Mittwoch, 30. Juli 2014

Hell wie ...



Es sind etwa sechshundert Straßen die die Münchner Taxifahrer auf einem Stadtplan kennen müssen. Dazu kommen noch die Dörfer im Pflichtfahrgebiet das von Freising bis nach Bad Tölz reicht. Nicht zu vergessen die 70 Stadtteile in München. Und natürlich die Hunderte von Adressen von Hotels, Restaurants, Polizeirevieren, Krankenhäusern, Sehenswürdigkeiten, Kasernen und Firmen. Wir waren um jede Eselsbrücke froh, die uns der Tony an die Hand gab.

Osram Hauptsitz im Glanz der Lichter

 Manche dieser Merksätze haben sich so in mein Gehirn eingebrannt, daß ich sie in 100 Jahren nicht vergessen werde. Eine dieser Eselsbrücken drängt sich mir heute wegen der Nachrichtenmeldungen immer wieder in den Vordergrund. Sie betrifft die Firma Osram. Osram hatte einen Slogan; „Hell wie der lichte Tag.“ Der Firmensitz von Osram war, als ich meinen Taxischein machte und bevor sie in das M-pire neben der A9 umgezogen sind, in der Hellabrunner Straße. Den Slogan kann man noch an den Fassaden am Karlstor in großen, selbstverständlich beleuchteten, Lettern lesen. 

Jetzt glaube ich den Grund zu wissen, warum ich gestern immer wieder an die Adresse inmitten meines Taxireviers gerufen wurde, um bis spät in den Abend Fahrgäste von dort abzuholen.
Heute ist Osram in der Marcel-Breuer-Straße, in den Nachrichtenmeldungen und in meinem Blog.  


Dienstag, 29. Juli 2014

Pause im Wald



Zwischen dem Verkauf meines VW-Busses und der Inbetriebnahme (schreckliches Wort aus dem Beamtendeutschen) meines neuen Taxis hatte ich eine Woche Zwangspause die ich unter anderem zu zwei Ausflügen nutzte. Nach einem Tag im Wildpark Poing mit meiner Tochter, war ich noch in einem -> Walderlebnispfad in Freising, den ich hier nur erwähne, weil ich dort zwei Fotos geschossen und zwei Stunden verbracht habe. 
Um zu der Gaststätte Plantage zu kommen, gebe ich 85354 Freising, Plantage 2 als Zieladresse in mein Navi ein. Ich fahre von Freising aus auf der Haindlfinger Straße Richtung Haindlfing. Etwa 100 Meter nach der Bebauungsgrenze biege ich nach links ab.
Gleich am Beginn steht eine riesige Fraxinus excelsior (Gemeine Esche) Um den deutschen und botanischen Namen des Baumes ablesen zu können, muß ich kleine beschriftete Holzblöcke, die drehbar um eine waagerechte Metallstange angeordnet sind drehen, bis der korrekte Name zur Gänze erscheint. Gespannt verfolge ich, wie viele Klötze ich umdrehen muß, bis mein botanisches Wissen als Ex-Landschaftsgärtner wieder aufgefrischt ist. Die gefiederten Blätter der Esche machen sie als solche leicht erkennbar. Als Jäger, und besonders als Gärtner, sollen die Bäume auch blattlos erkannt werden. Aber auch da macht es uns die Esche leicht. Die Knospen sind so schwarz wie bei keinem anderen Baum und am Zweig kreuzweise gegeneinander versetzt.  
Bevor ich jetzt fortfahre und jeden Baum einzeln erkläre, höre ich einfach hier auf und zeige auch meine beiden Bilder von dem Tag im Freisinger Forst:


Totholz – nach 300 Metern gegenüber dem  Rotbuchenhain. Wertvoller Lebensraum für viele Insekten, Vögel und anderes Getier.




Waldkirche – 100 Meter nach dem Rotbuchenhain. Der Wald war schon immer ein Hort für Spiritualität

Das waren die beiden ersten, aber bestimmt nicht die beiden letzten Fotos aus dem Wald. Freising ist nicht weit vom Flughafen. Wenn ich zwischen zwei Vorbestellungen Zeit habe, will ich hierherkommen und meine, hoffentlich nur stundenweise, Zwangspause sinnvoll nutzen.

Sonntag, 27. Juli 2014

Runde Sache



In Dorfgaststätten, an Schießständen,  in Schützen- und Sportheimen hängen sie an der Wand, die großen, runden, hölzernen Schützenscheiben. Die ältesten sind über 200 Jahre alt. Manche fristen ihr Dasein in den langen dunkeln Gängen neben der Kegelbahn im Keller des Dorfwirts, andere prangen an den Stirnseiten der Fachwerkhäuser in den Heidedörfern, wie erst kürzlich  -> Christian von seiner Radtour berichten konnte.  Obwohl die Scheiben zu meinen Kindheitserinnerungen gehören, galt ihnen nur mein mäßiges Interesse. Bis heuer im April, zum -> Büchsenanschießen der Deutschen Waidmannsgilde.

Schon auf dem Weg zu dem Schießstand in Hattenhofen ruft mich mein Kollege Werner an. Er hat eine Flugzeugcrew vom Flughafen ins Hotel nach München gebracht. Die Crew will noch etwas schlafen und anschließend eine kurze Stadtrundfahrt durch München machen. Während des folgenden Tages wollte die Gruppe noch eine Schlössertour machen. Dazu brauchte Werner noch unbedingt einen weiteren Taxibus mit englischsprechendem Fahrer/Guide und hat dabei an mich gedacht. Ich soll mich ab 14 Uhr bereit halten. Entgegen meinem Bauchgefühl, auf das ich mich verlassen kann, sage ich zu. 

 Geplant war nach ein einigen Probeschüssen einen Schuß auf die Ehrenscheibe abzugeben. Geschossen wurde auf 100 Meter, stehend angestrichen, auf eine Papierscheibe, in deren Zentrum eine Luftgewehrringscheibe aufgeklebt ist. Stehend angestrichen bedeutet, daß der Schütze steht und sein Gewehr an einen senkrecht eingespannten Stock anlehnen kann. 

Im letzten Jahr, auch da war ich dabei, hat mein Vereinskamerad Walter mit einem Meisterschuß die Scheibe gewonnen. Das bedeutet, er hat die diesjährige Scheibe gestiftet. Jetzt sitzt er vor den Schießständen am Tisch mit den Jagdschülern, die ihm aufmerksam lauschen. Als Stifter schießt er natürlich nicht auf bzw. um seineScheibe. 

Eigentlich wollte ich, bevor ich meinen Schuß wage, noch zwei oder drei Probeschüsse abgeben, aber mir ist noch ein Jäger dazwischen gesprungen, der seinen Drilling einschießen will. Das kann dauern. Ich konnte einen Monat vorher  schon an dem Schießstand trainieren und dann ist da noch der von Werner in Aussicht gestellte Auftrag, ich will mein Glück ohne Probeschuß versuchen. 

Ich lade die .308 in das Patronenlager, stelle mich breitbeinig vor die Barriere, lehne mich mit meinem Gewicht gegen den Stock. Den Vorderschaft meiner tschechischen Brünner presse ich kräftig zwischen Daumen und Zeigefinger. Nur ein Schuß, nur ein Schuß; denke ich mir immer wieder. In dem stabilen Stand verharre ich einige Sekunden, gehe ins Ziel, um es das erste Mal aufzunehmen.  Ich steche den französischen Stecher an, gehe erneut ins Ziel, atme drei Mal tief durch und werde ruhig. Die millimeterfeinen Ringe der Luftgewehrscheibe sind durch das Zielfernrohr mit sechsfacher Vergrößerung nicht mehr zu erkennen.  Während des langsamen Ausatmens ziehe ich den Abzug durch. Der Schuß bricht, die Scheibe fährt heran.  Mein Einschußloch ist zwei Finger breit (2,5 cm) neben dem Mittelpunkt. Bis jetzt ist das der beste Treffer. 

Beim Rennen würde das ein Zielfoto sein

Ein paar Schützen kommen noch nach mir. Mein Gewehr ist umgekippt. Bevor ich es einpacke, will ich versuchen ob das Zielfernrohr noch stimmt. Die Bahn, die vorher für die Probeschüße benutzt wurde, ist nun frei. Diesmal benutze ich die Sandsäcke zum Auflegen und schieße im Sitzen. Ein 9er und ein 10er sind das Ergebnis meiner zwei Kontrollschüsse. Dabei schiele ich immer auf die Nachbarbahn, ob es einem Schützen gelungen ist mich auszustechen. Jetzt wird es spannend. Wie viele Schützen kommen noch? Ich bin bis zum Ende des Schießens aufgeregt. Das wäre meine erste Scheibe. 

Auf der Scheibe, der Stifter wählt das Motiv, sind zwei Stücke Schwarzwild gemalt. Die Farbe um den Teller des größeren Stückes ist noch feucht. Walter verrät uns den Hintergrund. Er hat die Scheibe im Internet bestellt. Der Maler, offensichtlich nicht in Wildbiologie bewandert, hat dem Frischling einen ausgewachsenen Keiler mit riesigen Hauern und Haderern zur Seite gestellt. Mit so einer Scheibe konnte er unmöglich zu einem Jägerschießen kommen. In letzter Minute wurden durch eine Malerin die Waffen des Schwarzwildes übermalt. So ist durch den zahntechnischen Eingriff eine Bache aus dem Keiler entstanden.
Nach gefühlten Stunden ist das Schießen beendet. Ich bin der Gewinner. Ich muß gestehen, daß ich dabei ein Quäntchen Glück hatte. Meine Tagesform war auch besser als gewöhnlich.
Viel zu früh musste ich meine Vereinskammeraden in Hattenhofen verlassen. Sollte ich mich doch für Werners Tour bereit halten. Am Ende haben sich die Gäste nicht mehr gemeldet, was mich sehr geärgert hat und mich in Zukunft dazu veranlasst Aufträge sehr wohlüberlegt anzunehmen.
  

Bei der Übergabe
Gestern, am Samstag, feierte die Waidmannsgilde das  Sommerfest und die Lossprechung der Jäger, die erfolgreich die Prüfung ablegten, sollte ich meine Scheibe erhalten. Der Name des Stifters und des Gewinners musste noch in Frakturbuchstaben auf den Rand gemalt werden. Unser Sommerfest war beim Forstwirt in Grasbrunn, gleich in der Nähe des Lehrreviers und der Ausbildungsräume der Gilde. Die Jagdhornbläser begrüßten uns, und riefen uns mit den inzwischen bekannten Signalen zum Essen. Noch bevor die Jungjäger ihre Lehrbriefe ausgehändigt bekommen, übereicht mir Walter die Scheibe. Dabei wird natürlich die Korrektur des Schwarzwildgebisses, und daß ich Schüler in seinem Kurs Waffenkunde war, erwähnt. Nach der Feier, ich verabrede mich noch mit Wolfgang, einem Jäger aus meinem Kurs zur nächsten Jagdmesse, packe ich meine Scheibe stolz in den Kofferraum meines Taxis. 

Einer der nächsten Taxistände von Grasbrunn aus, ist der Standplatz an der neuen Messe in Riem. Natürlich muß ich die Scheibe sofort den Kollegen präsentieren. Wie plump wäre es mit der Scheibe vor dem Bauch am Taxistand auf und ab zu laufen? Nein, dazu braucht es Feingefühl. Ich steige, gelangweilt mimend aus dem Taxi, schlendere zum Hintermann und eröffne;

"Ich habe meine Jägersachen noch an, weil ich gerade meine Scheibe bekommen habe!" 

Bei der Erwähnung des Wortes Scheibespringe ich zum Heck des Taxis, öffne den Kofferraum und zeige auf die prächtige Scheibe darin. Nachdem ich auf diese Weise, vier Kaffee, zwei Cay, einmal Wasser mit Sprudel und zweimal Ananassaft an verschiedenen Imbissen, Automaten und Hotellobbys spendiert habe, war dann auch die gestrige Schicht vorbei. 

Erste Ausstellung am Taxistand
Die nächste Scheibe darf ich stiften. Ich habe mir schon Gedanken über das Motiv gemacht. Erst wollte ich mir die Schützenliesl malen lassen. Es soll sie tatsächlich als Kellnerin vom Sterneckerbräu gegeben haben. Aber das ist mir ein zu wenig waidmännisches Thema. Ich schwanke noch. Entweder ein bunter Auerhahn auf einem Baumstumpf vor einem dunklen Tannenhain. Das gäbe einen schönen Kontrast. Oder ein Reh vor zwei Birken in einer Weidelandschaft. Weniger kontrastreich, mit stimmigen Farben. Ich habe ja noch Zeit bis zum Büchsenanschießen im April 2015. Ich darf aber nicht zu knapp sein mit der Scheibe, damit etwaige Korrekturen in Flora und Fauna vorgenommen werden können. Im nächsten Jahr werde ich dann stolz neben meiner gestifteten Scheibe sitzen und erklären, daß ich nicht um die von mir gestiftete Scheibe schieße, weil ich letztes Jahr ...

Mein mäßiges Interesse an den alten Schützenscheiben, die mir immer wieder begegnen, ist mit nur einem Schuß meiner aufmerksamen Achtsamkeit gewichen. Jede Scheibe an der Wand schaue ich mir genau an. Lese Stifter, Gewinner und Jahreszahl. Versuche herauszufinden warum gerade dieses Motiv gewählt wurde. Ich bin auf Wappen, Schützenporträts, Kirchen, Wildtiere aller Art, Jagd- und Wirtshausszenen, Heilige, Schützenköniginnen und Dorfansichten gestoßen.  Ich bin mir sicher, diese einfachen, runden Holzbretter haben den Gewinnern und Stiftern genauso viel Freude bereitet wie mir. Von nun an  schenke ich jeder Schützenscheibe die ihr gebührende Beachtung.       

Freitag, 25. Juli 2014

Internett



Sobald ich im Internet meinen eigenen Blog öffne, fällt mein erster Blick immer auf den Zähler unten links. Hier werden die aufgerufenen Seiten der vergangenen Woche angezeigt. Der Wert lag im Durchschnitt immer so um 1200. In den letzten Wochen war ich zufrieden wenn 1500 erreicht wurden. Seit ich wieder fleißiger schreibe, komme ich sehr zu meiner  Freude mal auf 2000. Aber heute sah ich in der Grafik über den Zähler einen deutlichen Ausschlag nach oben. Der Zähler zeigt einen Wert knapp über 3000.
Natürlich rufe ich sofort die Statistik-Seite auf. Ich will wissen woher die Zugriffe kommen. Sie kommen von Sash, dem Taxiblogger aus Berlin. Er hat in einem seiner -> Posts auf meinen Artikel mit dem Thema UberPop verlinkt. 

aktuell über 6.000 Seitenaufrufe

Das ist für mich gleich ein Anlaß meine Blogroll zu ändern. In meiner Blogroll, gleich über dem erwähnten Zähler, stellte ich bisher die Münchner Taxiblogger Trixi, Kim und Thomas vor. Dabei bin ich etwas zu optimistisch gewesen. Von meinen Münchner Bloggerkollegen ist seit über einem Jahr nichts mehr gekommen. Um den Lesern Abwechslung zu bieten, muß ich, die Wirkungsstätte die in meiner Blogroll vorgestellten Taxiblogger, auf Deutschland erweitern. Natürlich ist dann der Sash, nicht nur wegen seinem letzten Post, dabei. -> Rumen  blogt als Insider aus Berlin. Zwei weitere Taxiblogger aus Berlin sind -> Klaus, wir können schon auf gegenseitige Besuche in Berlin und München zurückblicken, und -> Aro, der überhaupt viel für die Taxibloggerszene im Internet gemacht hat. 

Aus Paderborn, der -> Torsten als Urgestein. Torsten. war der erste Taxiblogger auf den ich im Internet gestoßen bin.
Aus Dresden -> Bernd, mein mir nächster Blogger aus der schönsten Stadt im Nachbarsbundesland.
-> HH - Taxi unser einziger Vertreter aus dem hohen Norden. Ich bin freue mich über jeden weitere(n) Taxiblogger. Besonders ein Vertreter von unseren deutschsprachigen Nachbarn aus Österreich oder der Schweiz wäre mir sehr willkommen. Oder wir Münchner könnten auch noch mehr Taxiblogs vertragen -  in Berlin gibt es deren vier.  
  
Sash hat recht, durch die Konflikte mit und durch Uber, ist eine größere Öffentlichkeit auf uns Taxifahrer aufmerksam geworden. Und es war auch richtig und wichtig den Artikel zu verlinken. Ich freue mich auf die Zugriffe, ohne Frage, ursprünglich wollte ich darlegen welche Hürden wir auf uns nehmen um die Fahrgäste sicher und zuverlässig zu befördern. Deshalb sollen vor allem unsere Fahrgäste wissen, daß sie uns zu Recht vertrauen. Darum geht mein Dank an Sash, Thomas, Taxi Hempel, Dirk, Micha, Antonius und Günther (die den Artikel auf Facebook teilten) auch im Namen unserer Fahrgäste die informiert werden sollen.

Eine entscheidende Frage bei UberPop ist; was macht die Exekutive? Bei uns in München ist das KVR die Aufsichtsbehörde für das Taxiwesen in der Landeshauptstadt. Das KVR hat sich hier nicht sehr großzügig gegenüber uns Taxifahrer gezeigt. Jeder Stoßfänger oder Rückspiegel auf unseren Taxis muß mit der bekannten hellelfenbeinweißen Folie überzogen werden. Wer die kleinliche Überprüfung unserer -> Stadtpläne verfolgt hat, wird sich denken, daß der Amtsschimmel nicht lauter wiehern könnte. Aber es geht tatsächlich noch weiter. Es gibt Kollegen, die sich verchromte Griffschalen hinter die Türgriffe ihrer Taxis klemmen. Unser KVR sieht darin eine Kenntlichmachung und damit einen Verstoß gegen die BoKraft. Als Kompromiß dürfen die Kollegen einen Antrag auf eine kostenpflichtige Ausnahmegenehmigung stellen. Diese, wenn dann erteilte, jederzeit wiederrufbare Ausnahmegenehmigung ist während des Betriebs mitzuführen. 
Während also ein Mitarbeiter im Außendienst die Griffschalen der Taxis am Taxistand am Nordbad kontrolliert, fahren Sam und seine UberPop-Freunde gegen Entgelt, ohne Versicherungsschutz, ohne Genehmigung kreuz und quer durch alle Münchener Stadtteile. Ich komme mit den KVR.-Leuten gut aus, daher will ich sie in keinster Weise belasten. Was mich dabei seit Wochen brennend interessiert ist; was denkt sich ein Verwaltungsinspektor, der Stoßfänger, Ausgabedaten von Stadtplänen und Farbe von Griffschalen kontrolliert, während ein in seiner Stadt in seinem Aufgaben- und Zuständigkeitsbereich Privatfahrer wiederholt gegen Gesetze, Auflagen und Verordnungen verstößt. 

Der Balkan fängt doch erst hinter München an. Das ist eine Frage der Perspektive. Laut Sash soll ich also vom Ende der Republik bloggen. Wenn man von Wildeshausen, Bad Oldesloe, Berlin oder von Neuruppin nach München blinzelt, endet hier die Republik. Blickt man aber von Wien, Venedig oder Rom auf München, fängt hier die Republik erst an.

Montag, 21. Juli 2014

Millionär



“Wann sperrst du morgen auf?“
“ Um 4 Uhr.“ antwortet Roberto.
„Um 4 Uhr?! Du bist verrückt!“ 

Roberto ist nicht verrückt, er wäre es, wenn morgen nicht Kocherlball im Englischen Garten wäre. Ansonsten wäre es schon schräg ein Kinderkarussell im Biergarten um 4 Uhr früh zu öffnen.
Ich will ihn mit meiner Tochter besuchen. Als ich meine Frau fragte bekam ich eine klare Absage;
“Ganz sicher nicht, ganz sicher nicht  um diese Uhrzeit.“
So früh ist es bei uns aber dann auch nicht geworden um 6 Uhr sind wir aufgestanden, haben uns fertig und auf den Weg zum Englischen Garten gemacht.
Der Kocherlball in München hat eine über 120jährige Tradition. Ursprünglich trafen sich die Dienstboten und –mägde, die Kutscher, die Soldaten, die Zimmermädchen, die Köchinnen (die Kocherl)zu ihrem Ball am Chinesischen Turm. Spätestens um 9 Uhr mussten sie schon wieder für ihre Herrschaft zur Verfügung stehen. Daher beginnt der Ball noch sehr, sehr früh im Dunkel der Nacht. 1904 wurde der Ball wegen Unsittlichkeit untersagt und ist bis 1984 in den Dornröschenschlaf gefallen. Anläßlich des 200sten Geburtstages wurde der Ball wiederbelebt.
Als Nachtfahrer kann ich mich noch an die ersten Kocherlbälle der Neuzeit erinnern. Meine Tour endete dann mit volkstanzbegeisterten Fahrgästen am Parkplatz am Chinesischen Turm. Während des Sonnenaufgangs tanzten Hunderte, mit zum Teil authentischen Kostümen aus der Zeit der Jahrhundertwende, Schieber, Walzer, Landler, Zwiefacher und die Münchner Franchais. Die Gäste kammen mit prunkvollen Leuchtern und Brotzeit, belagerten im Kerzenschein die begehrten Biertische oder setzten sich auf ausgebreiteten Decken einfach auf den Boden.
Aus den hunderten Besuchern sind inzwischen Tausende geworden und so erachte ich es als Riesenglück, daß ich noch einen Parkplatz in der Widenmayerstraße bekomme. Auf dem Weg zum Fest, kommen wir schon an der Tivolistraße an den langen Reihen der Taxifahrer vorbei. Jetzt um 7 Uhr morgens verlassend die ersten Gäste schon wieder das Fest und treffen dabei auf die, die erst kommen. Ganz vorne an der Einfahrt zum Parkplatz, entwickelt sich ein kleines Verkehrschaos. Die Taxifahrer die ihre ankommenden Gäste aussteigen lassen, werden sofort von den Gästen geentert, die das fest verlassen wollen. Sehr zum Mißfallen der Taxifahrer, die in der Reihe warten und auf die Fahrgäste hoffen. Die Lösung dieser logistischen Herausforderung wird von meinen Zunftkollegen lautstark begleitet. Die Polizei hat sich eingeschaltet und versucht den Verkehrsfluß wieder herzustellen. Der Beamte steht in der Mitte der Straße und spricht laut zu dem Fahrer;
"Sie fahren jetzt HIER rückwärts"
Der Taxifahrer schaut nur noch stoisch durch die Frontscheibe. Drei blau-weiß und rot-weiß karierte Hemden im Taxi wollen aussteigen.
"Nein Sie steigen hier nicht aus."
"Jetz geh weiter!" schaltet sich ein zweiter Taxifahrer ein.
"Fahren Sie aus der Feuerwehrzufahrt"
"Wo soi i den hie?"
" Raus aus der Feuerwehrzufahrt."
"Jetzt las de Leit eisteign und dann schleich di"; der dritte Taxifahrer.
"Hier nicht. Nicht HIER. Polizei. Dort können Sie einsteigen."
" De san no lang net dro! De net . Dort geht´s weiter"; der zweite Taxifahrer zu dem Polizisten, der sich mit den ungeschriebenen Gesetzen der Fiaker nicht auszukennen scheint.
"Fahns jetz aus der Feuerwehrzufahrt!?; der Polizist wird bayrisch.
"Schauns do vorne ladens auf. Da vorne. Da!"; der Taxifahrer zeigt auf das Häuschen des Parkwächters.
...
Ich verlasse die Szenerie. Gleich am Eingang hat ein Sicherheitsdienst aus Biertischen eine Barriere aufgebaut. Auf den Tischen stehen Kästen mit nummerierten Flaschen. Die Taschen der Besucher werden untersucht. Die gefundenen Getränke werden mit Nummern versehen und müssen abgegeben werden.
Robertos Karussell ist genau am gegenüberliegenden Ende des Platzes. Wir stecken inmitten der Menschen. Schlimmer als auf der Wiesn. Links von uns versucht eine riesige Menschenmenge unter Anleitung einer Tanzmeisterin, die auf der Tribüne neben der Blasmusik, über ein Mikrofon Anweisungen gibt, zu tanzen. Mehr als ein wenig hin und her zu schwanken können die Tänzer den beengten Verhältnissen nicht abgewinnen. Endlich sehe ich Roberto vor seinem Karussell neben dem Zuckerwattekessel sitzen. So leicht kommen wir nicht zu ihm. Zu unseren Füssen liegen Decke an Decke die Kocherl. Jede(r) zweite schläft. Sarah hat die gute Idee über den Park von hinten an das Karussell zu kommen.
Nach der Begrüßung verziehen wir uns gleich ins Kassenhäuschen. Heute, aber nur heute, dürfen Erwachsene auf dem denkmalgeschützten, über hundert Jahre alten Karussell fahren. Gut gelaunt machen wir Späße mit den Karussellreisenden bis mir Roberto mein Geburtstagsgeschenk überreicht. Ein Feuerzeug in der Form eines Revolvers und ein Kuvert mit einem 5 Millionen Mark Schein, ausgegeben von der Bayerischen Staatsbank. Für den Lohn helfe ich fleißig mit Ballons zu binden. Nur unterbrochen von einem Weißwurstfrühstück auf der Wartebank des Karussells quatschen und lachen wir hinter dem Glas. Beobachten die gutgelaunten Kutschen- und Schlittenfahrer, Hirsch-, Widder- und Holzpferdereiter die vor uns ihr Kreise ziehen. Bevor sie in die Postkutsche steigen, stellen  drei junge Männer ihre vollen Maßkrüge vor uns auf den Balken. Wir erwägen das Karussell so lange nicht abzubremsen, bis wir die Krüge geleert haben. Irgendwie passt alles. Die Zeit vergeht wie im Flug. Wir machen uns auf den Weg nach Hause. Die Geschichte, warum das Karussell mit Hirschen bestückt ist, hebe ich mir für später auf. 
Der frischgebackene M

Die Gäste sind schon deutlich weniger geworden. Wie die Kutscher, die sich vor 120 Jahren nach dem Ball noch auf Bock schwingen mussten, werde ich heute noch mit dem Taxi ein paar Runden drehen. So weit ist der Kocherlball von mir nicht entfernt. Die Szene mit den Taxifahrern vor dem Parkplatz könnte sich genauso vor 120 Jahren abgespielt haben. Wenn man Franken, Niederbayern und die Holledau durch Afghanistan, Persien und der Türkei ersetzt,  scheint der Dieselmotor der einzige Unterschied zwischen den Taxifahrern von heute und den Kutschern von damals sein.     

Der Unterschied zwischen mir und einem echten Millionär ist das Ausgabedatums von Robertos Geldschein. Das war 1923 - da könnte ich mit 5 Millionen auf dem Kocherlball zwei Maß Bier trinken und eine Runde auf dem Karussell drehen. Beides hätte ich dort damals vorgefunden.