Sonntag, 12. Oktober 2014

Lichtspiele



Ein Stammkunde hat uns bestellt. Es ist eine Gruppe von Innenarchitekten am Flughafen abzuholen. Insgesamt sind es elf Fahrgäste, zu zweit, mein Kollege und ich können die Gruppe befördern.
Am zweiten und letzten Tag ihres Aufenthalts steht ein Besuch der Allianz-Arena auf dem Programm. Praktischerweise soll es danach gleich wieder zum Flughafen gehen.
Der Zeitplan ist eng gestrickt. Wir beeilen uns um pünktlich bei dem Beginn unserer Führung in der Paulaner-Gaststätte im Stadion zu sein. 

Gleich am Anfang gehen wir wieder nach draußen. Wir stehen ganz nah vor der bekannten Fassade aus 1.056 Folienkissen. Unser Führer hat sich informiert und weiß, daß unsere englischen Gäste aus der Beleuchtungsbranche kommen, so bedient er uns gleich mit Daten über die Beleuchtung der Fassade und des Fußballfeldes. Der bisherige Ausstatter der Beleuchtung der Außenfassade, die Münchner Firma -> Osram, hat gewechselt. Der neue Sponsor und Lichtpartner der Allianz-Arena ist der Philips, der Mitbewerber aus den Niederlanden. Anstelle der osramschen Leuchtstoffröhren werden in Zukunft 380.000 LEDs von Philips in die Luftkissen eingesetzt.

Unser Führer zeigt uns die innere Beschichtung der Folie aus der die Luftkissen bestehen. Dort sind viele, kleine, raue, weiße Punkte die das Licht brechen. Drei Kompressoren arbeiten ständig um die Druckluft für die Luftkissen zu erzeugen. Der Luftdruck variiert zwischen der Lage der Kissen und dem Wetter. Im Winter wird der Druck in den oberen Kissen erhöht, damit sie dem Schneedruck standhalten können. Tobt ein Sturm wird der Luftdruck in den Kissen gesenkt, um dem Wind keine starre Angriffsfläche zu bieten.
Der Guide greift in die Tasche seiner Jacke, zieht einen kleinen Fetzten Folie hervor und zeigt uns das Material, aus dem die Luftkissen gefertigt sind. 




Technisch erlauben die LEDs bewegte Animationen auf der 29.000 Quadratmeter großen Fassade der Allianz Arena. Die Frage ist nur noch, ob die Stadt München das auch genehmigt. 2006, nach der Eröffnung der Arena, waren die Autofahrer auf der, an dem Stadion nah vorbeiführenden, Autobahn A9 so von den wechselnden Farben abgelenkt, daß sie vermehrt Unfälle verursachten. Mit den herkömmlichen Leuchtstoffröhren konnten die Betreiber schon eine bemerkenswerte Lightshow zaubern. Ich, als häufiger Benutzer der Autobahn, kann mich noch daran erinnern, als die Arena in weiß-blauen Rauten erschien. Oder ein in drei Farben blinkendes Ungetüm sieht man auch nicht alle Tage. Heute gestattet die Stadt nur ein Wechseln der Farben ganzflächig alle halbe Stunden. Weiß, Blau und Rot sind die Farben in denen die Arena erstrahlt, manchmal ist sie -> grün.
Als nächstes gehen wir in das innere, weite Rund des Stadions. Zwischen den Sitzreihen wird uns erklärt, daß die Bestuhlung eigens für die Arena entworfen  wurde. Der Name Allianz ist nicht auf den einzelnen Sitzen aufgedruckt. Würde der Sponsor der Arena wechseln, würde das bedeuten, daß alle 60.000 Sitze ausgetauscht werden müssten.  

Beim Anblick der menschenleeren Ränge, wähnt man die dazu passende gespenstische Stille zu hören. Dem ist diesmal nicht so, auf dem Spielfeld kämpft ein vierköpfiges Laubbläserkommando gegen die Papierfetzen am Spielfeldrand. Der Schall von vier Zweitaktmotorgetriebenen Winderzeugern bricht sich an den leeren Rängen und zwingt unseren Führer immer lauter zu sprechen.
Die Allianz Versicherung hat erst den Sponsorenvertrag für das Stadion verlängert. Mindestens bis 2041 werden die Versicherung und ihr Namenszug noch bleiben.
Eine der Logen kostet inzwischen 110.000,- € Jahresmiete. Die begehrten  Mietverträge werden für fünf Jahre geschlossen. Wenn einer der Logenmieter nach fünf Jahren seinen Vertrag nicht mehr verlängern will, steht schon der Nächste von der Warteliste bereit.

Wir werden darauf hingewiesen, daß aus unserer Perspektive das Spielfeld quadratisch wirkt, was es aber natürlich nicht ist. Von der Längsseite aus, wo wir eine viertel Stunde später, hinter den Reportertischen stehen, wirken die Seitenverhältnisse realistischer. Ich setzte mich an den Platz des ARD – Sportredakteurs und vor mir breitet sich der 105 x 68 Meter große, heilige Rasen  aus. 
Von hier geht es über den Raum in den die Pressekonferenzen abgehalten werden in die Umkleidekabinen des FC Bayern. Über jedem Fach ist ein Foto des Spielers angebracht. An die Wand können während der Halbzeitpause Szenen der ersten Halbzeit projiziert. Vor das Bild wird eine Glasplatte geschoben, auf der Josep Guardiola der Trainer, während das Bild eingefroren wird, Spielzüge mit einem Stift nachzeichnen kann. 
Nach dem Spiel können die Spieler in einem 4 x 5 Meter großen Entspannungsbad ihre Muskeln lockern. Das körperwarme Wasser ist 99 cm tief. Wäre es einen Meter tief, müsste ein Bademeister die erschöpften Spieler beim Baden beaufsichtigen.
Wir müssen uns etwas beeilen. Unsere Fahrgäste drängt es zum Flughafen. Aber den Durchgang, den die Spieler benutzen um auf das Spielfeld zu kommen, lassen wir uns nicht nehmen. Das hat etwas von einem Circus im antiken Rom, als wie wenn die Gladiatoren durch eine große, geöffnete Luke in den Sand der Arena treten.

Zum Abschluß gehen wir noch durch den Gang mit den Logos aller Sponsoren an der Wand. Hier warten die Reporter auf die Spieler um von ihnen die ersten Statements von dem Spiel zu bekommen.
Heute am Sonntag, ist die Arena auch noch etwas anderes als eine Sportstätte oder ein Restaurant. Heute ist es auch ein Premierenkino. Hier wird jetzt zum ersten Mal der Film: Landauer - der Präsident gezeigt. Der Film des Regisseurs Hans Steinbichler zeigt das Leben des jüdischen Fußballfunktionärs Kurt Landauer, der zwischen 1913 und 1951 viermal Präsident des FC Bayern München war. Unter seiner Präsidentschaft wurde 1932 der FCB Sieger der ersten gesamtdeutschen Fußballmeisterschaft. Und welcher Ort wäre dazu besser geeignet als die Allianz - Arena?  

Kommentare:

  1. Mensch Reinhold, du scheinst ja wirklich den Traumberuf gefunden zu haben. Mal in der Arena, mal mit der Gastfamilie in den Freizeitpark mit anschließenden zünftigen essen. Und zur Abwechslung gibts auch noch Abgelegene Dörfer.
    Chapeu, bei dir ist wirklich JEDER Beitrag ein genuss der mir zumindestens ein kleines lächeln ins Gesicht zaubert.
    Weiter so!!!

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  2. Vielen Dank für dein Lob. Obwohl ich zu viel Zeit im Taxi verbringe, kann ich mir nur sehr schwer vorstellen in festen mauern zu arbeiten. Außerdem befriedigt das Taxifahren meine Neugierde.

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