Sonntag, 31. August 2014

Speziell



Lange habe ich hin und her überlegt. Auf meinem Handy erscheint die Nummer einer Familie aus Bahrain. Mit ihnen war ich schon vor zwei Jahren auf der -> Zugspitze und letztes Jahr auf der Sommerrodelbahn Bad Tölz.Soll ich das Telefonat annehmen oder nicht? Die kleinste Einheit der Familie sind mindestens fünf Personen, Mama, Papa, zwei Söhne und eine Tochter. Ich bräuchte immer einen Bus um die Familie fahren zu können, und meinen Taxibus habe ich durch den PKW ersetzt. 

Schließlich schickten sie mir eine SMS; ich solle mich doch bitte melden. Jetzt wird es schwer für mich, mich zu verstecken. Ich rufe zurück und informiere sie ganz vorsichtig, daß ich mein VW-Bus Taxi, das sie schon von ihren Vorjahresbesuchen kennen, verkauft haben. Am Telefon sind sie ganz nett, erkundigen sich nach unseren Kindern, ... Kurzum, Eva hat es ja schon in einem Kommentar angedeutet, ich kann das Busfahren nicht lassen und ich erwähne den Mietwagen-Viano, den meine Frau auch noch hat.
Alhumdulilah! Damit können wir nach -> Bad Wörishofen zum Skyline Park fahren. Am Sonntag ist es dann soweit. Ich hole die Fünf von ihrem Hotel ab. Die Kinder freuen sich sichtlich auf den Ausflug zu den Fahrgeschäften. Ich habe meine Schwimmsachen mitgenommen. Ich könnte, während sich meine Fahrgäste auf den Achterbahnen amüsieren, in die bekannte Therme in Bad Wörishofen gehen.

Aufgeräumt - so parkt man in Deutschland

Um 11 Uhr rollen wir auf den Parkplatz des Freizeitparks. Drei Einweiser in orangefarbenen Westen stehen bereit. Als sie unseren Kleinbus sehen, lotsen sie uns in eine Ecke des großen Parkplatzes. Dort stehen schon verschiedene VW- und Mercedesbusse in Reih und Glied. Das Familienoberhaupt bemerkte, daß es so etwas nur in Deutschland gäbe, und genau deswegen ist er so gerne hier. 


Es stellt sich gar nicht die Frage ob ich mit der Familie mitgehe. Ganz selbstverständlich bin ich mit dabei. An der Kasse kaufe ich unsere Eintrittskarten. Der Frau an der Kasse sage ich, daß ich der Fahrer sei. Daraufhin drückt sie mir anstelle einer Eintrittskarte einen Stempel auf den Handrücken. Dazu bekomme ich drei kleine, blaue Kärtchen aus Karton. Löwentaler ist dort aufgedruckt. Mit den Kärtchen, jeder Löwentaler entspricht einem Euro, kann ich überall im Park bezahlen. Das war mir neu. Erst letztes Jahr war ich mit einer Familie im Skyline Park. Da wurde mir als Fahrer noch kein solches Angebot gemacht. Von den Buskollegen habe ich gehört, daß es im Legoland in Günzburg eine ähnliche Regelung gibt.
Für meine drei Löwentaler kaufe ich mir gebrannte Cashewkerne, von denen ich meinen Gästen, jetzt sind es eigentlich meine Gastgeber, anbiete. 

Wir bleiben hier keine zwei Stunden. Der Papa hat Hunger, er will zurück nach München. Die Kinder bekommen hier im Park noch ihre geliebten Chickenburger mit Potatos, mich will er in München, wie letztes Jahr wieder zu einem orientalischen Essen einladen. Mit dem Vorschlag kann ich leben. Die Mutter will auf dem Weg nach Hause noch irgendwo vorbeifahren. Sie will etwas Altes sehen.

“So wie letztes Jahr. Da waren wir doch in dem 200 Jahre alten Dorf. So was! Gibt es hier auch sowas?“

Sie meint das Museumsdorf von Markus Wasmeier in Brunnbichl am Schliersee. Damit kann ich hier nicht dienen. Es fällt mir auf dem Weg nach Hause nur das Kloster St. Ottilien ein. Es gibt dort ein Missionsmuseum. Dort werden Exponate aus Asien und Afrika ausgestellt, die die Mönche von ihren Heidenbekehrungen mitgebracht haben. Außerdem gibt es dort leckeren, hallal Kuchen für unseren hungrigen Familienvorstand. Interessierten Arabern habe ich hier schon einmal die Unterschiede zwischen Protestanten und Katholiken erklärt. Das ist natürlich, mit Verweis auf die Skulpturen und Heiligenbilder, in einer Klosterkirche weit mehr beeindruckender als auf einer Taxirückbank.
Aber diesmal wird nichts aus Kaffee, Kuchen und Klosterkirche. 

“Only in the car. Only in the car.“ 

drängt mein ungeduldiger Beifahrer zur Weiterfahrt. Anders als der Rest der Familie, will er hier nicht anhalten und aussteigen. So erledigen wir das Kloster im Vorbeifahren. Ich kann nur noch auf die klösterlichen, landwirtschaftlichen Güter verweisen. Durch die Windschutzscheibe werden Landschaftsbilder geknipst, aber jetzt will man zurück nach München directly. 

Das Familienoberhaupt zeichnet gerne. Sein Lieblingsmotiv sind Pferde, die er mit Bleistift skizziert. Er wollte sich eine Kopie einer seiner Skizzen anfertigen lassen. Die Skizze ist größer als DINA3, mit der zusammengestückelten Kopie, die er aus einem Copy-Shop in Uni-Nähe bekommen hat ist er nicht zufrieden. Ich erinnere mich, daß ich vor Jahren für und mit dem Künstler und Kollegen -> Manrov ein paar Bilder in der Galerie Wolfgang Roucka, die auch alles rund ums Bild erledigt, abgeholt habe. Der Laden ist in der Nähe der Lokale in die uns der Hunger treibt und so kann ich mit der ganzen Familie in der Werneckstraße Ecke Feilitzschstraße vorbeifahren, wo wir die Druckerei mit Galerie auch finden. Ich notiere ihm noch die Adresse Werneckstraße 35 auf seinen Umschlag.

So jetzt ist das auch erledigt. Unserem Essen steht nichts mehr im Wege. Letztes Jahr war ich mit ihnen in dem indischen Lokal in der Ungererstraße. Besser gesagt, er hat mich dort hin gelotst. In seinem Heimatland, so hat er mir erklärt, gibt es viele Inder und Pakistani die Restaurants betreiben. Sie sind mit der bahrainischen Küche vertraut. So auch die Köche, die er in München gefunden hat. Nach seinen knappen Anweisungen wurden die Gerichte zubereitet und aufgetischt. Tagsüber haben wir uns ausgetauscht und festgestellt, daß wir beide gerne Kartoffeln und Zwiebeln essen. Am Abend dann bekam ich als Hauptgericht Hähnchen mit Kartoffeln und Zwiebeln in einem irdenen Topf aufgetischt. Das Hähnchenfleisch war zart und die grobgeschnittenen Zwiebeln weich. Wir haben jeder einen Topf voll mit dem dünnem, weißen Fladenbrot ausgeschleckt – und das nach einer ausgiebigen Vorspeise.

Das indische Restaurant Ungerer-/Dietlindenstraße, gleich gegenüber unserer Esso- Tankstelle, eine feste  Anlaufstelle für die Nacht-Taxifahrer, gibt es nicht mehr. In den Räumlichkeiten, Ungererstraße 56, ist jetzt ein afghanisches Restaurant Namens Khorassan. Mit meinem Vorschlag das neue afghanische Restaurant auszuprobieren, stoße ich auf offene Ohren. Zu unserem Glück finden wir in der Ungererstraße gleich einen Parkplatz, der uns nichts nützt, weil das Khorassan erst wieder um 17:30 Uhr öffnet. Wenn schon ein Afghane, dann bevorzug Madame das Lemar in der Viktor-Scheffel-Straße 23, an der Ecke Belgradstraße, aber das Familienoberhaupt setzt sich durch und wir folgen seinem Vorschlag, dem Ksaraeinem libanesischen Restaurant in der Haimhauserstraße. Hier haben wir auch Glück und finden einen Parkplatz gleich in der Nähe. Madam gibt nicht auf. Bevor wir aussteigen reicht sie mir die Visitenkarte des Lemar nach vorne. Ich soll anrufen ob die geöffnet haben. Mein Anruf ergibt, daß dieses Lemar auch nachmittags schließt, und erst wieder um 18:00 Uhr öffnet. Der gemütliche Mann ist froh, daß die Diskussion endlich ein Ende hat. 

Im Ksara  wird erst einmal die Vorspeise bestellt. Als der Kellner bemerkt, daß ich mit der Speisenkarte auf Arabisch nichts anfangen kann, legt er mir eine deutsche Speisekarte auf den Tisch  Wir beginnen mit dem bekannten Falafel, gefolgt von Tabbouleh, dem Salat aus Weizen, Petersilie und ganz klein geschnittenen Tomaten, gewürzt mit Olivenöl und Zitronensaft. Die Soujok, füllfederdicke, ca. 3 cm lange Rinderwurstscheiben in einer exotischen dunklen Soße, sind für mich neu. Die Soße kann man am besten mit sauer-scharf beschreiben und schmeckt sowas von gut. Der Geschmack ergänzt sich hervorragend zu den gegrillten Rindswurststückchen. 

Als Hauptspeise wähle ich eine Art gemischten Teller mit drei Sorten Fleisch; Lamm, Hühnchen und Kalb. Dazu gibt es Reis und gekochtes Gemüse, das ich nicht kenne. Das Dessert besteht aus einer Süßigkeit die ich auch das erste Mal sehe und natürlich Mokka. Mit jeder Spezerei die mir aufgetischt wird, wird mein Preis, den ich später im Hotel verlangen will weniger. Das scheint auch mein Gastgeber zu ahnen, den er lässt nicht locker mir etwas anderes anzubieten.

Bei der Recherche im Internet  zu der Adresse des Lemar habe ich entdeckt, daß es nicht nur eines, sondern mindestens vier davon gibt. Scheint eine kleine Kette zu sein. Es gibt noch das Lemar in der Thierschstraße 5. Ich kann mich erinnern erst heuer Inder vom Tal aus dorthin gebracht zu haben. Ein weiteres ist in der Brunnstraße 4 und das Vierte ist in Starnberg. Die zwei letzteren kenne ich überhaupt nicht. 

Dieses Jahr habe ich auch schon zwei Mal Araber zum Sangeet, ein indisches Restaurant in die Brienner Straße 10, gebracht. Taxifahrer erinnern sich noch genau an das Lokal Weintrödler das vorher da war. Nicht zu vergessen eine eigene Entdeckung, das Sara in der Landwehrstraße 41. Dort war ich vor der Arabersaison schon zu Gast. In der Lokalität, eine Mischung aus Restaurant und Imbiss, könnte genauso eins zu eins in Libyen stehen. Die passende Kulisse der Landwehrstraße trägt nicht unwesentlich zu dem orientalischen Eindruck bei. Die Zeiten, in denen wir unsere ersten arabischen Gäste nur ins Arabesk in die Kaulbachstraße gebracht haben, sind vorbei.

Donnerstag, 28. August 2014

Billig



“... und so billig“ sei München, laut meinem Fahrgast. Ich habe schon viel gehört was München ist; sauber, grün, sicher, reich, gemütlich, schöne Umgebung, ... 

Aber billig gehört nicht zu den Standartadjektiven wenn es um die Beschreibung Münchens geht. Zugegeben, mein Fahrgast aus der guten Wohngegend, zwischen Leopoldstraße und Englischem Garten, dort wo der Münchner Mietspiegel die dort rot markierte beste Lage ausweist, ist auch alles andere als Standard.

Die Nähte seiner Schuhe und seines Anzugs zeigen mir, daß Beides nicht von der Stange ist. Ich zeige mich erstaunt und frage wo er den sonst gelebt hat. Auf dem Weg zur Bank erzählt er mir;
“ Ich bin im Investment tätig, vorher war ich in Dubai, davor acht Jahre in London, davor New York und morgen...“ dabei zuckt er mit den Schultern. 

Tja dann,  wenn man das aus der Warte sieht ist München billig.
“Es ist halt nicht der Finanzstandort. Aber es gibt hier viel green und eine schöne landscape und es ist quiet.“

Der Anfang ist gemacht


Da sind wir wieder bei dem was man sonst so von München hört. Aber wird klar, daß ich etwas falsch mache. Ich sitze hier in einem fetten (Taxi-)auto, habe einen fetten (Taxi-)geldbeutel, aber die dicke Beute machen  wieder die Anderen. Ich werde Investor! Gestern habe ich die Vorsteuer für den Kauf meines neuen Taxis auf mein Konto überwiesen bekommen. Wenn mir meine Frau etwas Spielgeld gönnt, geht es los. Wenn mein Marxismus schon nicht zur Befreiung der Arbeiterklasse beigetragen hat, soll er mir wenigstens zum Wohlstand dienen. Marxens Kapital soll in den U.S.A., übersetzt in einfaches Englisch überraschend gut verkauft werden. Ich habe noch ein altes Exemplar vom Dietz Verlag aus Berlin.
Eigentum an Produktionsmittel und/oder an Land gilt es zu erreichen. Solange ich mir als Taxifahrer keinen Anteil an einer GmbH oder Bauland kaufen kann, bleibt mir nur der Weg Aktien zu kaufen oder auf die Anzahlung zu einem Apartment zu sparen. Meine ersten Gehversuche mit Aktien habe ich vor Jahren mit der Handelsplattform Flatex getraut. Es waren nur wenige Aktien, für die ich Geld übrig hatte, aber als der Aktienkurs um 3 % stieg, hatte ich abzüglich der Handelsgebühren, vor Steuer so um die 20,-€ verdient. Das ist wenig, interessant wird es erst dadurch, daß ich das mit nur wenigen Klicks erreicht habe. 

Angefangen diesen Post zu schreiben habe ich am Marriott. Ich habe dort knapp drei Stunden gewartet bis zwei Männer von dort in das WestInn Hotel in der Arabellastraße wollten. Für die Fahrt habe ich mit Trinkgeld 12,-€ bekommen. Das Ganze hat mich schließlich drei Stunden gekostet und ich habe Kapital im Wert von über 50 Teuro eingesetzt. Zugegeben, das war jetzt ein absolutes Negativbeispiel, während eines Augustes in der Mittagszeit. Trotzdem scheint es die Sprichwörter zu bestätigen, nachdem man sich entscheiden muß; zu arbeiten oder Geld zu verdienen – Beides zusammen sei nicht möglich, oder daß eine Fingerspitze Handel mehr bringt mehr als ein Arm voll Arbeit.
Wenn ich nach erfolgreicher Investitionstätigkeit mit Maßanzug und -schuhen hinter dem Taxisteuer sitze, und der Fahrgast will zum Westin Hotel, werde ich am Ziel auf meine Taxiuhr schauen, 10,90 € ablesen und mir ganz im Stillen denken; `Gott, was ist München billig´

Sonntag, 24. August 2014

Araberpreise



Seit drei Wochen sind die Araber wieder in der Stadt. Ohne Taxibus kann ich heuer nicht mehr richtig bei den Ausflugsfahrten mitmischen.
 Mit meinem Taxibus wurde ich während der Arabersaison an allen möglichen Standplätzen in der Innenstadt oder vor den Hotels angesprochen. In der Regel beginnt das mit dem tausend Mal gehörten;

„Excuse me, ...“

Die Araberprofis unter den Taxis rollen dann mit den Augen, atmen aber tief ein, besinnen sich, und lauschen was jetzt wohl kommen mag. Schnell zum Black Forest um zwei Uhr nach Mittag, mit dem Heißluftballon fliegen, ins Outlett an Maria Himmelfahrt, als Lotsenfahrzeug im Berufsverkehr vor den fahrradfahrenden Kindern vorherfahren, ... Das wäre alles nicht das erste Mal. Oder es kommt mal was ganz anderes, etwas Vernünftiges: 

“Are you German?“
”Yes, Almani.” 

Jetzt setzt der Mechanismus Erwartungshaltung ein. Wir Europäer erwarten von den Orientalen, daß sie Handeln. In unseren Köpfen schachert der Araber auf den Bazaren seiner Heimatstadt und wirft in den Preisverhandlungen blumenreich die Geschichte seiner Händlervorfahren ein.
Fragt also der Orientale nach dem Preis für eine Fahrt nach Zell am See, rufen manche unserer Kollegen einen Preis auf, daß es einem schwindelig wird, weil ja sowieso noch gehandelt wird.
Bei einer Taxifahrt entscheidet der Kunde ob die Fahrt stattfindet. Um einen Erfolg der Unternehmung zu erreichen, muß seine Erwartung erfüllt werden. Warum fragt er uns ob wir Türken, Perser oder Deutsche sind? Damit gibt uns unser Verhandlungspartner schon den Hinweis daß er, je nach Herkunft des Fahrers, verschiedene Reaktionen erwartet. Natürlich ist das nicht ganz richtig; unter den angesprochenen  Münchner Taxifahrern gibt es keine großen Unterschiede. Ganz gleich ob sie aus Zonguldak, Teheran oder Landau an der Isar stammen und schon eine, zwei oder drei Generationen hier sind. Sie alle wollen ihren Lebensunterhalt verdienen und sind deswegen mit ihren Taxibussen in München unterwegs. Aber unsere Kunden aus einer fremden Kultur haben eine Vorstellung von uns, die genau so wenig mit der Realität übereinstimmt, als jene die uns glauben machen will, daß sie mit Turban, Fes und Pantoffeln durch die Karawansereien schlürfen.

In meinem Fall hat er es mit einem Deutschen zu tun. Jetzt tut sich in seinem Kopf gleich die teutonische Schublade auf. Demnach handelt ein Deutscher nicht. Ein Deutscher war ein Dichter, Denker, Duckmäuser – jetzt ist er ein Ingenieur. Ein Händler ist er nicht.  Ein Deutscher wirft nicht einfach einen Preis in den Ring. Ein Deutscher berechnet, wägt alle Risiken ab, er kalkuliert – die Zahl die der Deutsche nennt ist nicht SEIN Preis. Das ist DER Preis! 

So jetzt sind die Klischees ausreichend bedient. Es geht ans Eingemachte. Der Wurm muß dem Fisch schmecken, nicht dem Angler! Die Araber fragen den Almani nach dem Preis für eine Fahrt nach Zell am See. Ein in diesen Tagen ein typisches Ziel. 

Der Taxifahrer tippt das Fahrziel in sein Navigationsgerät, wahlweise Smartphone. Jetzt, ganz wichtig, nimmt er ein Stück Papier und schreibt die Entfernung darauf. Von München über die Salzburger Autobahn und über Schneizelreuth  (das gibt es nicht nur in dem bekannten Lied von der Schönheitskönigin) sind es ca. 180 Kilometer. Die Sonnenblende wird heruntergeklappt um sich dort auf dem Tarifaufkleber noch einmal nach dem amtlichen Tarif zu vergewissern. Er nimmt das Mittel; 1,70 € pro Besetztkilometer und notiert die Zahl auf seinem Papier. Der Taschenrechner im Smartphone kommt zum Einsatz. Die arabische Familie wird ruhig, schaut interessiert zu. Je nach Kurz- oder Weitsichtigkeit setzt der Taxifahrer seine Brille auf oder ab. 306,- €, das Ergebnis bildet die dritte Zahl auf dem Zettel. Natürlich kennt jeder Taxifahrer die Entfernung und erst recht seinen Tarif. Aber ... Jetzt ist es Zeit für die nicht unwichtige Frage;

“Nur hin? Oder auch wieder zurück?“
“Come back“
“Wie lange wollt ihr da bleiben?“
“5 hours.“ 

Der Taxifahrer notiert 7 Stunden Wartezeit, multipliziert sie mit 20,-€ pro Stunde und schreibt 140,- € auf seinen Zettel. Während sich der Taxifahrer ausmalt wann er wieder zurück in München ist, sind seine Araber beeindruckt von dem Deutschen der jetzt schon mal an die Wartezeit denkt.
“Für den halben Preis, für 150,- €, nehm ich euch wieder mit zurück.“; dazu malt er eine 150 auf seinen Zettel. Die drei Zahlen 306, 140 und 150 werden addiert. Unter der Zahlenreihe wird die Summe 596,- € geschrieben. Diese Zahl wird energisch doppelt unterstrichen. Die Araber kneifen die Augen zusammen und ziehen bittere Gesichter. Auch der Taxifahrer bringt seine Mimik ins Spiel. Er schürzt die Lippen, wackelt abwägend mit dem Kopf und murmelt leise aber doch verständlich 

“Discount ... Discount ...“ 

Er könnte auch das arabische Wort Rabatt murmeln, das wäre allerdings nicht das passende für diese Taktik des Preisangebotes.

In großen Ziffern, auch das ist ein arabisches Wort, was erwartet man von einem Händlervolk, schreibt der deutsche Taxifahrer 510,- € auf sein Papier. Diese Zahl umkreist er mehrmals deutlich mit seinem Kugelschreiber. Nach der Präsentation des Zettels, klatscht er, um die Endgültigkeit seines Angebotes auszudrücken in die Hände. 

Für mich nur noch als Zaungast aus dem (PKW-)Taxifenster.

Jetzt ist es an den Arabern das Angebot anzunehmen oder abzulehnen. Aber glaubt mir, egal wie sie sich entscheiden, ihr habt DEN Preis für einen Tagesausflug nach Zell am See gemacht. Wenn sie sich jetzt einen Fahrer aus der Senefelder Straße nehmen, oder selbst einen Kleinbus mieten, wenn sie überhaupt noch einen bekommen, stets werden sie die Kosten mit euren 510,- € vergleichen. Den das ist DER Preis, der wurde nicht ausgehandelt, den hat der Almani gemacht. Und der ist kein Händler!
(... aber wenn er Taxifahrer ist, ist er vielleicht doch ein klein wenig Schauspieler.)
 

Freitag, 22. August 2014

Falsche Station



„We are at the wrong station!“

Die Frau zeigt mir einen ausgedruckten Buchungsbeleg von der Autovermietung Sixt. Ich kann daraus lesen, daß sie ihren reservierten Mietwagen am Giesinger Bahnhof entgegennehmen können. Die Kanadier kamen zum Hauptbahnhof um festzustellen, daß sie am falschen Bahnhof waren. Also machen wir uns auf den Weg nach Giesing. 

Am Bahnhofsplatz angekommen, will ich meine Gäste nicht ins Leere entlassen und spähe einmal um die Runde die Geschäftszeilen entlang. Weit und breit kann ich das bekannte Sixt-Schild finden. Schnell gebe ich die Suchbegriffe Sixt und Giesing in Google Maps ein. Es erscheint der bekannte schwarze Punkt mit dem roten Rand. Zu der Spitze des Zeigers führt ein blauer Strich von unserem Standort aus. 10 Meter / 50 ft soll die Entfernung zu dem gesuchten Sixt-Büro sein. Die beiden Kanadier wollen schon aussteigen. Sie vermuten den Autoverleiher in dem Gebäude. So ganz zufrieden bin ich aber noch nicht. Ich frage die Verkäuferin in der Bäckerei neben uns. 

Die Dame weiß auch gleich Bescheid. Wir sollen in die Chiemgaustraße fahren, wenn wir Sixt suchen. Die von der Autovermietung würden das Taxi bezahlen; hätten ihr die Leute von Sixt gesagt.
Wieder zurück im Taxi, nehme ich noch einmal mein Smartphone zur Hand. Ich will die genaue Adresse von Sixt in der Chiemgaustraße herausfinden. In der Chiemgaustraße gibt es Europcar, aber keinen Sixt. Eine Sixt Station hingegen gibt es in der Tegernseer Landstraße 163. Die Tela, wie die Tegernseer Landstraße im Taxlerjargon genannt wird, knickt einmal ab, streckenweise sind die beiden Straßenseiten durch einen Graben getrennt und ein Teil ist Einbahnstraße. Um richtig auf die Hausnummer zu kommen, aktiviere ich mein Navi, aber das gibt mir in Höhe der 160er Hausnummern nur die geraden Nummern zur Auswahl. Parallel dazu habe ich die auf die Sixt - Telefonnummer in der Google Ergebnisanzeige geklickt. Über die Freisprecheinrichtung hören wir eine zweisprachige Begrüßung vom Band, gefolgt von Musik, dann soll man über die Tastatur die Sprache wählen, schließlich wird ein Menü verlesen....
Es beginnt nervig zu werden. Ich kann mich erinnern vor Monaten schon mal einen Kunden in das neue Sixt Büro in die Tegernseer Landstraße gebracht zu haben. In der Hoffnung, daß es tatsächlich kein Sixt Büro in der Chiemgaustraße gibt, fahre ich einfach mal in das Büro in der Tela.
Das Taxameter ist seit ich am Giesinger Bahnhof angekommen bin ausgeschaltet. Meine Kanadier erinnern mich; 

„Wir schulden dir 15,- €“ 

Jetzt schalte ich wieder an, wenn alles stimmt wird Sixt die Anfahrt bezahlen. Drei Minuten später stehen wir vor der Sixt Station. Beim Anblick des orangefarbenen Balkens über den Fenstern atmen meine Gäste erleichtert auf. Ich noch nicht. Ist es wirklich die Ersatzstation für den Giesinger Bahnhof. Ich habe keine andere Wahl, ich muß frech auf dem Ring halten. Jetzt bekomme ich 15,- € für den Fahrpreis von den Gästen. Wir laden die Reisetaschen aus. Ich schnappe mir meinen Geldbeutel und Quittungsblock. Die Dame, die mich am Hauptbahnhof als Erste angesprochen hat, gibt mir von meinem Wechselgeld 10,-€ Trinkgeld zurück.

Taxi vor Sixt in dieser Perspektive


Kaum betreten wir die Filiale erkennt mich die Sixt-Mitarbeiterin an meinen Utensilien als Taxifahrer.
“Wie viel bekommen Sie?“
Jetzt atme ich auf – wir sind richtig.
“6,90 €, bitte.“ 

Sie zählt mir das Geld in Münzen passend auf den Tisch. Eilig verabschiede ich mich, mein Taxi steht auf dem Ring. Bevor ich einsteige gönne ich mir noch eine Sekunde für das Foto vor der Sixt-Filiale.
Wer mitgerechnet hat, weiß es; die Fahrt vom Hauptbahnhof zum Tela-Sixt hat mir 31,90 € Umsatz gebracht. Für die Taxifahrer sei noch verraten: Wenn ihr über die Weißenseestraße anfahrt, kommt ihr richtig auf die Tela – vorausgesetzt eure Leute wollen zum Sixt.