Sonntag, 29. Juni 2014

Auf geht,s Manda - isch Zeit



Wie viel kostet eine Fahrt nach Meran? - Im ersten Moment kann ich diese Frage nicht beantworten. Solche weiten Fahrten sind für uns Taxifahrer eine Ausnahme. Ich bemühe Google-Maps um mir die Distanz zwischen dem Flughafen München und der Stadt in Südtirol anzeigen zu lassen. 310 Kilometer verrät mir das Programm. Nach der Kilometerangabe mache ich meinen Preis. Ich bekomme die Fahrt und ich freue mich auf die spannende Fahrt.
Meine Kunden sind ein russisches Pärchen. ich soll sie vom VIP Wing am Flughafen abholen. Das Procedere kenne ich schon von meinen Schifahrern aus Leningrad, die ich während des Winters dort empfangen habe. Ich bekomme eine Telefonnummer. Vor der Schranke rufe ich an, nenne die Namen der Fahrgäste, die Schranke öffnet sich und ich kann bis zu dem überdachten Eingang vorfahren. 
Am Start - VIP - Wing am Flughafen München

Für die VIP – Gäste steht ein schwarzer 7er BMW mit orangefarbener Rundumleuchte neben dem Flugzeug bereit. Mit dem Fahrzeug kommen die Gäste von der Seite des Flugfeldes an in das VIP – Wing Gebäude. Die Mitarbeiter bieten mir an in dem Gebäude zu warten. Allerdings müsste ich dabei eine Sicherheitsüberprüfung über mich ergehen lassen. Ich lehne dankend ab und warte im Vorraum neben dem Gepäckaufzug und dem Röntgengerät. Ein junger arabischer Mann holt augenscheinlich seine Mutter ab. Er parkt den Maserati mit deutschem Kennzeichen auf einen der drei Parkplätze neben dem Eingang. Routiniert geht er durch die Sicherheitsschleuse. Während ich warte, kommen noch zwei weitere Fahrer, die nach der Sicherheitsprüfung die Annehmlichkeiten der Lounge nutzen. Jetzt lohnt es sich für mich nicht mehr, aber beim nächsten Mal werde ich gleich zu den bequemen Sesseln durchgehen und während ich in den bereitliegenden Magazinen blättere meine Blicke über das Vorfeld schweifen lassen.
Endlich kommen meine Gäste. Ihr Gepäck habe ich schon vor einer Viertelstunde im Kofferraum verstaut. Gleich nachdem sie eingestiegen sind, schieben sie die Sitzfläche der hinteren Sitze nach vorne, klappen die Mittelarmlehne herunter, inspizieren die Fächer und schließen die Augen.
Bis kurz vor der Grenze nach Österreich, in Kiefersfelden, höre ich nichts mehr von den Beiden. Ich muß bei der Raststätte herausfahren. Ich brauche ein neues Pickerl für Österreich. Das Paar steigt auch aus. Sie wollen „Sausages“ essen. In der Zeit kaufe ich mir die neue Plakette, dabei gebe ich dem Verkäufer gleich mein Kennzeichen für die Videomaut am Brenner. Nach der kurzen Pause geht es gleich wieder weiter über die Inntal-Autobahn Richtung Innsbruck. In Innsbruck teilt sich die Autobahn. Wir nehmen die Abzweigung nach Italien.
An der ersten Mautstation der Brennerautobahn zweigt links eine Spur ab. Die Fahrspur ist eng durch weiße Hindernisse begrenzt am Ende ist die noch geschlossene weiß – rote Schranke. Langsam fahre ich zwischen den Betonwänden, das Kennzeichen wird von einer Kamera erfasst, die Schranke hebt sich. Ohne anzuhalten oder zu warten, können wir die Mautstation hinter uns lassen.
Auf dem Brenner belieben wir bis Sterzing. Dort verlasse ich den Brenner um über den Jaufenpass, Sankt Leonhard, Sankt Martin und das Passeiertal Tal nach Meran zu kommen.  Ob das gut oder schlecht war, mag ich bis heute nicht beurteilen. Die Alternativroute über Brixen und Bozen, wäre zwar weiter, aber die Strecke wäre über die Autobahn gewesen. Andererseits hätten wir nichts vom dem beeindruckenden Alpenpanorama auf dem Jaufenpass mitbekommen. In engen Serpentinen fahren wir auf der Nordseite des Hanges immer höher. Ende Mai liegt hier oben noch Schnee. Ganz oben, kurz vor dem Sattel am Gletscher ist der Schnee noch so hoch, daß er das Autodach überragt. Kaum sind wir über den Sattel, ändert sich sofort das Klima und die Stimmung. Jetzt sind wir in der vollen Sonne. Wir sehen kaum noch Schnee. Heftiger warmer Wind kommt von der Norditalienischen Ebene herauf. Langsam, langsam winden wir uns den Pass hinunter. Ich fahre ganz vorsichtig. Meinen Fahrgästen wird es schon unangenehm. Wir fahren jetzt schon über eine Stunde durch die engen Kurven der Tiroler Bergwelt.  Wir passieren die ersten Weingärten. Auf Plakaten wird die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft begrüßt, die hier ihr letztes Trainingslager vor der Abfahrt zur Weltmeisterschaft nach Brasilien abhält. Beim Vorbeifahren suche und finde ich ein schönes Hotel neben der Straße. Malerisch liegt es inmitten der Weinreben, deren Blätter im Wind rauschen. Noch weiter unten kommen wir direkt am Sandwirt vorbei. Andreas Hofer, der Tiroler Freiheitskämpfer, war hier der Wirt, bevor er sich mit seinen Manda gegen die Bayerische Besatzung aufmachte. 
Mittendrin - Jaufenpass ganz oben

Von hier aus ist es nicht mehr weit zum Palace Hotel in Meran, dem Ziel unserer Fahrt. Ich lasse die Gäste aussteigen, verabschiede mich, knipse in der Auffahrt neben den Palmen drei Fotos mit dem Handy und mache mich auf den Rückweg. Ich spiele mit den Gedanken in dem schönen Hotel, das ich inmitten der Weinberge entdeckt hatte, zu übernachten. Aber während der Fahrt entscheide ich mich anders. Ich will nach Hause.  Am Beginn des Passes, ich muß jetzt nicht mehr auf meine Fahrgäste Rücksicht nehmen, stelle ich das Fahrwerk auf Sport. Ich jage den schweren Mercedes den Pass hinauf. Ganz oben, auf der Nordseite, gibt es ein spartanisches Berggasthaus mit Übernachtungsmöglichkeit.  Angesichts dessen beginne ich wieder zu schwanken. Ich stelle mir vor, wie schön es hier sein muß, am Abend den klaren Sternenhimmel über mir und die weiten Schneefelder vor mir, zu haben. Nur dieses einsame Gasthaus und das Frühstück während die Sonne über dem Gletscher aufgeht, könnten mich dazu bewegen meine Aufträge am nächsten Tag abzugeben und doch noch über die Nacht zu bleiben.  Die Verlockung ist zu groß. Ich bleibe stehen aber die Tür ist verschlossen, so hat jetzt das Schicksal eine Entscheidung getroffen. 
Am Ziel - Palace Hotel Meran

Meine Pause verbringe ich, mit leichter Seekrankheit  durch das endlose Schaukeln über den Pass, in Sterzing. Ich wähle ein Restaurant, nicht weit von der Autobahn, gleich neben einem Tennisplatz. Den Rest zurück nach München packe ich in einem Stück, ab hier kann ich den gesamten Rückweg über die Autobahn fahren. Die Videomaut funktioniert auch auf dem Rückweg. Die Passage vor der Kamera ist hell beleuchtet.
Abends nach der Fahrt bin ich nicht nur wegen dem geschafften Umsatz zufrieden. Mein Kopf ist voller Eindrücke die ich während der Fahrt gewonnen habe. Eigentlich müsste ich ja für den Ausflug bezahlen. 

(Die Fotos sind etwas autolastig - ich habe sie für eine Website gemacht)