Freitag, 31. Oktober 2014

Nachlese



Seit fast 30 Jahren lebe ich in München und dieses Jahr war ich zum ersten Mal nicht auf der Wiesn. Obwohl ich  während der vergangenen Jahre am, um und auf dem Oktoberfest gearbeitet habe, und  obwohl ich erst in der letzten Zeit meine Vorliebe für die Oide Wiesn entdeckt habe.

Zugegeben, am zweiten Wiesnmittwoch hätte ich eine Ausnahme gemacht. Ich wollte meinen Freund besuchen, der mit zwei Ständen auf der Wiesn vertreten ist. Die Anzeigetafel vor der Tiefgarage in der Schwanthalerstraße zeigte mir auch schon über 20 freie Parkplätze an. Zum Glück rufe ich vorher an und erfahre daß er selbst an diesem Tag gar nicht auf dem Oktoberfest ist, sondern in unserer alten Heimat sein Karussell für den kommenden Christkindlmarkt vorbereitet. Die Schokoladenfrüchte alleine locken mich nicht und so schleiche ich mich mit meinem Taxi über das Westend aus dem Einzugsgebiet des Riesenfestes.

Zuhause habe ich in meiner alten Keksdose Fotos aus meinen frühen Münchener Jahren vom Oktoberfest gefunden. Auf dem Foto sieht man  Wiesnbesucher auf dem Weg in die Bräurosl oder zum Schottenhamel. Beim Betrachten ist mir sofort aufgefallen, daß Niemand, aber auch wirklich Niemand einen Fetzen Landhaus trägt. Keine Dirndl, keine Lederhosen, keine Hemden aus Sackleinen. Keine Bierfässer aus Polyesterfaser Made-in-China, keine bayerischen Plüschlöwen mit baumelnden Tatzen, keine grauen Spitzhüte Marke Dorfdepp auf den Köpfen der Leute. 

Oktoberfest 1988

Markus Stoll aus Regensburg, alias Harry G, ein Komödiant dessen YouTube-Filme mir sehr gefallen, hat ein Video über die Entwicklung der Tracht  veröffentlicht. Dabei erwähnt er, daß sich die Bayern auf dem Fest in Zukunft daran erkennen, daß sie eben nicht als Bayern auftreten, sondern in zivil mit Blue – Jeans und neutralem Hemd, gerade so wie auf meinem Foto aus der Blechplatzerldose.

Heuer hat der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter das erste Faß angezapft. Im Gegensatz zu seinem langjährigen Vorgänger Christian Ude, der die Aufgabe meist mit zwei gekonnten Schlägen bewältigte, brauchte Reiter dazu vier Schläge. Ude hat auch, die frische Maß in die Höhe streckend, den Trinkspruch; “Auf eine friedliche Wiesn!“ eingeführt. Damit erweckte er mein Mißtrauen. Seitdem verfolge ich nach dem Oktoberfest den Bericht der Münchner Polizei. Auch diese Statistik unterliegt dem Wandel der Zeit. Früher wurde sie von Körperverletzungen, bedingt durch die häufigeren und größeren Raufereien in den Bierzelten angeführt. In unseren Zeiten nehmen Taschendiebstähle und sexuelle Übergriffe zu.

Überhaupt faszinieren mich die ->  Daten zum Oktoberfest, die Unmengen von halben Hendeln, Ochsen, Brezen und Hektoliter Bier die dort vertilgt werden. Ich kann mich an ein Heften der Stadtwerke erinnern, daß ich vor Jahren in die Finger bekam. Ein Artikel beschäftigte sich mit dem Stromverbrauch des Oktoberfestes. Eine Grafik verdeutlichte die Werte. An der Linie, die zum Vergleich den Verbrauch Münchens darstellte, konnte man bei Einbruch der Dunkelheit einen steilen Anstieg erkennen. Anders als auf dem Oktoberfest; am Vormittag geht der Verbrauch fast senkrecht nach oben, bleibt dann annähernd waagrecht bis zum Ende. Die elektrische Beleuchtung, die am Abend noch zugeschaltet wird, fällt, angesichts der mächtigen Elektromotoren der Fahrgeschäfte und der hunderte von Öfen und Herden, kaum ins Gewicht.
 
Trachtenanzug - Grafiti in Thalkirchen

Nicht statistisch erfasst, aber von mir beobachtet werden die Moden, die sich wie der jeweilige Wiesnhit, jedes Jahr ändern. Nach den bunten Hüten mit den aufgesteckten langen Federn, von den Damen getragen, kamen die hölzernen Wäscheklammern mit eingebrannten Namen oder Slogans. Der letzte Schrei auf der Wiesn 2014 waren die beschrifteten Lebkuchenherzen, die nicht mehr wie früher um den Hals hängend getragen werden, sondern in kleinerer Ausführung keck an die Taille geheftet werden.

Der Code der sich hinter der Position der gebunden Schleife der Dirndlschürze verbirgt, ist inzwischen ein alter Hut, den die Gäste aus Kopenhagen dem Taxifahrer auf dem Weg vom Hotel zur Bavaria, glauben erklären zu müssen.
Nach der Wiesn ist vor der Wiesn, die Moden ändern sich, der Grant bleibt! Aber man wird doch noch spitzen dürfen!    

Freitag, 24. Oktober 2014

Rauch und Dampf




Mit meinem neuen Taxi muß ich auf Kundenfang gehen. Die Fahrgäste, so hoffe ich, finde ich in den teureren Hotels unserer Stadt. Inzwischen habe ich mich schon öfter vor das Mandarin Oriental, zwischen den anderen Taxilimousinen aufgestellt.

Das Mandarin Oriental, das ehemalige Rafael, ein fünf Sterne Haus, ist eines der besseren Hotels in München. Hier, so hoffen die Taxifahrer und auch ich, finden wir Gäste, die überdurchschnittlich oft zum Flughafen fahren oder interessante Touren haben. Ich kenne Kollegen, die es auf diese Weise, ganz ohne weitere Werbung, zu einem beträchtlichen Kundenstamm gebracht haben.

Als Taxifahrer habe ich Gelegenheit die Doormen zu beobachten. Sie begrüßen die Hotelgäste in ihrer Muttersprache, öffnen die Türe, übernehmen das Gepäck, saugen den roten Teppich am Eingang, holen die fahrräder aus dem Keller, hießen die Flaggen vor dem Hotel, verteilen Regenschirme, zeigen Ziele im Stadtplan, weisen den Weg zum nächsten Restaurant oder zur Apotheke.

Wenn sie eine Flughafenfahrt zu verkaufen haben, kommen wir Taxifahrer ins Spiel. Es gibt Kollegen die für eine Fahrt zum Flughafen die zwischen 65,- und 80,- € Umsatz bringt den Portier 5,- bis 10,- € überreichen um eben diese zu bekommen. Nachdem ich lange genug vor einem Hotel stand, bin ich auch schon gefragt worden; 

“Da vorne auf der Leopoldstraße ist doch ein Supermarkt?! Das ist doch ein ALDI, oder?“
oder auch schon etwas anspruchsvoller;
“Wo gibt es hier in der Nähe in Schwabing einen Friseur, wo man morgen noch einen Termin bekommt? Die Gäste müssen morgen um 11:00 Uhr am Standesamt sein.“
Ich nenne ihm ein Friseurgeschäft in der Augustenstraße und ein weiteres im Karstadt am Nordbad.
“Sind die auch gut? Haben die schon so früh auf?“
Ich Dummkopf fange dann auch gleich an nach den Öffnungszeiten zu googlen, bis mir einfällt;
“Bei aller Kollegialität. Sind das deine Gäste oder meine?“

Das waren aber nicht die Doormen vom Mandarin Oriental. Die kommen mit einem Ausdruck aus dem Internet auf mich zu fragen: 

“Kannst du bitte diese Zigaretten holen?“ 

 
Meine Besorgung

Auf dem Ausdruck ist eine Bild einer goldenen Schachtel der Marke Benson & Hedges abgedruckt. 

“Ja, es ist Sonntag. Ich muß bis zum Hauptbahnhof fahren.“

“Ok, kein Problem.“ antwortet achselzuckend der Portier. Die durchschnittliche Übernachtung kostet in dem Haus 600,- €. Da mag der Fahrpreis für ein Taxi zum Hauptbahnhof und zurück wirklich kein Problem sein.
“Wie viele Schachteln?“ fällt mir noch ein zu fragen.

“Drei.“ Bevor ich losfahre höre ich noch wie der Doorman zu seinem Kollegen im Eingang sagt;
“Er macht es ...“

Sonntags ist wenig Verkehr. Mitten durch die Stadt fahre ich zum Bahnhof. Ich bekomme sogar einen der beiden Parkplätze, die am Bahnhof Nord für uns Taxifahrer reserviert sind. Ich kaufe die drei Packungen Benson & Hedges in dem Laden in dem ich bis vor drei Jahren, als ich noch rauchte, selbst Stammkunde war. Inzwischen ist die in Bezug auf Zigaretten gut sortiere Trafik umgezogen. Sie ist nicht mehr in der Mitte in einem Pavillon auf dem Bahnsteig sondern 20 Meter weiter neben dem Zeitschriftenladen. Das Geschäft wird immer noch von der gleichen Familie betrieben. Ich lasse mir den Bon über meinen Einkauf geben.
Nach 20 Minuten stehe ich wieder vor dem Hotel. Ich werde schon von den Doormen erwartet. Einer kommt gleich auf mich zu um die Packungen in Empfang zu nehmen. Mit seinem Kollegen gehe ich an den kleinen Sekretär in dem Durchgang gleich hinter dem Eingang. 15,60 € für die Zigaretten, 18,90 € für die Fahrt. Für die Taxifahrt stelle ich ihm eine Quittung aus, dabei vergesse ich nicht die 19% Umsatzsteuer zu vermerken. Er öffnet die Schublade und bezahlt mich mit lauter 5,-€ Scheinen die dort lose liegen. Das könnte ihr Trinkgeld oder das Geld meiner Kollegen, das sie für eine gute Fahrt erhalten haben, sein. So zieht das Bargeld seine Kreise. 

Gleich am nächsten Tag, wieder vor dem Mandarin Oriental, steht ein großer Jeep vor dem Eingang. Wie am Vortag kommt der Doorman auf mich zu und fragt ob ich Hans Dampf kenne. 

“Hans Dampf?! Da kenne ich viele. Welchen meinst du genau?“

Es geht um Hans Dampf, dem e-Zigarettenladen in der Steinsdorfstraße 12. Den kenne ich, ich amüsiere mich immer über den Namen, wenn ich in der Steinsdorfstraße  vor der roten Ampel über die Zweibrückenstraße stehe. 

“Kannst du die Gäste dahin bringen?“ er deutet auf den Jeep vor mir. “Du fährst voraus und die folgen dir.“ 

Ok, das mach ich auch. Nach einer Stunde warten bin ich froh wenn ich wegkomme, egal wohin. Die Strecke ist nicht weit. Immer den fetten Jeep hinter mir fahre ich über das Isartor, über die Thiersch- und Länd- in die Steinsdorfstraße. Als ich das dicke Fahrzeug in der engen Ländstraße im Rückspiegel hinter mir sehe, frage ich mich, wo der vor dem Laden parken will.
Kaum komme ich vor dem Hans Dampf zu stehen, springt einer der drei Männer, die augenscheinlich aus dem Nahen Osten kommen, aus dem Geländewagen und fragt mich nach dem Fahrpreis.

“Six euro ten, please.“ antworte ich ihm und denke mir dabei, daß sich das wieder gelohnt hat. Mit den Worten;
“It´s ok.“ gibt er mir zehn Euro.

 Wie gestern bekomme ich nur Fünfer, diesmal zwei, anstatt der sechs vom Vortag. Inzwischen löst der Fahrer das Parkplatzproblem. Mit seinem Allrad fährt er über den Bordstein und stellt sich brettlbreit vor das Schaufenster. Mit großer Wahrscheinlichkeit halte ich auch wieder  5,- € Scheine aus der Schublade der Doormen in der Hand.
Den das tun sie nämlich auch noch – die großen Scheine der Gäste wechseln.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Taxibusse ts, ts, ts



Ich stehe am Taxistand Hochstraße vor dem Holiday Inn Hotel. Vor mir ein Sprinter als Taxi. Das Riesenauto versperrt mir den Ausblick und den potentiellen Fahrgästen den Blick auf mein schickes Taxi.
Wie kann man den nur einen Taxibus fahren?! Warum muß den so ein großes Auto bewegt werden, wenn nur ein oder zwei Fahrgäste befördert werden sollen?! 

Wer braucht schon so ein großes Taxi!

24 Fahrgäste brauchen drei Taxibusse. Ohne Taxibusse würden mindestens sechs Taxifahrer eine Fahrt abbekommen. Sechs Kollegen könnten mit ihren Kindern gemeinsam in den Zoo gehen oder Medizin für die kranke Mutter kaufen. Die Busfahrer mit ihren Gemüsekisten nehmen uns die Arbeit und die Butter vom Brot. Sprinter, Vianos und  Vitos sind Nutzfahrzeuge, keine Taxis. Am schlimmsten sind die VW-Bus Fahrer –die verweigern sogar den Stern am Taxihimmel. Mercedes ist doch seit 100 Jahren DER Partner des Taxigewerbes. Es gibt Kollegen die fallen unseren engsten Verbündeten in den Rücken und schaukeln ihre Gäste in einen Volkswagentransporter durch München – auch wenn es nur ein oder zwei Fahrgäste sind.

Montag, 13. Oktober 2014

58, 59, ...



Der Hausmeister kommt aus dem Rilano Hotel. Unter dem Arm trägt er eine blau-weiße Stoffbahn. Er geht zu dem mittleren der drei Fahnenmasten neben unserem Taxistand in der -> Domagkstraße und holt die Fahne ein. Ich strecke schon meinen Hals, denn ich will wissen, welche Fahne er an die Karabiner der Fahnenschnur klickt.
Es ist das Löwenbanner unserer Münchner Sechzger. Vom Taxifenster aus will ich das Hießen der Flagge nicht fotografieren weil die Schriftzüge aus der Perspektive seitenverkehrt erscheinen. 

blau - weiß - hellelfenbein


Also springe ich aus dem Auto, über die kleine Mauer und die Bodendecker, um auf die richtige Seite zu kommen damit der Schriftzug richtig dargestellt wird. Durch die Aktion gerät auch der Taxistand in das Blickfeld. Die Mimik des Mannes an der Fahne lässt vermuten, daß er Anhänger eines anderen Fußballvereins ist.
Vor dem Rilano in der Domagkstraße habe ich erst vor 14 Tagen den Löwen – Bus stehen sehen. Das wird das Hotel sein, in dem die Spieler des TSV 1860 vor dem Spiel in der Allianz Arena übernachten. Die Spieler des F.C. Bayern sind in der Nacht vor dem Spiel im Dolce Hotel in Unterschleißheim.