Sonntag, 21. August 2016

The Cage

Jetzt ist es sicher - die Wiesen 2016 wird eingezäunt. Die Diskussion über das Thema schien schon beendet, bis die Schießerei im OEZ die Frage nach der Sicherheit auf dem Oktoberfest wieder aufwarf.
Wiesn Zaun Oktoberfest 2016
Noch ist es nur der Bauzaun

Hubertus Andrä, der Münchner Polizeipräsident, hat diese Woche auf einer Pressekonferenz den Entschluss mitgeteilt. Um die ganze Wiesn wird ein Zaun gebaut. Das Zentrale Landwirtschaftsfest bleibt außerhalb, und der Kotzhügel innerhalb des Zauns. Die Besucher werden an den Zugängen kontrolliert. Vereinzelt werden die Personen überprüft. Große Taschen über ein Fassungsvermögen von 3 Litern, größer als 10x15x20 cm, und Rucksäcke sind verboten. Ab 18 Uhr und am Tag der Deutschen Einheit sind Kinderwagen auf dem Festgelände nicht erlaubt. Wenn es zu voll wird, werden die Tore geschossen. Das dürfte dann an den Wochenenden ab Mittag der Normalzustand sein. Ich freue mich schon auf die Gesichter unserer Gäste von südlich den Alpen, die während des Italienerwochenendes nach 900 Kilometer Fahrt im Camper, vor dem Schild Wegen Überfüllung geschlossen, stehen.
Bestimmt bringt das ein deutliches Umsatzplus für die immer mehr werdenden Wiesnevents im Umfeld des Oktoberfestes. Die Feierwütigen weichen auf den Postpalast an der Hackerbrücke und den Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz aus.
Die Gefährdung verlagert sich auch. Vor den Eingangskontrollen bilden sich dichtgedrängte Menschentrauben. Wenn, dann dürfte hier das Anschlagsziel liegen. Nach der Schleuse verlaufen sich die Menschen und konzentrieren sich erst wieder in den Bierzelten.
Seit den letzten Jahren bin ich kein Freund des Landhausfaschings. Der Zaun bietet mir eine willkommene Gelegenheit zum granteln. Wenn meine belederhosten und bedirndelden Fahrgäste ihr Fahrziel mit Zur Wiesn, zum Oktoberfest, zu den Wiesen, to the beerfestival angeben werde ich das heuer mit

"Aha, zum Käfig!"

kommentieren. Für die Leute die einen Sitzplatz im Bierzelt reserviert haben, und ihr Reservierungsbändchen bei sich haben, bleibt der Eingang, selbst bei Überfüllung, an der Beethovenstraße und der Abgang an der Bavaria offen.
Natürlich siegt meine Menschenliebe und so hoffe ich, daß es keine Explosion gibt, weder ein innerhalb noch außerhalb des Zauns. Ich wünsche jedem Wiesngast, woher er auch kommen mag, daß er gesund und munter wieder nach Hause kommt - und sei es auch drüberhalb der Alpen.

Donnerstag, 18. August 2016

Plaza Major 7/7



Die Devonitialien auf den Tischen der Händler lassen ihn kalt. Die Schnitzereien, Christusfiguren und Rosenkränze auf der Calle de Bailén haben ihren Zauber verloren.
Sebastian hat noch eine Stunde bis er sich mit Joe am Plaza Mayor trifft. Seine neuen Eindrücke genießend spaziert er durch das alte Madrid in Richtung El Soportal. Als er über den Platz geht, entdeckt er schon seinen Freund in der Abendsonne sitzen. Vor ihm auf dem Tisch steht wieder ein Krug Sangria. Daneben wartet ein noch leeres Glas auf Sebastian. Wie am Vortag sitzen sie nebeneinander mit den eisgekühlten Gläsern in den Händen. Es ist ihre letzte Nacht in Madrid. Morgen früh geht ihr Flugzeug zurück nach München.
Bevor sie sich in ihre Hotelzimmer zurückziehen, bestellen sie an der Rezeption ein Taxi, das sie morgen ganz früh zum Flughafen Madrid-Barajas bringen soll. 

Gran Via mit Telefonico Hochhaus
Gran Via

Vor dem Einschlafen schaltet Sebastian das Fernsehgerät ein. Über den Bildschirm flimmern Bilder wie der Papst hinter einem Pult auf dem Rollfeld eines amerikanischen Flughafens spricht. Was das Oberhaupt der Katholiken auch sagt, für Sebastian ist es nicht mehr von Bedeutung. Der Wecker seines Handies reißt ihn aus dem Schlaf. Draußen ist es noch stockfinster. Nach drei Tagen gibt es nicht viel zu packen. Frühstücken wollen sie am Flughafen. Schon 20 Minuten später steht er mit Joe vor dem Hotel. Ein Taxi nähert sich auf der Straße zwischen den noch finsteren Werkstätten. Direkt vor ihnen hält der Fahrer an, öffnet im Vorbeigehen den Kofferraum, nickt kurz zum Gruß und verstaut das Gepäck in seinem Taxi. Er braust mit den Beiden durch das erwachende Madrid. Der Taxista ahnt nicht, daß seine Fahrgäste im Fond noch an diesem Tag selbst am Steuer eines Taxis sitzen.
In München angekommen wollen Joe und Sebastian erst langsam mit der Arbeit beginnen. Sie stürzen sich nicht gleich mit ihren Taxis ins Oktoberfestgewimmel. Ihre erste Fahrt soll vom Flughafen starten.
Hier gönnen sie sich am Taxispeicher einen Tee aus dem Samowar und sinnieren unter den hellelfenbeinweißen Blechdächern über den Verlauf der Welt und die Zukunft der Erde. Es scheint alles beim Alten geblieben zu sein - zumindest scheint es so. 

Dienstag, 16. August 2016

Plaza Mayor 6/7



 In Richtung Prado verlassen sie den Retiro. Der Eine zufrieden mit sich und der Welt, der Andere nachdenklich, passieren sie die Verkaufsbuden mit den antiquarischen Büchern. Es liegt noch ein ganzer Tag in der spanischen Metropole vor ihnen, den sie in Kunstmuseen, Palästen und bei einer Stadtrundfahrt verbringen. Wie am Vorabend endet der verheißungsvolle 23.09. ganz unspektakulär wieder am Plaza Mayor. Nichts Bedeutendes geschieht an diesem Tag und wieder leeren sie im El Soportal einen Krug Sangria. Übermorgen geht ihr Flug zurück nach München. Morgen an ihrem letzten Tag in Madrid, will Joe zum Bernabéu-Stadion. Sebastian geht nicht mit seinem Freund zum Fußballstadion- er hat morgen noch etwas Besonders vor.

Wachen Madrid Wachwechsel
Vor dem Palast

Am nächsten Morgen, auf dem Weg vom Hotel zur Metro, sehen sie das weiße Taxi, mit dem roten Streifen auf der Tür, ihres spanischen Kollegen immer noch vor der Werkstatt stehen. Bis zur Metrostation Ventas fahren sie gemeinsam. Hier trennen sich ihre Wege. Joe nimmt die Bahn zum Stadion des Fußballclubs Real Madrid, Sebastian fährt weiter zum Plaza de Oriente. Sein Ziel ist die Kathedrale Madrids. Bevor er in den Tempel der Katholiken geht, will er sich sammeln, seine neuesten Eindrücke verarbeiten. Er setzt sich auf die Breiten Stufen des Plaza de Oriente mit Blick auf den königlichen Palast. Alle halbe Stunde wechselt dort, die zum Teil berittene, Wache in historischen Uniformen. Nach dem dritten Wachwechsel ist er soweit. Sein Körper ist in der richtigen Schwingung, seine Sensoren justiert. Bedächtig geht er über die Calle de Bailén auf die mächtige Catedral de La Almudeno zu. Die Händler, die auf dem Platz davor Rosenkränze aus allen Materialien zum Kauf anbieten, sieht er schon nicht mehr. Respektvoll betritt er die Kathedrale durch das Querschiff.

Kathedrale in Madrid
Catedral a La Almudeno

Noch im Licht der Sonne, die durch das geöffnete Portal scheint, steht ein großer, hagerer Mann. Er trägt ein blaues Hemd, an seiner linken Brusttasche ist mit groben Stichen ein rot-gelbes, gesticktes Emblem angenäht. Vor ihm steht auf einem Schemel ein Korb, in dem ein Zettel mit der Aufschrift 1,-€ und eine handvoll Münzen liegen. Sebastian geht ohne Zögern an den Korb vorbei. Der blasse Kirchenbüttel macht einen kleinen Ausfallschritt in Sebastians Richtung und räuspert sich dabei bewusst hörbar. Sebastian, im Moment hochsensibel und dabei aber äußerst gefasst, spürt die Schwachstelle des Büttels, fixiert ihn mit einem eiskalten Blick und herrscht ihn an.
"Willst du dich zwischen mir und meinem Gott stellen!?"
 
Mangels Spanischkenntnissen behilft sich Sebastian mit Englisch. In dieser Situation hätte er jede Sprache der Welt verwenden können. Die Reaktion seines Gegenübers wäre die gleiche gewesen. Der Bedienstete zuckt zusammen. Erschrocken weicht er zurück. Sebastian geht unbeirrt weiter. In der Nähe der Kreuzung des Mittel- und Querschiffes setzt er sich in das hölzerne Gestühl.
Er verschränkt seine Hände um den Energiefluss zu erleichtern. Für Außenstehende sieht es aus als würde er beten. Er versucht seine Ratio auszuschalten um die feinen Oszillationen vollkommen im Hier und Jetzt aufzunehmen. Es fällt ihm schwerer als sonst. Der Büttel vom Portal eilt wiederholt aus allen Richtungen wieselgleich an ihm vorbei. Dabei beobachtet er, ohne seinen Kopf zu wenden, schielend den auf der Bank in sich gekehrten Sebastian.
Sebastian mag es diesmal nicht mehr gelingen. Er fällt nicht in Einklang mit der ihm umgebenden Energie. Hat er nun die Kirche verlassen, oder die Kirche ihn? Irgendwie scheint der Kirchenbüttel zu ahnen, dass seiner Herrschaft gerade eine Seele verloren geht. Sebastian kann die Resonanz nicht finden. Seine Gedanken schweifen ab. Im Augenblick sind sie bei Giovanni, der sich im Moment, fünf Kilometer weiter, im Santiago-Bernabéu-Stadion, von einer Kathedrale des Fußballs begeistern lässt.
Sebastian versucht es wieder. Noch eine Schwingungsebene tiefer. Etwas hemmt, möchte ihn nicht loslassen. Eine ganze Stunde schon versucht Sebastian seinen Kopf frei zu bekommen, die Energie fließen zu lassen. Etwas blockiert. Er sucht den Propfen, scannt seinen Körper. An der Stirn angekommen, spürt er endlich die Ursache. Genau in der Mitte seiner Stirn, auf dem Stirnchakra, zeichnet sich ein Kreuz ab. Das Symbol speist sich aus seiner Umgebung. Jeder Altar, jede Heiligenfigur, jede Säule der Kathedrale speist auf einer anderen Schwingungsebene das Kreuz auf Sebastians Stirn.
Ihm wird gewahr, daß ihm das Kreuz vor fast 50 Jahren ein katholischer Geistlicher mit Chrisamöl auf die Stirn gezeichnet hat. Der Geistliche hat ihm das Stirnchakra mit dem Symbol der Materie verschlossen. Vier - die Zahl der Materie, des Grobstofflichens. Vier Elemente- Erde, Feuer, Wasser, Luft. Vier Enden hat das Kreuz. Der weltliche Sohn seines Kirchengottes, auf die Erde in die Welt der Menschen gesendet, ist gebunden, ja sogar festgenagelt an die Materie. Mit diesem Symbol wird bei Hunderttausenden das geistige Auge versiegelt. Der Geisenhausener Dorfpfaff, der das Ritual vollzieht, glaubt selbst, er würde ein Sakrament spenden.
Sebastian weiß; nur ein tieferes, stärkeres Ritual kann den Verschluß sprengen. Er sitzt im östlichen Querschiff. Der große Altar ihm gegenüber wird von einer Statue der Maria, der Schutzpatronin seiner bayerischen Heimat, beherrscht. Die Figur thront in in sechs Metern Höhe auf einem Mond. Der Mond, als Spiegel für das Lichtq der Sonne. Der Mondschein der nicht von der Quelle des Lichts strahlt. Wie das Element Silber, seit über tausend Jahren ein Zeichen für Schein, Trug und Täuschung.
Der Papst, der in diesen Tagen, in den USA weilt, trägt einen vergoldeten Silberring. Sebastian könnte sich in seinem Taxi dieser Information nicht entziehen. Stand es doch in jeder Boulevardzeitung. Er hat sich nur gewundert warum Jeder von der außergewöhnlichen Beschaffenheit des persönlichen Papstringes des Jesuiten informiert werden sollte.
Darum kreisen seine Gedanken als er langsam durch die mächtige Kathedrale auf den Altar zugeht. Links und rechts an dem Altar führt jeweils eine enge Steintreppe zu einem kleinen Absatz vor der Madonnenfigur. Bedächtig, in sich ruhend, steigt Sebastian über die Schmalen Stufen in das Zentrum des Altars. Er steht nun eine Armlänge vor der Maria. Etwas seitlichen versetzt, hinter ihm, kauern drei Spanier mit gefalteten Händen, inbrünstig betend. Sebastian fasst sich mit der linken Hand an die Stirn. Dort spürt er das kleine Kreuz, wischt es ab und schleudert es Maria mit einem lauten Zischen ins Gesicht.
Für eine Sekunde halten die Beter inne. Blicken mit großen Augen unter ihren schwarzen Haaren befremdlich auf Sebastian, nur um sofort noch eifriger murmelnd weiter zu beten.
Sebastian erkennt jetzt klar wie ein Teil des energetischen Doms zusammenfällt. Wie Regen fällt das Kraftfeld auf den Kirchenboden. Während Sebastian von dem Altar herabsteigt fällt ihm eine Last von der Schulter und Schuppen von den Augen. Die Energie die bisher als Wolke und Schimmern zu erkennen war, ist jetzt klar umrissen. Die Formen konkreter, die Farben kräftiger. Die Kirche kann Sebastian nicht mehr halten. Befreit tritt er durch das Portal aus dem kühlen Dunkel auf die helle Straße.
Die Devonitialien auf den Tischen der Händler lassen ihn kalt. Die Schnitzereien, Christusfiguren und Rosenkränze auf der Calle de Bailén haben ihren Zauber verloren.

Sonntag, 14. August 2016

Plaza Mayor 5/7



Ursprünglich war der Platz ein Marktplatz. Im Laufe der Jahrhunderte wurden hier auch Fußballspiele und Stierkämpfe abgehalten. Langsam leert sich der Krug. Beide sind nur schwache Trinker. Schon mancher Versuch sich zu betrinken, endete schlafend neben einer halbvollen Weinflasche von der Tankstelle. Als Feinde der Trinksucht schätzen sie diese Eigenschaft am jeweils anderen.
Sinnierend über die Autodafés der Inquisition mit der anschließenden Verbrennung der Ketzer und Hexen, hier während des späten Mittelalters, erwägt Sebastian, Joe in den eigentlichen Grund dieser Reise einzuweihen.
Die Abenddämmerung bricht herein. Sie beschließen zur Puerta der Sol zu gehen, um von dort mit der Metro zurück zum Hotel zu fahren. In dem Laden mit den Heiligenfiguren brennt noch Licht. Im Vorbeigehen registriert Sebastian den Erzengel Michael in der Auslage hinter dem Schaufenster. Er kann ihn ja auch noch Morgen kaufen, bis dahin ist noch Zeit genug.

Die Straße von der Metrostation Suanzes zum Hotel ist jetzt ruhig. Nicht zu vergleichen mit dem geschäftigen Treiben tagsüber. Die spärliche, gelbliche Straßenbeleuchtung lässt die geschlossenen Rolltore vor den Werkstätten erkennen. Irgendwo in einem Hinterhof bellt ein Hund.
Auf seinem Hotelzimmer wählt Sebastian einen spanischen Sender zum einschlafen. Es läuft ein alter schwarz-weiß Film. In einem kargen Bergdorf kämpft ein junger Priester um die Seelen der grobschlächtigen Bewohner. Sebastian versucht, während ihn der Schlaf übermannt, einzelne Wörter der Dialoge zu verstehen.

Am Morgen des großen Tages trifft Sebastian nach einer erfrischenden Dusche und einem kräftigem Frühstück mit spanischem Käse, Joe vor dem Hotel. Hier bietet sich für Joe die Gelegenheit für die erste Zigarette des Tages. Sebastian ringt mit sich, Joe nun endlich den wahren Grund der Reise zu verraten. Aber Joe schnippt seine Kippe auf die Straße und bricht auf. Inzwischen sind die Rolltore geöffnet. Im Halbdunkel der Werkstätten sind Reparaturarbeiten zu hören. Neben einem Tor steht ein Taxifahrer vor der geöffneten Motorhaube seines Taxis. Er deutet auf den laufenden Motor. Der Mechaniker neigt seinen Kopf um die Geräusche besser hören zu können. Joe und Sebastian Lächeln sich kurz an. Ein Gedanke an die Kollegen zu Hause in München blitzt auf. Nächste Woche werden sie als Taxifahrer die gewinnträchtige, zweite Wiesnwoche mitnehmen. Jetzt aber liegt der Retiro vor ihnen.

Fuento de Angel Caido im Retiro Madrid
Fuente de Angel Caido im Retiro

Keine halbe Stunde später sitzen sie auf eine der Steinbänke an dem Rondell um den Fuente de Angel Caido.

"Also um was geht's hier?" Natürlich hat Joe bemerkt, daß es etwas mit dem Angel Caido auf sich hat.

"Du schleppst mich durch halb Europa. Seit knapp 24 Stunden sind wir in Madrid und schon zum zweiten Mal durch den Park zu diesem Brunnen gelatscht. Also, was ist?" 

Sebastian weiß nicht womit er beginnen soll. Am Besten ganz am Anfang.
"Gott hat einen Gegenspieler, ..."; setzt er an.

"... oder seinen Partner."; fällt ihm Joe ins Wort.

Joe nutzt den Moment, den Sebastian verdutzt auf das Denkmal schaut, zündet sich schnell eine Zigarette an, und fährt fort.
"Für Alle die sich von ihm abwenden. Wenn er ihnen einen Gegenpol bietet, bleiben sie immer noch in seinem Spiel. Wer wäre dazu wohl besser geeignet als sein Musterschüler?! Hier, den da oben, deinen Engel." Dabei deutet Joe mit der ausgestreckten Hand, die glimmende Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, auf den gefallenen Engel auf der Säule über ihnen.

"Der Kirche kommt das sehr gelegen. Haben sie doch ein Auffangbecken für die Abtrünnigen. Obwohl sie scheinbar Gootes Gegenspieler, das Böse, huldigen, bleiben sie im System gefangen."

Sebastian bleibt der Mund offen. Dafür schätzt er seinen Freund. Stundenlang nachdenklich am Flughafen im Taxi sitzend, analysiert er die Lage um das Ergebnis bei passender Gelegenheit knallhart auf den Punkt zu bringen.
Von nun an ist für Sebastian das Monument nicht mehr interessant. Der ganze Zweck der Reise scheint von dieser Sekunde an hinfällig zu sein. Das hätte ihm der Joe doch auch in München am Taxistand erzählen können. Hätte ihn der Sebastian dort auch nur gefragt.


Samstag, 13. August 2016

Plaza Mayor 4/7



Zwischen Touristen schlendern sie leicht bergauf über die Calle Postas. Die Straße ist gesäumt von Souvenirläden, Bars und Restaurants. Neben einem Geschäft voller bunter T-Shirts, Tassen, Mauspads, Schlüsselanhänger, Poster und Kühlschrankmagneten entdeckt Sebastian einen kleinen Devotionalienhändler. In seiner Auslage ist eine Krippe mit der Geburtsszene Jesu aufgebaut. Huldigend nicken die Figuren mit ihren Köpfchen. Die Figuren der Heiligen Familie erstrahlen in einem Sternenkranz aus winzigen LEDs. Zwischen all dem Plastikkitsch findet Sebastian auch fein aus Holz geschnitzte, aufwändig bemalte  Figuren. Neben den Madonnen und Engel steht Jesus als guter Hirte. Zu seinen Füßen kauern Schafe. Ein Lamm hat er zu sich auf den Arm genommen. Der Heilige Andreas zeigt ein Holzkreuz. Dazwischen die drei letzten Päpste, und der Heilige Franziskus. Am Pilgerstab erkennt Sebastian den Heiligen Jakob. Und da entdeckt er ihn - den Erzengel Michael. Würde ein Holzkünstler aus Sebastians Heimat, geübt im Schnitzen von Nepomuks und St. Florians, den Zweck dieser Reise darstellen, entstünde genau diese Figur unter seinen Händen. Der Erzengel spreizt weit seine goldenen Flügel. Auf dem Kopf trägt er einen römischen Helm, zudem schwingt er ein beeindruckendes Schwert. Sein linker Fuß steht triumphierend auf einem am Boden liegenden Dämonen. Der Leib des Teufels ist vor Schmerzen gekrümmt. Mit seiner gehörnten Fratze winselt er um Gnade. Sebastian scheint genau das passende für das Duell am folgenden Tag im Retiro gefunden zu haben. Mit dieser Figur in der Hand ist ihm die Überlegenheit gewiss.
"Da vorne ist gleich der Plaza Mayor!" Jäh reißt ihn Joe aus seiner Vorstellung. Auf dem Rückweg zum Hotel würden sie wieder an dem Laden vorbeikommen. Bei dieser Gelegenheit will sich Sebastian den Erzengel kaufen.

Gläser auf dem Tisch vor dem El Soportal am Plaza Major in Madrid
Sangria am Plaza Mayor

Erst auf dem Plaza Mayor fühlen sie sich richtig in Madrid angekommenen. Sebastian kennt das El Soportal. Es ist eines der vielen Restaurants, vor dem hauptsächlich Touristen sitzen, die um den ganzen Platz zu finden sind. Das Besondere am El Saportal ist seine Lage im Osten des viereckigen Platzes. Hier werden die Stühle und Tische am längsten von der Abendsonne beschienen. Ein sonniger Platz mag in der Hitze einer spanischen Stadt kein Pluspunkt sein, aber jetzt im Herbst fläzen Joe und Sebastian lang ausgestreckt, mit gekreuzten Beinen, auf den gemütlichen Stühlen und blinzeln gegen, die über den Dächern Madrids untergehende, Abendsonne. Auf dem kleinen Tisch steht eine Karaffe mit eisgekühltem Sangria.
Interessiert beobachten sie die fliegenden Händler. Ihre Waren, Handtasche, Selfie-Sticks, Gürtel, Caps, ... präsentieren sie auf auf dem Pflaster ausgebreiteten Decken. In ihren Händen halten sie Leinen, die jeweils mit einem Zipfel der Decke verknotet sind. Patrouilliert die Polizei über den Platz, bündeln die Händler in Sekundenschnelle ihre Waren und verschwinden mit einem großen Packen auf den Schultern in einer Seitenstraße oder einem Lokal.