Freitag, 29. September 2017

SI!



Ich sitze in der Metro. Mein Ziel ist der Pla de La Seu, der Zentrale Platz in vor der Kathedrale Barcelonas. Nicht dem Touristenmagnet Sagrada Família, sondern der Kathedrale für den Gebrauch. Es ist Sonntag im Juni und ich bin schon auf die Messe gespannt. Selten verpasse ich im Ausland an einem religiösen Ritus teilzunehmen.
In der Metro fällt mir schon auf wie immer mehr und mehr Fahrgäste zusteigen, die Halstücher in den Katalonischen Farben, oder Anstecker mit dem kurzen Slogan SI!, tragen. Sie werden heute für die Unabhängigkeit Kataloniens, oder überhaupt für das Referendum am 1.Oktober, demonstrieren.
Vor der Kirche gehe ich schnurstracks an den Besucherreihen vorbei. Dem ersten Büttel mache ich klar, daß ich die Messe besuchen werde. Der vordere Bereich um den Altar ist noch einmal abgesperrt. Hier versammeln sich die Gläubigen. Fotografieren ist streng verboten. Ich halte mich bescheiden zurück und beobachte die Zeremonie. Neben mich stellt sich ein junger, kräftiger Mann mit Vollbart. An seine Umhängetasche hat er die orange-rote Fahne geknotet. Brav, aufrecht, mit zusammengestellten Füssen steht er neben mir und singt sicher die Lieder mit. Er ist textsicher. Laut wiederholt er die Beschwörungsformeln der Priester. Hinter dem Altar stehen sieben Pfaffen und zelebrieren den Gottesdienst. Neben dem Frauenchor gibt es einen Dirigenten, der die Gesänge der einfachen Teilnehmer mit großen Gesten dirigiert. Ich genieße das aufwändige Schauspiel.
Heimlich, kaum von mir bemerkt, zückt die Dame, die links von mir steht, ihr Smartphone und fotografiert die Zeremonie. Dabei hält sie ihr Telefon unterhalb der Brusthöhe. Es vergehen keine zwei Minuten bis einer der Aufpasser hinter ihr steht. Kurz spricht er in sein Funkgerät. Danach tippt er der Dame auf die Schulter um sie noch einmal auf das Fotografierverbot hinzuweisen. Mir wird sofort klar, wir werden aufmerksam beobachtet. Hinter den Monitoren, die von den vielen, kleinen, unauffälligen Kameras mit Bildern versorgt werden, müssen, alleine für diesen Raum mindestens zwei Beobachter sitzen.
Nach der Kommunion tauchen drei junge Männer mit Anzügen auf. Mit Klingelbeuteln, so wird das in meiner Heimat genannt, betteln sie um Geld. Als einer der Männer meinem bärtigen Nachbarn den Beutel unter die Nase halten, beginnt dieser mit ihm einen leisen, kurzen Disput. Danach betet er aber fleißig bis zum Ende der Messe mit. 

Nach dem Segen komme ich wieder heraus auf den hellen Platz vor der Kathedrale. Zwischen hat sich eine Musikgruppe mit traditionellen Instrumenten aufgebaut. Eine Gruppe von Tänzern hat sich gegenseitig die Hände auf die Schultern gelegt. Sie bilden einen großen Kreis und tanzen zu der Musik der Flöten und kleinen Trommeln. Wie die Musiker tragen die Tänzer hellblaue T-Shirts. Es ist ein langsamer, fast bedächtiger Tanz. Die Touristen, die sich einreihen wollen, werden freundlich zurückgebeten. Die Zuschauer bemerken es, es ist eine eher seriöse Angelegenheit der Katalanen. Eine ältere Dame bietet um eine Spende für die Unabhängigkeit Kataloniens. Ich gebe gerne und mit Freude. Sie klebt mir ein kleines Abzeichen auf mein Hemd. Immer wenn wir uns auf dem Platz sehen, grüssen wir uns lächelnd. Spontan bilden sich mehrere, kleinere Tanzkreise. Der Opa tanzt neben der Dame, die wiederum hat ihre Arme auf die Schultern eines jungen Mädchens gelegt, es folgt eine ganze Familie. Niemand schreit und plärrt. Alles geschieht ruhig und kraftvoll. Unter den Arkaden bilden vier Jugendliche einen Kreis. Und es bleibt nicht bei dem einen … Jede Frau und jeder Mann, die noch nicht abgestumpft sind, spüren es. Diese unaufhaltsame Kraft. Ich danke meiner Neugierde und dem Schicksal für diesen Sonntagvormittag vor der Kathedrale. Wochen später, im Taxi am Sendlinger Tor Platz, beim Schreiben dieses Posts, läuft mir ein Schauer über den Rücken. 
Am Sonntag soll hier gefeiert werden

Später habe ich im Internet gelesen, daß sich, während ich im Untergrund war, Pep Guardiola, ein ehemaliger Trainer des FC Bayerns, genannt diesem Platz, für die Souveränität Kataloniens ausgesprochen hat. Die spanische Regierung tut alles um das Referendum am 1.Oktober zu unterdrücken. Jeder der daran teilnimmt wird mit Geldstrafen bedroht, gewählte Bürgermeister, die Schulen für die Wahl zur Verfügung stellen, sogar mit Amtsenthebung und Haftstrafen. Jede Druckerei die Stimmzettel oder Werbung druckt, jeder Webseitenbetreiber der für die Selbstbestimmung veröffentlicht, wird als illegal erklärt. Die Bürokraten kennen den Willen der Menschen. Bei der letzten Wahl ließen sich noch viele einschüchtern. Es sind nur ein Drittel der Berechtigten gekommen. Aber die haben mit 80 Prozent für die Unabhängigkeit gestimmt. Der Regierung bleibt nur, durch Drohungen möglichst viele von der Abstimmung fernzuhalten, damit diese nicht legitimiert wird. Als gäbe es kein Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Inzwischen war ich im Baskenland. Ein ähnlicher Fall. Mit allergrößtem Interesse beobachten die Basken die Entwicklung im angrenzenden Katalonien. Hoffentlich nicht nur diese Woche und hoffentlich nicht nur die Nachbarn.

Am Abend habe ich mich mit meiner Frau zum Paella essen am Pla de La Seu getroffen. Wir sitzen an den Tischen vor dem Café d’en Víctor. Gegenüber, im Schatten der antiken, römischen Mauer, finde ich zufällig meinen bärtigen, jungen Freund von heute morgen. Behende packt er seine Lederumhängetasche, knotet die, zuvor ausgebreitete, katalanische Fahne an den Riemen und verschwindet in Richtung Hafen.

Sonntag, 24. September 2017

Hofbräuzelt, die Zweite



Von Andreas, -> Sightseeing - Taxi bekomme ich weite und schöne Aufträge. Mit seinen Gästen war ich sogar schon in der Schweiz. Oft sind es wie auch diesmal Amerikaner. Ein männliches Paar erwarte ich am Flughafen. Auf dem Weg zum Hotel, LeMeridien kann ich mich etwas mit Ihnen unterhalten. Der eine war noch nie in Europa. Der andere vor Jahrzehnten während seiner Zeit bei der Navy. Bei solch interessierten Gästen macht es mir richtig Spaß einen groben, ersten Überblick zu bieten. Zum Glück habe ich erst für einen Blogbeitrag zum Thema Eching recherchiert und konnte die Frage; 

What's the meaning of Eching? 

ausführlich beantworten. Beim Abliefern im Hotel erinnere ich sie noch daran, daß morgen um 10 Uhr ein Stadtführer kommt, der sie auf eine Walking Tour durch München führt. Ich komme dann abends um 18:00 Uhr und bringe sie  auf die Wiesn, genauer ins Hofbräuzelt zu ihren reservierten Plätzen. 

Pünktlich, am ersten Tag, bin ich im LeMeridien um die beiden Amerikaner abzuholen. Ich habe tatsächlich einen Parkplatz in der Mittererstraße, ums Eck vom Hotel, gefunden. Vom Hotel zur Wiesn sind es vielleicht vierhundert Meter. Mit dem Auto zu fahren wäre unsinnig. Nirgends gibt es Parkmöglichkeiten. Das Parkhaus in der Schwanthalerstraße, hohe Hausnummer, ist nicht mehr öffentlich. Ich lasse meine Kunden entscheiden; 

„Entweder ich bringe auch direkt zu eueren Plätzen, dann sollten wir aber zu Fuß gehen, oder ich fahre euch mit dem Taxi, es parkt gleich hier um die Ecke, soweit wir fahren können und muß euch dann allein weiterschicken… „ 

Die Entscheidung war schnell getroffen; 

„Gehen wir, wir folgen dir … „ 

15 Minuten später stehen wir vor dem Hofbräuzelt. Ich bitte meine Gäste um die Reservierung, die  an der Hotelrezeption hinterlegt war. Die Reservierung über 20 Plätze lautet auf den Namen einer Dame. Ich versuche das noch schnell telefonisch abzuklären, erreiche aber niemanden. Wir versuchen unser Glück. Auf dem Reservierungsplan finde ich den Namen und führe die Zwei, die aus dem Staunen nicht mehr herauskommen in den richtigen Bereich. Die ersten tanzen schon auf den Tischen. Das Geschrei und der säuerliche Gestank ist nüchtern schwer zu ertragen. Im Bereich lese ich alle Reservierungen an den Biertischen, finde aber ums Verrecken nicht den Namen auf den reserviert sein soll. Ein Platz für 20 Leute sollte doch zu finden sein. Ich wundere mich nur auf was ich mich da eingelassen habe, stocknüchtern lasse ich mich von den Besoffenen anrempeln, hätte ich nicht die zwei Amis, die keinen Ton mehr sagen, im Schlepptau, wäre ich schon lange auf und davon. Einer hilfsbereiten, zuständigen Kellnerin kann ich mein Anliegen ins Gesicht brüllen. Sie richtet es schon irgendwie ein, sie bringt uns einen Gang weiter, fragt bei einer Gruppe die an den reservierten Tischen einer Softwarefirma sitzen. Der Charme der Kellnerin, die wie eine richtige Wiesnbedienung Ihre Gäste im Griff hat, und mein strenger Blick veranlassen die Softwareentwickler zusammenzurutschen. Schnell wischt meine Retterin noch die Ecke des Biertisches sauber und ich platziere dort meine Wiesnneulinge. Den schon Anwesenden, im Biergenuss schon Fortgeschrittenen, stelle ich die neuen Tischgenossen vor. Ich gebe noch jedem meiner Schützlinge Marken für drei Maß Bier und ein halbes Hendl. Ich gebe ihnen noch den Tipp, die erste Maß schnell zu trinken, das begünstigt die Sozialisierung und macht es erträglicher. Zuletzt werfe ich noch einen Blick über die Schulter, die Beiden sitzen da wie zwei neue Schüler in einer Schulklasse. Stumm, bewegungslos machen sie sich ganz schmal. Es kann ja gut gehen, wen die jetzt schnell nachziehen, die Blaskapelle ein Prosit der Gemütlichkeit spielt, anstoßen, werden sie schon ins Gespräch kommen. An dem Tisch sprechen bestimmt alle Englisch. Morgen sehe ich sie wieder, da werde ich sie fragen.
So habe ich als Taxifahrer Geld verdient ohne einen Meter gefahren zu sein. Ich werde den Posten in der Rechnung als Gästebetreuung deklarieren. 

Zu Fuß ist manchmal besser

Am nächsten Tag soll ich wieder um 18:00 Uhr im Hotel sein. Am zweiten Tag wollen sie in ein anderes Bierzelt, ins Winzerer Fandl. Durch unglückliche Umstände und eine Panne komme ich zwanzig Minuten zu spät. Als ich im Hotel ankomme, sind sie schon losgegangen. Am nächsten Tag habe ich ja noch Gelegenheit mich zu entschuldigen. 

Am vierten und letzten Tag ihres Münchenbesuches sehe ich sie wieder. Sie fahren mit dem Zug nach Köln. Ich werde sie zum Bahnsteig bringen. Das LeMeridien liegt genau gegenüber des Südausgangs des Hauptbahnhofs. Diesmal werde ich wieder kein Fahrzeug für meinen Auftrag brauchen. Diesmal parke ich mein Taxi auf einen der beiden, extra für diese Fälle angemieteten Plätze, am Bahnhof Nord. Beim Durchqueren des Bahnhofs werfe ich einen Blick auf den Abfahrtsplan damit ich weiß von welchem Bahnsteig der Zug abfährt. Ich habe die Zug-, Waggon- und Sitzplatznummern. Eine Stunde vor der Abfahrt  in ich im Hotel. Ich entschuldige mich noch einmal für den gestrigen Vorfall. Wir verbringen noch ein paar Minuten in der Lobby, bevor wir mit dem Gepäck einfach über die Bayerstraße in den Hauptbahnhof gehen. Der ICE steht schon bereit, wird aber noch gereinigt. Ich kann Ihnen noch die letzten Fragen beantworten. Zuletzt setze ich sie wieder auf ihre Plätze. Stelle die Koffer in das Gepäckabteil und wünsche eine gute Fahrt. Selbst auf ihre allerallerletzte Frage, wann sie den aussteigen sollen weiß ich eine Antwort; um 14:41 Uhr nach der Station Frankfurt/Flughafen.

Freitag, 22. September 2017

Hofbräuzelt, die Erste



Ganz hastig kommt er die Treppe aus dem Bahnhof. Ich bin von hier, vom Bahnhof Nord, schon vier Mal zur Wiesn gestochen. Langsam hab ich schon am ersten Wiesnsonntag die Nase voll. Jetzt steh ich schon an dem des Oktoberfestes weitesten entferntesten Ausgang das Bahnhofs und trotzdem steigen mir die Gäste zur Wiesn hier zu. Würden die am Südausgang rausgehen wären sie schneller im Bierzelt als sich im Taxi in den Stau zu setzen. 

Obwohl die meisten Fahrgäste 10,-€ geben, ist die Fahrt zur Wiesn kein Vergnügen. Kaum sind wir aus dem Taxistandplatz, stehen wir schon in der Arnulfstraße. Am Bahnhofsplatz fahren die Straßenbahnfahrer in die blockierte Kreuzung und sperren den Querverkehr. Der nächste Stopp erwartet uns in der Paul-Heyse-Unterführung. So stehen sich die Fahrer bis zum Oktoberfest. Auf dem Rückweg das gleiche Spiel. Immer wieder fahre ich den Bahnhof Nord an, in der nicht abwegigen Hoffnung eine Fahrt in Richtung Norden, nach Schwabing oder sonstwo hin, Hauptsache weg von dem Spektakel, zu ergattern. Nach vier Fahrten scheint es mir endlich zu gelingen. Mein Fahrgast, ein Asiate im Geschäftsanzug, einen Rollkoffer hinter sich herziehend ist. Kleinster Weise verdächtig aufs Oktoberfest zu wollen. 

Wortlos kommt er auf mich zu. Mein Gruß wird nicht erwidert. Das würde ihm auch schwerfallen, denn auf dem Kopf hat er Kopfhörer. Nicht die Stöpsel vom Handy im Ohr, sondern richtige Kopfhörer, die die ganze Ohrmuschel abdecken. Er fischt einen Zettel aus seiner Hose. Immer noch wortlos zeigt er ihn mir. Hofbräufestzelt steht drauf. Na klar, Freilich, Sicherheitsring um die Wiesen. Drei Ausstiegsplätze und der nennt mir auch noch das Zelt.
Die Fahrt geht wie oben schon beschrieben. Am Taxistandplatz, der in der Schwanthalerstraße eingerichtet ist, lasse ich ihn hinten aussteigen. Die angezeigten 7,60 € zahlt  er blank. Eine Quittung bekommt er auch noch. Ich weiss ihm noch die Richtung zum Hofbräufestzelt; geradeaus und dann links. 
Ganz eilig - bis zum ersten Kontrollpunkt

Wenn er nur einen Moment seine Kopfhörer abgenommen hätte, hätte ich ihm verraten können, daß da vorne links, zwischen den bepflanzten Betonblockaden und der Polizei, eine Kette von Ordnern steht, die ihn mit seinem Rollkoffer bestimmt nicht zum Hofbräufestzelt lassen. Wenn er seinen Kopfhörer abnimmt kann er vielleicht hören, wie ihm die Ordner empfehlen, seinen Koffer in eines der Schließfächer zu verstauen. Die nächsten sind am Hauptbahnhof, da wo auch die Taxis stehen. Obwohl er es eilig hat, hat er anscheinend genug Zeit, wie wir Taxler, zum Hauptbahnhof und dann wieder zurück zur Wiesn zu fahren. Er könnte aber auch mit sich reden lassen.

Dienstag, 19. September 2017

Alles Eching



Das Gebläse in meinem Taxi ist ausgetauscht. Ich war beim Stimmer (Taxiwerkstatt in München seit drei Generationen). Der hat sich kurz ins Taxi gesetzt. Der Zahnarzteffekt ist ausgeblieben und es war das eine von drei Mal, daß das Gebläse nicht funktioniert. Ein gezielter kurzer Schlag unter den Handschuhkasten, das Gebläse beginnt. Diagnose und Reparatur in 10 Sekunden. 

„Ja des is der Gebläsemotor. Wenn ma hinhaut foin de Kohlen wieder runter. Schaun’s scho lafts wida.“
„Super, dan kon I ja wida geh. Schreims ma a Rechnung über oamoi hihaun.“ 

Wir lächeln Beide. So einfach ist es leider nicht. Irgendwann versagt der Gebläsemotor und dann stehe ich da. Also der Stimmer bestellt das Gebläse, wir machen einen Termin aus, und am Donnerstag hat er es eingebaut. Ich warte nur noch auf die Rechnung. Ich fürchte die wird mehr beinhalten als einmal hinhauen.
Mit meinem  -> Schlüsselexperiment bin ich noch nicht weitergekommen. Meine Versuchsanordnung ist folgende. Ich fahre einen Tag mit den vermeintlich schlechten Schlüssel und am folgenden Tag mit dem guten, darauf wieder mit dem schlechten Schlüssel, u.s.w Während der ersten zwei Tage haben meine Beobachtungen die Fehler-im-Schlüssel-Theorie bestätigt. Aber dann kam die Ernüchterung. Heute zum Beispiel an einem Good-Key-Day mag mein Taxi nicht wie gewohnt anspringen.
Es war an einem Bad-Key-Day und einem der letzten Tage der drinctec als mir ein Fahrgast am Flughafen zusteigt. Aus seiner Klarsichthülle, voller Papiere mit kyrillischen Buchstaben bedruckt, fischt er einen kleinen, rosaroten Notizzettel, darauf steht fein säuberlich in lateinischen Druckbuchstaben geschrieben:

GASTHAUS FORSTER

STAUSEESTRASSE 1

84174 ECHING 

Ich lese Eching, auf den ersten Blick bin etwas enttäuscht über die kurze Fahrt, stutze dann aber doch über die Anschrift Stauseestraße. In DEM Eching das alle Taxifahrer und ich kenne gibt es keinen Stausee. Also tippe ich einfach die Postleitzahl von dem rosaroten Zettel in das Navi. Zu diesem Eching, bei Landshut, sind es etwas über 30 Kilometer. Ich setze die Position auf das Ziel, ziehe den Maßstab größer und finde auch den Stausee. Ich weise meinen Fahrgast darauf hin, daß unser Ziel vielleicht nicht das Eching ist, an das derjenige gedacht hat, als er das Hotel gebucht hat. Wir fahren jetzt nämlich weg von München und der Messe. Er nimmt es gelassen, kann es sowieso nicht mehr ändern.
Den Stausee gibt es nur in dem Eching bei Landshut

 Kurz vor Landshut sieht er ein Straßenschild mit einem Pfeil; München 61 Kilometer. Jetzt fragt er dann doch wie lange die Fahrt von hier nach München dauert. Mit über einer Stunde wird er schon rechnen müssen. Schließlich bezahlt er dann doch mit seiner Kreditkarte 61,10 €.
Es gibt mehr als ein Eching - das wissen wir jetzt Beide. Mein Fahrgast wird sich daran erinnern wenn er für die Fahrt zur Messe knapp 100,-€ berappen muss.

Sonntag, 17. September 2017

Long Story



22 Uhr - meine letzte Fahrt geht von der Sendlinger Straße in der Innenstadt ins tiefe Obermenzing. Knapp 30,- € hat mir der Stich gebracht. Im Player läuft die CD die mir Ritschi gebrannt und erst vor zwei Tagen am Bahnhof Nord geschenkt hat. Der Mittlere Ring ist jetzt mal nicht verstopft. Entspannt, mich auf den Feierabend freuend, fahre ich mit Satify Me von Billy Satellite zwischen dem BMW-Vierzylinder und der Olympiahalle. 

Taxi und Rickscha vereint - In Bern und München kommen wir uns nicht ins Gehege

Mein Telefon läutet. Die Musik verstummt, auf dem Monitor des Bordsystems erscheint Wolfram. Wenn Wolfram von -> Taunustaxi anruft gibt es spannende Aufträge. Es sind Aufträge einer Versicherung. Autofahrer, die eine Panne oder einen Unfall hatten müssen zum Bahnhof, Flughafen oder Hotel gebracht werden. Diesmal soll ich nach Buchschachen fahren. Buchschachen, erkenne ich auf dem Navi, ist ein kleiner Weiler der Gemeinde Isen, knapp 50 Kilometer östlich von München. Die Telefonnummer meines Kunden, den ich dort abholen soll beginnt mit 0041 … , ist also eine Schweizer Telefonnummern. Nur der Name Sohan mag auf den ersten Blick nicht dazu passen. Bei der Umfahrung von Hohenlinden, am Ende der Autobahn nach Passau, Male ich mir aus wo ich meinen Kunden finden werde. In einer Gaststätte, einem Abschleppunternehmen oder in einer Werkstatt. Ich könnte die Adresse googlen und wüsste schon im Voraus was mich erwartet. Aber mir bleibt keine Zeit. Die Gäste wollen nach einer Panne  oder gar Unfall möglichst schnell weiterkommen. 

Zwei Kilometer vor Buchschachen ruft Wolfram wieder an. Der Kunde ist nicht mehr dort. Er ist jetzt in Haag, in der Münchner Straße 41. Kein Problem, Haag ist nur fünf Kilometer weiter an der B12. In zehn Minuten kann ich da sein. Im Navi ist an der Zieladresse das Symbol einer ESSO-Tankstelle. Das könnte sein. In all der Hektik verpasse ich die Abfahrt nach Haag. Ich muß die nächste nehmen.  Ein Vorbeifahren sehe ich ein Volksfest. Die Fahrgeschäfte sind beleuchtet. Dahinter muss die Tankstelle sein. Bei der nächsten Abfahrt fahre ich raus. Ich muss durch Haag zurück. Die Ortsdurchfahrt ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Der ganze Dorfkern wird erneuert. Das passt alles wieder … Zefix! Jetzt hab ich eh schon eine Verzögerung wegen der falschen Abfahrt. Jetzt fahr ich noch durch das nächtliche, gesperrte Haag um meinen Kunden zu finden. So geht's nicht, so auch nicht. Jetzt ist gesperrt wegen dem Volksfest. Wenigstens bin ich schon mal im richtigen Ortsteil. Haager mit Lederhosen und Gambsbärten an den Hüten kommen mir entgegen. Schnell schalte ich mein Taxilicht aus. Ich kann jetzt nicht auch noch erklären warum ich niemanden mitnehmen kann. Außerdem will ich keinen Ärger mit den Haagern Kollegen, die mich Verdächtigen könnten in ihrem Revier zu wildern.

Endlich sehe ich die moderne, große, helle Tankstelle. Ganz einsam steht ein dunkelhäutiges Manderl, in gelbem Anorak und Pudelhaubm zwischen Shop und Zapfsäulen. Das ist mein Kunde.  Ich melde Wolfgang, daß ich ihn habe. Ein Rucksack ist sein einziges Gepäck. Ich wundere mich, wenn er mit dem Auto aus der Schweiz unterwegs war, müsste er mehr Gepäck bei sich haben.
Auf dem Rückweg unterhalte wir uns, ich frage ihn:

„Soll ich die Heizung aufdrehen?“
„Nein, Danke. Ich bin warm angezogen.“
„Ja klar, wenn man da draußen steht. Jetzt in der Nacht. Und dann keine Bewegung.“
„Bewegung habe ich schon. Ich bin mit der Rickscha unterwegs."
„Mit der Rickscha!? Aus der Schweiz?“
„Ich will nach Indien.“
Meine Gedanken: Hab ich schon wieder einen Wahnsinnigen erwischt, gut das er nicht mehr fährt.
„Warst du auf dem Fest? Hast du Bier erwischt?“
„Ich war in München.Ich wollte heute noch nach Mühldorf. Dann nach Linz und weiter nach Prag“
„Da brauchst du ja zwei Monate.“
„Sechs Wochen. Jetzt ist der Elektromotor meiner Rickscha kaputtgegangen. Sie steht jetzt in Buchschachen. Ich habe mit einem Elektriker in München telefoniert. Er holt sie dort ab und repariert den Motor. „
„Du musst mit deiner Rikscha durch Afghanistan, Pakistan, … das könnte gefährlich werden.“
„Ich fahre bis nach Griechenland und dann setze ich mit dem Schiff über nach Mumbay.“ 

So unterhalten wir uns die ganze Zeit auf dem Weg zurück nach München. Sohan fährt in Bern Rickscha. Er bietet Rundfahrten, meist für Touristen, oder auch Direktfahrten an. Sein -> Rickschabetrieb  ist dort jetzt schon bekannt und nach seiner Reise noch viel mehr.  Als wir uns über unsere Kunden unterhalten, stellen wir fest, daß unsere Arbeit so verschieden gar nicht ist. Leider werde ich seine Rickscha nicht zu Gesicht bekommen. Es muss ein modernes Gefährt mit Elektromotor, Batterien und Solarpaneelen auf dem Dach sein.
„Wenn du am Sonntag noch in München bist, kannst du dir ja den großen Trachtenumzug zum Oktoberfest anschauen.“
„Die Chancen stehen gut, daß ich am Sonntag noch in München bin. Ich muß meine Rickscha unbedingt reparieren lassen. Ich kann meine Fahrt nicht abbrechen ich bin in Bern und in Indien in der Presse. Ich muß mit dieser Rickscha nach Indien.“ 


Auf der B12 kommt uns ein Lastwagen nach dem anderen entgegen. Ein PKW schert zwischen den Lästern aus, will überholen, als er die Scheinwerfer unseres Taxis sieht, zieht er schnell wieder zurück. Ich muß bremsen. Eine heikle Situation. 

„Oh!“
„Das ist eine gefährliche Strecke. Hier passieren viele Unfälle.“
„Das hat man mir auch gesagt. Darum bin ich hier über Berg und Tal gefahren. Und dabei ist der Motor kaputtgegangen.“
„Ja, stell dir vor du würdest hier langsam mit deiner Rickscha entlangfahren…“
Vor dem Hotel in München wird es Zeit uns zu verabschieden. Wir machen noch schnell ein Foto im Licht des Eingangs. Ich darf es für meinen Blog verwenden. Heute am Sonntag, so hoffe ich, steht Sohan am Rand des Trachtenumzugs, seine Rickscha wird bald repariert werden und er wird  seine Heimat Indien damit erreichen.
Ich könnte es meinem Kollegen Sohan gleichtun, und mit meinem Taxi von München nach Baar-Ebenhausen fahren. 


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