Dienstag, 25. August 2015

Ohne Sprache



Soll ich noch einmal hinausfahren oder nicht? Um 13 Uhr bin ich, nachdem ich am Vormittag meine zwei Vorbestellungen gefahren habe, nach Hause gekommen. Ich habe Rechnungen geschrieben, Kassenbuch geführt, e-Mails beantwortet, Termine eingetragen und ich muß zugeben; auch etwas Zeit mit Youtube-Filmen verschwendet. Inzwischen ist es halb acht geworden und ich überlege noch hin und her ob ich noch einmal mit dem Taxi ein paar Stunden durch Schwabing auf der Jagd nach Kunden kreuzen soll. Der Fleiß siegt, ich steige in mein Taxi, fahre keine hundert Meter bis mich ein Mann, gleich bei der Bavaria Petrol Tankstelle heranwinkt. Ich bleibe stehen, lasse ihn einsteigen. 

"Central Station"; gibt er knapp sein Fahrziel an.

Wir sind auf der Ingolstädter Straße noch nicht einmal bis zum Frankfurter Ring gekommen, als er mir  auf die Schulter tippt. Er zeigt mir ein Satellitenfoto auf seinem Smartphone. Darauf ist ein Standort gekennzeichnet.  Ich fahre zur Seite um mir das Bild genauer anzuschauen. Obwohl ich mich in München gut auskenne, kann ich das Foto nicht zuordnen. Vorsichtig ziehe ich den Ausschnitt des Fotos immer größer, bis der Schriftzug Augsburg auftaucht. Ich gebe ihm sein Telefon zurück und versuche ihm zu erklären, daß Augsburg eine andere Stadt ist.
"Medina Augsburg." sage ich und deute weit in Richtung Westen. Bei den Worten; "Medina München."  ziehe ich mit dem Zeigefinger einen Kreis um das Taxi. Anschließend reibe ich Zeigefinger und Daumen aneinander. Er versteht sofort -Geld. Wie viel will er wissen. Auf einen Notizzettel schreibe ich 160,-€. Ich ahne schon, daß das keine glatte Fahrt wird. Deswegen bin ich beim Preis gleich höher eingestiegen. Jetzt zeigt er mir auf seinem Handy, WhatsApp ist geöffnet, eine neue Adresse.
Augsburg, Berliner Allee 143 
ist das Einzige was ich in lateinischen Buchstaben zwischen den fremdartigen arabischen Schriftzeichen erkennen kann. Also das ist doch schon mal eine Ansage. Jetzt aber zeigt er mir Fotos mit denen er mir sein Fahrziel mitteilen will. Im Wechsel zeigt er mir ein Foto von der Preistafel einer Tankstelle, einer Limonadenreklame und einer Tafel einer Bushaltestelle. Das Bushalteschildchen sehe ich mir näher an; Schwabencenter ist dort aufgedruckt. Während ich die Adresse des Schwabencenters google sucht mein anstrengender Fahrgast ein neues Foto in seiner Datei. Diesmal zeigt er mir, zum Glück in lateinischen Buchstaben, eine Adresse in Untermeitenbach. Die groben Pixel erregen meinen Verdacht. Ich ziehe das Bild wieder kleiner. Nach und nach sehe ich das ganze Schild, den Zaun und schließlich das Tor zu einem Lager. Über der Adresse steht; Schlosserei - Metallbau - Zäune. Der Hilflose hat das Werbeschildchen der Firma, die den Zaun um das Camp gebaut hat,  fotografiert um wieder hinzufinden. Oder hat ihm das Bild jemand geschickt, der ihm mitteilen will wo er zu finden sei? Auf meiner Karten App überprüfe ich die Adresse Berliner Allee in Augsburg. Auf dem Sattelitenbild erkenne ich Gebäude die ein Asylantenlager sein könnten.  Wir machen uns auf den Weg nach Augsburg in die Berliner Allee - das erscheint mir am sinnvollsten.
Unterwegs finde ich heraus, daß mein Fahrgast aus Aleppo / Syrien kommt. Jetzt war er aus dem neuen Auffanglager in meiner Nachbarschaft im Euro-Industriepark. Immer wieder unterhält er sich über WhatsApp mit einer Frau. Wechselseitig senden sie Sprachnachrichten hin und her. Während der Fahrt schaut er oft auf die Karte in seinem Smartphone. Jemand hat ihm eine Zieladresse gesendet. Er gestattet es, daß ich unseren Kurs auf seinem Smartphone verfolge. Auf seiner Karte ist die Route mit einem blauen Strich markiert. Solange wir uns, erkennbar als blauer Kreis mit weißem Zentrum, auf der blauen Linie bewegen ist für uns alles in Ordnung. Parallel dazu läuft mein Navigationsgerät mit. Als Ziel habe ich die Berliner Allee in Augsburg eingegeben.
 Im Radio wird von den Übergriffen auf die Polizei und die Blockade des Flüchtlingheimes in Heidenau berichtet. Wir Taxifahrer sind wieder einmal mittendrin, live dabei, immer bei den Menschen, ganz nah, haben die wertvolle Gelegenheit es fast hautnah zu erleben. Ich bin mir nicht sicher ob das ein Fluch oder Segen ist. 

In Augsburg macht mich mein Fahrgast aufmerksam, daß wir die blaue Linie verlassen haben. Während das Ziel in seinem Routenplaner die gesendete Markierung ist, ist das Ziel im Navigationsgerät des Taxis noch immer die Berliner Allee. Er will daß ich umdrehe und ihn zu der Markierung bringe. Jetzt fahren wir nachts durch den Regen in einer fremden Stadt mit nichts als dem roten Punkt, auf einem ansonsten nur arabische Schriftzeichen anzeigenden Handy, als Ziel! Es gibt Worte im Türkischen die auch die Araber verstehen. Links und rechts, sol und sag, gehören nicht zu diesen Worten. Wir kommen an eine Kreuzung. Ich zeige ihm den Ort der in seinem Handy markiert ist. Hilflos schaut er mich an. Ich fahre auch noch die letzten Meter bis genau auf den Parkplatz eines italienischen Restaurants. Hier, genau hier, sind wir richtig! Die rote Markierung des Ziels und der blaue Kreis unseres Taxis überdecken sich. Ich schalte den Motor aus, deute auf das Taxameter, es zeigt 107,10 € an. Er zieht aus seiner Tasche drei zwanzig Euro-Scheine. Mit einem erwartenden Gesichtsausdruck deute ich erneut auf das Taxameter. Er schüttelt leicht seinen Kopf und macht das Zeichen für Schreiben. Ich zeige ihm den Notizzettel vom Beginn der Fahrt. 160,-€ steht da immer noch. Den Einser und das laufende Taxameter hat er wohl übersehen. Mein Gesichtsausdruck wechselt von erwartend zu fordernd. Er zieht noch einen Zehner aus der Tasche und reicht ihn mir. Dabei zuckt er mit den Schultern. Nach zehn Sekunden der gespielten Ratlosigkeit serviere ich ihm einen Lösungsvorschlag. Er hat jetzt sofort jemanden mit vierzig Euro herzubestellen. Wenn er sich dabei nicht hastig bewegt, geht die Sache für uns beide gut aus. Er telefoniert, reicht mir mit dem Wort german sein Telefon. Am anderen Ende ist jemand der mir sagt wir sollen doch in die Berliner Allee kommen. Nachdem er mir zusichert daß er auch Geld hat machen wir uns auch noch an die letzten zwei Kilometer unserer Odyssee. Als wir in die Einfahrt des Lagers einbiegen, werden wir schon von einer jungen Familie erwartet. Gleich streckt mir der Vater einen fünfzig Euro Schein entgegen. Zusammen mit den sechzig Euro des Fahrgastes macht das jetzt 110,-€. Der Taxameter zeigt 110,30€ - passt. 

Ein letztes Foto vor der Rückfahrt

Hinter dem Papa steht scheu und doch interessiert  ein kleines Mädchen. Mit großen, dunklen Augen unter den Locken schaut es mich neugierig an. Zum böse schauen braucht man viele Muskeln, habe ich irgendwo aufgeschnappt. Zum lächeln nur zwei. Das tue ich jetzt auch. Offen lächelt sie zurück. In Sekunden entspannt sich die Situation. Ich springe schnell aus dem Taxi. In der Armlehne der Rückbank habe ich Bonbons für die Fahrgäste. Ein letztes Bonbon finde ich noch, das ich der Kleinen zustecke. Leider war es ein scharfes Zuckerl, ein Pfefferminz, das wird ihm nicht geschmeckt haben.
Es hat sich also doch gelohnt, daß ich noch einmal rausgefahren bin. Es hat mir 110,-€ Umsatz gebracht und die Erkenntnis, daß Kommunikation auch ohne Worte funktionieren kann.      

Montag, 24. August 2015

Foliensandwich



In meinem Taxi ist es hell. Über den Vordersitzen ist ein großes Glasschiebedach. Über der Rückbank ist ebenfalls ein Glasfenster, welches allerdings nicht geöffnet werden kann. Von Außen ist die ganze Dachfläche aus Glas. Inzwischen haben die meisten unserer Taxischilder einen starken Magneten im Fuß,  der unsere Reklame auf dem Taxidach hält. Solange es noch keinen Glasmagneten gibt, muss eine Lösung gefunden werden.


Während einer gemeinsamen Pause an unserer ESSO habe ich einem Kollegen aufs Glasdach geschaut und dabei die Lösung gefunden. Letzte Woche habe ich in meinem Verzeichnis Suchbegriffe gefunden, die nahelegen, daß ein Kollege ebenfalls auf der Suche war.
Der Umrüster, bei mir war es Vepas in der Hans-Preißinger-Straße, hat an der hinteren linken Ecke des Daches ein Stück schwarzer Folie auf das Glas geklebt. Auf die Folie kommt ein dünnes
Blech, etwa so groß wie eine große Tafel Schokolade.
Auf das Metallplättchen hat Vepas wieder eine schwarze Folie geklebt. Die Magnetfüße des Taxischildes finden dort ausreichend halt. Ich selbst habe es schon bis zu einer Geschwindigkeit von 240 km/h auf der A9 getestet. Das soll aber nicht für jedes Magnettaxischild gelten und ich übernehme keine Gewähr wenn das Taxischild eines Kollegen dem armen Nachfahrenden in die Windschutzscheibe donnert.
Das ganze Folie-Metallplättchen-Folie-Sandwich ist durch die schwarze Farbe auf dem dunklen Glasdach nicht auffällig.

So klebt der Magnet selbst auf dem Glasdach

Die Kollegen, die ein Taxi mit Aluminiumkarosserie, soweit ich weiß, die Audi-Fahrer, haben für das gleiche Problem die gleiche Lösung. In diesem Fall ist dann die Farbe der Folie natürlich hellelfenbeinweiß - RAL 1015.

Donnerstag, 13. August 2015

Haching



"... und dann brauchen wir noch dein Kennzeichen für die Polizei."
 
"Für die Polizei!?",frage ich zurück. 

"Ja, damit die euch reinlassen und später für die Eskorte ... eventuell."

Was habe ich da wieder für einen Auftrag geangelt? Der Anruf kam am Samstag, ganz kurzfristig vor dem Auftrag am Sonntag. Die SpVgg Unterhaching spielt ein DFB - Pokalspiel gegen den FC Ingolstadt 04 im Alpenbauer Sportpark Stadion in Unterhaching. 

Die Stadt ist voller Araber, die die Kleinbusse belegen. Eine Bekannte des Schiedsrichterbetreuers Stefan Seitz ist einmal mit uns gefahren und so kam der Kontakt zustande. Ein Glück für uns beide. Der Leiter des Profibereichs, Salih Aydogan, ruft mich auch noch einmal an und schärft mir ein, wie wichtig die Betreuung der Unparteiischen ist. Ihre Stimmung kann entscheidend sein. Der Schiedsrichterbetreuer und ich verabreden uns im Hotel in dem die vier Schiedsrichter einquartiert sind. Zu dem Anlaß habe ich den Bus noch einmal frisch gewaschen und gesaugt. Eine Viertel Stunde vorher sitze ich mit Stefan schon in der Hotellobby. Die DFB - Schiedsrichter erscheinen. Ganz anders als wie ich mir das vorgestellt habe. In ihren schwarzen Anzügen und mit Krawatten wirken sie seriös. Es ist Sonntag, Nachmittag, kein Verkehr, in 15 Minuten sind wir am Sportpark. Der erste Ordner ist schon informiert und lässt uns passieren. Gleich vor der Geschäftsstelle können wir parken, auch der für diesen Bereich Zuständige lässt uns durch. 

Die Schiedsrichter verlieren keine Zeit und verschwinden in dem Gebäude. Ich verschließe das Auto und komme nach. Hier in der Geschäftsstelle lerne Salih persönlich kennen. Er lässt mir eine Arbeitskarte als Schiedsrichterbetreuer ausstellen. Mit der Karte kann ich mich frei im Stadion bewegen. Im Pressebereich kann ich mir etwas zu trinken holen. Neugierig auf den Spielbetrieb überblicke ich von einem großen Fenster die Spielfläche des Stadions. Obwohl ich schon seit 30 Jahren in München bin, ist heute das erste Mal, daß ich im Unterhachinger Stadion bin. Im Olympiastadion war ich, ebenfalls mit einer Sonderkarte ausgestattet, mit einem türkischen Fanbetreuer unterwegs, der sich engagiert für die angereisten Fans aus Istanbul kümmerte. Im Rahmen von Führungen war ich wiederholt mit Gästen von unseren Kunden in der Allianz-Arena. Unterhaching war für mich Neuland - war! Wie ich so sinnierend am Fenster stehe, erkenne ich die vier Schiedsrichter in ihren weißen Hemden, wie sie an der Westtribüne entlang, neben dem Spielfeld in Richtung des VIP -Hauses gehen. Schließlich bin ich frischer Schiedsrichterbetreuergehilfe in Unterhaching. Da wo die Schiedsrichter sind muß ich auch sein. Ein Ordner erklärt mir wie ich über den Spielertunnel, eine Etage tiefer auf das Spielfeld komme. Bis ich aber neben dem Spielfeld bin, sind die Schiedsrichter, obwohl sie in ihren weißen Hemden in dem noch menschenleeren Stadion leicht zu erkennen wären, verschwunden. Vor der leeren Westtribüne blicke ich um mich. Noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. Der Schiedsrichterbetreuer kommt mit einem Kollegen und stellt einen Tisch zwischen die Reservebänke. Jetzt kann ich die erste Information geben. Ich kann ihn zumindest informieren in welche Richtung die Schiedsrichter zuletzt gegangen sind. Er weiß schon Bescheid. Wer mich kennt, weiß, daß ich die Zeit bis zum Beginn des Spieles nutze. Zweimal umrunde ich die Tribünen bis ich mich orientiert habe. Langsam, langsam füllen sich die Ränge. Eine Stunde vorher kommt der Bus aus Ingolstadt. Die ersten Schanzer Spieler machen sich mit dem Platz im Stadion vertraut bevor sie wieder in ihren Kabinen verschwinden. In der Pressestelle trinke ich eine Apfelschorle, drehe noch einmal eine Runde, diesmal außerhalb des Stadions. Die Parkplätze füllen sich. Die Funktionäre sind in reger Betriebsamkeit.
45 Minuten noch - die Spieler bieder Mannschaften sind schon auf dem Platz und wärmen sich auf. Wobei aufwärmen bei 28 Grad Celsius im Schatten nicht ganz das richtige Wort ist. 

Klaust, ein Trompeter in Lederhosen spielt die Bayernhymne und ein Geburtstagsständchen für Ralph Hasenhüttl, dem Ingolstädter Trainer.
Der Anpfiff rückt näher die Auflaufkinder stehen bereit. Drei meiner vier Schiedsrichter, jetzt in dunkelblauer Sportmontur, führen die Spieler, die getrennt nach Teams in Zweierreihen einlaufen,  an. Die Spieler nehmen die Kinder kurz an die Hand und laufen unter Musik aus den Stadionlautsprechern bis zur Mitte des Platzes.
Die Unterhachinger spielen während der ersten Halbzeit auf der Südseite. In der ersten Halbzeit fällt gleich das erste Tor für die SpVvg. Die Ingolstädter stürmen immer wieder an, aber Stefan Marinovic, der Hachinger Torwart, hält die gefährlichen Bälle. Die Fans feuern mit Sprechchören ihre Mannschaften an. In der Ingolstädter Kurve gibt ein Trommler mit einer großen Pauke den Takt an. WIE-DER-STAND  Bumm - Bumm - Bumm, durchsetzt von Paukenschlägen höre ich aus der gegenüberliegenden Kurve. Bei den Hachingern schreit eine Gruppe UNTER, deutet übers Eck auf die andere Hachinger Fangruppe, die laut HACHING antwortet. Ich bin heilfroh, daß die Parole; Schiri, wir wissen wo dein Auto steht, diesmal ausbleibt.
Mit einer 1:0 Führung geht Haching in die Halbzeit. Der Stadionsprecher hat für die Fans in der Ingolstädter Kurve während der Halbzeitpause eine Dusche angekündigt. Wer eine Erfrischung will, soll seine Elektronik wasserdicht verstauen und auf den Rängen bleiben.
Die Unterhachinger freiwillige Feuerwehr rückt an und legt einen feinen Wassernebel über die erhitzten Fans, die zu der Abkühlung noch einen kleinen Regenbogen bekommen. Nachdem ich das Foto gemacht habe, auf dem leider der Wasserstrahl nicht so leicht zu erkennen ist, verbringe ich den Rest der Pause mit einer Flasche Wasser im Pressebereich. 

Unterhachinger Feuerwehr sorgt für Erfrischung

Auf dem Weg zum Spielfeld überrascht mich der Torjubel der Hachinger Fans. Nach nur drei Minuten Spielzeit in der zweiten Halbzeit baut Die SpVvg Unterhaching mit dem 2:0 seine Führung aus. Und wieder war es Markus Einsiedler, der, wie auch in der ersten Halbzeit, das Tor schoss.
Ich bin zufrieden wenn nach 90 Minuten das Ergebnis feststeht und es zu keiner Verlängerung kommt. Die Schiedsrichter müssen noch zum Hauptbahnhof, bzw. zum Flughafen. Endet das Spiel pünktlich, bleibt genügend Zeit über den Bahnhof zum Flughafen zu fahren. Wegen der großen Hitze legt der Schiedsrichter eine kurze Trinkpause ein. 

Spieler der SpVvg
In der 83. Minute plötzlich ein Tor! Diesmal Jubel aus der Ingolstädter Ecke. Ich stehe zu weit entfernt, kann es nicht genau erkennen. Der Stadionsprecher informiert uns; dem Ingolstädter Moritz Hartmann gelingt der Anschlußtreffer. Jetzt steigt die Spannung. Können die Hachinger das 2:1 noch bis zum nahenden Spielende durchhalten? Nach 90 Minuten Spielzeit gibt der Schiri fünf Minuten Nachspielzeit. Die Hachinger Fans hinter mir schlagen sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Fünf Minuten!? Fünf Minuten können eine Ewigkeit werden, wendet alles entschieden wird. In fünf Minuten können die Ingolstädter zum Gleichstand aufholen. Während der darauffolgenden Verlängerung kann den Hachingern der schon in der Tasche geglaubte Sieg durch die Finger rieseln. Gebannt verfolgen die Fans das Spiel. Ich lasse mich auch von der Stimmung im Alpenbauer Sportpark anstecken. Immer wieder gehen die Augen zu der Stadionuhr. Pünktlich nach fünf Minuten pfeifen die Hachinger Fans und schreien ZEIT ZEIT ZEIT. Mit den Händen machen sie waagrechte Schnitte durch die Luft. Endlich pfeift der Schiri ab. Jubel bricht aus! Die SpVvg Unterhaching hat den Bundesligisten Ingolstadt besiegt. Im Spielertunnel wird sich gegenseitig gratuliert und den Spielern zurecht auf die Schultern geklopft.

Mit Kniefall bedanken sich die Unterhachinger bei den Fans


Meine Schiris sind in den Geschäftsräumen verschwunden. Sie müssen noch den Spielbericht schreiben. Geduldig warte ich mit dem Schiedsrichterbetreuer vor der Tür. Wir beobachten wie die Ingolstädter ihre Kabinen räumen und die ausgelassene Freude der Unterhachinger Spieler.
Die Schiedsrichter haben ihren Spielbericht ausgefertigt und unterschreiben lassen. Anders als vorgesehen wollen zwei der vier Unparteiischen noch zum Essen bleiben. Die anderen Beiden, die ihren Flug erwischen müssen, bringe ich zum Flughafen. 

Unsere Abreise gestaltet sich, entgegen meinen Erwartungen nach dem anfänglichem Telefonat ganz unspektakulär. Das Spiel wurde vor einer Stunde abgepfiffen, die Busse mit den Ingolstädter Fans sind schon weg, die Parkplätze sind geräumt, der Großteil der Polizei ist schon abgerückt. Jetzt sind meine Wasserflaschen, die ich bis jetzt kühlen könnte, bei den Gästen willkommen. Unterwegs auf der A9 überholen wir den Bus des FC Ingolstadt 04. Am Flughafen bleibt mir keine Zeit, sofort drehe ich um und fahre wieder zurück in den Alpenbauer-Sportpark in Unterhaching. Zwei Schiedsrichter wollen noch zum Bahnhof. Unterwegs auf dem Mittleren Ring, Höhe Englischer Garten, erreicht mich der Anruf des Schiedsrichterbetreuers Stefan. In 15 Minuten bin ich da, ich werde mich melden, wenn ich vor dem VIP-Haus im Stadion stehe. Der Betreuer macht seine Sache perfekt und begleitet die Beiden noch bis zum Bahnhof. Unterwegs bleiben noch ein paar Minuten zur Spielbesprechung. Um halb Neun abends bin ich dann mit dem Auftrag fertig. 
Der Bus der Schanzer auf dem Weg nach Hause

Ich danke der SpVvg Unterhaching, besonders Salih und Stefan, daß sie mich zum Schiedsrichterbetreuergehilfen, zum Fußballreporter, und was noch unerwarteter ist - zum Fan, gemacht haben.

Montag, 3. August 2015

Ein Moment



Zum zweiten Mal fange ich an etwas Spanisch zu lernen. Ich habe noch meine altes Lehr-, Übungs-, und Lösungsbuch, das ich mir 2000 vor meinem Havanabesuch gekauft habe. Damals wie heute liegt das Lehrmaterial im Taxikofferraum. Nur heute habe ich elektronische Unterstützung in Form der Babbel-App. Inzwischen nutze ich nur noch das Tablett zum Lernen und nur ab und zu ziehe ich mein Lehrbuch zwischen den Küchentuchrollen und Fensterreinigersprühflaschen aus dem Kofferraum. In der Grammatik bin ich gerade beim Presente Continuo, eine Form, die man anwendet, wenn man ausdrücken will, daß man gerade jetzt im Moment etwas macht. Gebildet wird es mit dem Hilfsverb estar [in der entsprechenden Form] und dem Gerundium. Je nachdem wie das Stammverb endet, wird dann einfach ein -ando oder -iendo angehängt. 

Genug der Theorie - da sitze ich also fleißig studierend in meinem Taxi und rücke langsam am Flughafen nach. An zweiter Position vorne am Modul Klappe ich mein Tablett zu, verstaue es im Fach der mittleren Armlehne, rücke an die erste Position vor, steige aus und mache ein freundliches Gesicht. Meine Kollegen bekamen alle Anzugträger, Geschäftsleute, eine große Chance für eine Stadtfahrt. Zu mir kommen zwei Herren, die etwas lässiger gekleidet sind. Sie haben auch keine Aktenmappen oder Laptoptaschen, die auf eine weitere Fahrt hinweisen würden, bei sich. Insgeheim hoffe ich, das es keine Urlauber sind, die nur zu ihrem Auto an einem der Parkplätze am Flughafen müssen.
Umständlich öffnet einer der Beiden seinen Koffer und holt eine Ordner hervor. Er beginnt in dem Ordner zu blättern. Meine Spannung steigt. Was wird er mir zeigen? 

Endlich zeigt er auf eine Adresse auf einem eingehefteten Blatt. Es ist ein Hotel in Gaimersheim. Gaimersheim liegt nahe meiner Geburtsstadt. Da er Anstalten macht seinen Ordner wieder im Koffer zu verstauen, notiere ich mir schnell die Postleitzahl der Adresse auf. Die brauche ich dann später für das Navi. Die Straße kann ich mir merken. 

Im Auto, auf dem Weg zur A9, bemerke ich, daß die Beiden Spanisch sprechen. Auf meine Nachfrage erzählen Sie mir, daß sie aus Madrid kommen. Ich beginne den Smalltalk mit dem Samarkanda und dem La Mallorquina, einem Restaurant und einem Kaffee, die ich in Madrid besucht habe und die jedem Madrilenen ein Begriff sein dürften.
Ich suche nach einem passenden Satz in Spanisch, in dem ich das soeben gelernte Presente Conti anwenden, und mit meinen noch beschränkten Vokabeln, bilden kann. Ich komme auf; 

"Estoy aprendiendo Español." - Im Moment lerne ich Spanisch. 

Richtiger für diese grammatische Form wäre gewesen; ich fahre Auto. Weil ich das ja wirklich genau jetzt im Moment mache, während ich meinen Madrileños auf der Rückbank spanische Vokabeln an den Kopf werfe. Aber im Spanischen ist Autofahren etwas mit dem Verb ir - das kommmt erst als Nächstes. 

Über die A9 und die Ausfahrt Ingolstadt Süd sind wir nach nicht mal einer Stunde in Gaimersheim. 119,70stehen auf dem Taxameter. 120,- bekomme ich. Eine gute Fahrt. Kaum sind die Spanier im Hotel verschwunden rufe ich meine Frau an um mich zu erkundigen ob noch eine Fahrt für morgen früh reingekommen ist. Nein, es ist keine weitere Fahrt. Ich kann bei meinen Eltern übernachten und mich morgen früh auf dem Rückweg am Flughafen aufstellen um einen Fahrgast zu schnappen, der mir dann noch die letzten Kilometer auf dem Rückweg nach München bezahlt.
In den Radionachrichten kam letzte Woche eine Meldung. Es wurde auf eine Flüchtlingsunterkunft in Bayern einen Brandanschlag verübt. Als die Sprecherin den Namen der Gemeinde, Reichertshofen, nennt, zucke ich zusammen. Es ist unser Nachbarort. Ein Anruf in der alten Heimat und ich weiß Bescheid. Es war beim Däuber in Winden am Aign. Ein Dorf, unweit der A9, das unter Verwaltung der Gemeinde Reichertshofen steht. 

Brandschaden am Dach des Nebenbaues 


Als 14 und 15jährige sind wir mit unseren Fahrrädern oder Herkules-, bzw. Kreidlermofas zum Däuber gefahren. Sonntag Nachmittags in der Jugenddisco hilten wir uns bis 18 Uhr an unserer Goaßmaß fest. Genau in dem Anbau der jetzt angebrannt ist. Bevor ich wieder auf die Autobahn fahre, drehe ich eine Runde in Winden am Aign um einen kurzen Blick auf das Lokal unserer ehemaligen Wochenend-Vergnügen zu werfen. An dem Nebenbau des Landgasthofes und Hotels, der für Flüchtlinge bereit gestellt werden sollte, ist das Dach auf einer Fläche von ca. 20 Quadratmeter verbrannt. Beim ersten Eindruck nicht so spektakulär wie man nach den Pressemeldungen glauben mag. Im Hof beseitigt ein Arbeiter die Schäden. Das Landratsamt Pfaffenhofen will an dem Plan, dort Flüchtlinge unterzubringen, festhalten.   
Zurück am Flughafen, diesmal von Norden her kommend, stelle ich mich wieder an. Auch ich halte an meinem Plan fest Spanisch zu lernen. Ich bin noch immer beim Presente Continuo- im Moment.