Montag, 27. April 2015

A scheens Gschäft



Ein sonniger, ruhiger Sonntag Nachmittag war das gestern. Am Bahnhof geht es nur langsam Vorwärts, deshalb habe ich meine Vermittlungsapp geöffnet. Von dort bekomme ich auch meinen nächsten Auftrag. Ein Hotel in der Arnulfstraße. Bei dem wenigen Verkehr fahre ich schon nach fünf Minuten vor das Hotel. Meine vier jungen, männlichen Fahrgäste stehen schon abfahrtbereit vor der großen Eingangstüre. Typische Engländer; rote Haare, blasse Haut, tätowiert, Fred Perry Shirts, Doc Martens Schuhe.
Sie wollen zum fuck'in Marienplatz. Gestern waren sie hier in   fuck'in Munich in einem fuck'in Club, haben dort fuck'in pretty Frauen kennengelernt, die auch noch fuck'in gut Englisch sprechen. Überhaupt ist es fuck'in good hier. Hier haben die fuck'in Mörziedis als Taxis, ganz anders als die fuck'in Cabs bei Ihnen zu Hause.

Wer diese Art der Engländer kennt, weiß, daß ich nicht übertrieben habe. Am Marienplatz stehen 9,90auf der Uhr. Zwei von der Rückbank reichen meinem Beifahrer je einen fünf Euro Schein nach vorne. Inzwischen drücke ich die Taste auf dem Taxameter und zu dem Fahrpreis werden noch die 1,20für die Bestellung addiert. Es wird jetzt die Summe von 11,10angezeigt. Die restlichen 1,10sind schnell gefunden. Sie legen mir die in Form von zwei 50 Cent Stücken und einem 10erl zu den zehn Euro, die ich schon in meiner offenen Hand halte.

Fuck´in money -manchmal schwer verdient - manchmal.


Nach dem ich am Marienplatz frei geworden bin, bietet sich an mich am Taxistand im Tal aufzustellen. Es dauert keine 15 Minuten bis ich vorne bin. Ein gesetzter Herr mit Sonnenbrille öffnet den hinteren Schlag, setzt sich in den Fond und nennt sein Fahrziel - Pariser Platz. Ein Klacks, vom Tal einfach geradeaus über das Isartor, die Ludwigsbrücke, den Gasteig nauf und von der Rosenheimer Straße links in die Pariser Straße einbiegen. Unterwegs fragt er mich, unüberhörbar ein Münchner; 

"Sie, gengans ... Was isn des für ein Auto? Do sitzt ma bequem." 

Bereitwillig gebe ich ihm Auskunft, notiere ihm die wichtigsten Daten auf einen Zettel.

"Wissens, ich muas meinem Fahrer ein neues Auto kaufen und des dad ma gfoin." 

Ich weise ihn darauf hin, das mein Taxi ein Baujahr 2012 ist. Darauf er; 

"De wern aber scho no baut?! Ist des a Diesel? Ich brauch an Benziner. Wissens, mein Fahrer pflegt den Motor laufen zu lassen und des stinkt dann bei am Diesel so." 

Wenn jetzt ein Mercedes-Verkäufer mitliest, komme ich von der nächsten Inspektion mit einem Kofferraum voller Prospekte nach Hause - denke ich mir jetzt beim Schreiben.
Am Pariser Platz stoppe ich das Taxameter. 7,70werden angezeigt. 7,70verlange ich von meinem Fahrgast. 

" Do schauns, do hams 20 Euro. Passt scho. Des war ja a scheens Gschäft! Warten bis ma vorne is und dann fia siem Euro sibzge fahn. Auf Widaschaun." 

Und rums ist die hintere Tür schon wieder ins Schloß gefallen. Auf dem Weg die Rosenheimer Straße einwärts komme ich zum sinnieren: 

So a saubana Mo und so gscheid. So ist halt das Taxigeschäft - vor allem verschieden. 

Samstag, 25. April 2015

N.E.P.A.



"Hast du meine CD dabei, die ich dir mal aufgenommen habe?"

 fragt mich Andreas am Bahnhof Nord. Ich ersten Moment ist es seltsam, wenn der Schenker seine CD wieder zurückhaben will, aber die Umstände lassen sich erklären.

Das Cover der zweiten CD

Er will sie noch einmal aufnehmen. In meinem Blog habe ich die CD mit dem Titel UNA NOVA VIDA -> vorgestellt  und dabei erwähnt, daß ich sie von Andreas Vornam, aka -> Manrov , geschenkt bekommen habe. Sie soll passend den Start in mein neues Leben ab dem 01.01.2015 musikalisch begleiten.
Andreas erzählt mir, daß Jemand aus Frankfurt den Post gelesen hat und jetzt auch die CD will. Ich fühlte mich geschmeichelt und konnte gleich betonen was es ausmacht wen man im Blog erwähnt wird, welche Kreise meine Posts ziehen, bis weit über die Donau hinaus, ...
Glücklicherweise hatte ich die CD im Taxi. Über zwei Jahre schlummerte sie wenig beachtet im CD-Regal in der Küche neben dem Kühlschrank. Zum Start meines Nova Vidas musste sie mich im CD-Player des Taxis begleiten. So konnte ich Andreas die CD gleich mitgeben.
Eine Woche später ruft mich Wolfram an. Er fragt was man dem Andreas Gutes antun könne, weil er hat von ihm eine CD zugeschickt bekommen, von der er in meinem Blog gelesen hat. So jetzt kannte ich diesen Jemand aus Frankfurt auch. Es ist eben jener Wolfram, denn ich schon kenne und den ich erst letzten Monat wieder im, von dem Namensrechtsstreit her bekannten, Café Merci getroffen habe.
Es vergehen weitere drei Wochen, bis ich mich wieder mit Andreas am Bahnhof Nord treffe. Er hat mir eine zweite CD aufgenommen. Wie bei ihm üblich, ist das von ihm gestaltete Cover ein kleines  Kunstwerk geworden. Die Vorlage, ein Dolce & Gabbana Werbeplakat, verleiht meiner Frau und mir zwei Körper. Passend zum Inhalt ist aus Vesna eine Flamenco-Tänzerin und aus mir ein Torero geworden. Das Bild ist ganz ohne Gimp, Photoshop oder einem anderen Fotobearbeitungsprogramm entstanden. Unsere Köpfe wurden mehrfach, bis die richtige Größe gefunden war ausgedruckt, ausgeschnitten und angepasst. In Stil und Technik wie bei einer  klassischen Fotocollage.


Zuhause über dem Bett habe ich schon seit Jahren einen echten Manrov hängen. Aufgenommen am Bahnhof Nord, hochwertigst auf Leinwand gedruckt und auf Rahmen gezogen. Inzwischen kann ich mich zwischen Sebastian Schweinsteiger als Model für Andreas Kunst stellen. Der Künstler nennt seinen Stil NEO EXPRESSIVE POP ART, oder kurz N.E.P.A. Wer jetzt Google nach NEPA bemüht, landet bei einem Umweltschutzgesetz der USA - noch, denn hier ist N.E.P.A. Das erste Mal überhaupt im Netz erwähnt. Ich hoffe, daß sich das bald ändern wird.

So ist es beim Taxifahren, da fährt man raus um Umsatz zu machen, wird als Model eingesetzt, beginnt ein neues Leben, ist dabei wenn eine neue Stilrichtung entsteht, und bekommt noch eine neue CD obendrauf. Dabei macht alles neu doch nur der Mai, und der beginnt erst in 5 Tagen. 

Sebastian Schweinsteiger
Inzwischen wurde das Schweinsteiger-Bild  in der Münchner Abendzeitung veröffentlicht und dabei der Name N.E.P.A. erwähnt.

Sonntag, 5. April 2015

Brennen



Die zwei jungen Männer sind in München um am Abend ein Konzert zu besuchen. Jetzt ist es Mittag und sie treten nicht gerade voller Tatendrang vor ihr Hotel. Der Nachmittag muß überbrückt werden und da es einer der ersten sonnigen Nachmittage in München ist, fällt ihnen ein, die Stunden in einem Biergarten zu verbringen. Ob ich den einen wüsste, wollen sie wissen. Ich kenne gleich zwei, einen in Poing, der wäre 20 Kilometer entfernt, oder den beim Chinesischen Turm im Englischen Garten, der wäre zwei Kilometer entfernt und in zehn zu Minuten erreichen. Für diese Wahl gestellt war das Ziel gleich gewählt. Unterwegs rufe ich meinen Freund Roberto an, ob er mit einem seiner Stände im Englischen Garten ist. Bei diesem schönen Wetter ist er natürlich da. 

In seinem -> Karussell kann ich ihn diesmal nicht finden. Seine Tochter zeigt mir den Standort seines Mandelstandes. 

Genau in dem Moment, in dem ich an den Stand komme, kann ich durch die geöffnete Türe erkennen wie er eine neue Ladung an Mandeln brennt. Sekunden später steigt mir schon der süße Duft in die Nase.
Ich besuche ihn nicht das erste Mal an seinem Stand, bei meinem letzten Besuch hat er mich zum Teil in die Geheimnisse des richtigen Mandelbrandes eingeweiht.

"Das verrät dir kein Schausteller. Das musst du selbst herausfinden." 

Ich verstehe seinen Hinweis. Das Geheimnis ist bei mir gut bewahrt. Die Eingeweihten des Mandelbrennergeheimnisses sind eine verschworene Gesellschaft. So geheim wie die Lehren in der 9. Shaolin - Kammer, in der man lernt wie man dem Gegner das pochende Herz aus der Brust reißt - mindestens. 

Ein Kunde bemerkt, daß die Oberfläche von Robertos gebrannten Mandeln nicht glatt wären, wie er es sonst kenne. Ich als Mandelbrenner-Zögling stehe mit gespitzten Ohren hinter dem silbernen Kessel und spitze die Ohren. Natürlich kennt der Meister die Antwort; der Kunde käme wohl aus dem Norden. Nachdem der Kunde das bestätigt, nickt Roberto verständig. Dort werden die Mandeln anders gebrannt, selbstredend kann er die Mandeln auch glatt brennen, aber die Bayern und Österreicher genießen die gebrannten Mandeln lieber mit  rauher Oberfläche.
Die rauhe Oberfläche führt auch dazu, daß sich der süße, leicht zimtige Geschmack beim Lutschen schneller entfaltet. 

Inzwischen stehe ich schon wieder eine Stunde neben dem heißen Mandeltopf. Die erste Tüte ist schon verschlungen. Auf dem Chinesischen Turm spielt die Blasmusik. Die Gäste sitzen in der Sonne an den Biertischen. Wir hören entfernt die Gespräche und das Klirren der Maßkrüge. Ich kann meinem Gust nach einer frischen Maß nicht mehr unterdrücken. Mein Taxi steht auf dem Parkplatz hinter der Orangerie. Ich muß mich mit alkoholfreiem Bier begnügen. Das herbe Bier gibt einen interessanten Kontrast zu der Süße der Mandeln.
Der Englischen Garten ist der internationalste unter den Münchner Biergärten. Hierher kommen Geschäftsleute aus den nahen Hotels, Wochenendausflügler aus Europa, Neumünchner aus Übersee und natürlich die Araber, die während des Sommers inzwischen zum Münchner Stadtbild gehören. Viele kennen die deutsch - österreichische Spezialität nicht. Für sie bietet Roberto in einem weißen Schälchen eine Kostprobe an. 
Herb und süß im Englischen Garten


Es kommt ein junger Mann auf uns zu. Im Schlepptau hat er eine ganze arabische Familie, mitsamt Opa im Rollstuhl, im Schlepptau. Er scheint der Anführer zu sein. Er hält jedem Familienmitglied die weiße Schüssel vor. Mit spitzen Fingern beißen sie in die einzelnen Mandeln. Nachdem sie freundlich und beifällig in unsere fragenden Gesichter nickten, kauften sie sich gleich ein paar Tüten.
Ich entdecke Parallelen in der guten Küche und der Mandelbrennerei. Es darf nicht überfrachtet sein. Gut ist nicht viele Zutaten. Die Kunst besteht darin, aus wenig, aber hochwertigen Zutaten, mit Know-how, einen kulinarischen Genuß zu zaubern. Mit einer noch warmen, weiß-roten Papiertüte in der Hand, kann man sich kaum vorstellen, daß sie nur mit Mandeln, Zucker und Zimt gefällt ist. Wie daraus die Köstlichkeit entsteht, ist Können und ein klein wenig geheim.

Wenn die Taxifahrer Münchens am Standplatz warten, dann brennen sie, oder ham an Brand higlegt
. Hört man aus dem Mund eines Taxifahrers;

"Und nachat hob i a Stund am Kurfürsten brennt."

bedeutet, es nicht daß er dort Feuer gefangen hat, sondern daß er solange auf einen Fahrgast gewartet hat.
Roberto brennt heute noch am Ostersonntag und noch Morgen im Englischen Garten. Den aktuellen Standort kann ich am Ende dieses Posts anfügen.
Ich, für meinen Teil, werde das Mandelbrennergeheimnis nicht verraten, und soll ich noch solange brennen - am Taxistand.

Freitag, 3. April 2015

Ver(z)ehrer



An unserem Taxischalter am Flughafen ist ein Osternest aufgestellt. Zwei Stoffhasen sitzen zwischen künstlichen, bunten Eiern und schauen apathisch auf die vorbeieilenden Fluggäste. Ismael steht zwischen dem Nest und mir. Er fischt eines der Schokoladenbonbons zwischen den Eiern heraus und steckt es mir zu. Neben dem Arrangement steht noch eine Verpackung in Form eines Hasens aus Pappe. Der Schaltermann pullt aus der Hinterseite des Papphasens Nachschubbonbons für das Nest. Marella, die die Szene beobachtet, meint;

"Der muß jetzt wieder gefüttert werden!"

Fünf Minuten später bin ich im EDEKA gleich im Terminal 2. Aus den Augenwinkeln erkenne ich Marella, wie sie durch die Regale huscht. Ich kaufe  Schokobonbons als Futter für den Papphasen und fünf kleine Osterhasen für meine Fahrgäste. Auf dem Rückweg zum Taxi, komme ich am Schalter vorbei und fülle dabei das Nest auf. Marella kommt zwei Minuten später, sie hätte die gleiche Idee. Auch sie hat im Geschäft Süßigkeiten gekauft, die sie jetzt in das Nestchen legt.
Zwei meiner Schokoladenosterhasen finden einen Platz auf der Mittelarmlehne der Rückbank in meinem Taxi. Ich weiß schon wer sie finden wird - meine nächsten Fahrgäste. Wer die allerdings sein werden kann ich noch nicht erahnen.

Zu Dritt warten wir auf unseren nächsten Fahrgast
   

Die Fahrt ist vorbei. Wenn es auch der Gründonnerstag ist, war es eine ganz typische Donnerstagabendfahrt vom Flughafen mit einem Unternehmensberater. Vom Flughafen ging es zuerst in das Büro der Beratung und dann nach Hause. Vor dem Büro sollte ich noch ein paar Minuten warten, er muß dort etwas abholen. Neben mir warten noch zwei weitere Taxis, auch Flughafenfahrer, die ich schon seit Jahren kenne. Bei Ihnen ist es das gleiche, vor der Fahrt nach Hause noch ein kurzer Stopp im Büro. Das mag an dem Umstand liegen, daß auf den Gründonnerstag der Karfreitag folgt und an dem ist auch bei den großen Unternehmensberatungen in München Pause. Der übliche Office Day am Freitag findet nicht statt, die Berater bleiben zu Hause.
Meinen, inzwischen seinen, Osterhasen will er seiner Freundin schenken, verrät er mir, bevor er, nachdem er mit Kreditkarte bezahlt hat, aussteigt.