Freitag, 4. September 2015

Heimatstich



Am Montagabend bemerkten wir es schon. Bisher mußten wir von unseren vier Spuren am Taxistand Bahnhof Nord nur eine Spur abgeben. Dort stand ein großer orangefarbener Bus mit Milchglasscheiben. Durch die bei der Hitze der letzten Tage geöffneten Fenster konnten wir medizinische Einrichtungen erkennen. Der Bus steht inzwischen schon seit Wochen für die Flüchtlinge bereit. Nachdem die Neuankömmlinge im Starnberger Bahnhof registriert wurden, begleitete sie die Polizei zu einer ersten medizinischen Untersuchung zu dem Bus auf unserem Taxistand. Frisch untersucht stiegen sie in einen zum Shuttle umfunktionierten Bus der Münchner Verkehrsbetriebe. Vor einem Jahr noch haben wir Taxifahrer die meist aus Syrien stammenden Flüchtlinge in die -> Erstaufnahmelager gefahren. 

Am Montagabend aber, da begann der Zirkus erst richtig. Für uns Taxifahrer waren nur noch zwei Spuren übrig. Die linke Spur, die mit dem Medizinbus, war mit Krankenwagen, und die Spur ganz rechts mit Streifenwagen der Polizei aufgefüllt. Dazwischen standen wir neben unseren Taxis und tauschten Neuigkeiten aus. Ein arabischsprechender Kollege aus Tunesien war unsere heißeste Quelle. 

"Vorher waren die Nazis da. Da, da sind sie hereingekommen. Die Polizei ist in den Bahnhof gestürmt. In Budapest warten noch tausend Flüchtlinge. Ein Zug ist vor einer Stunde angekommen. Jetzt kommt dann noch einer. Schau mal, die da, die waren zehn Tage unterwegs. Woher kommt ihr? Komm her, der spricht Englisch." 

Wir stehen mitten im Brennpunkt. Um uns herum Sanitäter, Polizisten, Bahnpolizei und Menschen aus Afrika und dem Mittleren Osten. Alle Taxifahrer, auch ich, stehen draußen, reden, spitzen die Ohren. Bis ich einen Bahnreisenden erwische. Er muß nach Schwabing - Heimatstich! Schluß für Heute.
Am nächsten Morgen starte ich gleich bei mir im Viertel. Am Rilano in der Domagkstraße steigt mir ein Hotelgast zu. Er muß zum Bahnhof und das ganz schnell. 

"Ich habe 15 Minuten."

"... und ich warte schon seit einer halben Stunde vor dem Hotel auf Sie." 

Im Laufe der Jahre sind die richtigen Antworten schon zurechtgelegt. Weil es ihm gar so pressiert, will ich ihn zum Bahnhof an die Nordseite fahren. Von hier muß er nur noch die drei Stufen nach oben springen, und ist, ohne die Schalterhalle durchqueren zu müssen, bei den Gleisen. Um noch mehr Ampeln und Zeit zu sparen, fahr ich den Taxifahrern bekannten Weg über die Hirten und Pfefferstraße um von Norden an den Bahnhof zu kommen. 

Wir sind überrascht. Der ganze Platz vor der Nordseite des Bahnhofs ist mit weiß-roten Gittern abgesperrt. Große Feuerwehrautos stehen bereit, unzählige Polizei-VW-Busse parken kreuz und quer. Da wo sonst wir Taxifahrer auf unsere Kundschaft warten, lagern zwischen bunten Zelten und blauen Dixi-Toiletten Hunderte Flüchtlinge. Nachdem mein Fahrgast flugs mit seinem Koffer in dem Gewimmel verschwand, stellte ich mich am Bahnhof Mitte an. 

Hier traf ich auf zwei meiner Kollegen, die sonst an der Nordseite stehen. Sie haben sich, genauso wie ich die  Mitte als Alternative ausgesucht. Zwei Mal wurden wir von offensichtlichen Asylbewerbern angesprochen. Zwei junge Männer wollten nach Hamburg und konnten auch das nötige Bargeld vorweisen. Den Kollegen und mir war die Sache nicht geheuer. Im Moment wollte Niemand die brisante Fahrt übernehmen. Ein Münchner Taxi zu diesen Zeiten auf dem Weg durch die ganze Republik nach Hamburg wäre auf der Autobahn Freiwild für jeden Zöllner oder Polizisten. Wie lange wird es dauern bis die Flüchtlinge die Kollegen einzeln, und nicht in der Gruppe, in aller Öffentlichkeit, ansprechen? Wann spricht es sich unter den Nichttaxifahrern herum , daß am Bahnhof zahlungsbereite Kundschaft auf eine Weiterbeförderung wartet? Meine Fahrt bringt mir 11,-€ und geht in die Maxvorstadt. Den ganzen Tag über komme ich nicht mehr an den Hauptbahnhof.

Unser Taxistand am Bahnhof in München

Erst am Abend, vom Süden her, über die Paul-Heye-Unterführung. An der Kreuzung zur Arnulfstraße zeigt ein Schild daß nur geradeaus gefahren oder nach links abgebogen werden darf. Ich spähe nach rechts, zum Bahnhof, entdecke die zur Seite geräumten Absperrgitter und wage die Anfahrt. In Höhe des Ausganges, direkt an der Arnulfstraße, stehen schon drei Taxis hintereinander. Unter den Blicken der Polizei mache ich den Vierten. Es hat begonnen zu regnen. Die erste willkommene Erfrischung nach den heißen Tagen. In dem Häuschen der Bushaltestelle, von der sonst der Flughafenbus abfährt, liegen zwei geöffnete Koffer auf dem Gehweg. Bunte Kleidungsstücke quellen daraus hervor. Daneben ein Karton. Aus der schauen die Teddybären mit den blauen Schleifchen um den Hals, die während des Nachmittags an die Flüchtlingskinder verteilt wurden, auf den nassen Asphalt
.
Als Vierter dauert es nicht lange bis ich einen Fahrgast bekomme. Diesmal geht es nach Bogenhausen.

Dienstag, 25. August 2015

Ohne Sprache



Soll ich noch einmal hinausfahren oder nicht? Um 13 Uhr bin ich, nachdem ich am Vormittag meine zwei Vorbestellungen gefahren habe, nach Hause gekommen. Ich habe Rechnungen geschrieben, Kassenbuch geführt, e-Mails beantwortet, Termine eingetragen und ich muß zugeben; auch etwas Zeit mit Youtube-Filmen verschwendet. Inzwischen ist es halb acht geworden und ich überlege noch hin und her ob ich noch einmal mit dem Taxi ein paar Stunden durch Schwabing auf der Jagd nach Kunden kreuzen soll. Der Fleiß siegt, ich steige in mein Taxi, fahre keine hundert Meter bis mich ein Mann, gleich bei der Bavaria Petrol Tankstelle heranwinkt. Ich bleibe stehen, lasse ihn einsteigen. 

"Central Station"; gibt er knapp sein Fahrziel an.

Wir sind auf der Ingolstädter Straße noch nicht einmal bis zum Frankfurter Ring gekommen, als er mir  auf die Schulter tippt. Er zeigt mir ein Satellitenfoto auf seinem Smartphone. Darauf ist ein Standort gekennzeichnet.  Ich fahre zur Seite um mir das Bild genauer anzuschauen. Obwohl ich mich in München gut auskenne, kann ich das Foto nicht zuordnen. Vorsichtig ziehe ich den Ausschnitt des Fotos immer größer, bis der Schriftzug Augsburg auftaucht. Ich gebe ihm sein Telefon zurück und versuche ihm zu erklären, daß Augsburg eine andere Stadt ist.
"Medina Augsburg." sage ich und deute weit in Richtung Westen. Bei den Worten; "Medina München."  ziehe ich mit dem Zeigefinger einen Kreis um das Taxi. Anschließend reibe ich Zeigefinger und Daumen aneinander. Er versteht sofort -Geld. Wie viel will er wissen. Auf einen Notizzettel schreibe ich 160,-€. Ich ahne schon, daß das keine glatte Fahrt wird. Deswegen bin ich beim Preis gleich höher eingestiegen. Jetzt zeigt er mir auf seinem Handy, WhatsApp ist geöffnet, eine neue Adresse.
Augsburg, Berliner Allee 143 
ist das Einzige was ich in lateinischen Buchstaben zwischen den fremdartigen arabischen Schriftzeichen erkennen kann. Also das ist doch schon mal eine Ansage. Jetzt aber zeigt er mir Fotos mit denen er mir sein Fahrziel mitteilen will. Im Wechsel zeigt er mir ein Foto von der Preistafel einer Tankstelle, einer Limonadenreklame und einer Tafel einer Bushaltestelle. Das Bushalteschildchen sehe ich mir näher an; Schwabencenter ist dort aufgedruckt. Während ich die Adresse des Schwabencenters google sucht mein anstrengender Fahrgast ein neues Foto in seiner Datei. Diesmal zeigt er mir, zum Glück in lateinischen Buchstaben, eine Adresse in Untermeitenbach. Die groben Pixel erregen meinen Verdacht. Ich ziehe das Bild wieder kleiner. Nach und nach sehe ich das ganze Schild, den Zaun und schließlich das Tor zu einem Lager. Über der Adresse steht; Schlosserei - Metallbau - Zäune. Der Hilflose hat das Werbeschildchen der Firma, die den Zaun um das Camp gebaut hat,  fotografiert um wieder hinzufinden. Oder hat ihm das Bild jemand geschickt, der ihm mitteilen will wo er zu finden sei? Auf meiner Karten App überprüfe ich die Adresse Berliner Allee in Augsburg. Auf dem Sattelitenbild erkenne ich Gebäude die ein Asylantenlager sein könnten.  Wir machen uns auf den Weg nach Augsburg in die Berliner Allee - das erscheint mir am sinnvollsten.
Unterwegs finde ich heraus, daß mein Fahrgast aus Aleppo / Syrien kommt. Jetzt war er aus dem neuen Auffanglager in meiner Nachbarschaft im Euro-Industriepark. Immer wieder unterhält er sich über WhatsApp mit einer Frau. Wechselseitig senden sie Sprachnachrichten hin und her. Während der Fahrt schaut er oft auf die Karte in seinem Smartphone. Jemand hat ihm eine Zieladresse gesendet. Er gestattet es, daß ich unseren Kurs auf seinem Smartphone verfolge. Auf seiner Karte ist die Route mit einem blauen Strich markiert. Solange wir uns, erkennbar als blauer Kreis mit weißem Zentrum, auf der blauen Linie bewegen ist für uns alles in Ordnung. Parallel dazu läuft mein Navigationsgerät mit. Als Ziel habe ich die Berliner Allee in Augsburg eingegeben.
 Im Radio wird von den Übergriffen auf die Polizei und die Blockade des Flüchtlingheimes in Heidenau berichtet. Wir Taxifahrer sind wieder einmal mittendrin, live dabei, immer bei den Menschen, ganz nah, haben die wertvolle Gelegenheit es fast hautnah zu erleben. Ich bin mir nicht sicher ob das ein Fluch oder Segen ist. 

In Augsburg macht mich mein Fahrgast aufmerksam, daß wir die blaue Linie verlassen haben. Während das Ziel in seinem Routenplaner die gesendete Markierung ist, ist das Ziel im Navigationsgerät des Taxis noch immer die Berliner Allee. Er will daß ich umdrehe und ihn zu der Markierung bringe. Jetzt fahren wir nachts durch den Regen in einer fremden Stadt mit nichts als dem roten Punkt, auf einem ansonsten nur arabische Schriftzeichen anzeigenden Handy, als Ziel! Es gibt Worte im Türkischen die auch die Araber verstehen. Links und rechts, sol und sag, gehören nicht zu diesen Worten. Wir kommen an eine Kreuzung. Ich zeige ihm den Ort der in seinem Handy markiert ist. Hilflos schaut er mich an. Ich fahre auch noch die letzten Meter bis genau auf den Parkplatz eines italienischen Restaurants. Hier, genau hier, sind wir richtig! Die rote Markierung des Ziels und der blaue Kreis unseres Taxis überdecken sich. Ich schalte den Motor aus, deute auf das Taxameter, es zeigt 107,10 € an. Er zieht aus seiner Tasche drei zwanzig Euro-Scheine. Mit einem erwartenden Gesichtsausdruck deute ich erneut auf das Taxameter. Er schüttelt leicht seinen Kopf und macht das Zeichen für Schreiben. Ich zeige ihm den Notizzettel vom Beginn der Fahrt. 160,-€ steht da immer noch. Den Einser und das laufende Taxameter hat er wohl übersehen. Mein Gesichtsausdruck wechselt von erwartend zu fordernd. Er zieht noch einen Zehner aus der Tasche und reicht ihn mir. Dabei zuckt er mit den Schultern. Nach zehn Sekunden der gespielten Ratlosigkeit serviere ich ihm einen Lösungsvorschlag. Er hat jetzt sofort jemanden mit vierzig Euro herzubestellen. Wenn er sich dabei nicht hastig bewegt, geht die Sache für uns beide gut aus. Er telefoniert, reicht mir mit dem Wort german sein Telefon. Am anderen Ende ist jemand der mir sagt wir sollen doch in die Berliner Allee kommen. Nachdem er mir zusichert daß er auch Geld hat machen wir uns auch noch an die letzten zwei Kilometer unserer Odyssee. Als wir in die Einfahrt des Lagers einbiegen, werden wir schon von einer jungen Familie erwartet. Gleich streckt mir der Vater einen fünfzig Euro Schein entgegen. Zusammen mit den sechzig Euro des Fahrgastes macht das jetzt 110,-€. Der Taxameter zeigt 110,30€ - passt. 

Ein letztes Foto vor der Rückfahrt

Hinter dem Papa steht scheu und doch interessiert  ein kleines Mädchen. Mit großen, dunklen Augen unter den Locken schaut es mich neugierig an. Zum böse schauen braucht man viele Muskeln, habe ich irgendwo aufgeschnappt. Zum lächeln nur zwei. Das tue ich jetzt auch. Offen lächelt sie zurück. In Sekunden entspannt sich die Situation. Ich springe schnell aus dem Taxi. In der Armlehne der Rückbank habe ich Bonbons für die Fahrgäste. Ein letztes Bonbon finde ich noch, das ich der Kleinen zustecke. Leider war es ein scharfes Zuckerl, ein Pfefferminz, das wird ihm nicht geschmeckt haben.
Es hat sich also doch gelohnt, daß ich noch einmal rausgefahren bin. Es hat mir 110,-€ Umsatz gebracht und die Erkenntnis, daß Kommunikation auch ohne Worte funktionieren kann.      

Montag, 24. August 2015

Foliensandwich



In meinem Taxi ist es hell. Über den Vordersitzen ist ein großes Glasschiebedach. Über der Rückbank ist ebenfalls ein Glasfenster, welches allerdings nicht geöffnet werden kann. Von Außen ist die ganze Dachfläche aus Glas. Inzwischen haben die meisten unserer Taxischilder einen starken Magneten im Fuß,  der unsere Reklame auf dem Taxidach hält. Solange es noch keinen Glasmagneten gibt, muss eine Lösung gefunden werden.


Während einer gemeinsamen Pause an unserer ESSO habe ich einem Kollegen aufs Glasdach geschaut und dabei die Lösung gefunden. Letzte Woche habe ich in meinem Verzeichnis Suchbegriffe gefunden, die nahelegen, daß ein Kollege ebenfalls auf der Suche war.
Der Umrüster, bei mir war es Vepas in der Hans-Preißinger-Straße, hat an der hinteren linken Ecke des Daches ein Stück schwarzer Folie auf das Glas geklebt. Auf die Folie kommt ein dünnes
Blech, etwa so groß wie eine große Tafel Schokolade.
Auf das Metallplättchen hat Vepas wieder eine schwarze Folie geklebt. Die Magnetfüße des Taxischildes finden dort ausreichend halt. Ich selbst habe es schon bis zu einer Geschwindigkeit von 240 km/h auf der A9 getestet. Das soll aber nicht für jedes Magnettaxischild gelten und ich übernehme keine Gewähr wenn das Taxischild eines Kollegen dem armen Nachfahrenden in die Windschutzscheibe donnert.
Das ganze Folie-Metallplättchen-Folie-Sandwich ist durch die schwarze Farbe auf dem dunklen Glasdach nicht auffällig.

So klebt der Magnet selbst auf dem Glasdach

Die Kollegen, die ein Taxi mit Aluminiumkarosserie, soweit ich weiß, die Audi-Fahrer, haben für das gleiche Problem die gleiche Lösung. In diesem Fall ist dann die Farbe der Folie natürlich hellelfenbeinweiß - RAL 1015.

Donnerstag, 13. August 2015

Haching



"... und dann brauchen wir noch dein Kennzeichen für die Polizei."
 
"Für die Polizei!?",frage ich zurück. 

"Ja, damit die euch reinlassen und später für die Eskorte ... eventuell."

Was habe ich da wieder für einen Auftrag geangelt? Der Anruf kam am Samstag, ganz kurzfristig vor dem Auftrag am Sonntag. Die SpVgg Unterhaching spielt ein DFB - Pokalspiel gegen den FC Ingolstadt 04 im Alpenbauer Sportpark Stadion in Unterhaching. 

Die Stadt ist voller Araber, die die Kleinbusse belegen. Eine Bekannte des Schiedsrichterbetreuers Stefan Seitz ist einmal mit uns gefahren und so kam der Kontakt zustande. Ein Glück für uns beide. Der Leiter des Profibereichs, Salih Aydogan, ruft mich auch noch einmal an und schärft mir ein, wie wichtig die Betreuung der Unparteiischen ist. Ihre Stimmung kann entscheidend sein. Der Schiedsrichterbetreuer und ich verabreden uns im Hotel in dem die vier Schiedsrichter einquartiert sind. Zu dem Anlaß habe ich den Bus noch einmal frisch gewaschen und gesaugt. Eine Viertel Stunde vorher sitze ich mit Stefan schon in der Hotellobby. Die DFB - Schiedsrichter erscheinen. Ganz anders als wie ich mir das vorgestellt habe. In ihren schwarzen Anzügen und mit Krawatten wirken sie seriös. Es ist Sonntag, Nachmittag, kein Verkehr, in 15 Minuten sind wir am Sportpark. Der erste Ordner ist schon informiert und lässt uns passieren. Gleich vor der Geschäftsstelle können wir parken, auch der für diesen Bereich Zuständige lässt uns durch. 

Die Schiedsrichter verlieren keine Zeit und verschwinden in dem Gebäude. Ich verschließe das Auto und komme nach. Hier in der Geschäftsstelle lerne Salih persönlich kennen. Er lässt mir eine Arbeitskarte als Schiedsrichterbetreuer ausstellen. Mit der Karte kann ich mich frei im Stadion bewegen. Im Pressebereich kann ich mir etwas zu trinken holen. Neugierig auf den Spielbetrieb überblicke ich von einem großen Fenster die Spielfläche des Stadions. Obwohl ich schon seit 30 Jahren in München bin, ist heute das erste Mal, daß ich im Unterhachinger Stadion bin. Im Olympiastadion war ich, ebenfalls mit einer Sonderkarte ausgestattet, mit einem türkischen Fanbetreuer unterwegs, der sich engagiert für die angereisten Fans aus Istanbul kümmerte. Im Rahmen von Führungen war ich wiederholt mit Gästen von unseren Kunden in der Allianz-Arena. Unterhaching war für mich Neuland - war! Wie ich so sinnierend am Fenster stehe, erkenne ich die vier Schiedsrichter in ihren weißen Hemden, wie sie an der Westtribüne entlang, neben dem Spielfeld in Richtung des VIP -Hauses gehen. Schließlich bin ich frischer Schiedsrichterbetreuergehilfe in Unterhaching. Da wo die Schiedsrichter sind muß ich auch sein. Ein Ordner erklärt mir wie ich über den Spielertunnel, eine Etage tiefer auf das Spielfeld komme. Bis ich aber neben dem Spielfeld bin, sind die Schiedsrichter, obwohl sie in ihren weißen Hemden in dem noch menschenleeren Stadion leicht zu erkennen wären, verschwunden. Vor der leeren Westtribüne blicke ich um mich. Noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. Der Schiedsrichterbetreuer kommt mit einem Kollegen und stellt einen Tisch zwischen die Reservebänke. Jetzt kann ich die erste Information geben. Ich kann ihn zumindest informieren in welche Richtung die Schiedsrichter zuletzt gegangen sind. Er weiß schon Bescheid. Wer mich kennt, weiß, daß ich die Zeit bis zum Beginn des Spieles nutze. Zweimal umrunde ich die Tribünen bis ich mich orientiert habe. Langsam, langsam füllen sich die Ränge. Eine Stunde vorher kommt der Bus aus Ingolstadt. Die ersten Schanzer Spieler machen sich mit dem Platz im Stadion vertraut bevor sie wieder in ihren Kabinen verschwinden. In der Pressestelle trinke ich eine Apfelschorle, drehe noch einmal eine Runde, diesmal außerhalb des Stadions. Die Parkplätze füllen sich. Die Funktionäre sind in reger Betriebsamkeit.
45 Minuten noch - die Spieler bieder Mannschaften sind schon auf dem Platz und wärmen sich auf. Wobei aufwärmen bei 28 Grad Celsius im Schatten nicht ganz das richtige Wort ist. 

Klaust, ein Trompeter in Lederhosen spielt die Bayernhymne und ein Geburtstagsständchen für Ralph Hasenhüttl, dem Ingolstädter Trainer.
Der Anpfiff rückt näher die Auflaufkinder stehen bereit. Drei meiner vier Schiedsrichter, jetzt in dunkelblauer Sportmontur, führen die Spieler, die getrennt nach Teams in Zweierreihen einlaufen,  an. Die Spieler nehmen die Kinder kurz an die Hand und laufen unter Musik aus den Stadionlautsprechern bis zur Mitte des Platzes.
Die Unterhachinger spielen während der ersten Halbzeit auf der Südseite. In der ersten Halbzeit fällt gleich das erste Tor für die SpVvg. Die Ingolstädter stürmen immer wieder an, aber Stefan Marinovic, der Hachinger Torwart, hält die gefährlichen Bälle. Die Fans feuern mit Sprechchören ihre Mannschaften an. In der Ingolstädter Kurve gibt ein Trommler mit einer großen Pauke den Takt an. WIE-DER-STAND  Bumm - Bumm - Bumm, durchsetzt von Paukenschlägen höre ich aus der gegenüberliegenden Kurve. Bei den Hachingern schreit eine Gruppe UNTER, deutet übers Eck auf die andere Hachinger Fangruppe, die laut HACHING antwortet. Ich bin heilfroh, daß die Parole; Schiri, wir wissen wo dein Auto steht, diesmal ausbleibt.
Mit einer 1:0 Führung geht Haching in die Halbzeit. Der Stadionsprecher hat für die Fans in der Ingolstädter Kurve während der Halbzeitpause eine Dusche angekündigt. Wer eine Erfrischung will, soll seine Elektronik wasserdicht verstauen und auf den Rängen bleiben.
Die Unterhachinger freiwillige Feuerwehr rückt an und legt einen feinen Wassernebel über die erhitzten Fans, die zu der Abkühlung noch einen kleinen Regenbogen bekommen. Nachdem ich das Foto gemacht habe, auf dem leider der Wasserstrahl nicht so leicht zu erkennen ist, verbringe ich den Rest der Pause mit einer Flasche Wasser im Pressebereich. 

Unterhachinger Feuerwehr sorgt für Erfrischung

Auf dem Weg zum Spielfeld überrascht mich der Torjubel der Hachinger Fans. Nach nur drei Minuten Spielzeit in der zweiten Halbzeit baut Die SpVvg Unterhaching mit dem 2:0 seine Führung aus. Und wieder war es Markus Einsiedler, der, wie auch in der ersten Halbzeit, das Tor schoss.
Ich bin zufrieden wenn nach 90 Minuten das Ergebnis feststeht und es zu keiner Verlängerung kommt. Die Schiedsrichter müssen noch zum Hauptbahnhof, bzw. zum Flughafen. Endet das Spiel pünktlich, bleibt genügend Zeit über den Bahnhof zum Flughafen zu fahren. Wegen der großen Hitze legt der Schiedsrichter eine kurze Trinkpause ein. 

Spieler der SpVvg
In der 83. Minute plötzlich ein Tor! Diesmal Jubel aus der Ingolstädter Ecke. Ich stehe zu weit entfernt, kann es nicht genau erkennen. Der Stadionsprecher informiert uns; dem Ingolstädter Moritz Hartmann gelingt der Anschlußtreffer. Jetzt steigt die Spannung. Können die Hachinger das 2:1 noch bis zum nahenden Spielende durchhalten? Nach 90 Minuten Spielzeit gibt der Schiri fünf Minuten Nachspielzeit. Die Hachinger Fans hinter mir schlagen sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Fünf Minuten!? Fünf Minuten können eine Ewigkeit werden, wendet alles entschieden wird. In fünf Minuten können die Ingolstädter zum Gleichstand aufholen. Während der darauffolgenden Verlängerung kann den Hachingern der schon in der Tasche geglaubte Sieg durch die Finger rieseln. Gebannt verfolgen die Fans das Spiel. Ich lasse mich auch von der Stimmung im Alpenbauer Sportpark anstecken. Immer wieder gehen die Augen zu der Stadionuhr. Pünktlich nach fünf Minuten pfeifen die Hachinger Fans und schreien ZEIT ZEIT ZEIT. Mit den Händen machen sie waagrechte Schnitte durch die Luft. Endlich pfeift der Schiri ab. Jubel bricht aus! Die SpVvg Unterhaching hat den Bundesligisten Ingolstadt besiegt. Im Spielertunnel wird sich gegenseitig gratuliert und den Spielern zurecht auf die Schultern geklopft.

Mit Kniefall bedanken sich die Unterhachinger bei den Fans


Meine Schiris sind in den Geschäftsräumen verschwunden. Sie müssen noch den Spielbericht schreiben. Geduldig warte ich mit dem Schiedsrichterbetreuer vor der Tür. Wir beobachten wie die Ingolstädter ihre Kabinen räumen und die ausgelassene Freude der Unterhachinger Spieler.
Die Schiedsrichter haben ihren Spielbericht ausgefertigt und unterschreiben lassen. Anders als vorgesehen wollen zwei der vier Unparteiischen noch zum Essen bleiben. Die anderen Beiden, die ihren Flug erwischen müssen, bringe ich zum Flughafen. 

Unsere Abreise gestaltet sich, entgegen meinen Erwartungen nach dem anfänglichem Telefonat ganz unspektakulär. Das Spiel wurde vor einer Stunde abgepfiffen, die Busse mit den Ingolstädter Fans sind schon weg, die Parkplätze sind geräumt, der Großteil der Polizei ist schon abgerückt. Jetzt sind meine Wasserflaschen, die ich bis jetzt kühlen könnte, bei den Gästen willkommen. Unterwegs auf der A9 überholen wir den Bus des FC Ingolstadt 04. Am Flughafen bleibt mir keine Zeit, sofort drehe ich um und fahre wieder zurück in den Alpenbauer-Sportpark in Unterhaching. Zwei Schiedsrichter wollen noch zum Bahnhof. Unterwegs auf dem Mittleren Ring, Höhe Englischer Garten, erreicht mich der Anruf des Schiedsrichterbetreuers Stefan. In 15 Minuten bin ich da, ich werde mich melden, wenn ich vor dem VIP-Haus im Stadion stehe. Der Betreuer macht seine Sache perfekt und begleitet die Beiden noch bis zum Bahnhof. Unterwegs bleiben noch ein paar Minuten zur Spielbesprechung. Um halb Neun abends bin ich dann mit dem Auftrag fertig. 
Der Bus der Schanzer auf dem Weg nach Hause

Ich danke der SpVvg Unterhaching, besonders Salih und Stefan, daß sie mich zum Schiedsrichterbetreuergehilfen, zum Fußballreporter, und was noch unerwarteter ist - zum Fan, gemacht haben.