Dienstag, 21. März 2017

Zeitreisender

Der Einbau des Cey Kontakts hat funktioniert. Nach einer Stunde war die Hardware verbaut, die Software installiert. Währenddessen könnte ich über die Schulter schauen wie Günther das System zwei Kollegen ausführlich im Taxi und am Laptop erklärte.
Schon am Abend sah ich meine Fahrten sauber aufgelistet auf dem Server. Neuer Tag, mein zweiter Einsatz. Anders als sonst, aktiviere ich als Erstes, den Taxameter mit dem Cey, fahre die Schicht, übertrage die Daten abends auf den Server. Die Übertragung funktioniert, nur kann ich die Datensätze nicht dort finden, wo ich sie zunächst vermutete. Ich erweitere den Zeitrahmen über die Maske. Immer weiter komme ich in die Zukunft - halt, hier - gleich zu Beginn des Jahres 2020, am 01.Januar, finde ich meine Datensätze. Ich ahne schon was die Ursache sein könnte. 

Taxameter ist schon im Januar 2020
Gleich am nächsten Morgen drücke ich bei meinem Taxameter die Taste 4 um mir Datum und Uhrzeit anzeigen zu lassen. Der Monitor zeigt mir den 1.Januar.2020. Schwuppdiwupp sehe ich mich mit glücklicher Familie hinter einem großen Panoramafenster eines Luxushotels in den Alpen um mit dem herrlichen Ausblick das neue Jahr zu begrüßen. Zunächst fahre ich, zum Glück ist es nur einmal um die Ecke, und zeige meine Problem. Das ist gleich behoben, Günther aktiviert die vermeintlich ausgeschaltete Pufferbatterie, korrigiert Datum und Uhrzeit und ich sitze wieder in der Jetzzeit im eiskalten Taxi, eine BAU-Schicht vor mir.
Abends klappt die Übertragung, die Daten sind auf dem richtigen Platz. Zufrieden das alles funktioniert gehe ich 2017 ins Bett.
Frohgemut steige ich im kalten Januarmorgen ins Taxi. Schwuppdiwupp bin ich im 07.August.1999. Mit dreckigen Fingern stehe ich während des Schichtwechsels im Hinterhof der Theresienstraße zwischen Taxifahrern und Taxis. Schon wieder kommt ein fremdes Kennzeichen, auf der Suche nach einem der raren Parkplätze in der Maxvorstadt auf dem Hof. Unter der alten Bank in der Ecke steht ein Kasten Spezi. Sandor kommt aus der Türe. Engelbert gibt etwas aus seiner vergangenen Schauspielkarriere zu besten. Ein Autoradio dudelt leise. Um Beschäftigung vorzuheischen, putze ich mit Sidolin und Papiertüchern von der Küchenrolle über die Fensterscheiben der Taxis. 
Mein Taxameter ist noch im Sommer 1999

Zack, aus die Träume von Alpenpanorama und Maxvorstädter Hinterhof, ich muß wieder um die Ecke zum Taxameterservice. Dort erwartet mich nicht Dr. Emmett L. Brown, aka Doc Brown, der meinen DeLorean DMC-12 umbaut, sondern Günther, der sich über mein HALE Microtax - 05 hermacht. Er repariert die Uhr im Taxameter. Für mich ist es vorbei mit den Zeitreisen. Schließlich bin ich nicht Marty McFly auf dem Weg zurück in die Zukunft, sondern ein Taxifahrer auf dem Weg ins Eichamt.

Sonntag, 5. März 2017

Frische Wei(s)se


Frischfutter, Marsstrasse13
Frische Weiße (Weißwürste mit süßem Senft und Brezn)  gab es manchmal nach der Nachtschicht  im Taxi. Gleich neben der damals großen FINA - Tankstelle in der Marsstraße war eine Metzgerei. In aller Herrgottsfrühe tranken an der Tankstelle der Metzgermeister und sein Geselle ihren Kaffee. Es dauerte nicht lang und aus  den ersten Gesprächen zwischen den Taxifahrern, die noch da waren, und den Metzgern die schon da waren, entwickelten sich Bekanntschaften. Daraus entstand auch zwischen mir und dem Metzgermeister eine jahrelange Freundschaft. Der Meister, ein ambitionierter Schütze, brachte mich zu sich in den Schützenverein in dem ich 15 Jahre Mitglied war. Seine Metzgerei, die er in der dritten Generation betrieb, wurde einer meiner beliebten Pausenplätzen im Zentrum Münchens. Im Hof konnte ich das Taxi parken. Unseren Kaffee tranken wir ab da nicht mehr in der Tankstelle, sondern in dem kleinen Büro zwischen der Wurstkuchl, dem Verkaufsraum und dem Kühlraum. Wollte ich etwas Essen, betrat ich die Metzgerei von vorne, bestellte Fleischpflanzl mit Kartoffelsalat. Kaum hatte ich den meinen Teller mit der Brezn leergeputzt, sah ich schon die einladende Handbewegung des Metzgers zum Kaffee.

Die Umstände wurden widrig. Die alteingesessene Metzgerei musste schließlich aufgeben. Ein Bauernhof, östlich von München, versuchte das Ladenlokal im Zentrum als Verkaufsstelle zu nutzen. Seit der Metzgermeister nicht mehr da war blieb ich dem Laden fern. Nur im Vorbeifahren versuchte ich durch das große Schaufenster zu erhaschen was es in dem vertrauten Laden Neues gibt. Am Mittwoch der letzten Woche - ich war hungrig und in der Seidlstraße um die Ecke gab es freie Parkplätze - nahm ich die Gelegenheit beim Schopf und betrete, das erste Mal seit Jahren,  wieder den Laden.

In der Ecke, dort wo in einem Regal der Senf, die Essiggurken und das Sauerkraut in Gläsern, zum Kauf angeboten wurde, stehen jetzt Tische aus dunklem Holz. An den Tischen sitzen junge Frauen. Vor ihnen stehen hohe Gläser in denen, abgedeckt mit Untertassen, Teebeutel ziehen. Mit einem Blick erkenne ich; aus is mit de Weißwürst und Fleischpflanzerl. In der Kühltehke, hinter der früher die Fleisch- und Wurstwarenfachverkäuferin mit einer langen, zweizinkigen Gabel hantierte und das tägliche Geschehen in der Maxvorstadt kommentierte, stehen Schüsseln voller frischer Salate. Jetzt ist es zu spät, fast wie ein Fremdkörper stehe ich in dem Laden. Nur nicht auffallen. Um nicht plump zu wirken, scanne ich schnell die Gäste, das Angebot der Waren und die große Tafel an der Wand. Wenn ich jetzt Fleisch oder Bratensoße erwähne bin ich verloren. Metzgermeister - wo bist du? Wie soll ich die frische Zeit, ohne dich an meiner Seite, nur bestreiten. Und das meine ich nicht nur kulinarisch!

Die Verkäuferin spürt meine Unsicherheit. Sie lächelt, scheint mir ihr Angebot erklären zu wollen, aber ich bin schneller;

"Ich hätte gerne einen Coco-Curry Bowl. Ja den do, bitte." ; hab ich das jetzt gesagt?! Ja, das habe ich! Dabei habe ich geschaut als wäre mir bei meiner Brotzeit Glutenfreiheit das Wichtigste. Hauptsache keine Konservierungsstoffe. Vegan? -Freilich, scho immer! Zum Glück sind Taxifahrer, und erst recht Taxifahrerinnen, gestählt durch tausende unvorhersehbarer  Situationen, psychologische Schlachtschiffe.

"Wollen Sie Reis oder Couscous dazu?"

"Couscous."; wenn schon, denn schon.

"Gerne können Sie hier noch Kokosflocken drübergeben." ; sie zeigt auf eine schwarze Schüssel, die zwischen uns auf der Theke steht.

Routiniert, wie jemand der sich schon immer Kokosflocken über seinen Eintopf gestreut hat, nehme ich gleich zwei Löffel.

"Zum trinken?"

Braucht nicht zu glauben daß ich jetzt ein Cola, alkoholfreies Bier oder Radler bestelle. Nein, ich bevorzuge Rhabarberlimonade. Selbstverständlich naturtrüb.

Mit meiner Speis und Trank setze ich mich an den noch letzten freien Tisch. Mit den ersten Bissen befriedige ich meine Neugier - ab dann genieße ich nur noch. Die Süßkartoffeln sind bissfest. Die Zuckerschoten knackig. Ich bemerke es sofort; hier sind nur gute Zutaten drin. Genau richtig lange gekocht, oder eben nur gegart. Das Gemüse hat seine Frische und seinen Geschmack behalten. Merklich begleitet der Kokos den Curry. Geschmacklich ist es kein großer Kontrast, aber durchaus wahrnehmbar. Ein sanftes, exotisches Gericht habe ich heute vor mir auf dem Tisch stehen. Es lädt mich ein jedes Stück Süßkartoffel und jede Zuckerschote alleine in den Mund zu nehmen und zu schmecken. Nicht zu vergleichen mit dem zamgekochten Pampf beim Asiaten, bei dem mit Geschmacksverstärker versucht wird das Gericht zu retten. Ein feines Essen gibt es da bei Frischfutter. Die freundliche Verkäuferin hat dafür gesorgt, daß ich mich willkommen fühlte.

Coco-Curry Bowl
Ganz sicher komme ich wieder. Wenn ich meinen Metzgermeister wieder finde bringe ich mit. Der ist von außen auch keine zarte Seele und kommt sicherlich mit dem -> Frischfutter  zurecht - aber schaun wird er scho.   


Wenn es euch auch bei Frisschfutter gechmeckt hat, schreibt es in den Kommentar. Anderes Futter findet ihr bei -> Wo gibts das beste ....