbsenpistolengefechte lieferten.

40 Jahre vermögen nichts zu ändern - immer noch brav und hübsch

Unser Dorfladen, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie der offiziell hieß, aber wenn wir wir was überlebenswichtiges, wie unser Zehnerl-Eis oder Frigeo Ahoi-Brause in kleinen bunten Tüten, brauchten, kauften wir das bei der Mattel-Anne, gibt es auch nicht mehr.
Den Alten Wirt, das Ziel unseres vergnügten, kurzen Marsches, den gibt es noch. Dort gehen wir gleich in den ersten Stock, in den Saal, der uns vorbereitet ist. Die Tische sind zu vier großen Tafeln zusammengerückt. Wie in der Schule sitzen in Gruppen die alten Freunde und die Baarer und die Ebenhausener jeweils zusammen. Zum Schnitzel bestelle ich mir ein Bier. Ein Genuß, in der Mitte von Freunden, den Gerstensaft in großen Schlucken, die Kehle hinablaufen zu lassen. In München vergehen oft Monate in denen ich kein Bier trinke. Aber jetzt und hier muß es sein. Und wahrlich, es schmeckt mir und den anderen auch.

Auf meinem Handy wische ich durch die Fotodateien, bis ich auf die Bilder stoße, die ich von herkömmlichen Fotos abfotografiert habe. Da gibt es ein Bild von Hansi, Roland und mir als Feierwehrler. Da stehen wir 16jährig in graugrünem Drillich mit weißen Feuerwehrhelmen und schwarzem Nackenleder vor unserem damals neuem Feuerwehrgerätehaus gegenüber vom Baarer Sportheim.
Selbst gebackener Kuchen wird aufgedeckt. Auf zweien der Kuchen ist unser Klassenfoto von damals zu erkennen. Die Frau eines Klassenkameraden, die profimäßig bäckt, hat ein Gerät, das aus Lebensmittelfarbe alle erdenklichen Motive auf das Backwerk sprüht. 

Zu dem Bier kam später der Schnaps. Je später der Abend, beziehungsweise je früher der Morgen, desto mehr veränderte sich das Verhältnis zwischen Bier und Schnaps eindeutig mehr und mehr zu Zweiterem.
Auf der kleinen Bühne war ein Mischpult aufgestellt, das leidenschaftlich, ehrenamtlich bedient wurde. Jürgen, weit über die Grenzen unseres Dorfes als  DJ Gandi bekannt, übernahm zu fortgeschrittener Stunde das Kapitel Neue Deutsche Welle-> DjGandi versteht es uns mitzureißen. Lauthals singen wir alle mit. An den bekannten Stellen schiebt der Gandi die Regler nach unten. Selbst die, die unten draußen vor der Tür zum Rauchen stehen fallen mit ein.
"ICH GEB GAS; ICH WILL SPASS ...."
schallts über den Maibaum, über das Kriegerdenkmal und über unser altes Feuerwehrhaus.

Morgens, schön langsam ahnt man schon das Morgengrauen, aus der Zeitung lesen wir dann, daß es Fünf Uhr früh gewesen sein muß, machen wir uns auf den Heimweg. Zu Fuß, wir wohnen nicht weit. Ich bin nicht allein, ich habe einen Affen dabei. Als ich am nächsten Nachmittag mein Taxi wieder am Kirchplatz abhole, das da mutterseelenallein steht, ist der Affe schon wieder in den Auen der Paar verschwunden. Beim nächsten Klassentreffen wird er wieder auftauchen - so hoffe ich.    

Montag, 20. Januar 2014

Fairsuch



Seit myTaxi bekanntgegeben hat sein Provisionsmodel der Vermittlungsgebühren zu ändern, geht ein Sturm durch den Taxiwebwald. Eine Online-Petition wurde aufgerufen, auf Facebook fleißig kommentiert, in Foren diskutiert und selbst an den Taxiständen in München vergeht kein Tag an dem die neue myTaxi-Fairmittlungsgebühr kein Thema wäre.

Ich beschreibe nur meine ersten Fahrten, die ich heute mit dem aktuellen Update der App bekommen habe. Ich berichte meine ersten Praxiserfahrungen mit einer neuen Art der Provisionszahlung für Taxiaufträge.
Eingangs nur drei Sätze für die Leser, die nicht das Glück haben, Taxifahrer zu sein. myTaxi betreibt eine Plattform für Taxikunden und Taxifahrer. Taxikunden können über die App ein Taxi bestellen. Der Taxifahrer, der dann den Auftrag bekommt, bezahlte dafür eine Provision in Höhe von 79 Cent netto. Völlig unabhängig ob er Herrn Xaver Gruber für 9,80 € zum Stammtisch zum Postwirt oder die Familie Dr. Schrauder von Grünwald über die Ostumgehung für 121,40 € zum Flughafen gebracht hat. Bis myTaxi Anfang Januar die Fairmittlungsgebühr ankündigte. Ab 1.Februar können die Taxifahrer zwischen 3 und 30% Provision an myTaxi bieten, wenn sie einen Auftrag bekommen.  Den Zuschlag bekommt der Fahrer, der die höchste Provision bietet. Der Aufschrei aus dem Gewerbe war groß. Eine Woche darauf senkte myTaxi den höchstmöglichen Provisionssatz von 30 auf 15%. 

Nichts bieten die Kollegen - noch Nichts
 
Heute Abend um ca. 17.30 Uhr öffnete ich am ICM Taxistand an der Neuen Messe meine myTaxi-App. Es erscheint ein Hinweis, daß ein neues Update zur Verfügung steht, daß ich sofort auf meinem Handy installiere. Auf dem Bildschirm sticht sofort ein waagrechter Balken mit Schieberegler ins Auge. Ganz links sind 3% und rechts sind 15% auf der Skala markiert. Beim Verschieben des Reglers wird zentral der aktuell eingestellte Prozentsatz angezeigt. Ursprünglich steht der Regler exakt in der Mitte auf 9%. Ich belasse es dabei. Keine zwei Minuten später, kommt schon der erste Auftrag. Ich fahre rüber nach Dornach zum NH-Hotel am Einsteinring 20. Ich hole einen jungen Warschauer ab. Er betreibt in Warschau zwei Modeboutiquen und will morgen bei Escada in Dornach einkaufen und ordern. Er ist zum ersten Mal in unserer Stadt und will sich am Abend noch die Modegeschäfte anschauen. Er kennt den Klassiker und will zur Leopoldstraße. Ich gebe ihm den Tipp, daß er in der Maximilianstraße besser aufgehoben wäre. Als ich ihm die Marken nenne, folgt er meinem Rat. Während der Fahrt bemerke ich auf der myTaxi Maske, daß das Symbol Bezahlen aktiviert ist. Ganz unten rechts die aufgestapelten Münzen auf orangefarbenen Grund, die wir von den myTaxi - Payment Fahrten kennen. Am Ziel angekommen bezahlt er mit Trinkgeld 23,-€. Die gewünschte Quittung stelle ich ihm wie gewohnt mit der Hand auf meinem Quittungsblock aus. Ich bitte ihn noch kurz im Taxi zu bleiben. Ich habe am Standplatz irgendwo aufgeschnappt, das der Fahrgast den Fahrpreis bestätigen muß. Kann sein, daß ich ihn dazu noch brauche. Ich tippe auf das beschriebene Icon. In dem Feld trage ich den Fahrpreis ein und bestätige. Es erscheint ein Fenster mit Anfang und Ende der Tour. Der Pole schaut mir interessiert über die Schulter. Ich bestätige zum zweiten Mal und bin wieder frei zur Vermittlung. Ich wünsche meinem Fahrgast noch einen schönen Abend. 

Ich erkenne zum ersten Mal ein schwarzes Feld. Auf dem wird angezeigt 9 % bieten Kollegen. Ich schiebe den Regler auf 10 % wende und fahre die Maximilianstraße stadtauswärts. Nicht lange, denn am Vier Jahreszeiten winkt mich der Portier heran. Eine große arabische Familie zum Westin Grand Sheraton Hotel. Ich schalte meine App ganz aus. In Bogenhausen, die Araber sind ohne einen Cent Trinkgeld ausgestiegen, öffne ich die App wieder. - bieten die Kollegen bekomme ich angezeigt. Ich kann mir das so erklären: In der Stadtmitte hatten viele meiner Kollegen ebenfalls gerade eben die neue App geöffnet und die voreingestellten 9% automatisch übernommen. Hier in Bogenhausen gibt es noch keine aktiven myTaxi - Fahrer, deshalb das - in dem Feld - bieten die Kollegen. Das - bleibt bis ich vor dem Marriott in Schwabing bin. 

erscheint bei jedem Auftrag
Meinen Regler habe ich nach ganz links auf 3% gesetzt. Wieder nur nach einer kurzen Pause bekomme ich den nächsten Auftrag. Ein Paar aus Osnabrück will von der Theodor-Dombart-Straße zum Augustiner am Dom. Am Ziel, die Gäste wollen und bekommen wieder eine klassische Quittung ausgestellt. Nur jetzt kann ich mich in aller Ruhe der Anzeige nach dem Bestätigen auf dem Bezahlen - Icon widmen. Alles ist genau erfasst. Abfahrts- , Zielort, Uhrzeit, Steuersatz - ich kann mir vorstellen, daß die Kunden, die ihre e-Mail Adresse angegeben haben, dorthin Ihre Quittung bekommen. Nur dann hätten die Kunden ja zwei Quittungen. Jetzt stelle ich den Regler auf 5%. Vor dem Bayerischen Hof stehen nur zwei Kollegen. Ich mache den Dritten, bekomme eine Dame als Einsteigerin mit Fahrziel Mandarin Oriental. Verwegen schiebe ich den Regler auf waghalsige 12% und fahre los. Bereits in der Ludwigstraße bekomme ich das nächste Fahrangebot ich lehne schnell ab und schalte die App aus. Nachdem ich in der Altstadt wieder frei bin, aktiviere ich die App wieder, diesmal senke ich mein Angebot auf 5%. Die Kollegen bieten 3%. Auf der Ludwigsbrücke kommt der nächste Auftrag. Motel One, Rablstraße 2, ein myTaxi - Stammkunde. Die Dame bringe ich in die Bayerstraße zum Mathäser - Filmpalast. Sie hat sich dort mit ihren Freundinnen zum Film verabredet.  Noch in der Bayerstraße schließe ich die App für heute 6% bieten die Kollegen ist das letzte was ich noch erkennen kann.  Meinen letzten Auftrag bekomme ich dann über Datenfunk von der eG. Sieben Personen mit Kinderwagen vom Bayerischen Hof zum Marriott. Das soll mein Heimatstich sein. 

Wie das mit den (doppelten?) Quittungen bei myTaxi in Zukunft funktioniert ist mir noch nicht ganz klar. Eigentlich soll die Versteigerung erst am 1.Februar beginnen. Berechnet mir myTaxi jetzt schon die prozentuale Provision oder noch die 79 Cent? Hatte meine Spielerei mit dem Prozentregler schon Auswirkung auf die Auftragsvergabe? Oder war mein Versuch auch gleichzeitig ein Fairsuch für myTaxi?

Ich erlaube mir hier keine Wertung über gut oder böse, fair oder unfair, ich habe versucht neutral zu berichten und zu beschreiben wie die neue myTaxi-App heute bei mir funktioniert hat. 

Samstag, 18. Januar 2014

Jeder verdient das was er bekommt ...



Jetzt habe ich schon lange nichts mehr hören lassen. Der vorherrschende Grund mag darin liegen, daß ich als Schriftführer ein Protokoll führen muß. Immer wenn ich den jungfräulichen, weiß-strahlenden Bildschirm mit der Word-Maske vor mir habe und mit Lust schreiben will, drückt mich mein Gewissen, weil ich noch die unselige Pflichtschreiberei vor mir habe. 

Neues und Interessantes gibt es nach meiner zwei Monate währenden Schreibpause genug; ich bastle gerade an einer neuen Homepage, nahm an einem Klassentreffen und sechs Weihnachtsfeiern teil, fasste an Neujahr muntere Vorsätze, habe die Ursache für meine jahrelangen Knieschmerzen entdeckt, beobachte die umstrittene Fairänderung bei der Auftragsvergabe von myTaxi und nicht zuletzt hat mir -> Sash aus Berlin einen zukünftigen Kollegen vermittelt, der mit der Frage ob man in München mit Taxifahren 1.600,- € netto verdienen kann, an ihn herangetreten ist.

Die e-Mail mit der Bitte um Auskunft blieb bisher von mir unbeantwortet. Darum wird das Thema gleich hier und jetzt angegriffen.

Taxifahrer in München erhalten, wie in allen deutschen Großstädten, einen Prämienlohn. Die Höhe des Lohns ist vom erzielten Umsatz abhängig.  Ob eine Bezahlung in dieser Form bei der Personenbeförderung überhaupt ist, steht auf einem anderen Papier. Den auch in unserem Gewerbe diskutierten Mindestlohn lasse ich außen vor. Dem Kollegen und den Lesern ist mit einer praxisnahen Auskunft mehr gedient.
Als wir noch Taxifahrer beschäftigten, in den fetten 90iger Jahren, bezahlten wir 50% vom Bruttoumsatz. Dazu kamen noch Prämien die hohe Umsätze und Kilometerschnitte belohnten.

In den Taxametern sind Speicher, die die aufgelaufenen Werte wie Gesamtkilometer, Besetztkilometer, Zuschläge, Touren und Gesamtumsatz anzeigen.  Beginnt der Taxifahrer seine Schicht, kontrolliert er den Schichtzettel auf dem der Fahrer vor ihm die Stände, bei uns waren es nur Gesamtkilometer und -umsatz, eingetragen hat. Am Ende der Schicht, bevor der Taxifahrer das Taxi wieder abstellt, schreibt er die Uhr ab. Er trägt auf seinen Schichtzettel die aktuellen Stände ein. Aus der Differenz ergibt sich sein Umsatz und somit sein Verdienst. Seinen Anteil behält sich der Fahrer ein und den Unternehmeranteil übergibt er dem Cheffe zusammen mit dem Schichtzettel. So bekommt er seinen Bruttolohn täglich ausbezahlt.
Um es nicht noch komplizierter zu machen, will ich das aufwändige Ermitteln der sozialversicherungsfreien Zuschläge für Arbeit während der Nacht und an den Sonn- und Feiertagen, nur erwähnen.
Der Steuerberater, der in der Regel die Lohnkonten führt, empfängt in den ersten Tagen des Monats ein Fax mit den Löhnen der Fahrer. Zurück kommen in jeweils zwei Ausfertigungen die Lohnabrechnungen des vergangenen Monats.
  
Die gesamten Sozialversicherungsbeiträge, also die Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteile, werden von der AOK vom Konto des Betriebs eingezogen und an die verschiedenen Sozialversicherungsträger verteilt.
Wenn der Fahrer seinen Lohnnachweis bekommt, muß er noch seine Soziale bezahlen. Die Technik und die Aufteilung des Umsatzes haben sich während der letzten Jahre geändert. Es gibt zum Beispiel inzwischen ein  Key-System von der Firma HALE die den Umgang mit den Schichtzetteln erleichtert. Dabei wird die Uhr mit einem Chip ausgelesen und die Daten digital gespeichert. 50% vom Umsatz, wie früher üblich, werden auch nur noch selten bezahlt. Aber grundsätzlich wird der Lohn so ermittelt wie beschrieben.  Die Taxiunternehmen bezahlen im Moment in München zwischen 35 und 50%. Manchmal ist dabei auch der Anteil vom Nettoumsatz, also Bruttoumsatz - 7% Umsatzsteuer, gemeint.

Kleinanzeige in Münchner Tageszeitung Januar 2014


Die Verdienste der Taxifahrer sind sehr verschieden.  Bei einem Acht-Stunden-Tag und freiem Wochenende wird es schwer die erwähnten 1.600,-€ zu erzielen. Möglich wird es bei einer üblichen Zwölf-Stunden-Schicht und einer Sechs-Tage-Woche. Wenn man (noch) keine Kunden hat, ist es am Tag schwieriger als in der Nacht. Taxifahrer sind Dienstleister - das Kapital eines Dienstleisters sind seine Kunden. Ich hörte mal eine Kollegin am Taxistand im Tal sagen;

"Taxifahren ist noch der letzte Cowboyjob den es gibt."

Damit hat sie recht, wenn das Cowgirl oder der Cowboy über die Runden kommen will. Wenn allerdings eine Familie in München mit Taxifahren zu ernähren ist, funktioniert das Model nicht.

Wer ernsthaft Taxi fährt, funktioniert auf die Minute. Ob eine Lieferung eine Viertelstunde früher oder später eintrifft ist in vielen Fällen vernachlässigbar. Wenn der Kunde allerdings zum Zug, Flugzeug, Arzt oder Geschäftstermin muß und auf dich wartet, zählt Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Wenn dich dann dein letzter Kunde länger als geplant beansprucht, oder das Flugzeug später als geplant landet, oder das Gepäck am Band wieder länger dauert, oder die letzte Fahrt genau an das entgegengesetzte Ende der Stadt führt, oder, oder ... (alles Faktoren auf die der Fahrer keinen Einfluß hat) wird es eng.
Es ist nicht Jedermanns Sache im dichten Münchner Verkehr mit Blick auf den Minutenzeiger der Uhr zwischen Amateuren langsam vorwärts zu kriechen und dabei gelassen zu bleiben.

Der erste Kunde des Tages will um 4:30 Uhr zum Flughafen gebracht werden. Das heißt für dich um 3:30 Uhr aufstehen. Der letzte Kunde landet um 21:10 Uhr, dann bist du, wenn alles gut geht um 23:00 Uhr wieder zuhause. Deine Kinder siehst du tagelang nicht, obwohl du mit deiner Familie in einer Wohnung wohnst. Von der weiten Prärie kannst du auf dem Parkplatz träumen, wenn du dir auf der nach hinten geneigten Lehne des Fahrersitzes deinen nötigen Schlaf holst.  Dann allerdings kannst du deine 1.600,-€ vervielfachen. 

Die Entscheidung liegt bei dir!