Freitag, 4. September 2015

Heimatstich



Am Montagabend bemerkten wir es schon. Bisher mußten wir von unseren vier Spuren am Taxistand Bahnhof Nord nur eine Spur abgeben. Dort stand ein großer orangefarbener Bus mit Milchglasscheiben. Durch die bei der Hitze der letzten Tage geöffneten Fenster konnten wir medizinische Einrichtungen erkennen. Der Bus steht inzwischen schon seit Wochen für die Flüchtlinge bereit. Nachdem die Neuankömmlinge im Starnberger Bahnhof registriert wurden, begleitete sie die Polizei zu einer ersten medizinischen Untersuchung zu dem Bus auf unserem Taxistand. Frisch untersucht stiegen sie in einen zum Shuttle umfunktionierten Bus der Münchner Verkehrsbetriebe. Vor einem Jahr noch haben wir Taxifahrer die meist aus Syrien stammenden Flüchtlinge in die -> Erstaufnahmelager gefahren. 

Am Montagabend aber, da begann der Zirkus erst richtig. Für uns Taxifahrer waren nur noch zwei Spuren übrig. Die linke Spur, die mit dem Medizinbus, war mit Krankenwagen, und die Spur ganz rechts mit Streifenwagen der Polizei aufgefüllt. Dazwischen standen wir neben unseren Taxis und tauschten Neuigkeiten aus. Ein arabischsprechender Kollege aus Tunesien war unsere heißeste Quelle. 

"Vorher waren die Nazis da. Da, da sind sie hereingekommen. Die Polizei ist in den Bahnhof gestürmt. In Budapest warten noch tausend Flüchtlinge. Ein Zug ist vor einer Stunde angekommen. Jetzt kommt dann noch einer. Schau mal, die da, die waren zehn Tage unterwegs. Woher kommt ihr? Komm her, der spricht Englisch." 

Wir stehen mitten im Brennpunkt. Um uns herum Sanitäter, Polizisten, Bahnpolizei und Menschen aus Afrika und dem Mittleren Osten. Alle Taxifahrer, auch ich, stehen draußen, reden, spitzen die Ohren. Bis ich einen Bahnreisenden erwische. Er muß nach Schwabing - Heimatstich! Schluß für Heute.
Am nächsten Morgen starte ich gleich bei mir im Viertel. Am Rilano in der Domagkstraße steigt mir ein Hotelgast zu. Er muß zum Bahnhof und das ganz schnell. 

"Ich habe 15 Minuten."

"... und ich warte schon seit einer halben Stunde vor dem Hotel auf Sie." 

Im Laufe der Jahre sind die richtigen Antworten schon zurechtgelegt. Weil es ihm gar so pressiert, will ich ihn zum Bahnhof an die Nordseite fahren. Von hier muß er nur noch die drei Stufen nach oben springen, und ist, ohne die Schalterhalle durchqueren zu müssen, bei den Gleisen. Um noch mehr Ampeln und Zeit zu sparen, fahr ich den Taxifahrern bekannten Weg über die Hirten und Pfefferstraße um von Norden an den Bahnhof zu kommen. 

Wir sind überrascht. Der ganze Platz vor der Nordseite des Bahnhofs ist mit weiß-roten Gittern abgesperrt. Große Feuerwehrautos stehen bereit, unzählige Polizei-VW-Busse parken kreuz und quer. Da wo sonst wir Taxifahrer auf unsere Kundschaft warten, lagern zwischen bunten Zelten und blauen Dixi-Toiletten Hunderte Flüchtlinge. Nachdem mein Fahrgast flugs mit seinem Koffer in dem Gewimmel verschwand, stellte ich mich am Bahnhof Mitte an. 

Hier traf ich auf zwei meiner Kollegen, die sonst an der Nordseite stehen. Sie haben sich, genauso wie ich die  Mitte als Alternative ausgesucht. Zwei Mal wurden wir von offensichtlichen Asylbewerbern angesprochen. Zwei junge Männer wollten nach Hamburg und konnten auch das nötige Bargeld vorweisen. Den Kollegen und mir war die Sache nicht geheuer. Im Moment wollte Niemand die brisante Fahrt übernehmen. Ein Münchner Taxi zu diesen Zeiten auf dem Weg durch die ganze Republik nach Hamburg wäre auf der Autobahn Freiwild für jeden Zöllner oder Polizisten. Wie lange wird es dauern bis die Flüchtlinge die Kollegen einzeln, und nicht in der Gruppe, in aller Öffentlichkeit, ansprechen? Wann spricht es sich unter den Nichttaxifahrern herum , daß am Bahnhof zahlungsbereite Kundschaft auf eine Weiterbeförderung wartet? Meine Fahrt bringt mir 11,-€ und geht in die Maxvorstadt. Den ganzen Tag über komme ich nicht mehr an den Hauptbahnhof.

Unser Taxistand am Bahnhof in München

Erst am Abend, vom Süden her, über die Paul-Heye-Unterführung. An der Kreuzung zur Arnulfstraße zeigt ein Schild daß nur geradeaus gefahren oder nach links abgebogen werden darf. Ich spähe nach rechts, zum Bahnhof, entdecke die zur Seite geräumten Absperrgitter und wage die Anfahrt. In Höhe des Ausganges, direkt an der Arnulfstraße, stehen schon drei Taxis hintereinander. Unter den Blicken der Polizei mache ich den Vierten. Es hat begonnen zu regnen. Die erste willkommene Erfrischung nach den heißen Tagen. In dem Häuschen der Bushaltestelle, von der sonst der Flughafenbus abfährt, liegen zwei geöffnete Koffer auf dem Gehweg. Bunte Kleidungsstücke quellen daraus hervor. Daneben ein Karton. Aus der schauen die Teddybären mit den blauen Schleifchen um den Hals, die während des Nachmittags an die Flüchtlingskinder verteilt wurden, auf den nassen Asphalt
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Als Vierter dauert es nicht lange bis ich einen Fahrgast bekomme. Diesmal geht es nach Bogenhausen.