Freitag, 28. Februar 2014

Echt - Unecht



Zur Abwechslung kommt mal wieder eine Taxigeschichte von vor meinem Krankenhausaufenthalt.
Münchner Taxibusfahrer, die wie ich oft in Schwabing oder Milbertshofen unterwegs sind, kennen sie alle, die Rumford-Kinder. Das sind natürlich nicht die echten Kinder des Amerikaners Benjamin Thompson, des späteren Graf von Rumfords. Der liegt seit 1814 auf dem Cimetiére d´Auteuil in Paris begraben und seine Kinder weilen sicher auch nicht mehr in München. 


Auftragsschein Rumfordschlössl 14,10 €
Unsere Taxi - Rumford - Kinder sind die Schüler der Wilhelmschule in Schwabing, die zur Nachmittagsbetreuung in das Rumfordschlössl in den Englischen Garten gebracht werden. So circa um 12:40 Uhr geht die Vorbestellung über den Datenfunk raus. Den Taxibusfahrern, denen der Auftrag zugeteilt wird, bekommen eine Liste mit den Namen der Schüler, die sie zu befördern haben, auf das Display. Die Strecke von der Wilhelmstraße über die Franz-Joseph-Straße, Martiusstraße ist mit 1,3 Kilometer nicht weit. Im ersten Moment freuen sich die wenigsten Taxifahrer über diesen Auftrag. Zunächst muß man mit dem Taxibus in den engen Hinterhof der Schule. Die dort geparkten Autos machen die Sache auch nicht leichter. Wenn dann noch in der Pausenzeit die Schulkinder umanand wuseln muß vorsichtig rangiert werden. Es empfiehlt sich die Namen der Kinder vom Datenfunk auf einen Notizzettel abzuschreiben, so kann man die Namen einzeln abhaken. Am Ziel, dem Rumfordschlössl, begleitet man die Kinder in die Tagesstätte und bekommt dann von der Betreuerin den unterschriebenen Auftragsschein ausgehändigt. Wenn man den Auftrag im vorbeifahren erledigen kann ist es noch erträglich. Bekommt man den Auftrag nach einer Stunde Wartezeit, die Ausführung dauert dann noch mal eine halbe Stunde, hat man so um die 15,- € Bruttoumsatz in eineinhalb Stunden. Den Auftragsschein gibt man in der Zentrale ab, die behält sich 4% brutto für die Bearbeitung ein, und der Betrag wird dann dem Konto des Taxifahrers gutgeschrieben. Viel Aufwand für wenig Geld. Wäre der Auftrag lukrativ, hätten sich sicher schon feste Fahrer dafür gefunden. So aber muß der Auftrag an jedem Schultag neu vergeben werden. Und so kam ich im Januar an diese Fahrt.
Ich parke gerade rückwärts vor der Schultüre im Hof, als der zweite Taxibus kommt. Den Fahrer Niko kenne ich auch schon seit Jahren. Mit unseren Namenslisten in der Hand stehen wir, wartend auf den Schlußgong, zwischen der Schultüre und unseren Taxis. Die Kinder sind schon alle Profis als Taxifahrgäste, obwohl immer wieder neue Fahrergesichter auftauchen, erkennen sie uns sofort als Taxifahrer. Wir müssen auch nicht lange nach unseren kleinen Fahrgästen und ihren Namen fragen.

"Ich bin der Maximilian aus der 2a. Darf ich vorne sitzen?"

"Ich bin der Celik aus der 1b. Darf ich vorne sitzen?"

"Ich bin die Anne aus der 2a. Darf ich vorne sitzen?"

Dabei legen sie ihre bunten Schulranzen brav in den Kofferraum. Die Mitarbeit der Kleinen kann man nur loben. Das erleichtert uns die Arbeit unter den herausstürzenden Klassen ungemein. Heute fahre ich sieben Kinder. Einer darf vorne sitzen. Die jeweils sechs auf der zweiten und dritten Sitzreihe lamentieren. 

"Aber... Warum...Die war doch gestern schon...Immer der... Ich nie..."

Zwei Taxibusse fahren in den Englischen Garten

Über die Thiemestraße fahren wir in den Englischen Garten. Für diesen Fall haben wir eine Sondererlaubnis. Am Schlössl angekommen arbeiten die ABC -Schützen artig mit. Ich brauche nur die Schiebetüre und den Kofferraum zu öffnen. Sie befreien sich aus ihren Gurten und Kindersitzen, schnappen sich ihre Ranzen und rennen in die Tagesstätte. Wir Fahrer können dabei getrost zusehen. In der Mitte des Parks sind wir fernab von jedem Straßenverkehr. Niko und ich warten in bis uns die Betreuerin jeweils unsere gelben Auftragsscheine geben. Wir gehen gerade die Treppe hinunter als ich zu Niko sage; 

"Jetzt waren wir gerade bei einem Amerikaner im Wohnzimmer"

Das war aber ein gscheider Schmarrn! Rumford steckt hinter fast allem was in Bezug auf Militär im 18.Jahrhundert im Englischen Garten passierte. Von daher dachte ich er wäre  auch der Bewohner unseres Rumfordschlössels. Er hat den Bau 1790 aber nur initiiert. Gebaut hat das Offizierskasino der Architekt Johann Baptist Lechner. Wenn ich herausfinde wo der Rumford in München gewohnt hat, werde ich einen eigenen Post über ihn schreiben. Er scheint ein illustres und für München nicht unbedeutendes Leben geführt zu haben. Ich denke da zum Beispiel an die Wärmelehre, den Rumfordofen und die Rumfordsuppe.  Sicher war Rumford öfter in dem 1791 fertiggestellten Kasino. Gewohnt hat er da aber nicht.
Die Kinderbetreuungsstätte wird jetzt vom Kreisjugendring betreut.

Die echten Rumford-Kinder, oder vielmehr das echte Rumford-Kind, denn er hatte nur eine Tochter, heißt Sarah und ist am 18.Oktober .1774 in Portsmouth (New Hampshire) geboren. Eine Information für unsere Gäste aus den U.S.A., die wenn sie eine Europareise machen, oft historisch interessiert sind; sie war die erste Amerikanerin mit einem vererbten Grafen-Titel. Sarah Thompson Gräfin von Rumford.  


Mittwoch, 26. Februar 2014

BBBB



(Bye Bye Barmherzige Brüder)

"Entweder nach Garmisch oder zu den Barmherzigen." 

das war die meistgehörteste Antwort auf meine Frage wo man sich am besten die Hüfte operieren lässt. Ich entschied mich für die Barmherzigen Brüder in München in der Romanstraße. Jährlich werden dort über 1.200 (!) Hüften eingepflanzt. Die Chirurgen dort müssen ja die Profis sein. Feige entscheide ich mich für die Vollnarkose. Mein späterer Bettnachbar überstand die gleiche Operation nur mit einer Spinalanästhesie.  Anders als bei einer Vollnarkose, bleibt dabei der Patient dabei bei Bewusstsein und die Nerven sind ab dem Rückenmark betäubt. Mutig erzählt er wie er die Säge hörte, die ihm den Oberschenkelknochen durchtrennte, die Vibrationen beim Fräsen der Hüfte bemerkte, den Druck spürte als die Titanpfanne eingepresst wurde. Er erzählte alles, jeden Besucher den er empfing, bis zum Klammern der Operationswunde. Ich kann nicht mit einem solchen Operationsbericht aufwarten - Zum Glück. Mir grauste es schon vom Zuhören. Ich bin ganz unspektakulär einfach aus der Narkose aufgewacht und hatte noch einen Tag mit Schwindel und Übelkeit zu kämpfen. Irgendwann lag einfach ein Endoprothesenpass auf meinem Nachttisch. In dem Pass sind alle vier Bauteile meiner Prothese wie in einer technischen Zeichnung neben einer genauen Materialbeschreibung aufgelistet. 

Die Woche im Krankenhaus verlief langweilig. Tagsüber liege ich im Bett. Mein linkes Bein ist in einer Schiene fixiert. Jede noch so kleine Bewegung schmerzt. Mir ist es unangenehm mir jeden Handgriff abnehmen zu lassen. Nichts kann ich alleine machen. Selbst für den Toilettengang brauche ich Hilfe. Ich genese schnell. Am zweiten Tag kommt eine Physiotherapeutin, die mir die ersten Schritte mit den Krücken beibringt. Den Kniff, den ich von ihr habe, die "kranke" Hüfte beim Aussteigen aus dem Bett mit dem gesunden Bein zu unterstützen, wende ich jetzt noch an. Jeder der im Krankenhaus ans Bett gefesselt war kann bestätigen welch Segen es ist, das erste Mal alleine auf die Toilette zu gehen oder zu duschen.
Die Langeweile vertreibe ich mir mit dem Archäologischen Jahrbuch und der Süddeutschen. Während der letzten Tage schaue ich mir auf meinem Smartphone  mit Kopfhörer Filmchen auf Youtube an. Ich konnte mich auch über viel Besuch freuen.

Letzter Blick aus dem Zimmer zu einem der Rondellbauten des Nymphenburger Schloßes

Bei meiner Abfahrt sitze ich angekleidet neben meinem Gepäck im Krankenzimmer. Ein letzter Abschied von meinen beiden Zimmergenossen. Edi, der Fahrer des Fahrdienstes medico, kommt pünktlich. Er packt mein Gepäck auf die Liege die er vor sich her schiebt. Ich kann ohne Probleme mit den Krücken gehen. Obwohl Liegendtransfer angeordnet war, kann ich im Auto einfach auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Edi fährt auch Patienten einer Einrichtung in Germering. Von daher kennt er auch Thorsten von -> Taxi Hempel und einen unserer Vorstände der Taxi München eG. Bei strahlendem Sonnenschein fahren wir über die Autobahn Richtung Salzburg nach Bad Aibling. Ich bin schon neugierig auf meine Reha-Klinik. Dort werde ich, fern von München und Taxi, meine nächsten drei Wochen verbringen.  

Dienstag, 25. Februar 2014

Zufälle



Zum dritten Mal bin ich jetzt hier im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in München. Seit ich den Entschluß  gefasst hatte, mich operieren zu lassen, war es immer freitags um 8:10, daß ich mich in dem Krankenhaus einfinden musste.
Die künstliche Hüfte muß rein. Seit drei Jahren schon hinke ich durch die Münchener Taxilandschaft. Ständig begleitet von mal mehr und mal weniger Schmerzen im linken Knie. Natürlich habe ich es mir nicht leicht gemacht; mit vielen Orthopäden, Leidensgenossen und Kollegen gesprochen. Schließlich habe ich mich auch schon zwei vergeblichen Knieoperationen unterworfen.

Besonders bedanken und entschuldigen möchte ich mich bei dem fahrenden Taxigesundheitskompetenzzentrum, das jeden Morgen am Terminal 2 tagt, und bei zwei Kolleginnen. Bedanken, für ihre Energie die sie für mein orthopädisches Problem eingesetzt haben.  Entschuldigen dafür, daß ich Ihren konkreten Hinweisen und Ratschlägen nicht immer gefolgt bin, um mich vor der Operation zu bewahren.  Das Leben hat mir keine Freude mehr gemacht. Alles was mir Spaß brachte, konnte ich nur noch unter Schmerzen überwältigen. Bei jedem Schritt überlegte ich mir, ob er denn auch nötig sei. Die mitleid- und vorwurfsvollen Gesichter meiner lieben Frau und Töchter gaben dann noch den letzten Ausschlag. Schluß mit dem Selbstbetrug! Es wird nicht besser. Auch wenn ich jetzt sofort auf der Stelle 30 Kilogramm abnehmen würde (was mir unbestritten ungemein nutzen würde), könnte das den zerstörerischen Prozeß, der sich in meiner linken Hüfte entwickelte, nicht mehr aufhalten.
Ein Röntgenbild brachte mir den ernüchternden Befund. Während meiner inzwischen jahrelangen ... habe ich viele Röntgenbilder und CT - Aufnahmen gesehen. Nur die waren von meinem Knie. Und genau diese hätte ich mir wie die vergangenen Arztbesuche und Operationen sparen können.
Das Röntgenbild, das jetzt am Leuchtkasten in der orthopädischen Praxis in der Ottobrunner Straße hängt, war anders - es war das erste Bild von meiner Hüfte.
Erst vor zwei Jahren habe ich, im Fach Kynologie zur Vorbereitung auf die Jägerprüfung, Bilder von Jagdhunden gesehen, die von Geburt an Hüftgelenkdysplasie geschädigt waren. Ich muß kein Mediziner sein, um meine eigene HD auf dem Röntgenbild zu erkennen. Die Pfannen meiner Hüfte, in denen die Kugel des  Hüftgelenks ruht, sind viel zu flach. Der Übergang zwischen den Oberschenkelknochen  zu der Kugel des Gelenks ist zu gerade und steht zu senkrecht in der Pfanne. Als Folge lastet mein zu schwerer Körper nur auf einen kleinen Teil der Pfanne und der Kugel. Dort im Zentrum des Druckpunkts konnte ich schon, abstrahlend auf Hüfte und Oberschenkelknochen, einen leichten Schatten auf dem Röntgenbild erkennen.
Ein zweiter in München bekannter Orthopäde, ebenfalls Jäger, beurteilte eine Woche später das Röntgenbild so; 

"Ja, Ja ... Do ... HD ... wia bei de Jagdhund."

"Au weh! I siegs scho ..."

"De ham aba vier Fiaß."  der Arzt hat Humor.

So ist es also gekommen. Mein letzter Freitagstermin vor meiner OP. Zunächst werde ich angemeldet, über die Risiken aufgeklärt, geröntgt und noch einmal von der Anästhesie befragt und untersucht. Es bleibt nur noch eines, ich soll mich noch in der Station melden, in der ich nach der Operation eine Woche verbringen werde. Ich fahre mit dem Aufzug in die 1-1 in den ersten Stock und warte dort geduldig vor der Tür des Schwesternzimmers. Ein Arzt in weißem Kittel kommt von hinten und will ebenfalls in das Schwesternzimmer. Als er direkt neben mir zu stehen kommt ist unsere Überraschung groß. Es ist ein ehemaliger Taxifahrer, der bei uns gefahren ist. An Ort und Stelle wärmen wir die alten Geschichten auf. Beide waren wir nachts mit dem Taxi unterwegs und der frühe Morgen nach der Schicht bot ausreichend Raum für allerlei Blödsinn.
Während des Taxifahrens hat er mit seinem Medizinstudium begonnen. Als Vesna und ich ihn das letzte Mal sahen, es war bei einer von Sandors Geburtstagsfeiern im Enchilada in der Gabelsbergerstraße, hatte er schon eine Anstellung im Krankenhaus Ebersberg. Umso mehr war ich erstaunt ihn hier in München in einem Krankenhaus zu treffen. Der Zufall will es, daß er während des Februars und nur in diesem Monat, dazu noch ausgerechnet auf dieser Station bei den Barmherzigen Brüdern eingesetzt ist.
Zuhause kann ich meiner Frau gleich seine besten Grüße bestellen. Ich habe auch nicht vergessen vorher noch beim Floristen ein paar Rosen binden zu lassen. Schließlich ist Valentinstag.

Hirschgeweih aus Plastik in der Tankstellenauslage

Das Protokoll für die nächste Sitzung muß unbedingt noch fertig werden. Ich will meinem Stellvertreter den USB-Stick mit der Datei am nächsten Tag am Taxistand übergeben, wer weiß, ob ich an der nächsten Sitzung im März teilnehmen kann. Ich bin gerade dabei den letzten Tagesordnungspunkt zu tippen, als mein Telefon läutet;

"Fährst du heute?"

Ein ehemaliger Kollege und Freund braucht ein Taxi. Ich beende so schnell als möglich mein Protokoll und hole ihn am Sendlinger Tor ab. Ich sehe ihn schon an der Bushaltestelle stehen. Als er mein Taxi unter der Reihe wartender Autos an der roten Ampel erkennt, humpelt er auf mich zu. Ja er humpelt. Er hat sich heute bei einem Sturz während seiner Arbeit verletzt. Mit dem dicken, unförmigen, modernen Plastikgestell am linken Fuß ist er nicht fähig Auto zu fahren. So beschert er mich am Abend noch mit einer unerwarteten weiten Fahrt ins tiefste Land östlich von München. Wir Leidensgenossen verbringen dann dort noch den ganzen Abend. Er gibt mir noch Das archäologische Jahr in Bayern 2012 , eine zweihundertseitige Jahresschrift, mit. Beim Abschied, in meinem Tachofeld leuchtet schon die rote Zapfsäule, frage ich ihn noch, wo ich so spät in der Nacht noch tanken könne. Er verweist mich auf die JET - Tankstelle in Eglharting, an der auf dem Weg zurück nach München sowieso vorbeikomme. Ich setze zurück und er deutet noch auf den Aufkleber des Bayerischen Jagdverbandes an der Windschutzscheibe.
Eine halbe Stunde später, tanke ich an der JET. An der Kasse steht ein Mann. Ich habe leise Zweifel. Ist er es oder ist er es nicht? Ich spreche ihn an.

"Entschuldigens. Ham sie wos mit der Jagarei zu doa?" 

"I hob mas scho denkt, sie schaun so jagarisch aus." 

antwortet der Herr, obwohl ich doch nur meinen Trachtenjanker anhabe. Es ist Prof. Dr. Jürgen Vocke, der Präsident des Bayerischen Jagdverbandes. Genau des Verbandes auf dessen Wappen vor 30 Minuten mein Freund gedeutet hatte. Langsam beginne ich über Zufälle nachzudenken. Ob etwas dahintersteckt? Ob es sie überhaupt gibt, oder was das für meine bevorstehende Operation bedeutet. 

Aber auch dem Präsidenten ist heute etwas Seltsames wiederfahren und er kann davon berichten;
"Wissens, ich kum grad von Wunsiedel (dort unterhält die Landesjagdschule einen Ausbildungsort),dort wollt ich mich mit dem Landwirtschaftsminister treffen - ist der nicht mehr da!"   

Samstag, 8. Februar 2014

Zirkus Krone - Dynastien und gekrönte Häupter



Der schwarze Mercedes mit dem heimatlich vertrauten PAF  -  Kennzeichen biegt in die Tankstelle ein. Am Steuer sitzt Roberto, mein Schulfreund, der einen -> Karussellverleih in München betreibt. Wir haben uns hier verabredet um einen ganzen Tag unter dem Stern des Zirkus zu verbringen.

Der Höhepunkt wird eine Sonderfahrt mit der Straßenbahn und der Besuch des Circus Krone sein, zu dem wir Drei, zusammen mit Oliver,  von der -> Sektion München der Gesellschaft der Circusfreunde e.V. eingeladen wurden.

Schick haben wir uns gemacht. Wir wollen unseren Gastgebern auch zeigen, daß wir ihre freundliche Einladung zu schätzen wissen. Auch das Wetter spielt mit. Die Sonne strahlt durch die breite Glasfront der Tankstelle, in der wir im schwarzen Anzug, unseren ersten Kaffee genießen.
Wir haben uns telefonisch bei Oliver angemeldet, in einer halben Stunde holen wir ihn ab. Ganz in schwarzem Zwirn, im schwarzen Benz fahren wir als "Men In Black" (Vergleich von Roberto) über den Mittleren Ring.

Oliver schlägt vor, daß wir ins Troja, ein griechisches Lokal in Laim, gehen. Kaum sitzen wir bei Fischplatte und Bifteki am Tisch, bekommen wir schwarz-weiß Fotos von Artisten aus zwei Jahrhunderten zu sehen. Auf seiner Facebook - Seite könnt ihr die Bilder sehen. Wenn ihr Daten zu den gezeigten historischen Personen habt, könnt ihr -> dort auch Oliver bei seinen Recherchen unterstützen.  Er  kann sogar eine Verbindung von seiner Familie Stey zu Robertos Familie Höllenreiner aufzeigen. Der Sohn dieser Ehe war Hochseilartist. Auf dem entsprechenden Foto sehen wir einen Motoradfahrer mit Balancierstange ungesichert über ein gespanntes Seil fahren. Die Zeit vergeht wie im Flug und wir müssen uns beeilen, sollen wir doch um 15 Uhr zur Abfahrt der Tram am Effnerplatz sein. An der Haltestelle gesellen wir uns zu den rund hundert Besuchern der Jahrestagung der Circusfreunde. Wir erkennen sie an den Namensschildchen und an den Abzeichen die sie sich an die Brust geheftet haben. Ich begrüße Stefan, den Vorsitzenden der Münchener Sektion, ich kenne ihn von den Treffen im Rumpler. Gleich darauf erscheint Thomas, der uns Werner als einer der Sprecher in der Straßenbahn ankündigt. Die meisten Gäste kommen nicht aus München, viele Österreicher und Schweizer sind dabei, für sie ist eine kleine Stadtführung eine willkommene Gelegenheit einen groben Überblick über München und seine Geschichte zu bekommen.

Reinhold vor Tram von Roberto fotografiert

Oliver übernimmt den zirzensischen Part des Vortrags. Die Teilnehmer, ich denke es sind so einige Zirkusleute darunter, lernen jetzt detailliert die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen, in diesen Kreisen bekannten, Zirkus- und Artistendynastien im deutschsprachigen Raum kennen.  Die Bilder, die Oliver zur Illustration seines Vortrags in der Straßenbahn durchreicht, können wir schnell weitergeben. Beim Griechen haben wir eine Extraeinführung bekommen und dabei die Fotos schon ausreichend bewundert. Die Gäste im hinteren Waggon der Tram kommen nicht in den Genuss der Bilder, können aber über die Lautsprecheranlage Werners und Olivers Ausführungen folgen. 

Wir fahren durch Bogen-, Steinhausen, Lehel, über die Isar, Giesing , Harlaching bis zur Haltestelle Großhesseloher Brücke vor Grünwald. Nach einer kurzen Pause rattern wir zurück durch die Au, Glockenbachviertel, Stachus, Arnulfstraße, Neuhausen, Nymphenburg bis zur Wendeschleife am Schragenhof - Taxistand. Beim Überqueren des Schloßgartenkanals erklärt uns Werner, daß  keine königliche Dynastie so lange ohne Unterbrechung regiert hat wie die Wittelsbacher, außer dem Dänischen Königshaus. Ich dachte bisher, die Wittelsbacher wären die Rekordhalter. Die Dänen habe ich dabei vergessen.

Vor dem Augustinerkeller macht unser Fahrer Andreas ein Fahrmanöver das ich zum ersten Mal erlebe. Er parkt rückwärts ein - mit seiner Straßenbahn. Nachdem er die Weiche in der Arnulfstraße überquerte, stellt er sie um, setzt zurück und die Straßenbahn fährt jetzt rückwärts in die Zirkus-Krone-Straße. Kaum hat Andreas seine Bahn abgestellt, stellt er die Weiche wieder gerade. Darum haben wir uns an der Schragenhofstraße von der regulären Tram überholen lassen, damit wir mit unserer Aktion die Linie nicht behindern. 

Im Augustinerkeller wartet eine Brotzeit auf uns. Das Gesprächsthema am Biertisch ist die  im Anschluß folgende Premiere der zweiten Winterspielzeit des Circus Krone. Zwei Albinolöwen sollen gezeigt werden. Nein, das sind einfach weiße Löwen werde ich aufgeklärt. Auf einem Foto im Programm kann ich in die wunderschönen blauen Augen des edlen Tieres blicken.  Daß Kreuzungen aus Löwen und Tiger Liger genannt werden, habe ich auch erst hier gelernt. Es sind aber auch vier Taxifahrer am Tisch und das Thema wechselt in unsere auch fahrende aber hellelfenbeinweiße Zunft; 

"Weißt du noch wie dar XXX am Leonrodstand ... "
"Du kennst doch auch den Kaschperl, der wo am ..."
"Kannst du dich an den XXX erinnern, der ..."

Da spitzen die Zirkusleute die Ohren. Wir können auch mit Attraktionen aufwarten.  Vom Augustiner zum Zirkus sind es nur fünf Minuten.
In der Manege begrüßt uns der (Sprech-)Stallmeister Nikolai Tovarich. Früher dachte ich, es wäre immer der Zirkusdirektor der mit buntem Frack und Zylinder durchs Programm führt. Bestimmt ist das bei kleineren Zirkussen auch so. 

David Burlet kämpft mit den Schachteln

David Burlet aus Frankreich, Oliver der auch mein Sitznachbar ist, hatte erst vor zwei Tagen mit ihm gesprochen, macht den Anfang.  Er jongliert bis zu zehn Teller gleichzeitig auf Stäben. Scheinbar unbeholfen stolpert er um die Kartons zwischen den sich drehenden Tellern. 

"Schussel .... Schussel .... So ein Schussel"  

höre ich von einem Zuschauer hinter mir. David rutscht aus und fängt dabei einen fallenden Teller auf. Jetzt ist es allen klar; hinter der scheinbaren Unbeholfenheit steckt hartes Training.  
Während die Manege von den Requisiteuern umgebaut wird, taucht zum ersten Mal Francesco, der Musikclown aus Frankreich, auf und unterhält uns während des Umbaus.  

Sandra und Citta - zwei Elefantendamen

Zwei Elefanten trotten herein. Oliver raunt mir zu 

"Das sind afrikanische Elefanten. Die sind schwer zu dressieren."

Aber Erwin Frankello zeigt, daß es trotzdem funktioniert. Eine der beiden Elefantendamen kann sogar rechnen und die von  Kindern gestellten Aufgaben lösen. 

Das Duo Daring Jones aus den U.S.A. zeigt uns am Trapez wie Kraft und Eleganz vereint werden kann. Die Dame dreht in der Nackenschlaufe eine Pirouette, während ihr Partner mit den Kniekehlen an der Stange hängt.

Pavel Roujilo aus Moskau braucht nur wenig Requisite. Er kniet zwischen weißen Bällen und beginnt damit zu jonglieren. Die Bälle werden immer mehr. Als Höhepunkt wirft er neun Bälle gleichzeitig dur die Luft.
Jetzt kommt wieder Erwin Frankello. Diesmal hat er zwei kalifornische Seelöwen dabei. Itchy und Scratchy jonglieren alles was ihnen zugeworfen wird oder sie fangen Ringe auf. Eine seltene Nummer. Zum Abschluß füttert ein Seelöwe seinen Partner. Ich könnte mir vorstellen, daß Erwin etwas mit dem -> Zirkus Frankello zu tun hat, den wir vor drei Jahren besuchten. 

Zum ersten Mal in München ist der italienische Bauchredner Nicolodi. Er erweckt seine Puppe, Joselito aus Mechiiikooo, eine freche Maus mit angeknabberter Ohrmuschel, zum Leben. Lachend gehen wir in die Pause.

Als wir nach der Pause wieder Platz nehmen, hat sich die Manege in einen großen Käfig verwandelt. Nach kommen die gefährlichen Raubkatzen herein. Tom Dieck, der Dompteur, platziert die Tiere auf kleinen Podesten. Wir sehen die zwei weißen Löwen, die bengalischen Tiger und die Liger lebendig vor uns. Jeder ist beeindruckt von der Größe. Es ist schon lange her seit ich einen echten Tiger gesehen habe. Manchmal fauchen die Katzen bedrohlich wenn ihnen Tom zu nahe kommt. Oliver meint, das gehöre zur Show. Die Löwen und Tiger bilden eine Pyramide. Während des Höhepunktes der Darbietung sind neun Tiere gleichzeitig in der Manege. Während ein Tiger langsam im Laufrad geht, balanciert ein zweiter auf dem Laufrad vorsichtig mit. Nach der Vorstellung verlassen die Löwen und die anderen Katzen majestätisch das Zirkusrund durch den Käfiggang. 

Mit gekonnten Handgriffen bauen die Krone-Requisiteure den Käfig ab und machen Platz für Anastasia Mekeeva. Die Russin zeigt eine Luftakrobatik an Bändern unter dem Zirkusdach. Sie saß noch vor zwei Tagen mit David aus der ersten Nummer in seinem Taxi. Jetzt vollführt sie über tausend Augen den Aerial Tango. Bei einem ihrer Abfaller stockt uns der Atem - doch Anastasia fängt sich in der letzten Sekunde mit ihrer Ferse in einer der Schlaufen.

Pferdedressur mit sechs Falben von Jana Mandana (Sembach - Krone)

Sechs Falben galoppieren in den Ring. Anmutig steht Jana Mandana in der Mitte und dirigiert die Pferde. Sie drehen sich auf der Stelle, gehen langsam rückwärts oder tänzeln auf den Hinterläufen. Wir bekommen die Pferdedressur erstmalig zu sehen. 

Ein hohes treppenähnliches Gestell wird aufgebaut. Das Licht glimmt langsam aus. Scheinwerfer strahlen auf. Zwei Chinesen, das Duo Sai Ning, klettern im Handstand auf das Gestell. Einer der Beiden springt im einhändigen! Handstand die Treppe Stufe um Stufe hinunter und wieder zurück! bis nach oben. Gleich darauf wiederholt er das Ganze mit zwei Händen, balanciert aber dabei seien Partner auf dem Rücken. Die Beiden sind unglaubliche Kraftpakete.

Die Musik wird lauter. Die Beleuchtung heller. Die Stimmung ändert sich schlagartig. Eine zehnköpfige bunte Truppe aus Bulgarien, Brasilien und Rumänien stürmt in die Manege. Die Musiker, die meisten stammen aus der Ukraine, spielen eine Art moderne slawische Folklore. Ähnlich wie unser Krautrock, den ich jetzt öfter im Radio höre. Sie zeigen eine Schleuderbrettnummer. Zum Schluß stellen sich vier Künstler aufeinander. Zwei Artisten springen auf die Wippe und schleudern eine kleine Frau so weit hinauf, daß sie auf den Schultern des vierten Mannes zu stehen kommt. Ihren Flug hat sie noch mit einem doppelten Salto verfeinert.

Francesco, der uns zwischen den Nummern unterhielt, tritt für heute zum letzten Mal auf. Auf seinem Mantel hat er Metallplättchen auf denen er mit zwei Schlegeln das Lied My Way spielt. Der Stallmeister, diesmal mit schwarzem Frack, kommt hinzu und fällt singend in das Lied mit ein. Während des Liedes kommen die Künstler aus jeder Richtung von den Treppen der Zuschauerränge herunter und stellen sich in der Manege auf. Es beginnt ein tosender Schlußapplaus. Die Leute hören nicht auf zu klatschen. Die Künstler verbeugen sich nun schon zum xten-mal. Die Zuschauer stehen auf und klatschen minutenlang im Takt. Mit einem lauten Knall explodiert in der Kuppel ein Flitterregen. Tausend glitzernde Papierkreise regnen herunter. Ich kann in den Gesichtern der Akrobaten Rührung erkennen. Sie haben es verdient. Wir klatschen noch immer. Kawumm! die zweite Glitzerbombe ergießt sich.

Ich kann, auch im Namen von Oliver und Roberto, meinen tiefen Dank an Stefan und Thomas von den Münchnern Circusfreunden für diese Einladung ausdrücken. Roberto und ich haben uns schon abgesprochen, daß wir mit unseren Kindern in den Zirkus gehen müssen - aber wir werden lange suchen müssen, bis wir ein gleichwertiges Programm finden. Die gewaltige Raubtiernummer, oder die seltenen Seelöwen, die bunte Gruppe Fantasy mit dem Schleuderbrett ... jede Nummer für sich eine Attraktion. Aber wo finden wir das so geballt wie in dieser Vorstellung
.
Nach dem Zirkus und einem kurzen Fußmarsch treffen wir uns noch im Rechtaler Hof beim Hauptbahnhof. Irgendwie will niemand den Tag beenden lassen.  Dem armen Thomas wird vorher noch ein kleiner Stein in den Weg gelegt. Der Fahrer des Busses, der die Gäste des Zirkustages nach der Vorstellung zurück ins Holiday Inn Munich Hotel in Oberföhring bringen sollte, ist in seinem Bus, den er in einer Seitenstraße abgestellt hat, eingeschlafen. Weder sein Wecker, noch die Telefonanrufe konnten ihn aus seinen Träumen reißen. Thomas, professionell wie immer, organisiert kurzerhand Taxibusse, die die Fahrgäste in die Effnerstraße in ihr Hotel bringen.  Die letzten Sieben konnten dann doch noch mit dem großen Bus chauffiert werden. 

Im Rechtaler Hof erkenne ich die Kellnerin wieder, die uns vor 20 Jahren, zu Zeiten der FINA - Taxigarage in der Marsstraße, fast täglich bedient hat. Hier klappt Oliver zum letzten Mal seinen Laptop auf, und zeigt den Interessierten noch Fotos und alte Zirkusprogramme. Es ist schon nach Mitternacht als wir uns bedanken und verabschieden.
Der Taxistand Bahnhof Nord, den Oliver und ich nur allzu gut kennen, ist gleich gegenüber. Was müssen wir Drei für ein Bild abgeben?  Das erste was wir von einem Kollegen hören war;
"Und ihr?! Habts ihr jetzat a Partei gegründet? Oder wos?!"
Nach einem kurzen Ratsch bringt uns der Wiggerl wieder zurück zum Effnerplatz, dort wo unser Auto noch neben der Tramhaltestelle parkt. Roberto bringt zuerst Oliver und dann mich nach Hause. Er hat noch einen weiten Weg zurück nach Hause in unsere alte Heimat. Ein langer Tag und Bericht geht zu Ende, länger wird nur die Erinnerung daran sein.