Sonntag, 25. Mai 2014

Ist ja goldig



"Beim Zöbelein, da kanns dir passieren, daß du davor stehst, mit deinem Gold, und zuschaust wie die Preise sinken. Der Zöbelein, der hat einen Monitor im Schaufenster, da werden die Preise immer wieder neu angezeigt ..."
soweit mein Freund und Taxikollege Oliver.

Das Thema Gold ist so eine fixe Idee von mir. Zur Zeit verfolge ich die Nachrichten und versuche zu interpretieren, wie sich diese auf den Goldpreis auswirken oder auswirken sollen. Es scheint ein großer Run auf das glänzende Metall eingesetzt zu haben. Mit jeder Million oder gar Milliarde von ungedecktem Fiat-Money, daß in immer kürzeren Zeitabständen durch die Eingaben an EDV-Terminals in Frankfurt, Washington D.C. oder New York, erschaffen wird, verschwindet unser Vertrauen in ihr Scheingeld. Der Goldpreis müsste steigen. Die Volksrepublik China kauft und baut ab was es nur kriegen kann, in Moskau werden die Tresore aufgefüllt, das US-Regime kratzt zusammen was es findet, zuletzt aus der Bank in Kiev. Dabei bleibt mir nur die Rolle als Beobachter am Taxistand und kann mir nicht erklären, warum der Goldpreis nicht steigt. 

Vor Jahren, ich hatte noch keine Frau (die hätte mir die Flausen ausgetrieben) und Kinder, habe ich mir einen kleinen Barren Gold gekauft. Durch die Fahrer unseres Taxibetriebes in den 90igern, hatte ich immer einen beträchtlichen Betrag in Banknoten in der Hosentasche.
Direkt neben unserem Taxistand am Kurfürstenplatz ist eine Filiale der Stadtsparkasse. Zu jener Zeit hatte die Sparkasse diese großen Werbeplakate mit den schwarz-weiß Fotos und den roten Balken. Auf einem dieser Plakate waren zwei verlockende Goldbarren abgebildet. Da lagen die auf dem Foto grauen Barren verführerisch auf einer blanken Fläche vor geschickt ausgeleuchtetem Hintergrund und machten einen soliden, beständigen Eindruck. Die zurückhaltenden Grautöne verhalfen der Szene zu einer gewissen zurückhaltenden Seriosität. Das Bild minutenlang  durch die Beifahrerscheibe betrachtend, sinnierte ich, wie ich bis jetzt überhaupt ohne Gold überlebt habe. Schwupps war ich in der Bank. Mein Knödel - damaliger Münchner Soziolektausdruck für zusammengerollte Banknoten - lag auf dem Tisch. Von innen spähte zum Taxistand ob ich nachrücken müsste, dabei wartete ich ungeduldig bis mir die Bankangestellte von hinten meinen ersten kleinen Goldbarren bringt. 

 Im Taxi nehme ich sofort das Gold aus der transparenten Kunststoffhülle. Über der Zahl 999,999 ist der Name des Goldherstellers Degussa eingeprägt. Ich will testen ob das Edelmetall in reiner Form tatsächlich so  weich ist, wie allgemein behauptet. Es stimmt! Ich kann mit dem Fingernagel kleine Ritze in das Material ziehen. Ich muß an die Piratenfilme denken, in denen der Seeräuber seinen Schatz prüft, indem er auf eine Dublone beißt. Mein Wissensdurst war zumindest befriedigt. Seitdem fristet der Barren sein Dasein ungestört im Besteckkasten, dort wo er trotz des Goldpreiseinbruches nach 2013 seinen Wert mehr als verdoppelt hat. Als der Goldpreis vor zwei Jahren anfing zu rutschen, startete ich einen nächsten Versuch bei meiner Hausbank. Siehe da, die hatten kein Gold vorrätig. Ich könne aber jetzt hier in der Bank mein Gold vorbestellen, oder noch besser ich solle doch auf die Seite www.XXX.com gehen, und dort Gold ordern. Was?! Ich soll in der Hölle des allsehenden Auges auf der Spitze der Pyramide, im Internet oder in der Bank, unter Angabe meiner Identität, Menge und Häufigkeit, Goldgeschäfte tätigen. Da wennst dich nicht schleichst. Enttäuscht drehe ich der Bank den Rücken. Den Goldpreis allerdings verlor ich nie ganz aus den Augen. Dabei haben sich mir zwei Eckdaten eingeprägt; die Unze Gold, z.B. der Krugerrand, kostet um die 1.000 €, das Kilo Gold kostet um die 30.000 €.

Mein Investoreneifer wurde erst wieder kürzlich, wie eingangs erwähnt, von Olivers Hinweis auf den Zöbelein geweckt. Hundert Mal bin ich bestimmt an den Goldhändler in der Schellingstraße vorbeigefahren, ohne daß ich darauf geachtet hätte. Aber heute schleiche ich ganz langsam, in Richtung Ludwigstraße, an seinem Laden vorbei. So wie er es erzählte, stehen in der Tat Kunden vor dem Geschäft und schauen auf den Monitor im Schaufenster. Mit blinkender Warnblinkanlage bleibe ich kurz stehen und steige aus um einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen. Sofort sticht mir die erste Zahl des Kilopreises ins Auge. Es ist keine Drei mehr! Der Goldpreis liegt im Moment bei unter 30.000. Für meine soeben kassierten 70,- € für die Fahrt vom Flughafen in die Maxvorstadt, kann ich mir zwei Gramm kaufen. Für die Marge, die ich Wochen später, nachdem der Preis gestiegen ist, realisieren kann, könnte ich mir später einen Döner Kebap kaufen. Mein geplantes, erfolgreiches Investment in Gold ist nur Nebensache. Um ehrlich zu sein, diejenigen, die mich gut kennen, ahnen es schon,  will ich doch nur den Laden, den Zöbelein und das Procedere kennenlernen. Gleich um die Ecke, in der Barer Straße, finde ich einen Parkplatz. Denn Euro für den Parkscheinautomaten werde ich von dem Erlös abziehen müssen.
Keine fünf Minuten später stehe ich mitten unter den Wartenden auf dem Gehsteig vor dem Schaufenster. Der eine oder andere Passant, durch die kleine, wartende Gruppe aufmerksam geworden, hält inne, um ebenfalls durch das Schaufenster zu sehen, um herauszufinden, was das Begehr der Leute sei.
Ich öffne die Türe. Gleich dahinter, noch im Türrahmen, steht ein kräftiger Mann mit wenig Haaren auf dem Kopf. Er trägt einen schwarzen Anzug, darunter ein weißes Hemd ohne Krawatte. 

"Kaufen oder Verkaufen?" fragt er mich knapp.

"Kaufen." antworte ich ebenso knapp. 

Daraufhin greift er zu seiner linken Hand in der er zwei kleine Abreißblöcke mit fortlaufenden Nummern hält. Einer der Blöcke ist rot, der andere blau. Nach meiner Ansage nickt er kurz, reißt das oberste Blatt aus dem blauen Block und gibt mir die Nummer 60. Jetzt muß ich wieder draußen warten. In einer Tasche der neben mir wartenden Frau kann ich eine silberne, glänzende Kaffekanne erkennen. Es warten noch acht Personen mit mir. Ein Kunde verlässt den Laden. 

"Die rote 158." ruft der Türsteher. Die Frau mit der Kanne geht in den dunklen Laden. Die Verkäufer bekommen also ihre Tickets von dem roten Block. Es vergeht noch eine Viertelstunde bis sich plötzlich wieder die Tür öffnet.
"Die blaue 60" 

Ich zwänge mich neben dem Türsteher durch die Tür, dabei gebe ich ihm mein Ticket zurück. Schnell will ich einen ersten Überblick über das Innere des Ladens gewinnen. Im Zentrum steht ein Tresen. Dahinter zwei Händler. Hinter den Händlern, dort ist es etwas Dunkel, stehen Regale voller metallener Figuren und Geschirr. Ich trete an den freigewordenen, von mir aus linken Platz. Die Plätze auf den Tischen vor den beiden Händlern sind hell ausgeleuchtet. Neben mir versucht ein Kunde Schmuck zu verkaufen. Der Ankäufer hat noch eine Digitalwage vor sich stehen. Links, an der Schmalseite des Tresens, ganz nah neben uns, Direkt zwischen meinem Händler, das muß der Zöbelein sein, und mir steht ein ca. 60jähriger Mann. Während unsers Gespräches verliert er kein Wort. Unablässig dreht er, ganz nah vor seinen Augen, eine von zwei kleinen Schmuckfiguren. Er betrachtet die Figur von unten, von der Seite, von schräg unten, dann wieder von oben, ... 

 Hier der aktuelle Preis in Euro je Unze:

Ich nenne dem Verkäufer meinen Wunsch. Blind greift er blitzschnell in eine Kunststoffbox, die Bestandteil eines Regalsystems für Schrauben oder Kleinteile sein könnte, und zieht zwei Kreditkartengroße Plastikkärtchen daraus hervor. In jedem Kärtchen ist ein winzig, kleines Goldplättchen, ein Gramm schwer, eingeschweißt.  Er legt die Plättchen neben seinem Zahlteller auf den Tisch. Ich lege mein Bargeld auf den Teller. Er hat schon seinen Kugelschreiber und den Rechnungsblock in der Hand als er noch einen letzten Blick auf den Goldpreis, der ihm in einen iPad angezeigt wird, wirft. Jetzt erst schreibt er endgültig den Preis auf seinen Vordruck, der mich an meinen Taxiquittungsblock erinnert. Eine Minute später stehe ich, mindestens zwei Gramm schwerer,  schon wieder auf dem Gehsteig. 

Monitor im Schaufenster in der Maxvorstadt

Inzwischen, seit dem Kauf bis zu diesem Post, ist der Goldpreis pro Unze um ca. 6,- € gestiegen. Zwei Dreißigstel hätte ich gewonnen. Ja hätte, wäre da nicht der Ausgabeaufschlag, der jede Anlage in Gold in kleinen Mengen uninteressant macht. So habe ich nicht mal meinen Parkeuro wieder. Uninteressant war mein Besuch beim Goldhändler für mich aber dann doch nicht, konnte ich endlich ein Teil des Ladens in der Maxvorstadt für mich lüften. Bis dann ein Döner rauschaut, wird noch viel Zeit vergehen. Vielleicht gibt es bis dahin den Euro nicht mehr. Macht mir aber nichts, ich habe ja Gold.     

Mittwoch, 21. Mai 2014

Miniinvasion

Am Taxistand am Marriott werden von BMW die verschiedensten Minis präsentiert. Bis Morgen nach Mittag um 13:00 Uhr ist der Taxistand gegenüber auf der Berliner Straße. 

Samstag, 17. Mai 2014

Flüchtig



München Hauptbahnhof. Ich bin Erster an unserem Taxistand Bahnhof Nord, stehe vor der geöffneten Schiebetüre meines Bustaxis. Fünf dunkelhäutige, junge Menschen kommen auf mich zu. Der Vorderste, offensichtlich der Kopf der Gruppe, blickt mich an. Unsere Blicke treffen sich, er schaut zu seiner Hosentasche hinab. Damit lenkt er meinen Blick auf seine rechte Hand, die er in seiner Tasche vergräbt. Blitzschnell zieht er seine Hand wieder ein Stück weit hervor. Die vier Finger, außer dem Daumen, bilden eine zweite Fläche als Sichtschutz neben seiner Hose. In der entstehenden, nur drei Zentimeter breiten Lücke, fächert er geschickt mit dem Daumen sein Geldpäckchen auf. Ich nicke unauffällig.  Dabei sind noch keine fünf Sekunden vergangen. Wir haben noch kein Wort gewechselt. Niemand, außer uns Beiden, hat die Aktion bemerkt. Selbst seine Begleiter, die interessiert über den Bahnhofsvorplatz schauen, ahnen nichts von unserer Kommunikation.

Diese Geste kenne ich. Es gibt sie überall auf der Welt. In deutschen Häfen, in kubanischen Zollhallen, an jugoslawischen Kontrollstellen. Man zeigt sie Soldaten, Polizisten, Kapitänen, Beamten, LKW- oder eben Taxifahrern. Denen, die einen durch- und weiterbringen.

Hier, in München, habe ich diese Handbewegung bis jetzt noch nie gesehen. Selbst als Türsteher auf der Wiesn hat man mir die Geldscheine nach Münchener Art ungeniert unter die Nase gehalten.
Ich trete zur Seite und lasse die Fremden einsteigen. Neben ihrer Kleidung, die sie auf dem Leib tragen, haben alle nur eine kleine Tasche als Gepäck dabei. In ihren Händen halten sie jeweils drei DINA 4 Seiten aus amtlich-grauem Umweltschutzpapier. Niemand setzt sich auf die hinterste Bank. Der Geldzeiger und eine junge Frau drängen sich neben mich auf die schmale Beifahrersitzbank. Der Anführer sitzt direkt neben mir und deutet auf die Adresse wohin sie gebracht werden wollen.;
Heidemannstraße 60 , neben der Boschetsrieder Straße 41, eine der ersten Anlaufstellen für Asylanten in München, nachdem sie polizeilich erfasst wurden.
Alle meine Mitfahrer stecken ihre Nasen in die Papiere, die sie bekommen haben. Auf einem Blatt sind ihre Fotografien oben rechts eingedruckt. Die Dokumente hat das Polizeirevier Arnulfstraße im Hauptbahnhof ausgestellt. Sie müssen auf dem Landweg gekommen sein, sonst hätten sie die Dokumente von der Polizei am Flughafen.
Woher sie kämen frage ich sie.

"Eritrea!"  antworten mir gleich drei gleichzeitig. 

Eritrea, Eritrea - gehört habe ich das schon mal, aber bis auf das, das das ein Land in Afrika ist, fällt  mir nichts dazu ein. Verstohlen erhasche ich einen Blick auf ihre Papiere in ihren Händen. Ihre größte Aufmerksamkeit gilt einer Anweisung in englischer Sprache wie es jetzt in Zukunft mit ihnen weitergeht. Wo sie sich zu melden hätten, welche Ansprüche sie haben, wo sie sich aufhalten dürfen. Das zweite Blatt ist eine Kopie des Münchener Stadtplans mit den Linien der öffentlichen Verkehrsmittel. Auf dem Plan, schwarz auf umweltgrau, würde selbst ich mich schwer zurechtfinden. Das dritte Blatt, das mit dem Foto, scheint eine Identitätsbescheinigung zu sein. Meine beiden Sitznachbarn schauen auf ihren Bildern teilnahmslos vor einer weiß gefliesten Wand in die Kamera.

Ibrahim, vor 22 Jahren in Adi Keyn geboren, lese ich auf dem Papier. So heißt also der Mann neben mir, oder so hat er es zumindest vor einer halben Stunde bei der Polizei angegeben.
Dann wird es in Eritrea Muslime geben; denke ich mir aufgrund seines Namens. Meine Gäste schauen langsam immer öfter von ihren Papieren auf. Die Ludwig- und Leopoldstraße wirken, wenn man das erste Mal durch die Maxvorstadt und Schwabing fährt, sehr beeindruckend. Ich zeige ihnen im Vorbeifahren die Staatsbibliothek, die Universität, das Siegestor, ...  Um in die Heidemannstraße zu kommen, müssen wir weit in den Münchner Norden. Nach der Münchner Freiheit wirkt die Leopoldstraße nicht mehr so prächtig. Dort wo früher die METRO und der Hurler waren, klafft jetzt eine gigantische Baugrube. Nach dem Mittleren Ring begleiten und aus auf der rechten Seite der Leopoldstraße nur noch hässliche Bürogebäude mit großen, dunklen Fensterfronten. Noch vor dem Frankfurter Ring, inzwischen ist aus der Leopoldstraße die Ingolstädter Straße geworden, kommen wir am Euro-Industriepark vorbei. Die Gebäude werden immer fader, bis wir endlich rechts in die Heidemannstraße abbiegen. Einige hundert Meter fahren wir an der Mauer der ehemaligen Kaserne vorbei. Auf dem vier Meter breiten Rasenstreifen zwischen der Mauer und Fahrradweg liegen vereinzelt dunkelhäutige, junge Männer aus der Unterkunft in der alten Kaserne in der Sonne. 
23,50 auf dem Wecker in der Heidemannstraße

Wir fahren durch aufgebrochene Lücke in der Mauer. Schon nach 15 Metern ist ein provisorisches  Tor aus Metallgitterzäunen aufgebaut. Zwei Pförtner sitzen in einem Blechcontainer wie man sie auf Baustellen findet.
Mein Taxameter zeigt 23,50 €. Jeder Einzelne meiner Gäste reicht mir einen kleinen Schein oder Münzen nach vorne bis der Fahrpreis bezahlt ist. Auf dem Weg zum Container schüttelt mir noch Jeder einmal die Hand durch meine geöffnete Beifahrertür.
Bevor der Pförtner die Fünf passieren lässt, fragt er mich noch laut, damit ich es im Taxi auch höre:

"Hast du dein Geld bekommen?"
"Ja, Ja alles klar, danke "
"Ich frag lieber vorher, weil sonst ..." 

Meine Gäste stehen jetzt zwischen dem Gitterzaun am Eingang. Sie winken mir noch zu. Was der Pförtner von mir wollte, haben sie nicht verstanden. Aber mir war klar, daß er von Ibrahim nichts gezeigt bekommen hat. Sonst ...

Update September 2015: Zwischen dem Bahnhof und den Lagern in der Bayernkaserne und dem Erstaufnahmelager in der Maria-Probst-Straße verkehren inzwischen -> Shuttlebusse


(Für meine Gäste aus Eritrea gilt auch das was für alle anderen gilt, von denen ich schreibe; Ibrahim heißt nicht Ibrahim und ist auch nicht in Adi Keyn geboren)

Donnerstag, 8. Mai 2014

Grafiti: Miethai



Miethai als Münchner Kindl. Schablone, zweifarbig auf Türen und Wände des ehemaligen Gasthof Riedwirt.

Die Münchner Taxigenossenschaft verfügt über beträchtlichen Immobilienbesitz. Sie deswegen als Miethai zu betrachten wäre mehr als falsch. Ansonsten kennen wir Taxifahrer Miethaie nur als Gegenüber. 

Gebäude des ehemaligen Gasthof Riedwirt im Westend / Schwanthaler Höhe. Schießstättstraße Ecke Schwanthaler Straße.  

Riedwirt im Westend