Freitag, 28. März 2014

Schwindlig oder gscheid



Schon wieder geht mein Taxilicht nicht. Am hellen, lichten Tag fällt es mir nicht auf. Aber jetzt am Abend, während die Dunkelheit hereinbricht, stört es mich. 

Den Fehler, daß ich versehentlich den stillen Alarm im Fußraum ausgelöst hätte, war diesmal nicht die Ursache. Das erfolglose umeinanderwackeln an den Drähten, schloß auf den ersten Blick einen fehlenden Kontakt aus. 
Das kann nicht funktionieren - Schwindlig!

Am nächsten Morgen dann, man muß kein Elektriker sein um das zu erkennen, fand ich den Fehler. Ein Draht hatte sich von dem schwindligen Stecker gelöst. Für das Foto habe ich den Draht zur Verdeutlichung noch weiter herausgezogen. 

Der Ersan von Er-Tax ist gleich bei mir ums Eck. Heute hat er auch Zeit sich um mein Kabel zu kümmern. Ich spreche mit Günther, dem Neuen. In einer Stunde kann ich das Taxi wieder abholen.
Genug Zeit für mein erstes Training mit neuer Hüfte im McFit. Danach hole ich mein Taxi wieder ab. Es steht schon fertig vor den geschlossenen Rolltoren. Mein erster Blick fällt gleich auf das Dach. Schön schaut es aus, stabil vor allem, wos gscheits hoit! Freut mich, daß  bei Ex-Ersan - jetzt Günther- aber immer noch Er-Tax, die Profiarbeit weitergeht. Das Kabel und der Stecker, sie sollen beide von Mercedes sein, kosten 21,- €. Die saubere Montage 15,-€. Dazu noch die Mehrwertsteuer und das verdiente Trinkgeld, also 50,- € passt scho!

Perfekt - Gscheid.


Meine Reklame leuchtet wieder. Die Zeiten sind hoffentlich vorbei an denen ich mit Taschenlampe, Taschenmesser und Isolierband auf einem Schemel stehend die Kabel zusammendrehte. Meine Fahrgäste können mich jetzt auch wieder im Dunkeln finden.

Mittwoch, 26. März 2014

Wiedereinstieg



Es gibt Aufträge, da weiß der langjährige Taxifahrer schon bei der Annahme, daß es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht klappen wird.
Endlich, nach langen taxifreien Wochen sitze ich wieder im Taxi. Gespannt erwarte ich meinen ersten Kunden. Am Standplatz Marriott, der jetzt für drei Tage auf die Berliner Straße verlegt wurde, bekomme ich plötzlich einen Datenfunkauftrag.

Ungererstraße 128 Bushaltestelle Autobus Oberbayern Fr. XXX Auswärts vor der Brandenburgerstraße warten

Üblicherweise werden die Taxis für die Fahrgäste des Flughafenbusses direkt an die Haltestelle in der Brandenburgerstraße geordert. Dort gibt es auch für die bestellten Taxis einen durch Verkehrszeichen zugewiesenen Platz um auf den Bus und die Fahrgäste zu warten.  Für die Fahrgäste, die von hier weiter in Richtung Norden fahren wollen, birgt der Platz einen Nachteil. Um zum Beispiel  auf die Leopoldstraße oder Ungererstraße in Richtung Norden zu kommen, müssen wir Taxifahrer erst die Schleife über die Mannlichstraße ziehen , damit wir Milbertshofen, H, Parkstadt Schwabing ... anfahren können. Naheliegend, daß die Frau XXX deswegen ihr Taxi an die oben genannte Adresse bestellt hat um sich diese Schleife zu sparen. Ich aber stehe kurz vor 18 Uhr im Berufsverkehr an einer vierspurigen Straße auf der Rechtsabbiegerspur und harre der Dinge, die da hoffentlich kommen. Ich habe mich schon ganz hinten an die Reihe der parkenden Autos gedrückt. So behindere ich möglichst wenig den fließenden Verkehr. Den Kreuzungsbereich kann ich gut überblicken. Es kommen Flughafenbusse, einer zum Flughafen, der andere vom Flughafen. Die Busse verschwinden wieder im Verkehr. Nur meine Frau XXX erscheint nicht. Dabei bin ich doch in meinem hellelfenbeinfarbigen VW-Bus nicht zu übersehen. Stehe ich doch auch noch vor der Reihe der parkenden Autos. 

Frau XXX - auf dem Display ist sie schon mal


Ich erinnere mich an einen ähnlichen Auftrag vor Wochen. Da standen wir mit drei Taxis auf der gegenüberliegenden, stadteinwärtigen Spur der Ungererstraße. Passenderweise war es damals am Vormittag. Vormittag - vierspurige Einfallstraße - Berufsverkehr - drei Taxis - gut gelaunte Verkehrsteilnehmer - muß ich da noch was erklären? Bei jeder Grünphase startet eine Rotte Autos über die Kreuzung und begrüßt uns und den Morgen mit einem fröhlichen Hupkonzert.

Damals hatte ich Glück. Ich war der Einzige von uns Dreien, der seine Fahrgäste abbekommen hat.
Doch diesmal ist mir das Glück nicht hold. Frau XXX bleibt aus. Nachdem ich 15 Minuten den Verkehr behindert und eine Stunde meiner Zeit verschwendet hatte, trollte ich mich zurück zum Taxistand. 
Dort stieg mir eine Dame zu. "Baierbrunner Ecke Gmunder Straße" war ihr Fahrtziel in Obersendling. Die Fahrt brachte mir mit Trinkgeld stattliche 30,-€. Das war dann mal ein passabler Wiedereinstieg!

Mittwoch, 19. März 2014

Heinrich, Hubertus und der Hopfen



Eigentlich hätte ich jetzt schon diesen Montag entlassen werden sollen. Aber mein Knie ist noch nicht schmerzfrei und wir hoffen alle, daß die Ursache der Schmerzen die Umstellung der Hüfte ist. Nach drei Jahren verhunztes Gangwerk, müssen mir jetzt die Wadeln wieder nach vorne gerichtet werden.
So sind es inzwischen fünf Wochen, die ich ohne Familie und Taxi auskommen muß. Hier in der Schönklinik Harthausen habe ich im Durchschnitt täglich fünf Termine, die zwischen 15 Minuten (wie z.B. die  Gehschule) und 45 Minuten ( wie z.B. das  Bewegungsbad), dauern. Davor, dazwischen und danach habe ich viel ungewohnte Freizeit.

Im Krankenhaus, ans Bett gefesselt, hatte ich das schon erwähnte Archäologische Jahrbuch  und YouTube-Dokumentationen, die ich mir mit Smartphone und Kopfhörer zugänglich machte.
In Bad Aibling gibt es zu unserer Kurzweil Veranstaltungen. Einmal in der Woche ist Kinotag im größten Seminarraum 1 im Keller des Westtrakts. In dem Saal wird jeden Sonntagvormittag ein Gottesdienst gefeiert. Ich war weder bei den Gottesdiensten noch bei den Kinovorführungen in dem Saal. Nur einmal, ganz zu Beginn, es muß mein dritter Tag in der Klink gewesen sein, besuchte ich dort eine Multimedia-Show von ... über Südtirol. Die Themen der anderen Dia-Shows haben mich, bis auf Cornwall, nicht angesprochen. Und ausgerechnet diese Show ist wie eine Lesung auch ausgefallen.

Im Forum, im Zentrum der Klinik, daß wir mehrmals täglich überqueren, ist an manchen Tagen ein kleiner Verkaufsstand aufgebaut. Meist werden dort Postkarten, bunte Schals, Schmuck, Edelsteine, gestrickte Socken, ... angeboten. Alles Frauensachen, die ich im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln betrachtend abhake.  Bis auf den Büchertisch der plötzlich in der Eingangshalle stand. Unter der Literatur finde ich auch historische Romane wie ich sie liebe. Ich schwanke zwischen einem Roman der die  Reconquista zum Thema hat und einer Biographie Heinrich des VIII.. Das England des 16.Jahrhunderts ist mir noch fremd, und so entscheide ich mich schließlich für den König aus dem Hause Tudor, der für seine sechs Frauen bekannt ist. Im Moment bin ich bei seiner vierten Frau, Ana von Kleve, und auf Seite 895 des 1332 Seiten-Schmökers.
Meine erste Woche des Klinikaufenthalts fiel auf die Faschingswoche. So kam ich in den Genuß von fast täglichen Veranstaltungen. Mr. Black und die Heißen Eisen machten den Anfang. Mr. Black ist ein Allrounder aus der Gegend hier. Er glänzt als Sänger, Komiker und Zauberer. Hinter den Heißen Eisen stehen vier Damen, die uns in verschiedensten Kostümen, gekonnt choreographierten Stepptanz vorführten. 

Heinrich und Irish Folk auf Medizin

Bei den anderen musikalischen Darbietungen in unserer Cafeteria sticht eindeutig die Gruppe Jenni´s Chicks hervor. Die Gruppe spielt vorwiegend Irish Folk. Die Violinistin stellt sich als Jenni und die weiteren drei Musiker als ihre Chicks vor. Meist singt Mike, der Gitarrenspieler, die Songs aus Irland, England und Amerika. Neben der Violine wird er noch von einem Banjo und einer Trommel begleitet. Die irische Trommel, die Bodhran, sieht aus wie ein Tamburin. Der Trommler, der Youngster der Truppe, schlägt mit den beiden Enden eines kurzen Schlegels auf das Leder der Bodhran, die er senkrecht in der Hand hält. Interessant  sind die kleinen Einführungen zu den folgenden Songs. So wissen wir worum es in den traditionellen Liedern geht; über einen Eisenbahner der bis in den Himmel auf seiner Lok fährt, über einen Streikbrecher der verhöhnt wird, über eine Dirty Ol Hafenstadt an der Westküste Englands. Während sie ihre Instrumente einpacken, kaufe ich mir noch eine CD mit einer Liveaufnahme ihres Konzertes in Scheyern. 

Ausgänger
Im Schulbus sitzen die Coolen immer hinten, und in der Klinik stehen sie vor der Tür und rauchen. Obwohl ich Nichtraucher bin, habe ich nach der ersten Woche auch Anschluß an diese Gruppe gefunden. Wir haben uns unseren Feierabend, oder sollte ich es besser Behandlungschluß nennen, immer illuster gestaltet. Von meinem Zimmer aus konnte ich schon während meiner ersten Nächte die blinkende Beleuchtung eines Tanzcafes erkennen. Während des vergangenen Wochenendes haben wir die letzte Gelegenheit genutzt und das -> Tanzcafe Hubertus besucht. Als Hüft-, Knie- und Bandscheibenpatienten waren wir etwas verloren in einem Tanzcafe aber wir haben uns den kurzen Spaß nicht nehmen lassen. Um 22 Uhr mussten wir wieder zurück sein, ansonsten hätte uns das, nach Aussage von Mitpatienten einen negativen Eintrag beschert. Die älteren Patienten aus der Gegend kennen das Lokal schon seit 40 Jahren und nennen es eine Institution in Bad Aibling. 

An den Werktagen ist hier außerhalb der Klink wenig los. Ich habe während der letzten Abende Gefallen daran gefunden mit einer Flasche Bier unter meinen Mitpatienten vor der Türe, im Forum oder in der Cafeteria zu sitzen. Wir stellten fest, daß sich egal wo, immer die Passenden finden. Irgendwie - Irgendwo. Medizin und Alkohol vertragen sich nicht. Ich habe die Bayerische Lösung gewählt und zugunsten des Biers die Tabletten und Kapseln abgesetzt. Dadurch konnte ich die letzten Tage entspannt tief und fest schlafen. Bei meinen Gehübungen bleibe ich locker und geschmeidig. Die Heilkraft des Hopfens kennen nicht nur die Iren.       

Montag, 17. März 2014

Ersatzteil



So schnell wie ich dachte geht es nicht. Meine Operation verlief gut, die Narbe ist schnell verheilt, aber mein Knie macht mir noch Probleme. Und dabei war mein schmerzhaftes Knie der Ursprung meiner dreijährigen Odyssee. Natürlich habe ich am ersten Tag, wie wohl jeder neue Patient,  in der Reha mal meine Krücken zur Seite gelegt, und versucht wenige Schritte frei zu gehen. Das Ergebnis war niederschmetternd. Schaukelnd wanke ich die drei Meter den Flur entlang. Ich kann mir nicht vorstellen.  Bei der ersten Visite gestehe ich dem Arzt meine Bedenken. 

"95 % unserer Patienten verlassen die Klinik mit Gehhilfen."

eröffnet mir der Mediziner. Ich bin enttäuscht, habe ich mir das doch so ganz anders vorgestellt; im Krankenhaus und auf der Reha werde ich wieder vollkommen hergestellt, werde ein paar Kilo loswerden, werde fleißig bloggen, werde Artikel über Münchner Sehenswürdigkeiten vorschreiben, werde fleißig Verschlußsysteme lernen, werde an der neuen Homepage meiner Frau weiterbasteln, ...
Es ist zum größten Teil bei den guten Vorsätzen geblieben. Auch wenn ich nichts an der Homepage gemacht oder geschrieben habe, so habe ich doch im Internet den Blog -> Titanhüfte gefunden. Die Bloggerin hat genau wie ich seit Geburt eine Hüftdysplasie. In ihrem Blog beschreibt sie wie sie mit ihren Prothesen umgeht.

Schon wieder 300 Gramm schwerer

 Meinem größten und wichtigstem Vorsatz aber, den ich am 01.Januar.2014 geschloßen hatte, bin ich treu geblieben. Am Neujahrstag dieses Jahres habe ich beschlossen, noch 2014 wieder schmerzfrei zu gehen.  Diesem Ziel bin ich schon bedeutend nähergekommen. Das benötigte Ersatzteil, eine Prothese aus Keramik, Kunststoff und Titan, ist schon seit einem Monat erfolgreich verbaut. Nach zahlreichen Anwendungen auf den Liegen, Sporträumen, Sprossenwand, Kippbrettern, Studios und Bädern tragen mich meine Beine wieder. Meine Gehhilfen bleiben immer öfter, angelehnt neben der Türe, in meinem Zimmer. Ich habe gute Chancen, daß ich am Freitag zu den 5% gehöre, die die Klinik ohne Krücken verlassen. Wenn alles gut geht sitze ich am Samstag wieder im Taxi. Mein VW-Bus ermöglicht mir eine aufrechte Sitzposition - da kann ich es am Taxistand schon aushalten.   

Freitag, 7. März 2014

Halbzeit am Zauberberg



Genau drei Wochen, 21 Tage, soll ich in der Schön-Klinik Harthausen in Bad Aibling bleiben. Zwölf Tage sind schon vorbei neun Tage liegen noch vor mir. Höchste Zeit für einen Halbzeitbericht.
Vor langen Jahren las ich im Taxi den Roman  -> Der Zauberberg
 von Thomas Mann. Hans Casturp der Held fährt nach Davos in die Schweiz zu Besuch in ein hochalpines Sanatorium und bleibt dort schließlich sieben Jahre. In meinem Kopf habe ich immer noch das Bild des Sanatoriums in den Bergen zur vorletzten Jahrhundertwende. Auf der Terrasse liegt der lungenkranke Hans, warm in Decken eingeschlagen und blickt täglich stundenlang auf das Alpenpanorama. Großes Thema des Romans ist die Zeit, die scheinbar immer langsamer vergeht. Als Leser verlor ich mich in den hunderten, langatmigen Seiten. Ich glaubte die Sonne über den Felsspitzen, den Schnee an den schattigen Hängen, die zugedeckten Patienten in einer Reihe auf den Liegestühlen zu sehen. Selbst die gebremste Zeit konnte ich spüren.

Erst kürzlich wurde mir der Zauberberg wieder ins Gedächtnis gerufen. Ein älteres Ehepaar wollte von mir zu dem gleichnamigen -> Restaurant in München, Neuhausen,  Hedwigstraße gebracht werden. Ich fragte die Beiden wie das Thema Zauberberg in einem Restaurant aufgegriffen werden könnte. Meine Fahrgäste konnten mir keine Antwort geben. Sie hatten von ihrem Sohn den Restaurantbesuch in Form eines Gutscheines als Weihnachtsgeschenk bekommen, den sie jetzt einlösen wollten.

Selbstverständlich ist mir klar daß eine moderne Rehaklinik nichts mit einem Schweizer Sanatorium vor 110 Jahren zu tun hat. Trotzdem habe ich die Bilder des Mann´schen Romans im Kopf, als ich über das Voralpenland in die Schön-Klinik nach Harthausen/ Bad Aibling gebracht wurde. 

Aber hier spüre ich nichts von der endlos fleißenden Zeit. Es gibt ein Programm, daß es einzuhalten gilt.
Wie jeder Patient bekomme ich gleich zu Beginn eine weiße Mappe mit dem ersten Plan. Darauf sind meine Termine während der nächsten Tage eingetragen. Mehrmals täglich soll ich mein Postfach überprüfen. Dort werden die aktuellen Pläne oder kurzfristige Änderungen hinterlegt. Die neuen Pläne, hefte ich in meine Mappe, die immer dicker wird, ein. Diese Mappe ist jetzt schon seit über einer Woche mein ständiger Begleiter. 

Mein Postfach    Was gibt es Neues?

Bis jetzt war meine früheste Anwendung um 8 Uhr, gleich nach dem Frühstück, und meine späteste, ein Gerätetraining abends um 19 Uhr. Die Mappen mit den Plänen werden in weißen Stoffumhängetaschen, die es für 1,20 € in der Klinik zu kaufen gibt, um den Hals getragen. Die Taschen und die Schlüßelbänder sind unser Erkennungszeichen. Jeder Patient benutzt die praktischen Accessoires, weil wir als Krückengänger keine Gegenstände in der Hand tragen können. 

Mein Plan beginnt nach der Eingangsuntersuchung, dem EKG und der Blutentnahme mit einer
Einzelkrankengymnastik. Meine erste Anwendung. Noch bin ich fremd. In der mehrmals an- und umgebauten Klinik muß ich erst den Therapieraum finden. Liegend auf einer Pritsche mache ich die ersten kontrollierten Bewegungen. Langsam spreize ich das Bein meiner frisch operierten Hüfte nach außen. Zögernd winkle ich das Knie ab. Im Grunde sind das die gleichen Bewegungen, die ich auch auf dem

Der Schlingentisch im Keller
Schlingentisch mache. Nur daß hier der Fuß, der Unter- und Oberschenkel und das Knie in Schlingen hängen die an einer Art Käfig befestigt sind. Dabei spare ich mir die Kraft meine Extremitäten anzuheben. Im schönsten Therapieraum im obersten Stock des Vordergebäudes wird mir
Interferenzstrom verabreicht. Von hier aus habe ich einen Blick auf die bayerischen Berge, nicht so hoch, nicht so nah, aber immerhin eine kleine Referenz an den Zauberberg. Hier werden zwei Elektroden auf den Rücken zwischen die Schulterblätter gepappt. Leicht Stromstöße in verschieden Impulsen durchzucken den Körper. Viel hilft viel dachte ich mir am Anfang und ermunterte den Strommeister den Regler hochzudrehen. Leichter Schwindel war das Ergebnis. In Zukunft bleibt der Regler unten. Erst in dieser Woche habe ich erfahren was der Sinn dieser Behandlung ist; die Muskeln im oberen Schulterbereich, von der Krückengeherei verspannt, soll gelockert werden. Ganz ohne Strom kommt die

Interferenzstromgerät ohne Strommeister
Manuelle Lymphdrainage aus. Dabei liege ich entspannt auf dem Rücken und werde massiert. Vielmehr meine Lymphen. Die Masseurin streicht immer in Richtung des Herzen. So wird mein Körper schneller entgiftet. Beim
Funktionstraining müssen wir uns schon bewegen. Ganz sachte nur. Das sind die Übungen mit den bunten großen Bällen und flexiblen Bändern. Alles was mir vorher suspekt war. Liegt hier in dem Therapieraum auf dem Boden. Wir beschäftigen uns damit unter Anleitung einer Therapeutin und veranstalten eine Art Zirkeltraining. Das alles hilft mir bei der
Gehschule. Wären wir in einer Schule, wäre das mein Lieblingsfach. Meine Therapeutin holt mich aus dem Zimmer ab und wir gehen den langen Flur auf und ab. Heute zum ersten Mal ohne die Gehhilfen. Aufmerksam achte ich auf ihre Ratschläge. Hier sehe ich meine größten Erfolge. Schließlich will ich meine Krücken möglichst bald in die Ecke feuern. Im Taxi kann ich sie nicht brauchen. Ruhiger ist es hingegen bei der
Wärmegroßpackung. Ganz tief unten im Keller liegen wir nebeneinander zugedeckt auf schwarzen Wärmekissen. Dabei wird es mir wohlig warm. Immer wieder schläft einer meiner Nachbarn dabei schnarchend ein. Leider ist die Packung schon nach 25 Minuten vorbei. Die
Gerätegesteuerte Krankengymnastik dauert da schon länger. Ich brauche für eine Einheit ca. eine Stunde. Hier sieht es aus wie in einem Fitnessstudio. An den Geräten sind viele Skalen und Verstellmöglichkeiten. Die Einweisung ist viel ausführlicher und individuell zugeschnitten. Hier trainieren wir streng, ein jeder nach seinem Plan. Mit leichten Gewichten und vielen Wiederholungen. Meine Sätze haben 30 Wiederholungen. Militärisch hört sich der Titel
Hilfsmittel - und Gelenkschutzgruppe an. In unserer vierköpfigen "Schutzgruppe" sind wir drei Hüften und ein Knie. Wir sitzen vor einer Wand mit allerlei Gehhilfen, Greifzangen, Tüchern, Anziehhilfen, Rollatoren, ... Sogar ein Bett, eine Badewanne und eine Toilette sind aufgestellt. Hier lernen wir, bis jetzt vier Mal, den Umgang mit all den Hilfsmitteln. Hier habe ich zum Beispiel gelernt, wie ich meine Socken mit einem Handtuch anziehen kann. Natürlich ohne mich zu bücken. Seit meine Fäden gezogen sind, darf ich auch in unser Hallenbad zum
Bewegungsbad Knie/Hüfte. Ich komme mir vor wie beim Schwimmunterricht in der Schule. Wir Patienten stehen bis zur Schulter im Wasser. Eine Therapeutin macht am Beckenrand die Übungen vor und wir turnen unter Wasser mit. Wir gehen von Beckenrand zu Beckenrand. Mal auf Zehenspitzen, mal auf den Fersen, mal seitwärts, mal schnell, mal mit hochgezogenen Knien ... Ich schwimme gern und kann meinen Drang nicht wiederstehen. Bis alle Aufstellung genommen haben, ziehe ich zwei schnelle Bahnen kraulend durch das Wasser. Brustschwimmen ist für die nächsten Monate tabu. Die Froschbewegung, die man dabei mit den Beinen macht, birgt eine große Gefahr, daß die Hüfte ausgekugelt wird. Bei der Wende, bei der ich bisher immer einen oder zwei Brustzüge unter Wasser machte, bekomme ich das auch zu spüren. 

Das sind die Anwendungen, die ich bis jetzt schon hier hatte. Und dabei bin ich erst zwölf Tage hier. Jeden Tag habe ich fünf davon. Wann und in welcher Reihenfolge kann ich in meinem Plan nachlesen.  Ihr seht also; Knödelwasser mit Sanatorium in der Jahrhundertwende.