Samstag, 30. Mai 2015

Zum ersten, zum zweiten, ...



So jetzt sitze ich hier im Bahnhofsviertel in München im Kolpinghaus. Den Termin habe ich mir freigehalten. Meine nächste Fahrt ist erst um Viertel nach zehn zum Flughafen und die Besichtigung der Pfandgüter läuft seit acht Uhr. Die Auktion beginnt um Neun. Versteigert werden hier die Pfandgüter von dem Leihhaus Grüne's, Filiale Bahnhof Süd.

Weil ich pünktlich wieder im Taxi sitzen muß, komme ich frühzeitig. Um halb acht gibt es noch genügend Parkplätze. Ich finde einen direkt vor der Tür. Das Viertel, das vor fünf Stunden noch belebt war, reibt sich um diese Zeit die Augen, ist gerade am Aufwachen. Ich liebe diese Stimmung. Eine Stadt kann man am besten zu dieser Zeit erfahren. Die Karten werden frisch gemischt und das Spiel, der Tag, kann neu beginnen. 

Eine halbe Stunde vor dem Beginn der Besichtigung stehe ich vor einer Tischreihe im Saal des Kolpinghauses. Es sind erst wenige Pfände ausgestellt. Mir fallen zwei Marienfiguren ins Auge. Daneben bückt sich ein Afrikaner über die Tabletts und Laptops. Die Elektronik ist in Betrieb. Er klickt sich durch das Menü. In einer Ecke des Saals sehe ich durch durchsichtige Kunststoffbehälter Gold schimmern.
Mit mir sind noch zwei weitere Interessenten im Raum. Auf einem Tisch stehen Elektrische Werkzeuge; Bohrmaschinen, Handkreissägen, Akkuschrauber.
Unterhaltungselektronik ist mit einem Flachbildfernseher und Spielkonsolen vertreten. Ein exotisches Pfand, ein Billard Queue, liegt auf zwei kleinen Teppichen. Ich versuche mir auszumalen, wie ein Billardspieler seinen Queue im Leihhaus versetzt. Was wird er dafür bekommen haben? Ich hoffe, daß ich noch solange bleiben kann bis er zur Versteigerung kommt.

Ich überbrücke die Zeit bis zur Versteigerung mit einem kleinen Frühstück bei einem Bäcker in der Schillerstraße. Eine halbe Stunde vor dem Beginn der Auktion bin ich wieder im Saal. Inzwischen sind die Kostbarkeiten aus ihren Behältern befreit und liegen, gesichert an langen Ketten ausgebreitet auf blauem Samt. Der Afrikaner ist verschwunden, dafür sind jetzt 15 neue potentielle Käufer da.
Man kennt sich, begrüßt sich, reist Witze, scherzt. Eine Dame neben dem Auktionator scheint die Vorlieben ihrer Kundschaft zu kennen.

"Heit hama wieder koan Pelzmantel." meint sie lächelnd zu einem älteren Herren, der offenbar aus dem Osten stammt.

 Bis zum Beginn der Auktion füllt sich der kleine Saal. Die meisten drängen sich mit Juwelierlupen um den Tisch mit dem angeketteten Geschmeide.

Mit einer kurzen Verspätung von 15 Minuten eröffnet der Auktionator die Versteigerung. Er stellt sich kurz vor und erklärt knapp die Bedingungen der Auktion. Vor sich hat er eine Kamera, vor der er das aufgerufene Schmuckstück präsentiert. Die Bieter können das Stück auf einem Bildschirm vergrößert betrachten. 

Der Aktionator beginnt zunächst mit den Schmuckstücken. Bei jedem Aufruf nennt er die Karat und das Gewicht der Ketten, Armreife und Ringe. Die Bieter beginnen eifrig mit den Taschenrechnern zu hantieren. Nach dem fünften Stück informiere ich mich über den aktuellen Goldpreis, rechne ihn auf die am häufigsten erwähnten 14 Karat um und stelle fest, daß die Bieter fast gleichzeitig beim Erreichen des Goldwertes ihre Hände senken.

Ein Bieter, er sitzt zwei Plätze neben mir, hat sich auf Steine spezialisiert. Er bietet nur auf Schmuckstücke mit gefassten Steinen. Er ist mir schon zum Beginn der Versteigerung aufgefallen. Während die für ihn uninteressanten Stücke aufgerufen wurden, hat er einen Stein nach dem anderen mit seiner beleuchteten Lupe inspiziert. Die Lupe hat er an einer Kordel um seinen Hals hängen, die Steine nimmt er aus einer kleinen Pappschachtel, die er auf seinem Oberschenkel balanciert. Ich male mir aus was passieren würde, wenn die Schachtel runterfällt und die Karfunkelsteine unter die Stuhlreihen kullern. 

Leider wird es für mich Zeit aufzubrechen. Ich muß noch durch die halbe Stadt nach Obermenzing um dort meinen Kunden abzuholen. Ich war gerade dabei das Kolpinghaus zu verlassen als mich meine Frau anruft. Der Kunde hat storniert. Fast bin ich froh darüber. Wollte ich doch unbedingt wissen welchen Preis das eine oder andere Pfand erzielt. Bei der Gelegenheit füttere ich den Parkautomat nach und gehe wieder zurück in den Saal. Mein alter Platz ist noch frei. 

Günstig zu haben


Die elektronischen Artikel, X-Boxen, Spielekonsolen, Laptops, Tablets, ... werden nur von zwei Interessenten ersteigert. Ich kann mir vorstellen, daß die gleich in den Auslagen der Computerläden, die gleich hier um die Ecke sind, landen. Als das letzte elektronische Gerät versteigert war, packten die Beiden ihre Ware in große Plastiktüten und verschwinden. Die beiden Madonnen erzielen jeweils 30,-. Das hätte ich mir nicht gedacht. Die eine Figur ist 100 Jahre alt, aus Holz geschnitzt und die andere gegossen, ein Souvenir aus einem für Marienerscheinungen bekannten Ort in Portugal. Ich würde den Wert der zwei Madonnen weit unterschiedlicher einschätzen. Aus der Kultgegenstandecke finden noch zwei Kruzifixe für jeweils 10,-einen neuen Besitzer. Die Buddhafigur habe vorher einmal hochgehoben. Sie kam mir sehr schwer vor. Der Auktinator nimmt die Figur auf, dreht sie schätzend einmal in der Hand und meint kommentiert knapp; 

"Japan, Kunststoff." 

Sekunden später verschwindet der Budhha für 20,-im Rucksack eines Rentners. Die Rentner, die links im Saal sitzen sind auch die Hauptinteressenten für die angebotenen Werkzeuge. Ihr einziger Konkurrent sitzt in Form eines osteuropäischen Handwerkers an einer Ecke des Tisches, der fast alle Handkreissägen, Schwingschleifer, Akkuschrauber und Schlagbohrmaschinen ersteigert. Jetzt entdecke ich den Afrikaner, ganz hinten an der Wand sitzend. Bei den Aufrufen zu den Elektroartikeln, für die er sich so sehr interessiert hat, habe ich ihn vermisst. 

Der erste von zwei Teppichbrücken wird aufgerufen. Der Aktionator streift über den Teppich, schlägt die Ecke um und wieder zurück; 

"Nepal, Seide, Lebensbaum, eine (habe ich leider nicht verstanden]<\i> - Geschichte, 200,-."

Niemand meldet sich. Einer ruft "150,-!". "Nein, nie!" gibt der Aktionator zurück und zieht den kleinen Teppich wieder vom Tisch. Auf den Wert aufmerksam geworden meldet sich ein Bieter:

"200,-, 200,- für den Teppich. Ich!" 

Und Ruck - Zuck ist die Sache vom Tisch. Der zweite Teppich, ein Kelim aus der Türkei, verschwindet für 30,-.
Der Aktionator wechselt, ein jüngerer Mann ersetzt den Autorität ausstrahlenden, weißhaarigen Herrn am Mikrofon. Der Ältere bleibt im Hintergrund und wirft immer einen kurzen Blick auf die Stücke bevor er sie dem Jüngeren weiterreicht. Inzwischen sind wir bei den Uhren. Sehr viele Fossil Uhren sind dabei. In der oberen Preisklasse finden sich nur zwei Rolex-Damenuhren aus der Oyster Kollektion. Der Afrikaner schlägt zu, er ersteigert eine Casio Herrenarmbanduhr für 30,-.
Mit Spannung verfolge ich noch was der Billardqueue einbringen mag. Nach zwei vergeblichen  Aufrufen, zuerst 20,-und dann 10,-, werden 5,-aus dem Publikum geboten. Der nächste erhöht auf 6,-und bekommt den Zuschlag. 

Ich selbst habe nichts ersteigert und trotzdem gehe ich nicht leer zurück zum Taxi. Mitgenommen habe ich zwei Dinge. Eine Liste mit Karat-, Gewicht- und Preisangaben die ich mir durch fleißiges notieren erstellt habe und einen Eindruck den ein Pfand nach noch einer Woche bei mir hinterlassen hat.
Es ist eine Herrenarmbanduhr und ein Ehering die zusammen verpfändet und deswegen zusammen versteigert wurden. Ich stelle mir einen Mann vor, der im Vorraum des Pfandleihhauses steht, sich seine Uhr abmacht und seinen Ehering vom Finger zieht. Beides ist nicht besonders wertvoll. Das Geld, das er dafür geliehen bekommt, kann ihn nicht einmal eine Woche retten. Ist es ein Familienvater der vor dem finanziellen  Nichts stand?  Oder ist es ein der Spielsucht Verfallener , der mit dem letzten Einsatz sein verlorenes Geld zurückgewinnen will? Es wird ihm nicht geglückt sein, sonst hätte er sicher sein Pfand ausgelöst. 

In der Woche gibt es alleine in München zwei Versteigerungen. Während des Taxifahrens komme ich täglich mindestens an einem Pfandhaus vorbei. Was sich da aber abspielt blieb mir verborgen. Einen kleinen Einblick habe ich gerade gewonnen.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Schülerfahrt



Wir stehen an der Bar im Marriott. Der Kollege gibt eine Runde Espressi aus. Am Freitag ist er zum zweiten Mal Vater geworden. Mein Taxi ist das erste in der Reihe. Mit einem Auge spähe ich durch die Fensterfront ob sich ein potentieller Kunde nähert. 

Es ist aber der Hotelportier, der mich als nächsten Taxifahrer erkennt und anspricht. Ob ich auch zum Ammersee fahren würde und ob ich die Wartezeit dort berechne. Die beiden Gäste müssten nach Schondorf und nach einer Stunde wieder zurück nach München. Ich überlege kurz, meine nächste bestellte Fahrt ist erst um 17 Uhr vom Flughafen, da bleibt mir noch genug Zeit für die Fahrt zum Ammersee. Also lade ich das Indische Ehepaar, das von der Hoteltüre aus das Gespräch zwischen dem Hotelportier und mir beobachtete, ein. Sie wollen ihren Sohn abholen. Er hat schon einige Kurse im Goethe-Institut abgeschlossen um Deutsch zu lernen. Letztes Jahr war er in Goslar, und jetzt für zwei Monate in Schondorf, um seine Deutschkenntnisse abzurunden.

Als mir der Inder die Adresse Schondorf Landheim nennt, frage ich zwei Mal nach. Ich will ihm klarmachen, daß ich weiß, das wir seinen Sohn im Landheim abholen. Das ist ein Landheim - ich brauche aber die Adresse. Das ist die Adresse - beharrt der Inder. Während der Fahrt über die Berliner Straße befrage ich Google, und tatsächlich, die Inder sollen Recht behalten. Die Adresse der Schule ist; Schondorf, Landheim 1. 

Eine Stunde später lasse ich die Eltern auf dem Schulhof aussteigen. Wir verabreden uns hier um ein Uhr. Zur Sicherheit tauschen wir unsere Telefonnummern aus. Den größten Teil der Wartezeit verbringe ich in einem Wirtshaus, beim Wast'l, das mir schon bei der Anfahrt ins Auge gefallen ist. Ein wirklich empfehlenswertes, bayerisches Wirtshaus. Wann habe ich zuletzt eine aufgeschmalzene Brotsuppn gegessen?!
Ein Schondorfer setzt sich zu mir an den Tisch. Wir sprechen über unsere Kinder, das Wirtshaus, den Ammersee, ... Dabei stellen wir fest, das wir vor Jahrzehnten den gleichen Beruf erlernt haben. Er ist wie ich Landschaftsgärtner, wir waren auch in der gleichen Berufsschule am Reinmarplatz in München. Genauso wie ich hat er seinen erlernten Beruf aufgegeben. Inzwischen ist er Viehhändler, hat wenig Zeit, schätzt, daß hier im Gasthaus die Speisen so schnell serviert werden. Laut ihm wird Schondorf und das ganze Westufer des Ammersees gerade von den Reichen entdeckt. Die Grundstückspreise explodieren jetzt auch hier in Schondorf. Wir können unser Gespräch nicht mehr vertiefen. Beide müssen wieder zu unserer Arbeit. Ich will auf dem Schulhof auf meine Inder warten. Um Viertel vor Eins ist der Platz leer, ich kann ein Foto mit dem Taxischild im Vordergrund und dem Haupthaus mit der hübschen Lüftlmalerei im Hintergrund machen. Das alte Schlagwerk der Schuluhr schlägt vier Mal hell, die volle Stunde und einmal dumpf ein Uhr. Zwanzig Sekunden später stürmen die Schüler über die Treppe auf den Hof und stehen um mein Taxi. Vorsichtig, langsam, immer um mich blickend, rolle ich rückwärts auf die andere Seite des Hofs unter die Kastanienbäume, unter denen schon zwei weitere Autos stehen. 

Im Schulhof (noch ruhig)


Von hier sehe ich einen etwa 16jährigen mit einem schweren Koffer auf mich zukommen. Ich frage auf Englisch, er antwortet auf Deutsch. Es ist der Sohn der abgeholt wird. Seine Eltern sind noch im Schulgebäude. Zwei Minuten später stehen sie mit einer Lehrerin neben dem Taxi. Die Lehrerin fragt ob er denn seine Eltern schon dem Herrn XXX vorgestellt hätte. Hat er nicht. Das solle er aber unbedingt noch machen. Man kann es dem Jüngling ansehen, daß es ihm etwas peinlich ist, von seinen Eltern mit dem Taxi abgeholt zu werden. Schnell springt er die Treppen vor Lehrerin und Eltern die Treppen hoch, verschwindet im Gebäude. 

Es dauert nicht lange und wir fahren, schwer beladen vom Schulhof. Unterwegs berichtet er seiner Mutter auf der auf der Rückbank seine Eindrücke während der letzten Monate in Bayern. Sie waren mit der Klasse in der Allianz... , in der BMW-Welt und im Schloß Neuschwanstein. Während des Schloßbesuches waren sie in einem Restaurant, dessen Namen nur schwer zu pronauncen ist. Allgäuer Stüberl, so heißt das Lokal. Jetzt sollen ihm Mama und Papa nachsprechen. Er macht es vor; O-L-G-I-A-R S-T-J-U-B-A-L. Try it, try it ... Animiert er lachend seine Eltern ihm nachzusprechen. Seht ihr! So schwer ist German! 

Ihm hat auch gefallen, daß das legal age of drinking hier 16 Jahre ist. Auf seinem Handy zeigt er Fotos von seinen Klassenkameraden. Das ist Felix aus Germany, Mäximilian also from Germany. Die meisten sind Deutsche, oder kommen sogar aus dem Ort. Es gibt auch ein paar wenige Exoten unter den Schülern. Das ist Albudi aus Dubai, das ist Feng aus China. Unter dem Strich scheint es ihm in Schondorf sehr gefallen zu haben. Sein Deutsch ist auch ganz passabel, kein Wunder, wenn er sich während der letzten Wochen genauso angeregt unterhalten hat wie jetzt bei mir im Taxi.

Montag, 25. Mai 2015

Kilometerstand



"Dann musst du dreimal um das Auto herumlaufen. Das bringt weiterhin Glück."

empfahl mir vor langer, langer Zeit ein Freund aus Vortaxifahrertagen. Er meinte das in Bezug auf den Kilometerstand im Auto. Die Maßnahme sollte ergriffen werden wenn die Kilometeranzeige 100.000 erreicht. Egal wo, egal wann, selbst auf der Autobahn könne man am Pannenstreifen anhalten. Wenn der Aberglaube eine Religion ist, fällt das Ritual unter die Religionsfreiheit. Das würde ganz breit ausgelegt eventuell bedeuten, daß die Benutzung des Pannenstreifens in diesem Fall ein höheres, durch das Grundgesetz gedecktes, Recht wäre.

"Beim Auto nach 100.000 Kilometern und beim Moped nach 10.000 Kilometern."

ergänzte er. Mit Moped meinte er natürlich Motorrad. Irgendwie war das damals modern sein Motorrad einfach Moped zu nennen. Wahrscheinlich ist es meiner Taxiunternehmertätigkeit geschuldet, daß mir der Spruch nach 30 Jahren immer noch durch den Kopf spukt. Oft hab ich den 100.000er Sprung bei einem meiner Taxis erlebt. Dabei wurde mir der Rat des Freundes immer wieder ins Gedächtnis gerufen.

Jetzt ist es wieder soweit. Seit 200 Kilometern frage ich mich wo ich denn sein werde, wenn mein inzwischen nur noch einziges Taxi die 100.000 Kilometermarke erreicht. Ich will nicht dreimal um das Taxi springen, aber vielleicht kann mir der Ort als gutes Omen dienen. 

Noch einen oder 999 Meter

Spät abends in Untergiesing, in der Humboldstraße springt der Kilometerzähler auf 99.998, bald ist es soweit. In Untergiesing war ich vor 25 Jahren, zu meiner Taxifahreranfängerzeit öfter. Nach der Nachtschicht trafen wir uns nicht nur einmal in den Giasinga Schlümpfen ein Stüberl, das bereits um sechs Uhr morgens für das entsprechende Publikum öffnet. Abends verschob sich der Treffpunkt dann ins Megasin in die Wirtschaft Humboldstraße Ecke Claude-Lorrain-Straße. Heute ist das Lokal einfach nach seiner Adresse benannt- Humbolds. Damals war ich noch sehr von Berlin Alexanderplatz, dem Roman von Alfred Döblin, beeindruckt. Irgendwie glaubte ich Parallelen mit dem Berlin der Weimarer Republik und dem Untergiesinger Milieu zu entdecken. Franz Biberkopf, der Protagonist aus dem Roman, wird nach seiner Haftentlassung auch mit dem Betrieb in der Großstadt konfrontiert. Franz trifft in Gesellschaft von Kleinkriminellen auf Reinhold, meinem Namensvetter. Nach einem Einbruch stößt Reinhold Franz aus dem Fluchtauto. Bei dem Unfall verliert Franz seinen Arm. Und tatsächlich gab es auch in Untergiesing einen bekannten Einarmigen. Nun, München ist nicht Berlin und der Kolumbusplatz ist nicht der Alexanderplatz. Während ich so in der Vergangenheit schwelge und daraus die Zeichen für die Zukunft orakeln will, fahre ich schon über die Wittelsbacherbrücke. Ich biege rechts ab in die Wittelsbacherstraße und fahre linksseitig die Isar abwärts. Mit einem Auge schiele ich auf die Kilometeranzeige. Jetzt schlägt sie um. Auf der Wittelsbacherstraße vor der Reichenbachbrücke, genau vor Münchens einzigem Spätkiosk.
Und woran erinnert mich das? An die vielen Spätis, die wir heuer im Januar gesehen haben. Und hammas scho wieder! Die sind in Berlin.
Natürlich bleibe ich sofort stehen. Nicht aber um drei Mal um das Taxi zu laufen, sondern um ein Foto zu machen - für diesen Eintrag.

Mittwoch, 20. Mai 2015

China in der Flasche



Am Rosenheimer Platz habe ich einen Parkplatz bekommen. Ich will etwas essen und im Motorrama, der kleinen Ladenpassage am Gasteig wird sich doch was finden. Ich entscheide mich für Kam Yi, das asiatische Restaurant, das ich von früheren Besorgungsfahrten mit dem Taxi kenne. Der Klassiker, das Schweinefleisch süß-sauer, schmeckt tatsächlich gut und ist nicht so ein frittiertes Etwas, das man oft wo anders neben dem Reis, zwischen den Ananasstücken auf den Teller bekommt. 

Ganz beseelt vom Chinesischen Geist, stolpere ich auf dem Weg zum Taxi in den China-Markt im Zwischengeschoß zur S-Bahn-Station Rosenheimer Platz im Motorrama. Es ist keiner von diesen Chinesen an der Ecke, bei dem man im Vorbeigehen schnell noch einen Koffer oder einen Glitzerlippenstift kauft. Es ist schon ein richtiger kleiner Supermarkt mit einem breiten Sortiment exotischer Lebensmittel. Mich zieht es zu den Regalen mit den Getränken, genauer zu den Alkoholika. Ich will mir mit meiner Frau heute Abend am Küchentisch nach einem langen Tag mit vielen Fahrten einen Schluck Erlesenes gönnen.  Hier, im Schnappsregal finde ich schön in bunte Pappschachteln verpackte Flaschen Reis- und Pflaumenwein. Gerade in dem Moment als ich eine pinke, bedruckt mit lila Blumenranken, Schachtel aus dem Regal ziehen will, fällt mein Auge auf eine Besonderheit. Ganz am Ende des Regalbretts stehen verlassen und verstaubt vier Flaschen. Der rote Inhalt macht mich neugierig. Auf einem Aufkleber an der Stirnseite steht neben dem winzigen Preis;  Reisschnapps. Sofort stecke ich die bunte Schachtel zurück und angle mir eine Flasche von der Kostbarkeit. Ich komme mir vor wie ein Schatzjäger, wie ein Grabräuber der sich an der uralten Chinesischen Kultur bedient. Liebevoll wische ich den Staub von der Flasche. Auf dem Weg zur Kasse nehme ich nur noch ein Stück Jasminseife mit. 


Die Flasche bringe ich stolz zum Taxi. Sollen sie mich jetzt alle sehen. Die ganzen Schickimicki-Münchner. Die bewussten Mamas, die ihre Kinder wechselweise mit dem SUV oder dem orange-bewimpelten Fahradanhänger in die Kindertagesstätte bringen.
"Do schaugs't ! Geh!?" möchte ich ihnen entgegenrufen. Ich, der wahre Kulturbotschafter, der Kenner, der Weltmann aus dem Taxi. Das schlichte Etikett auf meiner Reisschnappsflasche unterstreicht noch meine Kenntnisse der für die anderen fremde Welt.

Vorsichtig lege ich die Flasche bis zum nächsten Kunden auf den Beifahrersitz. Ich stelle mir vor wie die Chinesischen Reisbauern, nach getaner Arbeit im knietiefen Wasser der volkseigenen Reisfelder, sich mit der untergehenden Sonne im Rücken, mit dem Reisschnapps meiner Marke zuprosten.
Endlich zu Hause, ich kann es kaum erwarten, habe ich zwei kleine, dickwandige Gläser auf den Tisch, und meine Frau an den Tisch, gestellt. Mit einem leichten klirren öffne ich den Schraubverschluß aus billigem Blech. Eine erste vorsichtige Geruchsprope ergibt kein Ergebnis. Der Schnapps entwickelt kaum Geruch. Ich fülle nur wenig in die Gläser, erhebe das Glas auf die strebsamen, fleißigen Volksgenossen und nippe an meinem Glas.

WAS UM ALLLES IN DER WELT IST DAS!? WER HAT DAS IN DIE FLASCHE GEFÜLLT?! 

Obwohl ich überall meinen Schnabel hineinhänge, aber so etwas habe ich noch nicht getrunken. Mein erster Blick fällt auf meine Frau. Sie hat die Ihre Mundwinkel bis hinter die Ohren gezogen und die Augen zu Schlitzen verengt. Nicht das es so hochprozentig schmeckt, nein, überhaupt nicht, es schmeckt irgendwie schal, wie abgestandenes öliges Wasser. Lange war ich auf der Suche nach Wörtern, die den Geschmack beschreiben können - parfümiertes, mit Wasser verdünntes Lampenöl - ist mir bis jetzt eingefallen.
Das Getränk in den Händen des Klassenfeindes wird zu einer Waffe. Mit dieser Errungenschaft der Volksrepublik gewinnen die Imperialisten jede Propagandaschlacht im Eilmarsch. Um das zu vermeiden schließe ich das Getränk in den Waffenschrank. Dabei kommt es neben dem -> Ballistol zu stehen. Das seit 1904 produzierte Waffenöl gilt als Allheilmittel. Damit kann man nicht nur sein Gewehr und seine Pistole ölen, sondern auch Holz und Leder pflegen, es hilft auch bei Mückenstichen und Zeckenbissen, auf Metall wirkt es als Rostschutz und mir bringt es die Lösung um den Geschmack zu beschreiben. Genau so schmeckt er, der Reisschnapps!