Donnerstag, 26. Oktober 2017

Rituale



Bei meinem Kollegen, dem Herrn Taxifahrer aus dem hohen Norden, sein Blog ist seit dieser Woche in meiner Blogroll in der rechten Spalte, habe ich es gelesen. Der Zwetschgenmann in München, und das führt mich zurück in den tiefen Süden, hat eine -> Blogparade gestartet. Das Thema sind kleine Rituale.
Mein Leben als Taxifahrer kann abwechslungsreicher nicht sein. Ich habe keine feste Arbeitszeit, keine festen Arbeitstage, keine festen Wege, keinen festen Arbeitsplatz - und trotzdem gibt es sie -meine kleinen Rituale.
Kleine, nicht die großen, bei denen es darum geht Flüche abzuwehren oder zu verfluchen, die Meere zu teilen oder die Erde zu bändigen. Es geht um die kleinen, die Mitbringsel zum Beispiel, die ich übernommen habe. Nach Havanna war ich noch monatelang in aller Frühe am Flughafen mit einer Zigarre anzutreffen. Nach der ersten Fahrt raus, hatte ich mehr als genügend Zeit mich mit vollem Genuß dem Tabak hinzugeben. Frühstücks-Havanna; so nannte einer meiner Kollegen mein öffentliches, morgenliches Ritual. Inzwischen habe ich das Ritual, gemeinsam mit dem Rauchen überhaupt, aufgegeben. Genauso wie das Glas Rotwein am Abend nach Paris. Im Moment ist mir noch der morgendliche  Café con leche aus Spanien geblieben.
Kleine Zahlenrituale, die sich eingeschlichen haben. Munition wird nur in ungerader Zahl mitgenommen, genauso wie bei den Weißwürsten, die ich nur in ungerader Zahl bestelle. Die Zahlenreihe 66sechs, geschrieben oder gedruckt, in Latein oder Hebräisch, wie sie auf Autokennzeichen, in der Metallszene oder in der Werbung populär, ist, meide ich. 

Der tägliche Griff ins Körbchen

Nützliche Rituale, wie unser Schlüsselkörbchen neben dem Kühlschrank, das ich bewusst eingeführt habe. In unserem Haushalt gibt es vier Autos mit jeweils zwei Schlüsseln. Drei sind von der gleichen Marke, was die Unterscheidung noch erschwert. Vor jedem Aufbruch wurden von meiner Frau und mir die Hosen-, Rock-, Hand- und Laptoptaschen abgetastet. Das nervige Suchritual gipfelte darin, daß ein Schlüssel, nach einem Jahr, zwischen zwei Oktoberfesten, in der Tasche eines Dirndls meiner Frau wieder auftauchte. Natürlich war inzwischen schon ein Ersatzschlüssel bestellt, geliefert und bezahlt. Was wiederum einen Zuwachs bei den kleinen chrom-schwarzen Freunden bedeutet. 

Diese Suchrituale mussten dringend ersetzt werden. Jeden Autoschlüssel gibt es nur ein Mal. Alle Ersatz- und Zweitschlüssel warten in einem Glas hinter dem Fernseher auf ihren Notfalleinsatz. Die verbliebenen Schlüssel werden konsequent in ein Bastkörbchen neben dem Kühlschrank abgelegt. Der Griff ins Körbchen hat sich zu einem mehr als täglichen Ritual entwickelt. Der vertraute, blinde Griff ist von Nutzen. Er erspart uns Streitansatz, Nerven und Zeit. Das erhebt ihn von einer Zeremonie zu einem Ritual - zu einem kleinen nur.

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für die Teilnahme bei der Blogparade. Eine wunderbare, nette Geschichte, in der sich sicher viele wiederfinden können. Solche kleinen Rituale hat wohl jeder - auch wenn er sich das nicht unbedingt bewusst ist...

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